RE:Martianus 2
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| Capella, lateinischer enzyklopädischer Schriftsteller im 4. Jh. | |||
| Band XIV,2 (1930) S. 2003–2016 | |||
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2) Martianus Capella, lateinischer Schriftsteller des ausgehenden 4. Jhdts., Verfasser eines enzyklopädischen Werkes mit phantastischer Einleitung und Einkleidung.
Persönliches. In den Über- und Unterschriften der einzelnen Bücher seines Werkes wird der Verfasser Martianus Min(n)eus Felix Capella genannt und als Afer Carthaginiensis bezeichnet. Er selbst nennt sich Felix Capella (S. 425, 21 und 534, 7) oder nur Felix (287, 9); der einzige 60 antike Autor, der ihn mit Namen anführt, der Afrikaner Fulgentius, gibt ebenfalls nur Felix Capella an (Expos, serm. ant. 45 S. 123, 4 Helm). Seinen Sohn, dem er sein Werk widmete, nennt der Verfasser Martianus (4, 8. 533, 11). So wird auch er im Mittelalter zumeist genannt, doch findet sich hier und da (z. B. beim Anonymus de situ orbis un i in Bibliothekskatalogen) eine vollere [2004] Martianus (Capella) 2004
Namensform. Die Angaben der Hss. über seine Heimat bestätigt er selbst im Schlußgedicht (534, 13) beata alumnum urbs Elissae quem vidit, Aus dieser Stelle, aus einem kurz vorhergehenden Verse (534, 10), in dem vom proconsulare culmen die Rede ist, und aus einer dritten Stelle (VI 669 – S. 333, 5). wo es heißt Carthago inclita pridem armis, nunc felicitate reverenda, geht hervor, daß M. C. sein Werk jedenfalls vor Karthagos 0 Eroberung durch Geiserich (439) vollendet hat und zwar in vorgerücktem Alter, da er es als senilit fabula bezeichnet (533, 11; vgl. 4, 6 respersum capillis albicantibus verticem incrementisque lustralibus decuriatum). Keinen brauchbaren Anhalt zur Zeitbestimmung bietet VI 657 (325, 12) promuntorium Ceras Chryseon Byxantio oppido celebratum, da aus Solin. 10, 17 abgeschrieben: ebensowenig der Zusatz zu Plin. n. h. III 38 in VI 637 (311, 11) Bema, armis viris 0 sacrisque quamdiu viguit caeliferis laudibus conferenda, woraus man gefolgert hat, daß M. C. dies erst nach der Einnahme Roms durch Alarich 410) geschrieben haben könnte (nach Dick Praef. XXV A. 1 ist quamdiu viguit = ab originibus usque ad nostra tempera und würde eher für die Zeit vor 410 sprechen). Eine obere Zeitgrenze geben diejenigen Autoren, deren Werke M. C. unmittelbar benutzt hat; von ihnen gehören Solinus und Aquila Romanus der 2. Hälfte) des 3. Jhdts. an, ebenso wohl auch Aristides Quin· tilianus (s. u. Quellen). Dick möchte sich der. früheren Ansicht Eyssenhardts (De M. C., Berlin 1861, 15) anschließen, der unseren Autor in die Zeit zwischen 284 und 330 versetzte, und läßt sich besonders durch die metrische Kunst des M. C dazu bestimmen, der (nach Teuf fei RLG IIIe § 452, 5) seine Verse ,im ganzen aaF fallend richtig und nach den klassischen Mustern gebildet* hat und ,auch in Silbenmessung, Ver-
I Schleifung und Hiatus löbliche Strenge zeigt*. Doch ist das kein ausschlaggebender Grund, und manches spricht doch mehr dafür, M. C. der 2. Hälfte des 4. Jhdts, zuzuweisen, u. a. vielleicht auch der Umstand, daß er gelegentlich Bekanntschaft mit Iuvenals Satiren zeigt (IV 333 mera Cecropis = I. VI 187; H 119 Gorgonei caballi = I. III 118; V 425 Gradivi frameam und falcem Satumi cv> I. XIII 79 und 39f.; IX 999 Martis Curia – I. IX 101), die allem Anschein nach erst um die Mitte des 4. Jhdts. in Mode kamen (Ammian. Marc. XXVIII 4t 14). Daß M. C. Heide war, darf man wohl aus seinem Werke überhaupt entnehmen; auf seinen Beruf als Sachwalter deutet er mehrfach hin (VI 577 ex ülo quo desudatio curaque districiior tibi forensis rabulationis partibus illigata aciem industrial melioris obtudit; IX 999 indocta rabidum quem videre saecula uirgis caninos blateratus pendere).
Das Werk des M. C. wird von Fulgentius (s. o.) so zitiert: in libre de nuptiis Mercurii et Philo-logiac, die betreffende Stelle findet sich im 1. Buche; die Hss. geben für die ersten beiden Bücher den Titel De nuptiis Philologiae et Mercurii (et M. fehlt zum Teil). Die übrigen Bücher werden in den Hss. entsprechend den behandelten Fächern De arte grammatica, De arte dialeetica, De arte rhetorica, De geometrifeja, De arithmetica, De astrologia, De harmonia (s. u.: Überlieferung) [2005] 2005 Martianus (Capella) betitelt; eine auf das ganze Werk bezügliche Über- oder Unterschrift fehlt, nur der nicht ganz zuverlässige cod. A gibt im Anfang De VII libe-ralibus artibus. Wie der Verfasser selbst sein Werk benannt hat, steht dahin: II 220 nunc ergo mythus terminaturi infiunt I artes libelli qui sc-quentes asserent I ... et disciplinas annotabunt sobrias I pro parte muliû) III 222 atquin prioris ille I titulus monet libelli j mythos ab ore pulsos I Artesque vera fantes / voluminum sequenturn I praccepta comparare führen nur auf die Gliederung, die auch die Hss. angeben, und Ausdrücke wie IX 998 (584, 1) disciplinas cyclieas oder II 138 (60, 2) Arles... Disciplinas (vgl. I 36 Disciplinas, II 173 Disciplinis) ergeben nichts für einen Gesamttitel ,Disciplinaei o. ä. Da der Verfasser sich (nach III 222 S. 82t 9) doch noch entschlossen hat, den enzyklopädischen Teil in den Rahmen der FabnJa einzufügen, so kann man wenigstens vermuten, daß er auch für das Gesamtwerk den Titel gelten lassen wollte, der zunächst für die beiden ersten Bücher bestimmt war.
Die phantastische Einkleidung (fabula, fabella, mythus), die ihm angeblich die ,Satura* in nächtlichen Stunden des Studiums eingegeben hat (I 2. II 219. VI 576. VIII 806. 807. 809. 810. IX. 997). sieht folgendermaßen aus: Merkur entschließt sich, nach dem Beispiel anderer Götte: eine Ehe einzugehen. Da Sophia, Mantike und Psyche, an die er zunächst gedacht hat, für ihn aus verschiedenen Gründen nicht in Betracht kommen, wendet er sich durch Vermittlung der Virtus an Apollo, der ihm die ,doctissiina virgo* Philoiogia empfiehlt. Die Heiratserlaubnis wird vom höchsten Götterpaar eingeholt; darauf wird im Rate der Himmlischen beschlossen, die Braut in den Kreis der Unsterblichen aufzunehmen. Die Erwählte, die nach kurzem Sträuben einwilligt, wird von ihrer Matter Phronesis bräutlich geschmückt und unter Gesängen der Musen zu ihrer neuen Heimat geleitet. Die vier Kardinaltugenden und die Chariten schließen sich dem Zuge ar Vor der Himmelsschwelle tritt der Braut die Athanasia mit der Göttersänfte entgegen; sie reicht der Philoiogia einen Trank, worauf diese eine ganze Bibliothek aller Wissenschaften ausbricht, die von den Jungfrauen, Artes und Disciplinae genannt, sowie von den Musen Uranie und Calliope aufgelesen und fachgemäß geteilt wird. Dann reicht Apotheosis, die die ausgebrochenen Bücher geweiht hatte, der Braut den Trank der Unsterblichkeit. Inno Pronuba mit Gefolge geleitet nun die neue Unsterbliche in das Götterheim, wo nach Ankunft des Bräutigams der Ehebund in aller Form geschlossen wird. Jetzt führt Apollo die Mercuriales ministrae als virgines dotales vor, die Artes und Disciplinae, die ihre Weisheit zum besten geben, wobei einigen, die kein Ende finden können, das Wort entzogen wird. Schließlich geleitet Harmonia die Neuvermählten ins Brautgemach.
Durch die Rolle, die er der ,Satura’ zu-weist, gibt M. C. schon deutlich zu erkennen, welcher Literaturgattung sein Werk zugerechnet werden sollte; ebenso deutlich bringt er dies durch die Einmischung der Poesie in die Pr >sa zum Ausdruck, ihm schwebte etwas wie die menip-peische Satire Ararros vor, nur blieb er völlig [2006] Martianus (Capella) 2006 beim Äußerlichen hängen, von Geist und Witz und von dem. was seit Lucilius das Wesen der römischen Satire ausmacht, ist bei ihm nichts zu spüren, und vollends die Vomierszene ist nichts als eine krasse Geschmacklosigkeit. Die an sich kuriose, aber sonst wenigstens leidlich durch· geführte Tabula (über ihr Vorbild s. u.) wird, auch von jener üblen Entgleisung abgesehen, dadurch unleidlich, daß der Verfasser nicht nur 10 eine Unmenge zusammengelesenen Wissenskrams hineinzwängt, sondern auch in einem Stil schreibt, der von vornherein alles anschauliche Gestalten unmöglich macht und wie es treffend gesagt worden ist, den Leser nur umnebelt und verwirrt, damit aber zugleich verrät, wie es um den Verfasser selbst bestellt war.
Hinsichtlich der Sprache des Werkes sind natürlich diejenigen Stücke auszuscheiden, die aus den Fachquellen mehr oder weniger wörtlich 20 ausgeschrieben sind; nur in der ,Fabula⁴ und in den fachlichen Stücken, die den Übergang von jener zur sachlichen Darlegung bilden, also hauptsächlich in den einleitenden Abschnitten von B. III–IX, haben wir es mit M. C. selbst zu tun. Hier erkennt man sofort den starken Einfluß des Apuleius, wie dieser sich besonders in seinen Metamorphosen gibt. Im Wortschatz findet sich vieles, was sonst nur noch bei Apuleius verkommt, manches, was wie bei diesem aus der 30 älteren Latinität stammt, und manches, was sich vereinzelt bei späteren Autoren (Arnobius, T r-tullian, Sidonius, Ausonius, Prudentius u. a.) zeigt. Mit Apuleius teilt M. C. die Sucht, neue Wörter zu bilden und dadurch seine Sprache aufzuputzen (eine nicht vollständige Liste bei Stange De re metr. M. C.( Leipzig 1882, 60f.), neue Wortformen an die Stelle der gebräuchlichen zu setzen (z. B. cxcusamentum, probameutum, contumia 209, 18 im Verse), Wörter in ungewöhnlichem Sinne zu 40 verwenden; hierher gehört auch die Neigung zu Deminutivbildungen (libellulus, nugula, sertula, marciduluS) rubellulus, rapidulus, cerritulus, diutule u, a.) und das Einflicken griechischer Fremdwörter (collema, coemesis u. dgl.). Das Bestreben, sich um jeden Preis eigenartig zu geben, hat zu einer Häufung der Attribute, vor allem zu umständlichen Ausdrücken mit starker Verwendung von Abstrakten geführt (als Beispiel 30, 22 calceos smaragdinae fluctu viriditatis 50 herbosos). Derselbe Schwulst zeigt sich auch oft im Satzbau, der jedes Maß und Ebenmaß vermissen läßt (ein Paar Satzungeheuer 5, 1–6, 8 und 76, 8–77, 7); anderseits arbeitet M. C. auch wieder stark mit Isokola, Homoioteleuta, Paro-moia und besonders mit der Alliteration (nicht selten mit Doppelung und in chiastischer Form), also mit denselben Xunstmitteln, die auch sein Vorbild Apuleius (über diesens. jetzt bes.M.Bernhard Der Stil d. Ap. von Madaura, Tüb. Beitr. 60 z. Altertumsw. II. Heft, Stuttg. 1927, derS. 360f. den M. C. unter den Späteren, für die Apuleius Vorbild war, nicht anführt; aber die Beziehung zwischen beiden ist gewiß nicht aus ,dem Geschmack der Zeit⁴ und ,dem Einfluß der rhetorischen Bildung⁴ allein zu erklären) anzuwenden liebt; auch von rhythmischen Klauseln machtet weitgehenden Gebrauch (Sundermeyer De re metr. et rhythm. M. C., Marburg 1910, 41ff.). Zu [2007] 2007 Martianus (Capella) erwähnen ist schließlich noch, daß sich (auch in den Versen) zahlreiche, aus Dichtern entlehnte Wendungen finden; Vergil spielt darin die Hauptrolle (gelegentlich flicht M. C. ganze Verse aus ihm ein), demnächst Ond u. a., s. die A nm. Dicks; vgi. Stange 45ff. MorelliStudi ital. 17,230ff.; über Apuleius als stilistisches Vorbild Weyman S.-Ber. Ak. Münch. 1893, 374f.
In den poetischen Stücken, die sich meist am Anfang und Schluß der Bücher (im 3. und 6. auch zwischen den verschiedenen Teilen, wo Quellenwechsel vorliegt) und sonst bei Gelegenheit (z. B. Gesänge der Musen im 2., Gesang der Harmonia im 9. B.) finden, hat M. C. folgende Metra verwendet: Hexameter (170), Pentameter (28 fortlaufend: § 907), elegische Distichen (55), Hexameter mit akatalektisch-iambischen Dimetern (28), katalektisch-iambische Dimeter (161), jambische Senare (159), trochäische Tetrameter (9mal dasselbe Verspaar als Schaltverse in § 116–125), lonici a min. in Dimetern (24 in § 919, doch nicht alle zweifellos: Sundermeyer 36) und in Tetrametern (11: § 424), Adonische Verse (27: § 125), kleine Asclepiadeen (92), dgl. kata-lektische (5mal dasselbe Verspaar als Schaltverse in § 915–919), Paroemiaci (14fortlaufend: § 123). phalaekische Hendekasyllabi (44), choriambische Verse (10: § 124). Über den Bau dieser Verse s. o. (Persönliches) und besonders die Abhandlungen von Stange und Sundermeyer (vgl. auch Dick zu § 997).
Quellen. Für den Grundgedanken der Fabula, die Vermählung des Merkur mit der Philologia und die Verleihung der Unsterblichkeit an letztere, hat offenbar Apuleius metam. VI 22ff. als Vorbild gedient, das u. a. auch in der Hereiqziehung römischer Elemente vonM.C. nachgeahmt ist (z. B. in der Berufung des Göttersenats, in der Bezugnahme auf die Lex Iulia de adult, bei Apul. 22 und auf die Lex Papia Poppaea bei M. C. 217). Nur tritt der Karthager seinen ,Mythus* bis in die kleinsten Einzelheiten breit und benutzt ihn dazu, eine Menge theologischer und kosmologischer Gelehrsamkeit hineinzupfropfen. Daß hiervon manches im letzten Grunde auf Varros theologische Schriften, die Antiquitates rerum divinarum und wohl auch den Logistoricus Curio de cultu deo-rum, zurückgeht, scheint sicher zu sein (vgl. die von Dick angemerkten Parallelstellen aus Augustin. de civ. dei; ferner betreffend § 68 i Krahn er De Varrone ex Marciana satura suppl., Friedland 1846, 18. Eyssenhardt Praef. XLIII), aber daß M. C. den Varro hier unmittelbar benutzt hätte, ist kaum anzunehmen. Dieser hatte z. B. zehn Sibyllen verzeichnet (Lact. Div. inst. I 7), während M. C. in § 159 diese Ansicht bekämpft (non decem, ut asserunt, sea duos fuisse non nescis); er folgt also einer Quelle, die zwar Varro berücksichtigte, aber ihm keineswegs überall folgte. Beachtet man nun die vielfachen Beziehungen ( zu den Abschnitten bei Macrobius, die aller Wahrscheinlichkeit nach aus Cornelius Labeo geschöpft sind (s. Macrobius), so werden diejenigen recht haben, die Labeo als Gewährsmann des M. C. ansehen (Agahd Jahrb. f. Phil. XXIV. Suppl. 121, gegen Kahl Philol. V. Suppl. 739L): es sei nur auf die besondere Berücksichtigung des Apollon-Sol und die Aufzählung seiner verschiedenen Na- [2008] Martianus (Capella) 2008
men in § 185E (vgl. Macrob. Sat. I 17, 7ff.) und auf die Namenreihe fürluno § 147ff. hingewiesen, ferner auf die Gliederung der Götterwelt und ihre Verteilung auf die Weltsphären § 150ff., endlich auch auf die etruskische Lehre von den 16 Himmelsregionen und deren Gottheiten § 45–62, die letzthin aufNigidius zurückgeht (Wissowa Ges. Abh. 125. Thulin Die Götter des M. C. und der Bronzeleber von Piacenza, Gießen 1906, bes. 82ff., 10 gegen dessen Darlegungen aber Boll in der Berl.
phitWoch. 1903, 1372 ff. allerhand Bedenken erhoben hat), den Labeo bekanntlich neben Varro stark berücksichtigt hat. Daneben hat aber M. C. auch des Apuleius Schrift De deo Socratis benutzt (vgl. Dicks Anmerkungen).
Was die eigentliche Enzyklopädie (B. ἼΠ–IX) angeht, so scheint M.C. allerdings von Varros Dis-ciplinarum libri IX Kenntnis zu haben; denn wenn er auch nur die sieben ersten Artes be-20 handelt, so nennt er doch auch die beiden, denen Varro die beiden letzten Bücher gewidmet hatte, die Medizin und die Architektur, schließt sie aber von seinem Werke mit der Begründung aus, daß sie es nur mit der mortalium rerum cura ter-renorumque sollertia zu tun hätten und daher nicht würdig wären, in senatu eaelico zu Wort zu kommen (§ 891). Dies legt die Vermutung nahe, daß die Beschränkung auf die Siebenzahl, wie sie sich dann bei Cassiodor und Isidor und weiterhin 30 im Mittelalter findet, auf M.C. zurückzuführen sei; indessen ist das nicht ganz sicher, da auch Augustinus, der bereits in jugendlichen Jahren als Lehrer der freien Künste in seiner Heimat gewirkt und vor seiner Taufe (387) in Mailand angefangen halte .disciplinarum libros scribere*, die Medizin und Architektur unberücksichtigt läßt, zu den anderen sieben aber noch die Philosophie hinzuzunehmen vorhatte (Retract. I 6; vgl. auch Fischer De Aug. dise. 1. de diaL, Jena 1912, 8ff.). 40 Danach wird sich doch wohl die Annahme nicht von der Hand weisen lassen, daß die Einschränkung auf die Siebenzahl der Artes liberales älter ist, und daß wir es bei der Begründung des M. C. nur mit einem schriftstellerischen Trick zu tun haben. Ob und wie weit der Verfasser Varros Werk tatsächlich benutzt hat, darauf kann nur die Quellen-analyse der einzelnen Bücher Antwort geben.
Für das 3, B. De grammatica ist die Frage nach den mehr oder weniger unzulänglichen Ver->0 suchen von Jürgensen (De III. Mart. Cap. 1., Leipzig 1874) und Langbein (De M. C.gram-matico. Jena 1914) von Barwick (Remmius Pa-laemon u. d. röm; Ars gramm., Leipzig 1922) eingehender geprüft und dahin beantwortet worden (bes. S. 232ff.): der erste Teil über die Litterae und Syllabae (§ 232–278) steht in näherer Beziehung zu den verschiedenen Rezensionen der späteren römischen Schulgrammatik, der Abschnitt über die Endsilben (278–288) beruht auf >0 einem späten Traktat, der sich in sehr ähnlicher Fassung mehrfach findet (als Servius de finalibus Gl. IV 449ff., als [Maximus Victorinus] de fin. [metrorum] das.VI 229ff. u.s.); der nächste (durch eine poetische Überleitung in § 289 deutlich abgehobene Teil) über die Flexionslehre des Nomens (§ 290–308) begegnet, jedoch weniger vollständig, nur noch bei Cominianus, einem Grammatiker des 4. Jhdts., den Charisius (GL I) ausgeschrieben hat, [2009] 2009 Martianus (Capella)
und beruht wohl auf der Ars gr. (B. I) der Dis-ciplinae Varros, ist aber nicht unmittelbar daraus entnommen, sondern aus einer jüngeren Bearbeitung (Ähnlichkeit mit dem gramm. Lehrbuch des Pansa, der auch von V. abhängt; der § 304 als Beispiel verwendete Name Antonius Iulius führt auf den Schüler Pansas [Suet. de gramm. 18], der § 300 zu gleichem Zweck genannte Nicia auf den Grammatiker und Freund Ciceros [Suet. 14]); der Schlußteil über die Flexion des Verbums (die 1 ,canones verborum*: § 309–324) stammt wieder aus der Schulgrammatik (aber auch hier findet sich weitgehende Übereinstimmung mit Comin. bei Charis., vgl. Dicks Anm.!). Angehängt sind noch einige Quaestiones über anomale Flexion und Wortbildung (§ 324 und 325), wie sie sich vielfach in den Grammatiken finden (s. Dicks Anin.). Auf Varro beruht, wie die Parallelstellen ergeben, die Einleitung über den Namen und die Officia der Grammatica (§ 229 u. 230), aber gerade hieri zeigt es sich deutlich, daß V. nicht unmittelbar benutzt ist, sondern durch Vermittlung der Schultradition (Barwick 233; vgl. auch üsener, Kl. Schr. II 280). Die Abhängigkeit von dieser erweisen übrigens auch die in § 326 aufgezählten Teile, die aber infolge höheren Einspruchs nicht mehr abgehandelt werden. Ob Barwicks Aufstellungen in allen Einzelheiten zutreffen, kann hier unerörtert bleiben; so viel ist aber als sicher erwiesen, daß M. C. durchweg von späterer gram- ‘ matischer Literatur abhängt, durch die einiges varronische Gut zu ihm gelangt ist.
Bei dem 4. B. De dialectica ist Fischer (s.o.) durch Vergleich mit Augustinus, der in der Disposition und in Einzelheiten mit M. C. überein-etimmt, zu der Ansicht gelangt, daß beide aut Varros Discipl. B. II de dialectica zurückgingen; wo M. C. vom Kirchenvater abweicht, war nach Fischer Apuleius Περὶ ἐρμηνείας seine Quelle, welche Schrift ebenfalls zum Teil aufVarro beruht. In der Tat zeigt sich zwischen M. C. und Apuleius weitgehende Übereinstimmung (vgl. die Anm. von Dick und von Thomas), doch beweist sie noch nicht, daß jener diesen ausgeschrieben hat, wobei zu berücksichtigen ist, daß die Ansichten darüber, ob das Buch Περὶ ἐρμηνείας wirklich von Apuleius stammt, geteilt sind (s. Teuffel RLG III⁶ § 367, 7; Schanz RLGTU³ § 563; Schwabe o. Bd. II S.252; Dick Praef.XXVI A. 1; Bernhard 4 A. 8). Zugegeben, daß die dem Augustinus und M. C. gemeinsamen Lehren und Ausdrücke (es wird besonders das von Varro gebrauchte prolo-quium, bezeugt von Gell. n. a. XVI 8, 2 und Apuleius 772 ἐρμηνείας p. 177, 15 Th., hervorgehoben) auf Varro beruhen, so folgt daraus noch nicht unbedingt, daß er, zum mindesten von M. C., unmittelbar benutzt ist, und wenn dieser § 335 besonders rühmt, daß Varro die Dialektik nach Platon und Aristoteles 3m laiinam rocem pellexit und so ifandi possibUitatem per scholas Ausonias comparavit', so ist es doch recht zweifelhaft, ob derartiges aus Varro selbst oder nicht vielmehr aus der Einleitung eines späteren Abrisses entlehnt ist, der sich auf jenen stützte, wie wir Entsprechendes auch bei der Grammatik gefunden haben. Dick vermerkt zu § 355ff. ,ex Aristot. cat.‘ und zu § 3S8 ,Aristotelem relinquens alia pre-mit vestigia*: das darf natürlich nicht so verstau- [2010] Martianus (Capella) 2010
den werden, als ob M. C. selbst den Aristoteles benutzt hatte, vielmehr liegt, wie auch die Beispiele zeigen, eine nachciceronische und nachvergilische lateinische Quelle zugrunde, in der die Lehre des Aristoteles verarbeitet war; ob für M.C. selbst mit § 388 Quellenwechsel anzunehmen ist, steht dahin.
Viel deutlicher ist das Bild bei B. 5 De rhe-torica, denn hier stimmt der Abschnitt über die Elocutio (§ 508–537) fast wörtlich mit Aquila 0 Romanus De figuris sent, et elocut. (RhLM 24, 21ff.) überein, während der über die Argumen-tatio usw. (§ 557–562) sich größtenteils mit Fortunatians Ars rhet. II 23–31 (135, lOff.) deckt, zu der sich auch vorher schon manche Beziehung ergibt. Doch fehlt es auch nicht an Abweichungen, die es fraglich erscheinen lassen, ob M. C. wirklich von Fortunatian abhängt (so Te uf-fel und Schanz), oder ob nicht vielmehr beide dasselbe rhetorische Handbuch benutzt haben, >0 dessen Text Fortunatian in Frage und Antwort umgesetzt bat. Was die Einleitung des M. C. (§ 427–439) an Tatsächlichem enthält, kann wegen der Berücksichtigung von Plinius d. J. und Fronto nur aus einem frühestens im 2. Jhdt. geschriebenen Lehrbuch geschöpft sein. Von Varro fehlt jede Spur.
Dieser wird erst im 6. B. De geometria wieder genannt (§ 639 und 662), aber die Zitate stammen aus Plin. n. h. III 45 und IV 78, und über-30 haupt ist der ganze erste Teil des Buches, der der Geographie gewidmet ist (§ 593–703), aus Plinius und Solinus kompiliert (vgl. die Stellennachweisung bei Dick; ferner Lüdecke De M. C. 1. sexto, Gött. 1862 und Gött. Gel. Anz. 1867, 88), und zwar mit viel Oberflächlichkeit und Mißverständnis (Detlefsen Herm. XXXII 323). An Benutzung Varros ist nicht zu denken. Den Rest des Buches (§ 706–723; der Quellenwechsel wird wieder durch eine poetische Einlage angedeutet) 40 füllt ein knapper Abriß der Geometrie in unserem Sinne; eine bestimmte unmittelbare Quelle ist nicht nachgewiesen, die entsprechenden Euklid-steilen hat Dick vermerkt.
Das 7. B. De arithmetica bringt namentlich im zweiten Teile (§ 768ff.) euklidische Lehre, im ersten zeigen sich Beziehungen zu Nikomachos, Theo von Smyrna, Boethius und Macrobius im Somn, Scipionis. Aus welcher Quelle M. C. schöpfte, ist unbekannt; die paar Beziehungen zu Varro, 50 die Dick zu § 731 und 738/39 anmerkt, ergeben nicht das Geringste für die Benutzung von Varros 5. B. der Disciplinae, zumal es sich bei Gell. III 10, 1 um B. 1 der Hebdomades, bei Augustin. de c. d. VII 9 um den Curio De cultu deorum handelt. Daß M. C. P. Schmidt Zur Entstehung u. Terminologie der elem. Math., Leipz. 1906, 119, dem M. C. irrtümlich eine Übertragung der Arithmetik des Nikomachos zuschreibt, bemerkt Dick zu § 802; Cassiodor (bei Garet II 555) nennt nur 60 Apuleius und Boethius als Übersetzer (danach Isid. orig. III 2, der den Cassiod. ausschreibt). Nicht ausgeschlossen wäre, daß M. C. das verlorene Werk des Apuleius benutzt oder mitbenutzt hat, aber über bloße Vermutung ist dabei nicht hinauszukommen.
Ebenso ist bei dem 8. B. De astronomie (De astrologie in den Hss., s. Dick zu § 803) keine bestimmte Quelle zu bezeichnen, die von M. C. [2011] 2011 Martianus (Capella) ausgeschrieben wäre. Ein deutlicher Hinweis auf Varro findet sich in § 847 quidam Romanorum non per omnia ignarus mei (ein merkwürdiges Lob !) stetlas ab stando, sidéra a considendo. astra ab Astraea dicta fuisse commémorât, vgl. Cassio-dor. (II 560 Gar.) Varro libro quem de astrologia conscripsit (= B. 6 der Disciplinae) stellam commémorât ob stando dictam und Varro de l. l. VII 14 sidera quae quasi insidunt; dazu kommen noch ein paar schwächere Beziehungen zu: varronischer Lehre (s. Dick zu § 815 und 849. Eyssenhardt PraeL LVIff.), aber das reicht in keiner Weise aus, um eine unmittelbare Abhängigkeit des M. C. von Varros Disciplinae zu erweisen.
Was endlich das 9. B. De harmonia (die Überschrift ist sehr unsicher, sie steht nur in B am Rande, 21 AM geben De musica, LRß über' haupt nichts derartiges; s. Dick zu § 888) angeht, so war nach Deiters (Studien z. d. griech. Musikern, Posen 1887) für den einleitenden Ab- 5 schnitt (bis § 935) wahrscheinlich Varro die Quelle; in der systematischen Darstellung der Harmonik (§ 936–966) schrieb M. C. den Aristides Quintilianus aus, benutzte aber daneben noch ein späteres lateinisches Kompendium; in der Rhythmik zog er ebenfalls neben dem Griechen noch eine lateinische, vielleicht auf Varro zurückgehende Darstellung, wenn nicht Varro selbst, heran. Daß in der Einleitung in der Tat varronisches Gut enthalten ist, zeigt das Zitat 3 in § 928 in Lydia Nympharum insulas dici, quas etiam recentior asserentium Varrose vidisse testatur usw. (vgl. Varro r. r. 1Π 17, 4 und bei Cassiod. II p. 557 Gar. über die Wirkung der Musik), lehrt ferner die Bemerkung in § 924 psaltas cordaeistas sambucos hydraulasjper totum orbem ad commodum humanae utilitatis (humilit. Dick mit ß) inveni verglichen mit Cassiodor (S. 528). Varro dicit utilitatis alicuius causa omnium artium exstitisse principia. Vermut- 4( lieh beruht der ganze Abschnitt § 922–929 im wesentlichen auf Varros discipl. B. VII (Holzer Varroniana, Ulm 1890. Re eh De Varrone et Sueton. quaest. Auson., Halle 1916, 48), nur bleibt es fraglich, ob M. C. hier, im Gegensatz zu seiner aus den anderen Büchern zu erschließenden Gepflogenheit, zu Varro selbst gegriffen oder nicht vielmehr eine spätere Quelle benutzt hat, die sich in der Einleitung und vielleicht auch später hier und da (etwa bei der Bemerkung über die Drei-5C teilung des Lasos von Hermione in § 936 oder in der Lehre von den Pentachorden § 962ff.) auf jenen stützte. Es liegt nahe genug, an die lateinische Nebenquelle zu denken, die Deiters erschlossen hat – falls es sich überhaupt um eine Nebenquelle handelt, denn wenn M. C. von § 936 an auch weitgehend mit Arist. Quintil. übereinstimmt, so sind doch so viele, jenem fremde Stücke eingemischt (s. Dicks Anm.), daß man füglich zweifeln muß, ob M. C., der kein allzu-60 großes Verständnis für diese Dinge zeigt, selbst griechische und lateinische Quellen ineinandergearbeitet hat. An späteren lateinischen Schriften De musica hat es ja nicht gefehlt: Cassiodor (S. 557) nennt außer Apuleius auch Albinus als Verfasser einer solchen Fachschrift, und diese werden kaum die einzigen gewesen sein, die sich vor M. C. mit diesem Gebiet befaßt haben. Aus der Über- [2012] Martianus (Capella) 2012
einstimmung von M. C. 984 und 988 mit Isid. orig. I 17, ‘2–4 und 17 läßt sich unmittelbare Benutzung Varros weder für den einen noch für den andern erschließen.
Nimmt man das Ergebnis für die Bücher III –IX zusammen, so spricht alles dafür, daß M. C. zwar eine gewisse Kenntnis von Varros Enzyklopädie besessen zu haben scheint, daß er sich aber für sein eigenes Werk durchweg an spätere 10 Fachschriften gehalten hat, durch die ihm teilweise älteres Gut zugeführt worden ist. Aus solchen Quellen hat er seine Darstellung kompiliert und hat seine Vorlagen teils nacheinander ausgeschrieben teils ineinander gearbeitet; dabei ist ihm infolge unzulänglicher Stoffbeherrschung und oberflächlicher Arbeitsweise manches Mißverständnis unterlaufen und mancher Widerspruch entgangen, der sich bei dem eingeschlagenen Verfahren notwendig ergeben mußte.
!0 Benutzer und Erklärer. Außer Fulgen-tius (s. o.), der eine Stelle aus § 5 ungenau anführt und in seiner Sprache wie in der Anlage seiner Mitologiae und Virgiliana continentia unter Martians Einflüsse steht (s. Skutsch o. Bd. VII S. 218ff.), hat nur noch Isidor im Libernumerorum (Migne 83, 179ff.) c. 2–11 eine Anzahl Stellen aus B. VII (731–741) übernommen, aber seiner Gepflogenheit entsprechend seinen Gewährsmann nicht genannt. Die Abschnitte ,De nominibus‘ 0 und ,De verbis‘, die in den Ausgaben von Cassio-dors Enzyklopädie (de art. ac dise. lib. litter., bei Garet II 530f.) stehen, entsprechen M. C. III 305 –309 und 312–315, rühren aber nicht von Cassio-dor her, wie dessen Worte am Schlüsse des 1. Kapitels zeigen, sondern sind spätere Einlage, die im Cod. Bamb. H. I. IV 15 s. VII fehlt, sich aber schon im Cod. Wirceburg, f. 5 a s. VI1I/IX findet (GL VII 140f. 216 im App. er.; Garet entnahm sie einer Hs. von Mont St. Michel). Aus der Angabe Gregors) von Tour« Hist. Franc. 449, 14 Arndt quod si te, saeerdos dei, quicumque es, Martianus noster septem disciplinis erudiit, läßt sich entnehmen, daß das Werk schon frühzeitig für Unterrichtszwecke verwendet wurde. Besondere Berücksichtigung fand es im 9. Jhdt. bei den gelehrten irischen Mönchen im Westfrankenreiche: Dun-chad und Johannes Scotus schrieben Kommentare dazu, die, weil sie mancherlei Übereinstimmung zeigen, möglicherweise auf einen älteren I (irischen?) Kommentar zurückgehen. Mit Benutzung der Werke seiner eben genannten Lehrer verfaßte dann Remigius von Aurerre gegen Ende des Jahrhunderts seine breit angelegte Martian-erklärung, die in der Folgezeit das Feld beherrschte und u. a. dem sog. dritten vatikanischen Mythographen als ausgiebige Fundgrube diente (Raschke De Alberico mythogr., Bresl. phil. Abh. 45. Heft; das von Dick Praef. XV aus cod, L s. IX mitgeteilte Stück eines Martiankommen-tars beruht ebenfalls zum Teil auf Remigius). Näheres über diese Kommentare, ihre Hss. und darauf bezügliche Literatur bei Manitius LGDMAI 335ff. 513ff. 525ff. Übrigens nennt Remigius den M. C. auch in seinem Donatkommentar (ed. Fox 57, 23); ebenso wird er zitiert in den mit Remigius zusammenhängenden jüngerenPersiusscholien zu Prol. 1 (bei Kvicala Schob Prag, in Persii sat,, Prag. 1873, 7 und bei Kurz Die P.-Schol [2013] 2013 Martianus (Capella)
nach den Berner Hss. I S. 2), wo der Vers et fons ... cabalii (50, 17 Dick, der die Stelle nicht anführt) steht, und Iuvenalscholien zu VII 126 (M. C. V 426) und 208 (M. de hac re latixsime dis-putat dieens animas vernare in urnis, auf § 16–18 gehend?). Das Zitat bei Lact. Plac. zu Stat. Theb. I 265 (ed. Jahnke S. 32, 20 = § 191, mit/saeuw!) steht nur in den interpolierten Hss., gehört also nicht zum Kommentar. In den Gedichten 5–8 der Carmina Autissiodor. des Cod. Bern. 358 s. IX 1( (PL Med. Aev.IV 243ff.) werden Arithmetik, Musik, Astronomie und Geometrie im engen Anschluß an M. C. behandelt. Berücksichtigt wird er in der Exzerptsammlung des Hadoard (im Cod. Vatic. Begin. 1762 s. IX), benutzt vom Anonymus de situ orbis (um 870; Ausg. vonManitius) und vonBegino von Prüm (f 912) in seiner Abhandlung De harmonica institutione (im Cod. Lips. 995 s. X). Notker Balbulus in St. Gallen schließt sich in seinem Gedicht über die sieben freien Künste (PL Med. 2( Aev. IV 339ff.) eng an M. C. an, dessen beide ersten Bücher er in deutscher Sprache glossierte und übertrug (Cod. Sangall 872 s. XI, s. DickPraef. XX; Literatur bei Schanz BLG § 1084). Die eifrige Beschäftigung mit M. C. in den nächsten Jahrhunderten wird durch die große Zahl von Hss. des Werkes, einzelner Teile und Kommentare s. X–XIII erwiesen. Ein eifriger Benutzer war Osbern von Glocester (s. XII) in seiner ,Panormia* (Goetz S.-Ber. Akad. Leipz. 1903, 148; derselbe 3( war schon das. 1896, 87 der Ansicht von Zimmer entgegengetreten, daß M. C. eine Grundlage für die Hisperica famina gebildet habe). Johann von Salisbury (f 1180) zitiert den M. C. öfter. Ferner läßt sich sein Einfluß verfolgen im ,Anticlaudianus* des Alanus ab insulis (s. XII), im ,Hortus deli-ciarum* der Herrad von Landsberg (f 1195), weiterhin in plastischen Darstellungen der sieben freien Künste im 13. Jhdt, (Mâle, L’art religieux du XIIIe siècle, 1898, 102fi.) und schließlich in 4' Attavantes Illustrationen der Martianhs. der Bibl. Marc, in Venedig s. XV (Sandys A hist. of dass, scholarship 2 242ff. mit weiteren Literaturangaben; weiteres bei Dick Praef. XXIXff, und jetzt auch bei Mani tins Lit.-Gesch. d. Ma. II). Ein Abschnitt aus M. C. (VIII 838–846) ist auch in die Scholia Strozziana (im Cod. Laur, Strozz. 46 s. XIV, Vatic. Urb. 1358 s. XV) zu den Aratea des Germaniens aufgenommen (Germ. Ar. ed. Breysig 188, 22ff.). So hat M. C. mit seiner Enzyklopädie, die 5 im wesentlichen nur eine Kompilation aus spät-antiken Handbüchern ist, doch das ganze Mittel-alter beherrscht und einen Einfluß auf dessen geistige Bildung ausgeübt, der in sonderbarem Verhältnis steht zu der Unbedeutendheit und Unselbständigkeit des schreibseligen Sachwalters aus Karthago.
Über 1 iefernng πnd Ausgaben. Bei der Bolle, die M. C. im ganzen Mittelalter gespielt hat, ist es begreiflich, daß die Zahl der Hss., die 6 teile das vollständige Werk, teils nur einzelne Bücher enthalten, sehr groß ist. Becker (Catal. bibl. ant.) weist das Werk u. a. für das 9. Jhdt. in St Gallen,Freising, Lorsch, für das 10. Jhdt. in Bobbio, Cremona, Passau, Beichenau und Begens-burg nach, und auch für die nächsten Jahrhunderte ist es vielerorts festzustellen; es wird kaum eine größere Bibliothek gegeben haben, in der M. C. [2014] Martianus (Capella) 2014
gefehlt hätte, oft war er auch mehrfach vorhanden. Nur ein sehr geringer Teil der Hss., und zwar fast ausschließlich solche in deutschen, schweizerischen und holländischen Bibliotheken, ist bislang genauer geprüft und verwertet worden. Eyssen-hardt begnügte sich für seine Ausgabe (Leipz. 1866) mit folgenden drei Hss.: Cod. Bamberg. Mscr. class. 39 s. X (B), Caroliruh. LXXIII (aus Reichenau) s. X (R), Colon. 193 (zeitweilig in Darmstadt)) s. X/XI (D), obwohl er von zahlreichen anderen
Hss. Kenntnis hatte (s. Praef. XII 1ff.), denn er war der Meinung, daß aus ihnen nichts herauszuholen sei, was über seine Codices hinausführte. Dick hat seine neue Ausgabe (Leipz. 1925) auf eine breitere handschriftliche Grundlage gestellt, indem er neben BR (D war ihm nicht zugänglich!) noch folgende Hss. heranzog: Cod. Bern. 56 b s. X ex. (ß), früher im Besitz von Bongars (daher vermutlich aus Fleury stammend); Leid. 36 s. X (A) 1 und Leid. 88 s. XI in. (Λ), beide von Meibom (s. u.) benutzt (bei ihm Cod. A = Dicks A, Cod. B = 4); Leid. 87, nach Dick s. XI, aber da von Erzbischof Egbert von Trier einem Kloster (Egmond vermutet Manitius Phil. Woch. 1925, 543) geschenkt, sicher noch s. X (L), am Schlüsse unvollständig; Monac. 14 729 (früher St. Emmeram in Regensburg gehörig) s. XII (M); dazu noch für die betreffenden Bücher die nur diese enthaltenden Hss.: für B. I und II Cod. Basil. F. V. 17 s. XI 1 (0) und Monac. 4559 s. XI (D), für B. I. II.
IV. VII (unvollst.) Bern. 331 s. XII (y), für B. IV Monac. 14 401 s. X/XI (F) und 22 292 s. XII (S), endlich für B. VI und VII Monac. 14 070 s. XI (C), aus dem korrigierten R abgeschrieben und nur da von Wert, wo R unleserlich ist; schließlich führt Dick noch den Basil. F. V. 40 s. XIV/XV, Sangall. 872 β. XI, die Monac. 14 792 F. 4 s. XI, 14 271 s. XIII, 628 s. XHI/XIV (aus M. abgeschrieben) und die Ambros. M 37 s. XIII und F. 113 sup. 0 s. XIII/XIV an, von denen vier nur B. I und II enthalten, die aber alle wertlos sind. Nach Hss. s, IX scheint sich Dick nicht umgesehen, sich auch um andere in der Literatur verzeichnete ältere Hss. nicht weiter gekümmert zu haben (Cantabr. Coll. Corp. Chr. s. IX post., Paris 8669 s. IX, Vatic. Reg. 1987 s. IX/X, 1535 s. X, Paris 7900 A s. X u. a.). Auch für die Aufhellung der Überlieferungsgeschichte hat Dick nicht viel getan; er begnügt eich mit der Feststellung, daß ß und A 0 vermutlich aus einer Vorlage stammten, ebenso
B und R, denen L besonders nahe stände, daß die Korrekturen in B (mit b bezeichnet) auf eine mit ß verwandte gute Hs. zurückgingen, endlich daß Λ vielleicht ein .exemplum Hibernici (?) origi-nis a vulgata recensione aliquantum recedentis' sei und eine besonders bevorzugte Stellung einnähme, auch mit einem von Grotius benutzten Kodex öfter übereinginge. Leider ist D i c k hierbei stehen geblieben und hat weder das Verhältnis dieser 0,irischen¹ Überlieferung zur ,Vulgata' weiter untersucht, noch aus der Erkenntnis von dem besonderen Werte von Λ die nötigen Folgerungen gezogen (außer im 9. B., wo er nach Meiboms Vorgang die Hs. stärker bevorzugt hat); vielmehr hat er sich vorzugsweise auf ß gestützt und glaubt, wo ß A und B R zusammengingen, nur aus zwingenden Gründen von ihrer Lesart abweichen zu dürfen. Eine Prüfung des App. crit. läßt aber unschwer [2015] 20x5 Martianus (Capella)
erkennen, daß ß D (was übrigens auch Dick nicht entgangen ist) häufig bedenklich interpoiiert sind. Eine methodische Auswertung der Hss. hätte überall das als erstes Ziel verfolgen müssen, den Wust mittelalterlicher Verbesserungsversuche beiseite zu räumen und soweit als möglich zum Archetypus vorzudringen, von dessen wenn auch noch so verderbtem Text jeder Wiederherstelhingsversuch aus-gehen muß; dabei wäre vor allem zu ermitteln gewesen, auf welche Schriftart des Archetypus, die sich entweder in allen Hss. oder in den zuverlässigsten Vertretern findenden Verlesungen und Verschreibungen zurückführen lassen, um so einmal das Alter der gemeinsamen Quelle zu ermitteln und Wegweiser für die Emendation zu gewinnen. Fehler wie 58, 7 eantes i. oaritas, 53, 15 onerata f. op-, 55, 22 separat f. rep-, 68, 16 triples i. trist-, 711, 9 isaeum f. lyaeum (so hat wohl M. C. flüchtig für richtiges Lyeaeum geschrieben, vgl. dissoluit) in allen Hss. – um nur i ein paar Beispiele herauszugreifen – lassen doch wohl keinen Zweifel (zumal wenn man die sonstigen Buchstabenvertauschungen und besonders die oft sehr unsichere Wortabteilung hinzunimmt), daß alle verwerteteten Hss. auf eine mittelalterliche Quelle, anscheinend in insularer Schrift (vgl. auch die vom Korrektor von D beseitigten ursprünglichen Abkürzungen, bei Dick Praef. XIV), zurückgehen, die sich erst etwa im Laufe des 9, Jhdts. geteilt hat (zur Gruppe RB dürften auch die beiden 3 Vatic. Regin, gehören, wie die Proben bei Eyssen-hardt Praf. XIVf. vermuten lassen). Daß der Text des Archetypus in übler Verfassung war, ergibt sich auch aus den vielen kleinen und mehreren größeren Lücken, die alle Hss. aufweisen; erwähnt sei besonders der von Halm festgestellte Ausfall am Ende von § 522, wo § 1–6 des im folgenden ausgeschriebenen Aquila Romanus vermißt werden, und der Verlust des Endes von B. VIII, den Petersen bemerkt hat (s. Dick4( zu § 887). Daß bei solcher Sachlage sich der kritischen Bearbeitung des Textes große Schwierigkeiten entgegenstellen, ist klar, namentlich bei einem Schriftsteller von der sprachlichen Eigenart, wie sie M. C. aufweist; um so notiger ist es, daß zur methodischen Behandlung der Hss. auch die Auswertung aller sonstigen Hilfsmittel hinzukommt. Leider läßt auch hier die neue Ausgabe zu wünschen übrig: von Manitius (Philol. Woch.
1925, 542ff.) und Barwick (Gnom. 1926, 182ff)50 ist darauf hingewiesen worden, daß Dick die Benutzer des Werkes, Isidor im Liber numerorum, die Carmina Autissiodor. (PL Med. Aevi IV 1, 249ff.) und den Anon. de situ orbis nicht ohne Nachteil außer acht gelassen und die von M. C. benutzten Quellen, wie Aquila Romanus und das Schriftchen De flnalibus, nicht voll ausgeschöpft hat. Der Benutzer der Ausgabe, auf die man voraussichtlich für lange Zeit angewiesen sein wird, dürfte gut tun, dies alles zu berücksichtigen, 60 ebenso aber auch, daß die sonst überaus dankenswerte Sammlung der Parallelstellen nicht ganz vollständig ist und daß die vielfachen Hinweise auf die von M. C. benutzten Quellen immerhin der Nachprüfung bedürfen (s. o.). Von älteren Ausgaben seien noch erwähnt: die Editio princeps Vicenza 1499 (teilweise den Hss. ßA sehr nahestehend, ob aber A selbst benutzt ist, erscheint [2016] Martmianns
2016
recht fraglich); die Ausgabe des Vulcanius, Basel 1577 (die Vulgatausgabe), die des Hugo Grotins, Leiden 1599 (mit scharfsinnigen, mitunter aber auch fehlgehenden Emendationen; wichtig durch Benutzung einer Λ nahestehenden guten Hs.) und die von U. Kopp, Frankfurt a. M. 1836 (ihr Wert beruht nur auf den Anmerkungen, die manches Brauchbare enthalten). Von Teilausgaben sind zu nennen die des 9. Buches von Meibom 10 in seinen Musicae script, ant, Amsterdam 1652,
II 165Æ (dazu Notae 339ff.) und die des 5. Buches von Halm in den Rhet. lat. min., Leipz. 1863, 449ff., beide jetzt durch Dicks Ausgabe überholt. Daselbst Praef. XXffi ein Verzeichnis der Literatur zu M. C. (zu ergänzen: Fröhner Philol. Suppl. V 53ff.).