RE:Livius 19

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Drusus Claudianus, M. Vater der Livia Nr. 37, der Gattin des Augustus und
Band XIII,1 (1926) S. 881884
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19) M. Livius Drusus Claudianus ist in weiteren Kreisen erst bekannt und geehrt worden, nachdem seine Tochter Livia Nr. 37 als Gemahlin des Augustus und Mutter des Tiberius zum höchsten Ansehen anfgestiegen war. Zumal nachdem diese durch das Testament des Augustus zur Iulia Augusta und durch Kaiser Claudius sogar zur Diva erhoben war, sind auch ihren beiden Eltern vielfach Statuen errichtet worden, von denen ein Paar in der Marserhauptstadt Marruvium (CIL IX 3660f.[1] = Dessau 124f.; die zugehörige Statue des L. vielleicht unerkannt im Museum in Neapel) und ein anderes in Samos durch Inschriften (Cagnat IGR IV 982f., die des L. aus Athen. Mitt. IX 257) bekannt ist Nur sie geben den richtigen Namen der aus Fundi stammenden (Suet. Tib. 5; Cal. 23, 2) Mutter der Kaiserin, Alfidia (Klebs o. Bd. II S. 2293 Nr. 24) und den vollen Namen des Vaters: M. Livius [Drus]us Claudia[nus] und Μάρκος Aiβιος θροῦσος. Daß L. durch Adoption aus der Familie der Claudii Pulchri in die der Livii Drusi übergegangen ist, bezeugt Suet. Tib. 3, 1 (vgl. Tac. ann. VI 51); das Adoptionskognomen Claudianus verbindet mit dem Kognomen Drusus Vell. II 57, 3. 94, 1 und den Gentilnamen L. derselbe 71, 3 und Dio XLVIII 44, 1. Sonst wird L. stets nur mit dem Kognomen Drusus bezeichnet, sowohl von Cicero und seinen Freunden, weil er für sie der einzige bekannte Träger des Namens war, wie später in der Filiations-angabe auf Inschriften seiner Tochter (s. d.; Beispiele für Drusi f. CIL V 6416,[2] 6 = Dessau 107, 6. X 799 = Dessau 122. II 2038. IX 3304. 4514. X 459). Daß der Adoptivvater des Drusus kein anderer war, als der berühmte Volkstribun M. Livius Drusus von 663 = 91 Nr. 18, ist nach dem Pränomen außer Zweifel (G r o e b e bei D r u-mann R.G.² II 546f.); deswegen wird wie Drusus selbst Is. u.), so auch dessen Adoptivvater, weil [882] Livius (Drusus) 882

er der Urgroßvater des Tiberias ist, von dem loyalen Velleius sehr günstig geschildert (s. d.). Vennutlich hat der Tribun, der kinderlos, aber im besten Alter, plötzlich von einem Meuchel· mörder tödlich verwundet wurde und dann noch mehrere Stunden bei klarem Bewußtsein und vor zahlreichen Zeugen lebend zubrachte (Vell. II 14, 1ff), sich in diesen seinen letzten Stunden von einem Freunde einen erst kürzlich geborenen}}

10 Sohn abtreten lassen und ihn testamentarisch adoptiert. Über den leiblichen Vater ist volle Sicherheit nicht zu gewinnen, weil die patrizi-schen Claudier aus der Generation des Tribunen M. Livius Drusus ungenügend bekannt sind; o. Bd. III S. 2666. 2846 Nr. 90 ist vermutungsweise Ap. Claudius Pülcher Consul 662 = 92 für den Vater erklärt worden, von Groebe 141. 547 dagegen dessen jung gefallener Sohn; bei beiden Annahmen wird es verständlich, daß Dru-}}

20 sus bei seinem ersten öffentlichen Auftreten nah verbunden mit P. Clodius Pülcher erscheint (s. u.); denn er war dann mit diesem nahe verwandt, Vetter ersten oder zweiten Grades. Vielleicht ist der leibliche Vater des Drusus trotz Sueton gar kein Claudius Pülcher, sondern ein Claudius Nero gewesen, denn er selbst hat seine eigene Tochter in ganz jungen Jahren mit dem Stammhalter dieser Familie (o. Bd. III S. 2777f.) vermählt, und bereits die Stammväter beider Familien, die}}

30 Consuln von 547 = 207 und Sieger von Sena, hatten in engen Beziehungen zueinander gestanden (s. Nr. 33); solche politische und verwandtschaftliche Verbindungen zweier Adelshäuser sind öfter sowohl durch Austausch wie durch Verheirat tung von Kindern befestigt worden. Wenn Drusus nicht lange vor dem Tode seines Adoptivvaters (etwa November 663 = 91) geboren war. so hat er gerade im richtigen Alter seine eigene Familie begründet, sich im öffentlichen Leben zu betäti-}}

40 gen angefangen und die Praetur erlangt – falls er sie erlangt hat. Spätestens im Frühjahr 695 = 59 hat er Alfidia (s. o.) geheiratet, denn der Geburtstag der Tochter (s. d.) ist der 30. Januar 696 = 58 gewesen. Mitte April 695 = 59 wird er zum ersten Male im Zusammenhang mit den politischen Ereignissen erwähnt, von Cic. ad Att. II 7, 3 unter den Leuten, die nach der Annahme von Caesars Ackergesetz und nach dem Übertritt des Clodius zur Plebs durch Wahl in die Acker-}}

50 anweisungskommission oder Übertragung einträglicher Missionen belohnt werden sollen}}: Ilia opima (seil, legatio, wahrscheinlich nach Alexanoreia, vgl. 5, 1) ad exigendas pecunias Druso, ui opi-nor, Pisaurensi an epuloni Vatinio reservatur. Drusus ist, wie die Zusammenstellung mit P. Vatinius beweist, ein Parteigänger der Triumvirn, und wird verächtlich als Pisaurensts bezeichnet, wie etwa L. Piso Caesoninus als Placentiner Cic. Pis. 53. 67, Cicerc selbst als Romulus Arpinas

60 Ps.-Sall. in Cic. 7, die Frau des Drusus, Alfidia (s. o.), als Fundanerin Suet. Cal. 23, 2, die Mutter des Augustus als Aricinerin Cic. PhiL III 15. Suet. Aug. 4, 2 u. dgL, weil die betreffenden Familien nach Herkunft, Namen, Grundbesitz einer solchen Landstadt angeboren und deshalb von den jeweiligen Gegnern verspottet werden. Im Sommer 700 = 54 wurde Drusus vor Gericht gezogen, vielleicht in Zusammenhang mit den}} [883] 883 Livius (Drusus)

schmutzigen Wahlumtrieben, die verschiedene Prozesse hervorriefen. Einer seiner Ankläger war C. Licinius Calvus, dessen Anklagerede zu seinen unbedeutendsten gehörte (Tac. dial. 13; s. o. S. 432), und ein zweiter Lucretias (Cic. ad Att. IV 16, 5); falls dieser der spätere Gegner Caesars Q. Lucretias ist (s. d.)) so sind die beiden Widersacher des Drusus auch solche Caesars gewesen, woraus für den Angeklagten dieselbe Parteistellung wie im J. 695 = 59 zu erschließen ist. Als Verteidiger hatte er schon Ende Juni Cicero gewonnen (ad Att. IV 15, 9), der dann Ende August das Ergebnis des Prozesses meldete (ad Q. fr. II 15, 3): Quo die haec scripsi, Drusus erat de praevaricatione a tribunis aerariis absolutus in summa quattuor sententiis, cu/n senatores et équités damnassent, und später im Rückblick auf die letzten Prozesse, an denen er beteiligt war (ad Att IV 17, 5): Drusus, Scaurus (s. o. Bd. I 8. 589) non fecisse videntur. Da Ciceros Verteidigungsrede ganz verschollen ist, war die Angelegenheit wohl von vornherein wenig bedeutend. Im J. 704 = 50 war Drusus anscheinend Praetor oder doch Iudex quaestionis, da Caelius Ende September dem auf der Heimreise begriffenen Cicero schreibt (fam. VIII 14, 4): Gurre •.. et quam primum haec visum veni, legis Scantiniae (gegen Unzucht mit Knaben o. Bd. XII S. 2413) iudicium apud Drusum fieri, Ap~ pium (o. Bd. III 8. 2852, 46ff.) de tabulis et signis agere; crede mihi, est properandum. Über die Stellung (les Drusus im caesarischen Bürgerkriege ist nichts überliefert; vielleicht gehörte er zu den Neutralen. Im Frühjahr 709 = 45, als Cicero der Tullia ein großes Grabmal zu errichten gedachte, knüpfte er u. a. auch mit Drusus Verhandlungen wegen eines Grundstücks an; Drusus wünschte seine Gärten zu verkaufen (ad Att. XII 21, 2. 22, 3. 37, 2), zeigte aber in seiner Preisforderung wenig Entgegenkommen (23, 3. 33, 1. 31, 2. 38, 4. 41, 3), so daß Atticus abriet (38, 4), Cicero selbst nur im Notfälle auf das Angebot zurückkommen wollte (44, 2. XIII 26, 1) und schließlich nach etwa zwei Monaten (Erwähnungen noch XII 2. 39, 2) Mitte Mai die Sache fallen ließ. Während des Mutinensischen Krieges betätigte sich Drusus auf Seiten der Senatspartei, indem er gemeinsam mit L. Aemi-lius Paulius Ende April 711 = 43 einen Senats-beschluß veranlaßte, der die Lcgio quarta und die Legio Martia, nachdem der Consul Hirtius gefallen war, dem designierten Consul D. Brutus zuwies (Cic. fam. XI 19, 1, vgl. 14, 2), obgleich sie dem Hirtius nur von Octavian abgetreten waren und daher jetzt wieder diesem zu unterstellen waren, wie sie denn auch wirklich gegen den Befehl des Senats bei ihm blieben. Infolge dieser feindseligen Handlung wurden Ende des Jahres sowohl Paullus, der doch der Bruder des Lepidus war, wie Drusus von den Triumvirn auf die Proskriptionslisten gesetzt (Dio XLVLII 44, 1). Es gelang diesem, nach dem Osten zu entkommen; er kämpfte im Heere der Caesar-mörder bei Philippi und gab sich nach der Niederlage Herbst 712 = 42 in seinem Zelte selbst den Tod (Vell. II 71, 3. Dio a. O.). Velleius hebt zu seinem Ruhme hervor, daß er gar nicht versucht habe, die Gnade der Sieger zu erbitten [884] Livius (Larensis) 884

(a. O.) – es wäre auch aussichtslos gewesen –, und nennt ihn nobilissimus et fortissimus vir (II 75, 3), das erste mit Recht hinsichtlich seines Stammbaums, das zweite höchstens mit Recht wegen seines freiwilligen Endes. Das Andenken des Drusus wurde später von seinem Enkel Tiberius durch Gladiatorenspiele im Amphitheater gefeiert, etwa im J. 727 = 27 (Suet. Tib. 7, 1), und war schon ein Jahrzehnt früher in dem

10 Namen seines zweiten Enkels Drusus wiederaufgelebt (Consol. ad Liv. 145L; vgl. o. Bd. III 8. 2706).

  1. Corpus Inscriptionum Latinarum IX, 3660.
  2. Corpus Inscriptionum Latinarum V, 6416.