RE:Marcius 76
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| Philippus, L. cos. 56 v. Chr. | |||
| Band XIV,2 (1930) S. 1568–1571 | |||
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76) L. Marcius Philippus war der Sohn des 30 gleichnamigen Censoriers Nr. 75 (Cic. prov. cons. 21: Sest. 110 mit Schol. Bob. 303f. Or. = 135 St. Λευκίου νίός Dio XXXIX ind.), ἀπόγονος τῶν τὸν Μακεδόνα Φίλιππον κεχειρωμενων (Nik. Da-masc. v. Caes. 3, 5; s. Nr. 79), durch seine Mutter jüngerer Halbbruder eines Gellius (Cic. Sest. 110 mit Schol. Bob. a. O. s. Bd. VII S. 991 Nr. 1). Er ist etwa 652 = 102 geboren, da er 692 = 62 Praetor war; deswegen ist der L. Philippus, der als Legat Sullas 672 = 82 Sardinien unterwarf 40 (Liv. ep. LXXXVI), eher sein Vater. Aber wenn er auch erst ungefähr ein Jahrzehnt später, nach dem Tode des Vaters, ins öffentliche Leben eintrat, so scheint er doch schon damals, mit einigen 20 Jahren, geheiratet zu haben, da sein eigener gleichnamiger Sohn Nr. 77 als Consul 716 = 38 gegen 674 = 80 geboren sein muß und auch seine Tochter Nr. 115 nicht allzu viel jünger gewesen sein kann. Nach der Praetur, in der er u.. a. Kollege Caesars war, verwaltete er zwei Jahre lang 50 693 = 61 und 694 = 60 die neueingerichtete Provinz Syrien, in der ihn sein späterer Kollege im Consulat Cn. Lentulus MarceUinus (Bd. IV S. 1389L) ablöste (Appdan. Syr. 51; vgl. Hölzl Fasti praetorii 47f.). Nicht lange nach seiner Rückkehr, noch im J. 696 = 58 oder im folgenden schloß er eine neue Ehe, die ihm zwar keine weiteren eigenen Kinder brachte, aber sonst sehr folgenreich wurde. Die erwählte Frau war Atia (Bd. II S. 2257f. Nr. 34), Schwestertochter Cae-60 sars, Witwe des Anfang 696 = 58 plötzlich verstorbenen Piaetoriers C. Octavius. M. befestigte die Verbindung mit Atia und dadurch mit Caesar noch mehr, indem er, gewiß schon damals, seinen eigenen jungen Sohn erster Ehe (Nr. 77) mit einer jüngeren Schwester seiner neuen Gattin, einer zweiten Atia (Bd. II S. 2258 Nr. 35), vermählte (s, auch Rom. Adelsparteien 103). Ferner brachte ihm die neue Gattin unter den Kindern [1569] 1569 Marcius (Philippus)
ihres früheren Gemahls dessen und ihren einzigen Sohn C. Octavius mit, den späteren Kaiser Augustus; M. übte als Stiefvater auf die Erziehung des erst fünfjährigen Knaben großen Einfluß aus und wurde selbst infolge der wachsenden Bedeutung erst Caesars, dann dieses seines Stiefsohns durch die verwandtschaftlichen Beziehungen zu beiden in seiner ganzen Haltung und Stellung wesentlich beeinflußt (Cie, ad Att. XIII 52, 1. XIV 11, 2. 12, 2. XV 12, 2. XVI 14, 2; fam. 1 XII 2, 2; ad Brut. I 17, 5; Phil. III 17. Vell. II 59, 3. 60, 1f. Suet. Aug. 8, 2. Nik. Damasc. v. Caes. 3, 5–4, 7. 13, 28. 15, 34. 18, 54. 30, 126. Plut. Cic. 44, 1. Appian. bell. civ. III 34. 43. 89. Dio XLV 1, 1). Als designierter Consul hatte er Ende 697 = 57 mit seinem Amtsgenossen Lentulus über die Frage des Hausbaues Ciceros und die dagegen gelichteten Umtriebe des Clodius zu berichten und stimmte dem für Cicero eintretenden Lentulus zu (Cic. har. resp. 11; ad Q. fr. II 2 1, 1f.). In ihrem gemeinsamen Consulat im J. 698 = 56 (Inschrift aus Salona: [ἐπὶ ὑπάτων Γναίου Κορνηλίο]υ Λεντλου Μ[αρ]κελλίνον Ποπλίου vlov Λενκ]1ον Μαρκίον Φι[λΙπλπου Λεν* κίου υἰου κτλ,] S.-Ber. Akad. Wien 175, 1. 21. Tesseren und Tonstempel: Cn. Cor, L, Mar, CIL F 923–925 [= Herzog Tesserae nummulariae 42–44]. 964. Tessera: Cn. Le, L, Phil. cos. 926 [= Herzog 45]. Cic. ad Att. V 21, 11; fam.
I 9, 8; pro eons. 21. Ascon. Pis. 2 K.-S. = 11 St. ί Schol. Bob. Sest. 303 Or. = 135 St. Plut. Cato min. 39, 2. Dio XXXIX ind. 16, 3. 18, 1. 40, 1. Chronogr. Hydat. Chron. Pasch. Cassiod. Ergänzung seines Namens im SC de Aphrodis. Viereck Sermo Graecus 40 nr. XIX 1 zurückgenommen ebd. Add. VII) war er offenbar wenig mehr als der Geschäftsträger der Triumvirn, die damals ihr Bündnis in Luca erneuerten. Nur im März wird er von Cicero zweimal erwähnt, in einem vertraulichen Briefe als dem gutgesinnten Len- -tulus wenigstens nicht hinderlich (ad Q. fr. II 4, 4) ud in der Öffentlichkeit mit dem nichtssagenden Lobe eines vir darissimus atque optu-mus consul (Sest. 110, danach Schol. Bob. z. d. St.: vir honestissime cognitus); später bei der Senatsverhandlung über die Consularprovinzen wurde er von ihm nur einmal einfach mit Namen an geredet (prov. cons. 21), während auf seinen Kollegen als fortissimus vir atque optumus post hominum memoriam consul nachdrücklich hingedeutet ward (ebd. 39). Macrobius (Sat. III 15, 6) rechnet Philippus neben Lucullus und Hor-tensius zu den Nobiles, die Cicero nach Abschluß des Triumvirates als piscinarii verspottete (ad Att. I 19, 6. 20, 3), weil ihnen ihre Fischzuchtanlagen teurer waren als das Wohl der Republik (vgl. ebd. I 18, 6. II 1, 7. 9, 1) und verweist auf die Zusammenstellung der drei Männer als Besitzer solcher Piscinen in dem ins J. 700 = 54 verlegten Dialog Varros r. r. III 3, 10 (danach Plin. n. h. IX 170); allerdings paßt die von Varro ebd. 9 (daraus Columella VIII 16, 3) wiedergegebene Äußerung besser auf den witzigen Vater des M. (Nr. 75), aber der Sohn wird von ihm den Sinn für die äußeren Annehmlichkeiten des Daseins geerbt haben (s. u. üoer seine Besitzungen und Bauten). Für seine Lebensanschauung ist bezeichnend, daß er als Vater der merk-
Pauly-WiMowa-KroK XIV [1570] Marcius (Philippus) 1570'
würdigen Abtretung seiner Tochter Marcia durch ihren Gatten Cato an Hortensius damals seine Genehmigung erteilte (Plut. Cato min. 25, 3 vgl. 1. 39, 2. Appian. bell. civ. II 413; s. Nr. 115). Im J. 700 » 54 war er unter den neun Consu-laren, die für den angeklagten M. Scaurus (Bd. I S. 588L) Fürbitte einlegten (Ascon. Scaur. 24 K.-8.» 28 St.); er hatte wahrscheinlich von Syrien her zu ihm Beziehungen. Im Juli 703 = 51 hatte 0 er mit Atticus geschäftlich zu tun, vielleicht als Gutsnachbar Ciceros in Bausachen (Cic. ad Att. V 12, 3. 13, 3). Beim Ausbruch des Bürgerkrieges Anfang 705 = 49 wurde er wegen seiner Verschwägerung mit Caesar geflissentlich übergangen, als der Senat am 8. und 9. Januar die Provinzen verteilte (Caes. bell. civ. I 6, 5); er blieb im Frühjahr, während seine meisten Standes-genossen mit Pompeius Italien verließen, in Neapel (Cic. ad Att. IX 15, 4) ur erbat und er-
i0 hielt von Caesar die Erlaubnis, sich an den Kämpfen nicht zu beteiligen (ebd. X 4, 10). Im J. 709 = 45 besuchte er Cicero auf seinem stillen Landsitz in Astura erst im März (ebd. XII 16. 18, 1) und von neuem Ende Juli (ebd. XII 9: Amyntae filiue, scherzhaft in Erinnerung an König Philipp, den Vater Alexanders); am 18. De-zember kehrte bei ihm auf seinem Gute bei Puteoli, das an Ciceros Gut grenzte, der Dictator Caesar mit großem Gefolge ein (ebd. XIII 52, 1). Auf
50 demselben Gute empfing er gegen den 21. April 710 = 44 den Besuch seines von Apollonia über Brundisium kommenden Stiefsohns Octavius und führte diesen sofort auch dem Nachbar Cicero zu (ebd. XIV 11, 2. 12, 2). Er hatte sich des vaterlosen Knaben stets treu angenommen und ihn auch brieflich über die Ereignisse der letzten Wochen auf dem laufenden gehalten (Nik. Da-masc. v. Caes. 3, 5. 6. 4, 7. 13, 28. 15, 34); nun kam der Jüngling zuerst zu ihm und der Mutter
40 Atia, um ihren Rat darüber zu hören, wie er sich benehmen sollte, nachdem er durch das Testament des ermordeten Caesar zum Sohn und Erben eingesetzt war. M. riet ihm von dem Antritt der gefährlichen Erbschaft ab, im Einverständnis mit der Mutter und in beeter Absicht (Nik. Damasc. 18, 53f. Vell. II 60, 1f. Suet. Aug. 8, 2. Appian. bell. civ. III 34. 43, alle nach der Selbstbiographie des Augustus; vgl. Blumenthal Wien. Stud. XXXV 125. Jacoby zu Nik. Damasc.).
50 Er war auch Anfang Juni, wo er Cicero in Astura sah, ähnlicher Mednung (Cic. ad Att. XV 12, 2), leistete aber doch dem Stiefsohn, der seinen Entschluß gegen die Warnung der Eltern gefaßt hatte, bei den nächsten Schritten Beistand (Nik. Damasc. 30, 126. Appian. III 89) und suchte auch Cicero dafür zu gewinnen (Cic. ad Att. XVI 14, 2 von Mitte November. Plut. Cic. 44, 1). Zugleich hoffte er durch die Verdrängung der Cae-sarmörder Brutus und Cassius für seinen eigenen
60 Sohn Nr. 77, der damals als Praetor deren Kollege war, die Bahn zum Consulat freizumachen, und stellte sich deshalb auch gut mit Antonius (Cic. fam. XII 2, 2 an Cassius vom September ohne den Namen des M.; s. Mommsen Histor. Schr. I 178L). Doch als Cicero am 20. Dezember den Senat zum Kampfe gegen Antonius aufrief, nannte er M. unter den clariisimi viri (PHI. III 17) und seinen Sohn als vir paire, avo, mawritna [1571] 1571 Marcius (Philippus)
«Ute dignissimus (ebd. 25), weil sie von jenem wieder abgerückt waren. Bei den Senatsverhandlungen in den ersten Januartagen von 711 = 43 beantragte M. unter den Ehren für seinen Stiefsohn, den jungen Caesar, die Errichtung eines vergoldeten Reiterstandbilds auf der Rednerbühne (Cic. ad Brut. I 15, 7; vgl. Vell. II 61, 3. Appian. III 209. 263. Drumann-Groebe G.R.² I 174, 9. 443f.). Er selbst wurde mit L. Piso Cae-soninus (Bd. III S. 1390, 70.) und Ser. Sulpicius Rufus in die damals beschlossene Senatsgesandtschaft hineingewählt, die dem Antonius noch einmal die Hand zum Frieden bieten sollte; alle drei Männer waren nach ihrer politischen Vergangenheit und Gesinnung zur Vermittlung wohl geeignet; Sulpicius ist auf der Reise gestorben, und M. und Piso kehrten unverrichteter Sache zurück, von Cicero, dem erbitterten Gegner der ganzen Versöhnungsaktion, mit Vorwürfen überhäuft, daß sie, principes civitatis (Phiil. VIII 28. XIV 4), die Gegenforderungen des Antonius dem Senat zu überbringen wagten (Phil. VIII 28. IX1.6. XII 1f. XIV 4; fam. XII 4, 1 an Cassius Anf. Febr.). In der nächsten Zeit zog sich M. von der Politik zurück, wie zwei Zeugnisse aus dem Sommer 711 = 43 beweisen: Brutus verglich in einem Briefe an Atticus (bei Cic. ad Brut. I 17, 5; über Echtheit und Zeit s. G el z er o. Bd. X S. 1008, 340.) das weitgehende Entgegenkommen Ciceros gegenüber dem jungen Caesar mit dem Benehmen des M. (qui privigno minus iribuerit quam Cicero qui alieno tribuit), und aus einem Briefe Ciceros an den Caesar ist ein Satz erhalten, worin er diesem dankt, daß er ihm wie dem M. das Fernbleiben von den Senatssitzungen erlaube (frg. 15 auθ Non. 436, 17: quod mihi el Philippa vaca-tionem das, bis gaudeo; s. Ed. Meyer Caesars Monarchie 539). Später wird M. nicht mehr genannt, und wenn er auch häufig als Wiederhersteller des Tempels des Hercules Musarum und · Erbauer der ihn umgebenden Säulenhalle (Porti-eus Philippi Plin. n. h. XXXV 66. 114. 144. Martial. V 49, 12 u. a.) betrachtet wird (z. B. o. Bd. VIII S. 577, 34), so ist nach den Andeutungen bei Ovid. fast. VI 797–812. Tac. ann. III 72. Suet. Aug. 29, 5 doch wohl eher an seinen Sohn Nr. 77 aie an ihn zu denken (so Prosopogr.
imp. Rom. II 338).