RE:Marcius 101

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
unvollständig  
Dieser Text ist noch nicht vollständig. Hilf mit, ihn aus der angegebenen Quelle zu vervollständigen! Allgemeine Hinweise dazu findest du in der Einführung.
Septimus, L. Unterfeldherr Scipios 206 v. Chr.
Band XIV,2 (1930) S. 15911595
Bildergalerie
Register XIV,2 Register m
Link für WP   
* {{RE|XIV,2|1591|1595|Marcius 101|[[REAutor]]|RE:Marcius 101}}        

101) L. Marcius Septimus. Der Name lautet bei Livius an einer ganz unverdächtigen Stelle XXXII 2, 5: L. Marcius Septimus, bei der ersten Einführung XXV 37, 2: L. Marcius Septimi filius, in einer Rede XXVIII 28, 13: Septimus Marcius. Ein Kognomen wird sonst nirgends überliefert. Das Pränomen L. ist seit Polyb. XI 23, 1 überall gesichert außer bei Frontin. strat. II 6, 2 und 10, 2, wo T. steht; da außer Nr 65 kein Marcier mit diesem Vornamen bekannt ist, scheint hier ein Versehen vorzuliegen. Reine Willkür ist die Gleichsetzung dieses L. Maraus mit M. Marcius Balla Nr. 86 bei S c h u r Scipio Africanus 41. 143. Die Geschichte des M. zerfällt in 4( zwei Teile, die sich nach Art und Wert voneinander unterscheiden: 1. M. als Inhaber eines Notstandskommandos (tumultuarius dux Liv. XXVI 37, 8. XXVIII 42, 5) nach der Katastrophe der Brüder Cn. und P. Scipio in Spanien 54S = 211. 2. M. als Unterfeldherr des Sohnes P. Scipio bei dessen letzten Feldzug in' Spanien 548 = 206.

Der erste Teil ist durch annalistische Fälschungen so arg entstellt, daß die neuere Kritik ihn fast vollständig ablehnt (vgl. u. a. M e 11 z e r- 50 Kahrstedt Gesch. d. Karthager III 271f. De Sanctis Storia dei Romani III 2, 449f. 10. Ed. Meyer Kl. Schr. II 444ff., 1). Der Hauptbericht bei Liv. XXV 37, 1–39, 11 (danach XXVI 37, 8. XXVIII 42, 5) wird durch den Anhang 39, 12–18 über die annaUstischen Quellen und Varianten genügend charakterisiert; aber soweit er durch den Bericht über die Verhandlungen des Senats in Rom XXVI 2, 1–6, auch durch den über die Kommandoübernahme des C. Claudius 60 Nero 544 = 210 ebd. 17, 3 bestätigt wird, verdient er Vertrauen (vgl. Mommsen St.-R. I 692, 2. 693, 5): M. nahm an dem unglücklichen Feldzuge der Scipöonischen Brüder teil, wurde nach deren Ende von den Überlebenden als Führer anerkannt, brachte sie glücklich über den Ebro zurück und behauptete im Verein mit dem Legaten Ti. Fonteius (Bd. VI S. 2846 Nr. 14) die [1592] jïiarcius epnmusj ioya

wichtigsten römischen Stützpunkte zwischen Ebro und Pyrenäen bis zum Eintreffen eines neuen Feldherrn, dessen Entsendung auf Grund seines Berichtes sofort vom Senat beschlossen wurde. Das dürfte ungefähr der geschichtliche Kern der Tradition sein. M. heißt eques Romanus bei Liv. XXV 87, 2. 5. Val. Max. VIII 15, 11. Frontin. strat. II 6, 2. 10, 2, dagegen tribunus militum Vai, Max. II 7, 15 und bei (Xe. Balb. 34, der 0 aber das J. 548 = 206 im Äuge hat, primi pili centurion daß er unter den Scipionen Kriegserfahrung erworben hatte (Liv. XXV 37, 3. Sil. Ital. XIII 699), ist an sich wahrscheinlich. Die Wahl des jedenfalls nicht zu den höheren Offizieren gehörenden Mannes durch seine führerlosen Kameraden wird sowohl im Kriegsbericht (Liv. XXV 37, 5–7, danach in den Reden XXVIII 28, 13. 42, 5. Val. Max. VIII 15, 11. Frontin. II 6, 2) wie in dem stadtrömischen Bericht (Liv. XXVI 0 2, 1–4, danach Val. Max. II 7, 15) erzählt; daß er eine Führerstellung tatsächlich einnahm, folgt aus der Einstimmigkeit der römischen Überlieferung (Liv. XXV 39, 16: Apud omnes magnum nomen Mardi ducis est) und aus der Weihung des clipeus Marcius (ebd. 17; s. u.). Auch Appian. Ib. 17: oi ἐν ἄστει ... Μ,άρκελλον ἐκ Σικελίας ἄρτι ἄφιγμενον καὶ αὐν αὐτφ Σλαύδιον ... ἔξεπεμπον ἐς Ἴβηριαν schöpft aus der einstimmigen Überlieferung, hat sie aber durch die Ver-3 wechslung von Μάρκιος und Μάρκελλος gründlich verdorben. Daß M, als gewählter Anführer dem Legaten Fonteius übergeordnet wurde (Liv. XXV 37, 6) und sich selbst in seinem Schreiben an den Senat als Propraetor bezeichnete (Liv. XXVI 2, 1–4), ist nicht undenkbar; selbstverständlich erkannte das weder der Senat noch der neue Feldherr C. Claudius Nero an; daher heißt es vor ihm bei Liv. XXVI 17, 3: exercitum a Ti, ῖ ont do et L. Marcio accepit unter Voranstellung I des Legaten. Die grobe Fälschung der Annalistik besteht in der maßlosen Aufbauschung der Leistung des M. Liv. XXV 37, 8–15 erzählt zunächst das, was wiederum im wesentlichen richtig sein wird, nämlich daß Hasdrubal Gisgons Sohn den Ebro überschritten habe, um die Römer vollends aus Spanien zu vertreiben, aber von den unter Führung des M. zusammengezogenen Reeten der römischen Truppen beim Angriff auf ihr Lager zurückgeschlagen worden und unverfolgt । wieder abgezogen sei. Die Verteidigung der römischen Posten nördlich des Ebro war unter den obwaltenden Umständen ein wichtiger Erfolg; sie wird in der Darstellung in eine einzige Szene zusammengedrängt. Dann aber folgt ein breit ausgeführtes Phantasiegemälde: M. beschließt seinerseits den Angriff auf das feindliche Lager (Liv. XXV 37, 16–19), begeistert die Soldaten durch eine große Rede für seinen Plan (ebd. 38, 1–23) und führt ihn glänzend aus, indem er im Morgengrauen zwei karthagische Lager nacheinander überfällt und erobert (ebd. 39, 1–11, danach Val. Max. I 6, 2. Frontin. II 10. 2 vgi. 6, 2 mit einer von Liv. nicht erzählten Einzelheit; b. auch Sil. Ital. XIII 700–702. Pkn.n.h. XXXV 14: M. Scipionum in Hispania ultor). Hauptquelle ist offenbar Claudius, qui annales Acilianos ex Graeco in Latinum sermonem vertit und die feindlichen Verluste auf 37 000 Tote (38 000 Val. [1593] 1593 Marcius (Septimus)

Max. I 6, 2 aus Liv.) 1830 Gefangene und eine reiche Beute, darunter einen 137 Pfund schweren silbernen Schild mit dem Bilde des Barkiden Hasdrubal angab (Liv. XXV 39, 12f. = Claud. Quadrig. frg. 57 a Peter). Piso hatte nur gesagt daß Mago die weichenden Römer – vielleicht nach dem Falle der Scipionen – ohne Ordnung verfolgt und dabei durch einen Hinterhalt 5000 Mann eingebüßt habe (Liv. 39, 15 = frg. 32 Peter); dagegen verteilte Valerius An-1 tias die Niederlage auf die beiden feindlichen Führer Mago und Hasdrubal (welchen?), ließ jenen sein Lager und 7000 Tote, diesen 10 000 Tote und 4330 Gefangene verlieren und stellte die beiden Kämpfe verschieden dar (Liv. 39, 14 = frg. 23 Peter). Angesichts dieses Auseinandergehens seiner letzten Vorgänger und der ungeheuren Zahlen hat Livius selbst nicht mehr ganz an die vorher wiedergegebene Erzählung geglaubt und übt nun Kritik an zwei Einzelheiten. Die i eine ist ein aus der Sage von Servius Tullius bekanntes Wunder, daß den Kopf des M. während seiner Rede zu den Soldaten ein Feuerschein umgeben habe (37, 16. Val, Max. I 6, 2. Plin. n. h. II 241), die andere ist die Nachricht, daß jener Schild mit dem Bildnis Hasdrubals als Siegeszeichen unter dem Namen des M. im Capi-tolinischen Tempel bis zu dessen Brande im J. 670 = 84 gehangen habe (37, 17. Plin. n. h.

XXXV 14; vgi. dazu Quellenkritik des Plin. ί 199ff.). Die Wundererzählung ist ein Beispiel dafür, daß die Sagenbildung gern an Persönlichkeiten anknüpft, die durch ihre Herkunft nicht zu den führenden gehören und an den Fasten nicht verzeichnet sind; der clipeus Marcius aber war ein Beweisstück für ein von der herrschenden Klasse und ihrer offiziellen Berichterstattung sonst leicht unterdrücktes Verdienst des Stifters. Die Rolle des M. in Spanien war ausgespielt, sowie der neue Oberbefehlshaber hier eintraf (Liv. XXVI 17, 3). Auch dessen Kommando war nur ein vorübergehendes, denn er wurde bereits in demselben J. 544 = 210 durch P. Scipio ersetzt. Von diesem berichten Liv. XXVI 20, 3 und Dio frg. 57, 40, daß er gerade im Bewußtsein seines eigenen Wertes dien M. mit großer Auszeichnung behandelt habe; daran kann zwar etwas Wahres sein, aber es macht noch mehr den Eindruck, als ob zwischen den beiden Stücken der Geschichte des M. eine Verbindung hergestellt, von der Größe, zu der ihn die späte Anna-listik erhoben hat, ein Übergang zu seiner späteren Stellung gefunden werden sollte; vor allem erregt Bedenken, daß er nicht in der ersten Zeit Scipios, wo seine Kenntnis der spanischen Verhältnisse diesem am meisten nützen konnte, sondern erst in der letzten Zeit wirklich hervortritt.

Den zweiten Teil der Geschichte des M. bilden seine Taten im J. 548 = 206, wo er neben M. Iunius Silanus (Bd. X S. 1092Î. Nr. 167) als Unterfeldherr Scipios besonders tätig war. Leider ist auch hier die Überlieferung nicht überall gesichert, da Livius und Appian in der Anordnung und in der Darstellung der Begebenheiten dieses Jahres vielfach auseinandergehen (vgl. Meltzer-Kahrstedt III 318f. B rew itz Scipio Africanus Maior in Spanien [Diss. Tübingen 1914] 18ff. 39ff. D e S a n c t i s III 2, 499, 87. 501, 90) [1594] Marcius (Septimus) 1594

In der Entscheidungsschlacht gegen. Hasdrubal Gisions Sohn bei Ilipa befehligten nach Polyb. XI 23, 1f. und Liv. XXVIII 14, 15f. M. und Si-lanus den linken Flügel und trugen durch die richtige Ausführung der Anordnungen Scipios wesentlich zum Siege bei. Diese Angabe verdient unbedingt den Vorzug vor Appian. Ib. 26 E., bei dem Scipio in dieser Schlacht, deren Ort bei ihm (25 A.) Carmona heißt, dem Silanus die 0 Reiterei und dem Laelius (Bd. XII S. 401) und

M. das Fußvolk übergab. Die weitere Verwendung des M. war nach Livius die folgende: Während Scipio nach Afrika zu Syphax reiste, ließ er den M. als seinen Vertreter in Tarraco, den Silanus in Carthage Nova (XXVIII 17, 11); nach seiner Rückkehr ließ er M. von Tarraco kommen und schickte ihn gegen Castulo (10, 4), während er selbst das nahegelegene Iliturgi angriff (über dessen Lage s. Schulten Herm. LXIII 298ff.); Ï0 nach der Einnahme von Iliturgi wandte er sich selbst gegen Castulo und zwang es zur Ergebung (20, 8ff.). Vielleicht hat Livius die Standorte des M. und des Silanus im Anfang vertauscht (vgl. Brewitz 41); Ausgangspunkt weiterer Unternehmungen des M. ist stets Carthago Nova. Von hier wurde er zunächst zur Unterwerfung unbe-zwungener Stämme gegen das Baetisgebiet gesandt (21, 1) und stieß dort namentlich in Astapa auf einen verzweifelten Widerstand der freiheit-10 liebenden Einwohner, so daß er schließlich nichts als eine ausgebrannte und leichenerfüllte Trüm-merstätte einnahm (22, 1–23, 5). Er kehrte nach Carthago Nova zurück (23, 5) und wurde un-mitteübar darauf gegen Gades geschickt, da sich Aussicht auf dessen Gewinnung zeigte; er sollte mit leichten Truppen den Landweg dorthin ein-schlagen und gleichzeitig Laelius mit einer Flottenabteilung den Seeweg (23, 8). Auf dem Marsche traf er mit Hanno, einem Unterführer 40 des Barkiden Mago, und einer hauptsächlich aus spanischen Söldnern bestehenden Feindesschar zusammen und zersprengte sie (30, 1f.). Dann erhielt er aber von Laelius die Nachricht, daß der Anschlag auf Gades verraten sei, und ging wieder nach Carthago Nova zurück (31, 2). Nach dem Aufstand der Ilergeten wurde er zum dritten Male in der Richtung auf Gades vorgeschickt (34, 12. 35, 2). Nach Appian war der Verlauf der Dinge ganz anders: Das Zusammentreffen mit 50 Hanno und seinen eingeborenen Soldtruppen fand schon während Scipios afrikanischer Reise statt und spielte sich infolge der Hinterlist des M. in eigentümlicher Weise ab (Ib. 31). Dann wurden Süanus und M. nach Westen geschickt, nachdem Scipio mit Silanus die Unternehmung gegen Castax und Ilyrgia – Castulo und Iliturgi bei lu-vius – durchgeführt hatte und selbst nach Carthago Nova zurückgekehrt war (32), und erst jetzt erfolgte die Belagerung und Eroberung von 60 Astapa durch M. (33, im einzelnen mit Livius übereinstimmend). Zuletzt wird M. während der Krankheit Scipios und des Soldatenaufetands als Vertreter des Feldherrn erwähnt, gegen den sich die Meuterei richtet (34), zu einer Zeit, in der er bei Livius gemeinsam mit Laelius gegen Gades vorgehen sollte. In der Tat erscheinen die Operationen des M. bei Appian einheitlicher als bei Livius; aber die beiden am ausführlichsten ge- [1595] 1595 Marcius (Sermo}})

schilderten Episoden – Hanno und Astapa – stehen bei dem einen gerade in umgekehrter Reihenfolge wie bei dem andern. Die Unvollständigkeit beider tritt am Schluß zutage: Liv. XXVIII 37, 10 und Appiain Ib. 37 E. erwähnen ganz kurz, daß Gades nach dem Abzug Magos sich den Römern ergab, ohne den Namen des rö-mischen Führers zu nennen, und doch ist es eine durch Cie. Balb. 34 (vgl. 39: foedus Mareianum) und Liv. XXXII 2, 5 bezeugte, ebenso zweifellose wie bedeutsame Tatsache, daß M. es war, der den Vertrag mit den Gaditanern geschlossen hat, auf dem ihre Rechtsstellung und Verfassung unter römischer Herrschaft beruhte (s. o. Bd. VII S. 455f.). Ferner fährt Liv. XXVIII 38, 1 fort, daß Scipio nach Rom aufgebrochen sei und die Provinz seinen Nachfolgern im Kommando L. Cornelius Lentulus (Bd. IV 8. 1367 Nr. 188) und L. Manlius Acidinus (o. S. 1163f. Nr. 46) übergeben habe, während eine zufällig erhaltene Notiz des Polyb. XI 33, 8 genauer sagt, er habe bei der Abreise das Heer τοῖς περὶ τὸν Ἰούνιον καὶ Μάρκιον übergeben. An der Richtigkeit dieser Angabe ist nicht zu zweifeln; Scipio eilte nach Rom zur Übernahme des Consulats, ohne das Eintreffen der Nachfolger abzuwarten (vgl. De Sanctis III 2, 505); in die Zwischenzeit wird der Abschluß des Bündnisses mit Gades fallen. Die Stellung, die M. bei Scipio damals, am Ende seines spanischen Kommandos einnahm, hat gewiß auch auf die Ausgestaltung der Tradition über seine Siel Iung im J. 543 = –211 eingewirkt. Scipio hat manche seiner Getreuen von geringerer Herkunft in die Nobili tat eingeführt, so Laelius, M’. Acilius Glabrio, Sex. Digitius (vgl. Röm. Adelsparteien 91ff. Schur Scipio Africanus 135f.; auch Silanus ist der erste bekannte seines Namens); wenn M. später nicht mehr genannt wird, so ist dasselbe bei ihm nicht versucht oder nicht erreicht worden.