RE:Lykos 18
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| Der boiotische Held der Antiopesage | |||
| Band XIII,2 (1927) S. 2394–2397 | |||
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18) Der boiotische Held der Antiopesage. Seine Geschichte ist dadurch verdunkelt worden, daß die euripideischen Tragödien Antiope und Chry-sippos, deren Fassungen für die spätere Form der Sage maßgebend geworden sind, mit L. ziemlich frei geschaltet haben (s. Robert Oidip. I 396ff.), 40 Das Atlantidenstemma bei Apollod. III 111, das auf Hellanikos zuruckgeht (Robert 398), nennt L. und dessen Bruder Nykteus Söhne von Hyrieus (welcher Poseidon und die Atlastochtev Alkyone zu Eltern hatte) und der Nymphe Klonie. Demnach müssen beide in Hyria heimisch gewesen sein; dasselbe findet Robert, allerdings nach einer Umstellung im Texte, bestätigt bei Apollod. III 41. wo es heißt, daß L. und Nykteus wegen der Tötung des Phlegyas (vgl.
50 Gruppe Gr. Myth. 95) aus Hyria fliehen mußten und in Theben von Pentheus das Bürgerrecht erhielten. Zwar unterschlägt Apollodor hier den Namen ihres Vaters, aber das ist mit Robert daraus zu erklären, daß er kurz vorbei (III 40) die (spätere) thebanische Auffassung wiedergegeben hatte, nach der beide den Sparten Chthonios zum Vater hatten. Letztere Überlieferung kennzeichnet die beiden Brüder als echte Thebaner, und das bildet die Voraussetzung für 60 die euripideische Auffassung von L. als Thebens rechtmäßigen Herrscher (Her. 26) und für seine Ehe mit Dirke, der Nymphe der ehrwürdigsten Quelle des thebanischen Landes (Roberta.Ο. I 397. Preller-Robert Gr. Myth. Π⁴ I, 115). Aber in Hyria und in den alten Sühneriten des dortigen Regenzaubers scheint L., der ,Wolf, ursprünglich zu Hause zu sein (Gruppe 67), sodaß man in dem Bericht von Apollod. III 40 eine [2395] 2395 Lykos
(jüngere) thebanische Übertragung – derjenigen des Lykurgos als Verfolger der Dionysosammen vergleichbar (Gruppe 68, 1) – zu sehen geneigt wird. Diese Ansicht wird noch verstärkt durch die Farblosigkeit der von Apollodor bekundeten Verbindung zwischen L., dem Gemahl der echt bodenständigen Dirke (s. o. Bd. V S. 1169), der weder Kadmos noch irgendeiner seiner Nachkommen nahegetreten ist, und den in der späteren Sage überherrschenden Kadmeern. Von Kadmos’ Urenkel Laios, der in den boiotischen Mythen wohl zum kretcnsischen Einschlag zu rechnen ist (Anton. Lib. 19. Gruppe 61, 1), ist L. sogar der offene Feind geworden. Apollod. II 40. 41 verquickt offenbar zwei Berichte, wenn er zuerst an der Mitteilung, daß L. den laios, nach dessen Vaters Tode, noch als Knaben von dem Thron stieß, die Flucht aus Hyria mit der Aufnahme bei Pentheus anschließt und dann folgen läßt, daß L„ in Theben zum Polemarchen erwählt, die Dynastie angegriffen und selbst 20 Jahre als König geherrscht habe. Bei Nikol. Dam. frg. 14 (FHG III 365) lesen wir, daß L. nachher den Thron wieder an Laios habe abtreten müssen, aber in Theben blieb, wo in seinem Garten die gequälte Antiope von ihren Söhnen gefunden worden sei; an demselben Ort habe sich dann der Schlußakt dieser Geschichte, L.s Tötung und Dirkes Schleifung, abgespielt. Hier liegt offenbar das Bestreben vor, L. der Kadmeertradi-tion unterzuordnen.
In der Tragödie und den auf sie zurückgehenden römischen Berichten ist L. König von Theben (Eur. Her. 26. Hyg. fab. 76. Eustath. S. 1683, 39), Sohn des Chthonios (Apollod. III 40 nach Robert Oid. I 398 aus dem Chrysippos) und, nachdem er seine erste Gattin, die von Epopeus vergewaltigte Antiope verstoßen hatte, Gemahl der Dirke (Hyg. fab. 7. 8. Myth. Vat. I 97. II 74. Schol. Stat. Theb. IV 570). Paus. IX 16, 7 erwähnt noch die Ruine seines Palastes (vgl. Pfister Reliquienkult I 349). Robert Oid. I 397 versucht zu beweisen, daß Euripides, um den hierin gelegenen Widerspruch zur Kadmeer· und Oidi-podidengeschichte zu beseitigen, L. zum Sohne des Hyrieus und in Theben zum Usurpator gemacht habe. Ersteres gehört aber, wie bereits gezeigt wurde, zum Urbestand der Sage; somit konnte L. überhaupt nur als Fremder nach Theben kommen, und die dortige Legende hat ihn dann wohl nachher durch den Vater Chthonios (der ganz unpersönliche Namen sieht wohl danach aus, als sei er nur zu solchem Zwecke erdichtet worden) und durch die Ehe mit Dirke legitimieren wollen. Auch Pausanias' Behauptung (II 6, 2. IX 5, 4), L. sei nur nach und im Auftrage des im Kampfe gegen Epopeus gefallenen Nykteus als Vormund für die rechtmäßigen Thronerben Labdakos und Laios aufgetreten, trägt alle Kennzeichen eines thebanischen Legitimierungsversuchs. Ebenso zeigt Apollod. III 41 – L. habe, zum Polemarchen erwählt, sich gewaltsam der Regierung bemächtigt, – daß die thebanische Sage sich mit ihm als Eindringling, wenigsten als Fremden abzufinden hatte. Gruppe betrachtet diese thebanische Überlieferung als eine Weiterbildung argivischer Version (S. 87). Bei Hyg. fab. 76 ist der Vater [2396] Lykos 2396
Hyrieus ausgefallen und L. unmittelbar als Sohn an Poseidon geknüpft worden. Vielleicht geht dieser Bericht ebenso wie Hyg. astron. II 21 auf Alexander (Aitolos?) zurück.
Über die Antiope-Geschichte und L.s Rolle darin gibt es zweierlei Berichte. Homer (Od. XI 260ff.) kennt Antiope als Tochter des boiotischen Flußgottes Asopos (vgl. auch Paus. II 6, 1), als Zeusgattin und Mutter von Amphion und Zethos 10 (letzteres auch Apollod. III 111). Beim Epiker Asios stand neben Zeus sein (nach Gruppe ISO jedoch Helios’) irdischer Doppelgänger Epopeus von Sikyon. In den Kyprien (Proklos Chrest. I Kinkel EGF I 18 vgl. Preller-Robert II* 115. Gruppe 68, 1) war ihr Vater Lyk(urg)os; bei Hesiod (frg. 132 Rz.) ist Hyria ihre Vaterstadt. Wenn Steph. Byz. s. Ἔρια dem Euripides das kithaironische Hysiai zuschreibt, so ist das zwar ein aus diesem Dichter bezeugter Ort 20 (frg. 180, Harpokr. S. 180, 7), aber gewiß liegt darin eine Verwechslung vor mit der Geburtsstätte ihrer Söhne (Hyg. fab. 7. 8. Myth. Vat. I 97. II 74). Apollod. III 42 erwähnt dafür das boiotische Eleutherai, während Schot Apoll. Rhod. IV 1090 das Ereignis nach Sikyon verlegt und die Kinder am Kithairon ausgesetzt werden läßt.
In den auf die Tragödie zurückgehenden Berichten ist L.s Bruder Nykteus Antiopes Vater 30 geworden. Sie wird von Zeus verführt und flieht nach Sikyon, wo Epopeus sie heiratet. Er wird infolge einer Bitte des vor Gram gestorbenen Nykteus von L., dessen Nachfolger auf dem thebanischen Thron, bekriegt und besiegt. L. führt Antiope als Gefangene mit; es folgt dann die Geburt ihrer Söhne, die Mißhandlung durch L.s Gemahlin Dirke, die Flucht und Amphions und Zethos' Rache, der L. selbst nur im äußersten Augenblick durch Hermes’ Eingreifen entkommt. 40 Schob Apoll. Rhod. IV 1090, Hyg. fab. 8, vgl. Anthol. Pal. III 7 L’s. Errettung (abgebildet auf der Berliner Dirkevase 3296. Dilthey Arch. Ztg. 1850, 50, 36 Taf. 7. Engelmann Bilder-atl. z. Hom. Od. Taf. 9, 51) geht auf die Antiope zurück, die auch bei Nik. Dam. a. O. vorkommende Tötung jedoch auf den Chrysippos. Letztere brachte die Notwendigkeit mit sich, das für Dirke ehrenvolle Streuen ihrer Asche in die Aresquelle, welche in der Antiope L. selbst verrichtet, in 50 weniger passender Weise von ihren Bestrafern vollziehen zu lassen. Robert Oid. I 399; De Apollod. biblioth. 82. Bull. d. Inst. 1874, 216. v. Wilamowitz Anal. Eurip. 181. Kiessling Anal. Catull. 8. Wenn Euripides diesen L. nach Athen fliehen läßt, bedeutet das ratürlich eine Ausgleichung mit dem attischen Gerichtsheros (s. u. Nr. 20).
Von den ostboiotischen Sagen sind bekanntlich viele in die nordostpeloponnesische aufge-60 nommen worden, und ferner verdankt die theba-nische Heldensage nach der Ansicht Gruppes (S. 508) ihre Gestaltung hauptsächlich pelopon-nesischen, und davon wieder vornehmlich tenea-tischen und sikyonischen Einflüssen, die Theben selbst nachher nicht mehr hat beseitigen können. So muß die Flucht nach Sikyon wohl als Aition für die dortige Antiope gefaßt werden, während L.s Rachezug Weiterbildung der nachherigen [2397] 2397 Lykos
thebaniechen Periode ist, welche sich diese Gestalt dadurch noch mehr angeeignet hat, daß sie Antiope zur Gattin des L. erhob (Hyg. fab. 7. Myth. Vat. a. O., vgl. Prop. III 15, 12). Damit war aber Epopeus als Antiopes Beschützer unmöglich geworden, er ist fortan ihr Verführer. L. verstößt seine untreue Gattin oder hält sie gefangen, welcher Zustand die Eifersucht seiner zweiten Gemahlin Dirke erregt. Ferner ist diese Überlieferung der anderen gleich; als weitere Fortbildung kommt nur noch hinzu, daß Zeus, der als Vater von Amphion und Zethos in der thebanischen Legende unentbehrlich war, nach der Verstoßung als Antiope’s Vergewaltiger eingeschoben wird. Für die romantischen Bedürfnisse der curipideischen Tragödie war Dirkes Eifersucht ein äußerst fruchtbares Motiv. Daraus mag es zu erklären sein, daß diese den Krieg mit Epopeus nach und nach überwuchert hat. Andererseits ist jedoch auch an weiteren sikyo-nischen Einfluß zu denken. Mit Becht weist Jessen (Myth. Lex. II 2185) darauf, daß die dortige Sage (Paus. II 6, 3ff.) das Unternehmen des L. scheitern läßt; der Fürst von Sikyon siegt, aber stirbt nach der Schlacht an einer Wunde, und sein gerechter Nachfolger Lamedon liefert Antiope dem Thebaneriürsten aus.
Eine noch weitere Verbreitung boiotischer Sage bezeugt der messenische L., den Paus. II 7, 3 erwähnt ohne über diese Gestalt einige Klarheit bringen zu können (Gruppe 279, 13, Ntr. 718 c).
Aus byzantinischer Zeit ist eine Erzählung überliefert, in welcher – so unzuverlässig ihre Gewährsmänner in solchen Dingen sind und trotz ihrer romanesken Ausbildung – doch wegen der Lokalisierung des L. und Antiopes Beziehung zu Helios vielleicht noch eine Erinnerung an alte peloponnesische Überlieferung zu Anden ist: Antiope, Tochter des Thebanerkönigs Nykteus, war von einem Ratsherrn ihres Onkels, des Argiverkönigs L., vergewaltigt worden. Weil der Hauptschuldige Argiver war, überliefert Nykteus seine Tochter dem Bruder zur Mit-bestrafung. Dieser schont sie wegen ihrer Schönheit. Mit L. ist amh Dirke hier nach Argos versetzt worden. Ihre Eifersucht und Rache spielen sich dort ab: Antiope wird, während L. im Kriege steht, in dem er auch fällt, auf Dirke’s Befehl ins Kithairongebirgte geiührt, zu-fälligerweise gerade zum Orte, wo ihre Söhne Aufenthalt gefunden haben. Was weiter folgt, ist der alten Überlieferung gleich. Io, Mal. Chron. II 53 (Dindorf). Apostol. Παροιμ. III 44. Suid. s. Ἀντιόπη. Kedren. S. 24 C (I 44, 5 Bekk.). Tzctz. Exeg. Hom. Il. IX 18 S. 132, 22. Herm. Io. Antioch FHG IV 545 B.