RE:Grammatik

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Beschäftigung mit Sprache als Wissenschaft
Band VII,2 (1912) S. 17801811
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Grammatik.

I. Die Griechen.

Untersuchungen über den Ursprung, das Wesen und die Formen der Sprache, was wir heute im engeren Sinne unter G. verstehen, begegnen uns verhältnismäßig erst spät bei den Griechen, und zwar waren es nicht nur ursprünglich, sondern auf die Dauer von fast zwei Jahrhunderten vorwiegend rhetorisch - stilistische oder logischdialektische Erwägungen, welche der sprach-। wissenschaftlichen Forschung zugrunde lagen. Es fällt uns heute schwer, uns eine bereits durch großartige literarische Schöpfungen ausgezeichnete Kulturepoche vorzustellen, die weder eine systematische Formenlehre noch überhaupt eine fixierte grammatische Terminologie besaß. Es war daher eine wissenschaftliche Tat allerersten Ranges, als man sich etwa im letzten Drittel des 5. Jhdts» in Hellas und zwar, soweit unsere Kenntnis reicht, zum erstenmale in der Kulturgeschichte des Menschen, der Erforschung der Sprache zuwandte. Mögen auch die ersten Versuche einen recht dilettantischen Charakter getragen haben, so ist dennoch die griechische G. als Wissenschaft im Laufe der Zeit auf eine so feste empirische Basis gestellt worden, daß sie länger als anderthalb Jahrtausende kanonisches Ansehen genoß. Speziell ihre Terminologie hat sich mit unwesentlichen Modifikationen durch die Vermittelung des Lateinischen bis auf den heutigen Tag behauptet.

Unsere Kenntnis der geschichtlichen Entwicklung ist aber bis zum Erscheinen des kleinen Büchleins des Dionysios Thrax, im 2. Jhdt. v. Chr., worin uns ganz plötzlich, wie aus einer dunklen Tiefe, ein fertiges, wenn auch keineswegs in allen Teilen einwandfreies System entgegentritt, infolge des fast gänzlichen Verlustes der Originalquellen, höchst mangelhaft. Denn was uns die Späteren, wie Varro, Quintilian, Gellius, Apollo-nios Dyskolos, Herodian, Augustin. Sextus Émpi-ricus, die Kommentare zu Dionysios Thrax, des Proklos zu Platons Kratylos, des Ammonioe zu Arist. περὶ ἔρμ., ferner die lateinischen Grammatiker, vor allem Priscian, über die Anfänge und Entwicklungsphasen berichten, entbehrt gar zu oft der nötigen Klarheit und. historischen Zuverlässigkeit. Was eich im allgemeinen darüber feststellen läßt, möge im folgenden kurz dargelegt werden. [1781] Der Ruhm des Archegeten auf dem Gebiete der grammatischen Forschung gebührt zweifellos dem größten der Sophisten, Protagoras von Abdera (ca. 481–411). Seine Untersuchungen waren vermutlich in einer Schrift betitelt περὶ ὀρθότητας τῶν ὀνομάτων (vgl. Plat. Crat. 391b) oder περὶ ὀρθοεπείας (Plat. Pliaedr. 267 c), falls dies nicht nur ein Teil seiner Ἀλήβεια war (vgl. Diels Vor-sokrat.2 II 534, 9), niedergelegt. Nur weniges ist uns aus diesem epochemachenden Werke überliefert. Arist. rhet. III 5 p. 1407 b schreibt ihm die Unterscheidung der drei grammatischen Genera zu (τὰ γένη τῶν ὀνομάτων διήρει, ἄρρενα καὶ ὑήλεα καὶ σκεύη). Im engsten Zusammenhang mit dieser Entdeckung steht augenscheinlich die Beobachtung des Protagoras, daß die Endungen der Substantiva nicht immer im Sprachgebrauch das den Dingen von Natur zukommende Genus bezeichnen, und er scheute sich nicht, weitgehende Konsequenzen aus dieser Anomalie zu ziehen. Vgl. Arist. soph. elench. XIV p. 173b, 17 (Diels a. a. O. II 535) σολοικισμὸς ἔστι δὲ τούτο καὶ ποιεῖν καὶ μὴ ποιονντὰ φαίνεσθαι καὶ ποιοῦντα μὴ δοκείν, καδάπερ 6 Πρωταγόρας ἔλεγεν, εἰ ὁ μήνις καὶ δ πήληξ ἄρρεν ἐστιν' δ μὲν γὰρ λέγων ,ὀνλομένην* σολοικίζει μὲν κατ ἐκείνον, ου φαίνεται δὲ τοῖς ἄλλοις, δ δὲ ,ὀνλόμενονθ φαίνεται μὲν, ἄλλ' ὅν σολοικίζει. Protagoras scheint also der Meinung gewesen zu sein, daß Dinge oder Eigenschaften, die naturgemäß dem Manne besser anstehen, wie Zorn und Waffen, auch grammatisch masculini generis sein müßten, und da auch sonst im Griechischen Wörter auf ἴς, ἴος (z. B. δ χάλις, φάλκίς, ἄρτις, κίς, γλάνις, δ ἡ οἷς) nicht ausnahmslos weiblich sind, so glaubte er umso eher in einem Falle wie μήνις und vermutlich in anderen, die jener Doktrin widersprachen, nur Sprachfehler rügen zu müssen. Was πήληξ ,Helm‘ im besonderen betrifft, so mag immerhin, nach einer plausiblen Vermutung vod Gomperz (Griech. Denker 12 354), noch die weitere Erwägung hinzugekommen sein, daß die einzigen anderen maskulinen Worte auf ‘ (nämlich ὕωραζ, πόρπαξ, στνραξ) sämtlich auf Kriegsrüstungen sich beziehen. Protagoras war, wie sein Homo-censura-Standpunkt zeigt, entschieden Relativist; wenn er daher in der erwähnten Weise den Usus loquendi als inkonsequent zu meistern versuchte, so war das allerdings ein unhistorisches Verfahren, aber es beweist, und dies ist für die Geschichte der G. das Wichtige, daß er sich die Sprache eben nur durch menschliche Vereinbarung und nicht von Natur aus entstanden dachte. Wir dürfen somit schon bei Protagoras den Keim jener großen Streitfrage konstatieren, die unter verschiedenen Schlagwörtern, wie θέσει und φύσει, Analogie und Anomalie, Jahrhunderte lang die antiken Sprachforscher in zwei große, feindliche Lager spalten sollte (s. u.). Einen wie verblüffenden Eindruck diese scheinbar an der Oberfläche liegenden und und doch so völlig neuen Gedanken auf die Zeitgenossen machte, zeigt die köstliche Persiflage des Aristophanes (Wolken 659–692), der, wie die alte Komödie überhaupt, bekanntlich oft nur das konservative Urteil des Laienpnblikums wiederspiegelt. Wenn, wie dies mit Recht allgemein angenommen wird, der Komiker speziell jene [1782] neoterischeit Beobachtungen des Protagoras int Auge hatte (vgl. z. B. das berühmte Schlagwort des Sophisten in v. 679 ὀρθώς γὰρ λέγεις und Plat. Phaedr. 267 c), so werden wir auch in dem Vorschlag ἀλέκτωρ (so übrigens schon Pind. Ol. XII 4. Aesch. Ag. 1656) Und ἀλεκτρύαινα, statt wie bisher doppeltgeschlechtig ἀλεκτρυῶν, zu bilden, nicht eine geniale Parodie, sondern eine zufällig nicht bezeugte, aber vom Standpunkt des 10 Protagoras durchaus konsequente und tatsächlich gestellte Forderung erblicken dürfen. Wenn ferner Aristophanes sich darüber Iustig macht, daß der Nominalvokativ auf ~a eine weibliche Endung ergibt (v. 684–691), so müssen wir auch hier wohl annehmen, daß Protagoras auf solche scheinbar anomalen Flexionsformen aufmerksam gemacht hat. Auch die Tempora soll er nach einer kurzen, allerdings alleinstehenden Notiz des Diog. Laert.X 9, 52 (πρώτος μέρη χρόνου διώρισε) unterschieden haben 20 und nach demselben (X 9, 53) διεῖλέ τε τὸν λόγον πρώτος εἰς τέτταρα, εὐχωλήν, ἐρώτησιν, ἀπόκρισης ἐντολήν... οὐς καὶ πυθμένας εἰπὲ λόγοιν. Aus Quint. inst. III 4, 10 Protagoran transeo, qui interrogandi, respondendi, mandandi, precandi quod εὐχωλήν dixit f partes solas putat, geht zwar hervor, daß diese Einteilung sich in erster Linie auf die rhetorischen Genera causarum bezog. Anderseits zeigt aber doch Arist. poet. 19 p. 1456 b, 15 τὶ γὰρ ἄν τις ὑπολάβοι ἠμαρτήσύαι, a Πρωταγόρας ἐπίτιμό,, ἄτι ἐνχεσύαι οἰόμενος ἐπιτάττει εἰπῶν ,μήνιν ἄειδε θεάθ τὸ γὰρ κελενσαιθ γησί, ποιεΤν τὶ ἡ μή, ἐπίταξίς ἐστιν, daß darin die Verbalmodalitäten (Optativ, Konjunktiv, Indikativ und Imperativ) bereits implicite enthalten waren, mögen diese dem Protagoras auch noch nicht klar als terminologisch zu fixierende, syntaktische Kategorien zum Bewußtsein gekommen sein.

Auf Protagoras folgt sein großer Landsmann 40und erheblich jüngerer Zeitgenosse Demokri-tos. In dem von Diog. Laert. IX 48 überlieferten Schriftenverzeichnis befinden sich auch folgende Titel: Περὶ ρυθμῶν καὶ ἀρμονίης, Περὶ καλλοσύνης ἐπέων, περὶ εὐφώνων καὶ δυσφώνων γραμμάτων, 'Ὀνομαστικῶν (sic) und περὶ ρημάτων ,Wörter¹. Über die erst genannten läßt sich nichts mehr ermitteln, doch scheint es sich hauptsächlich um phonologische und metrische Untersuchungen gehandelt zu haben, wie 50solche besonders auch für Hippias bezeugt sind; vgl. Plat. Hipp, maior p. 285 b ἐκείναου ἀκριβέστατα ἐπίστασαι ἀνθρώπων διαιρειν, περὶ γὲ γραμμάτων δυνάμεως καὶ συλλαβῶν καὶ ρυθμῶν καὶ ἀρμονιῶν. Hipp. min. 368 b. Phaedr. 267 a. Ob dem Sophisten die Priorität zukommt, läßt sich nicht entscheiden, da Platon bekanntlich den Demokrit nie erwähnt. Aus der Schrift Περὶ ρημάτων hat uns aber Proklos zu Platons Crat. (Diels a. a. O. I 395) eine höchst interessante 60Notiz erhalten, aus der wenigstens so viel hervorgeht, daß Demokrit, wie Protagoras, sich zu der Ansicht bekannt habe, daß τύχη ἄρα καίφύσει τὰ ὀνόματα, entgegen der angeblichen Behauptung des Pythagoras oder vielmehr seiner Schule. Falls auf den Bericht des Proklos Verlaß ist, hat Demokrit seine Theorie über den Ursprung der Sprache wie folgt zu erweisen gesucht: θέσει λέγων τὰ ὀνόματα διὰ τεσσάρων ἐπὶχειρημάττον [1783] τούτο κατεσκεύαζεν 1) ἐκ τῆς ὀμωνυμίας, denn wäre die Sprache φύσει, so könnte nicht ein und dasselbe Wort verschiedene Be-•deutung haben*); 2) ἐκ τῆς πολυωνυμίας, denn verschiedene Worte bezeichnen oft dasselbe; 3) ἐκ τῆς τῶν ὀνομάτων μεταθεσεως, ein ursprünglicher Name würde bei Annahme der φύσειHypothese nicht mit einem anderen vertauscht werden, wofür Proklos als Beispiele Platon und Theophrast anführt, die früher Aristokles, bezw. Tyrtamon geheißen hätten **); endlich 4) spricht gegen jene Theorie, daß es für manche Dinge noch keine Namen gebe (ἐκ δὲ τῆς τῶν ὄμοιων ἐλλείφεως, νώνομον), denn man bilde zwar z. B. von φρόνησις φρονεῖν, aber zu δικαιοσύνη fehle das entsprechende Verbum, was für eine Sprache, die φύσει oder νόμῳ oder gar θεφ sei (Plat. Crat. 384d. 425d), so wird Demokrit etwa geschlossen haben, doch ein undenkbares Testimonium paupertatis ergäbe. Diese Beweisführung läßt freilich manches zu wünschen übrig (vgl. dazu Gomperz a. a. O. I² 317ff. 458), aber schon die Polemik gestattet keinen .Zweifel darüber, daß Demokrit eine Hypothese hier nicht zum erstenmal aufstellt, sondern daß die Frage bereits Gegenstand lebhafter Erörterung pro et contra geworden war (vgl. auch Xen. mem. III 14, 2). Sonst wird uns, grammatische Dinge betreffend, von Demokrit nur noch berichtet (Eustath. zu II. III 1 = Diels frg. 19. 20), daß er γέμμα, wie die Ionier, und μω, statt γάμμα und μυ gesagt, ferner, daß er die Buchstaben des Alphabets dekliniert habe (δελτατος, βήτατος), während sie sonst ἄκλιτα seien. Doch war dies letztere gewiß nur eine stilistische Marotte, die den Schluß, es habe Demokrit schon über die κλίσεις ὀνομάτων Untersuchungen angestellt, kaum rechtfertigt.

Aus dem Gesagten geht nun auch hervor, daß die Behauptung des Favorinus bei Diog. Laert. III 25, daß Platon πρώτος ἐθεώρησε τῆς γραμματικῆς τὴν δύναμιν den Tatsachen nicht ganz entspricht; doch besitzen wir immerhin in dem Dialog Kratylos, den Favorinus wohl hauptsächlich im Auge hatte, die ausführlichste und tiefsinnigste Behandlung sprachwissenschaftlicher Probleme, die uns aus dem Altertum erhalten ist; auch werden dieselben Fragen gelegentlich im Theaitet, Euthydem und Sophistes berührt. In jenem Dialog nun dreht sich bekanntlich die Untersuchung wiederum speziell um die Frage, ob die Sprache φύσει entstanden sei, dies die Ansicht des Kratylos (383a), oder ἀέοει, wie Hermogenes behauptet (384 d ὅν γὰρ φύσει ἐκάατω πεφυκέναι ὄνομα ὄνδεν ὀνδενί, ἄλλα νόμω καὶ ἔθει τῶν ἐθισάντων τε καὶ καλούντων). Sokrates-Platon sucht in eingehender Beweisführung die «pvaa-Theorie als richtig zu erweisen, obwohl am Schluß des Dialogs eine mehr vermittelnde

  • ) Daß in dem Spruch des Herakleitos (Diels I frg. 48) τῷ ovv τάξω ὄνομα βίος, ἔργον δὲ (nämlich βιός) θάνατος dieses Argument nicht schon antizipiert ist, beweist die antithetische Fassung.
  • **) Wir haben hier vielleicht einen Finger-«if» daß Proklos die Originalschrift des Demokrit nicht mehr vor sich gehabt hat..

[1784] Stellung, wie sie später namentlich Epikur (Diog. Laert. X 75) und. LucretiusV 1027ff. vertreten, eingenommen wird. Da Namen nach Platon durchaus die lautlichen Nachahmungen des Wesens der Dinge sind, so kann die Bedeutung der Worte nur durch eine Analyse der sie bildenden lautlichen Elemente, d. h. der Buchstaben und Silben, erkannt werden, und so findet denn auch Platon in der Etymologie die beste 10 Antwort auf jene Präge. Diese Etymologien - das Wort selbst kommt nicht vor Chrysippos vor - bilden nun den Hauptteil des Dialogs. Sie sind mit etwa sechs Ausnahmen (Πλουτων 403 a, Ἄθης ebd., Ἀφροδίτη 406 c, Παλλάς 406 d, αὐνεσις 412 a, βουλή 420 c) sämtlich von einer, man möchte sagen - grandiosen Unrichtigkeit, so daß fast alle Gelehrten darin nur eine Parodie oder beabsichtigte Karikatur sophistischer Irrlehren erblickten, da man derartige Entglei-20 sungen einem Platon nicht wohl zutrauen mochte.

Diese Ansicht hält aber einer vorurteilslosen Kritik nicht stand. Zunächst muß im allgemeinen bemerkt werden, daß das Etymologisieren überhaupt zu allen Zeiten auf Griechen wie Börner eine ebenso unwiderstehliche Anziehungskraft ausgeübt hat, wie etwa das Licht auf die Motte und mit gleich verhängnisvollem Resultat. Ja man kann, ohne Widerspruch zu gewärtigen, getrost den Satz aufstellen, daß für 30 das gesamte Altertum graphische und phonetische Ähnlichkeit das untrüglichste Kriterium für etymologische Verwandtschaft abgab. Hätte Platon seine Vorgänger - man pflegt jetzt in Ermangelung besseren Wissens besonders auf Antisthenes zu raten - ad absurdum führen wollen, so hätte ein so unerreichter Parodist unbedingt diese seine Absicht doch etwas deutlicher durchblicken lassen, als dies im Kratylos tatsächlich der Fall ist. Im 40 Gegenteil charakterisiert den ganzen Dialog, trotz zahlreicher Beispiele Sokratischer Ironie, die bei Platon nie fehlen, eine wohltuende Bonhomie, ein auffallender Mangel an jener polemischen Schärfe, die mit einer Satire, wie sie z. B. im Protagoras, Gorgias und Euthydem zu Tage tritt, sich nicht vereinbaren läßt. Es kommt hinzu, daß auch andere Stellen, wo jede Ironisierung ausgeschlossen ist, wie z. B. Phaedr. 244b; rep. II 369 c, den Beweis liefern, daß Platon diesem 50 Sirenengesang der Wortbedeutung⁴ sich nicht hat entziehen können. Endlich müßte selbst Arist. eth. Nic. VI 5 jene angebliche Persiflage vollständig verkannt haben, da er allen Ernstes eine der lächerlichsten Etymologien dem Kratylos direkt entlehnt hat (411 e ὀωφροούνη ὡς ὀώζουαα τὴν φρόνησιν)) ' Wenn also von den rund 120 Etymologien des Kratylos nur sechs richtig erraten sind, so ist das eben dem Umstande zuzuschreiben, daß bessere ebensowenig einem Platon, wie 60 den Stoikern oder dem Varro, zu Gebote standen. Über den Kratylos vgl. besonders Ben-fey Über die Aufgabe des platon. Dialogs Kratylos, Abhdl. Goett. Gesellsch. der Wiss. XII 1866, 189–330. SteinthalGesch. der Sprachwissenscb. 12 41–114. J. Kirchner Die verschiedenen Auffassungen des platon. Dialogs Kratylos, Progr. Brieg 1892. 1893. 1897. Bosenstock Platos Kratylos und die Sprachphilosophie der Neuzeit, [1785] Progr. Straßburg 1893. Jowett Einleit, zur engl. Übersetzung 1871, und Uber die etymologischen .Studien im Altertum überhaupt Lersch Sprachphilosophie der Alten III. Hecht De ety-mologiis apud poetas Graecos obviis, Diss. Königsberg 1882. Reitzenstein s. o. Bd. VI S. 807 –817; Gesch. d. griech. Etymol., Leipzig 1897; Varro und Joh, Mauropus v. Euchaita, Leipzig 1901. F. Müller De veterum, imprimis Romanorum, studiis etymologicis I 268ff., Utrecht 1910; andere 10 Literatur bei Gudern an Grundr. der Gesch, d, klass. Philol. 2 1909, 18, 1.

Was sich sonst bei Platon über G. findet, ist bereits bei Stob. flor. III 14–16 M. gesammelt. Es ist nicht eben viel und von keiner besonderen Bedeutung oder Originalität. Die Scheidung der Buchstaben (στοιχεία) in Vokale (φωνθτά) und Konsonanten (ἄφωνα, Liquidae und ὁ; ἄφωνα καὶ ἄφθογγα, Mutae), die Zusammensetzung der Worte aus Silben und einige lautphysiologische Beob- 20 achtungen waren schon vor Platon längst bekannte Dinge und Gegenstand eifrigen Studiums gewesen (Crat. 424 c ol ἔπιχειρονντες τοῖς ρυ$μοις τῶν στοιχείων - οὐτωσὶ γὰρ που λέγουσιν οἱ δεινοὶ περί, τούτων). Die einzigen von ihm erwähnten Redeteile δνομά und ρήμα haben sich noch nicht zu den festen grammatischen Termini von Nomen und Verbum kristallisiert, sondern sind, nicht nur im Kratylos, sondern noch in den spätesten Dialogen, wie dem So- 30 phistes und Timaios, Bedeutungsschwankungen unterworfen. So ist Διὶ φίλος ein ρήμα, Δίφιλος aber ein ὄνομα (Crat. 339 b), und im Sophist. 261 e. 262 d, wie auch durchgängig im Kratylos, entsprechen ὄνομα und ρήμα durchaus unserem Subjekt und Prädikat, den zu einem Satze (Id/oç) notwendigen Elementen, was mit Unrecht von Steinthai in Abrede gestellt wird (a. a. O. I² 141). Im Crat. 421b ist ἀλήθεια ein ρήμα, und ebenso τί im Sophist. 237 d, ja im Tim. 49e 4( gelten τοῦτο und τόδε als ρήματα und gleich darauf als ὀνόματα] Endlich findet sich bei Platon zwar eine Bezeichnung der grammatischen Tempora (Sophist. 262 c δ λόγος ὀηλοὶ περὶ τῶν ὄντων ἡ γιγνομένων ἡ γεγονότων ἡ μελλόντων), doch hatte er darin in Hom. Il. I 70 ὃς ἤδη τὰ τ ἐόντα, τὰ τ ἐσσόμενα, πρὸ τ ἐόντα oder, wenn man dies nicht gelten lassen will, jedenfalls in Protagoras einen Vorgänger, der, wie wir gesehen (S. 1782), die μέρη χρόνου zuerst schied. Letz- 51 teres Wort hat übrigens bei Platon nie einen technisch-grammatischen Sinn, auch mag es dahingestellt sein, ob das doppelte Präsens, das übrigens die Späteren einstimmig verworfen haben, auf Platons eigenes Konto zu setzen ist. Auch der Akzent (προσφδία), der von der Musik auf die Worte übertragen wurde, wird gelegentlich bei Platon erwähnt (Crat. 399 b ὀςεῖα = Akut, βαρεία Gravis); daß der Circum flex (περὶ ὀπωμένη) fehlt, ist wohl nur zufällig. Von der Erkenntnis des gram- 6 matischen Numerus oder des Activum und Pas-sivum finden sich bei ihm noch keine sicheren Spuren.

Aristoteles hat, trotz des enzyklopädischen Zugs, der ihn in so hervorragender Weise aus-zeichnet, scheinbar der G. kein tiefgehendes oder dauerndes Interesse zugewandt. Dennoch zeigt er sich mit grammatischen und [1786] sprachwissensçhaftlichen Problemen wohl vertraut, und die verhältnismäßig wenigen Äußerungen, die wir von ihm darüber besitzen, stellen namentlich in Bezug auf die genauere Terminologie und präzisere Passung der Begriffe einen nicht geringen Fortschritt über Platon dar. Was die Frage nach dem Ursprung und. dem Wesen der Sprache anbelangt, so erklärt er kategorisch φύοει τῶν ὀνομάτων οὐδέν ἐστιν (π. ἔρμ. 2), was teils psychologisch, teils logisch begründet wird. Da die Naturlaute nur Zeichen (σύνολα) gewisser Bewegungen der Seele seien (παθήματα τῆς ψυχῆς), so müßten, wenn mit dem Laut das Wort gegeben wäre, alle Menschen dieselbe Sprache reden, das sei aber notorisch nicht der Fall (π. ἔρμ. 1 ὤσπερ οὐδὲ γράμματα notât τὰ αὐτά, οὐδὲ φωναὶ αἱ αὐταί), daher ist der λόγος eine φωνὴ σημαντικὴ κατὰ συνθήκην und kein ὄργανον (c. 4), wie das z. B. Platon behauptet hatte. Was die μέρη τῆς λέξεως betrifft, so scheint Aristoteles (π. ἔρμ. 1) zunächst nur die zwei bekannten, ὄνομα und ρήμα, anzunehmen, die sodann in den folgenden Definitionen, wie fast gleichlautend in der Poet. 20, dadurch differenziert werden, daß dem letzteren allein der Begriff der Zeit zugewiesen wird. Wenn, wie die Beispiele zeigen (ὑγίεια und ὑγιαίνει), Nomen und Verbum ganz deutlich als grammatische Redeteile auftreten, so sind in der rhet. III 2 und der top. VI 11 (andere Stellen bei Bonitz Index Arist. s. v.) doch wieder beide als Satzteile betrachtet, obwohl Aristoteles bereits für Subjekt und Prädikat eigene Termini besitzt (Ὑποκείμενον und κατηγορούμενον, s. Bonitz a. a. O.). Mit anderen Worten, noch dem Aristoteles sind ὄνομα und ρήμα nicht ausschließlich gleichbedeutend mit Nomen und Verbum. Zu den ὄνομα und ρήμα treten, für uns zuerst bei Aristoteles, als dritter Redeteil σύνδεσμος, die Konjunktion und Partikel, entgegen (vgl. Bonitz s. v.). Die Poetik (c. 20) fügt diesem noch ἄρθρον (Artikel und Demonstrativpronomen) hinzu. Wenn nun Varro de l. l. VIII 4, 11 und nach ihm die Späteren (siehe die Testimonia bei Goetz-Schoell zu Varro a. O.) dem Aristoteles ausdrücklich nur zwei Redeteile, vocabula et verba, ut homo et equus et legit et eurrît, zuschreiben, so mag dies von den zwei Satzteilen auf die Rede irrtümlich übertragen worden) sein. Größere Schwierigkeiten hat das Zeugnis des Dionys (de comp. verb. 2; de vi Demosth. 48 = Quint. inst. 1, 4, 18) gemacht, der bei Aristoteles, Theodektes und ihren Zeitgenossen nur drei Redeteile anerkennt, während das ἄρθρον erst den τῆς Στωικῆς αἰρέσεως ἠγεμόνες bezw. τοῖς περὶ Ζήνωνα als vierter Redeteil verdankt werde. Die meisten (so noch Sandys Hist. Class. Scholarship I² 98) glaubten den unleugbaren Widerspruch dadurch zu beseitigen, daß Osie die Stelle in der Poetik für interpoliert erklärten, obwohl ein Anlaß zu einer solchen Interpolation schlechterdings nicht vorliegt. Andere, wie Classen, Lersch und ähnlich Vahlen (Beiträge zur arist. Poet. III 233f.), vermuten, dem Dionysios habe eine andere rhetorische Schrift des Aristoteles (z. B. die θεοδέκτεια) vorgelegen. Anderseits versuchen Vahlen und ihm folgend Steinthai die Angabe in der [1787] Poetik dadurch illusorisch zu machen, daß sie in ἄρθρον lediglich einen terminologischen Ersatz für σύνδεσμος erblicken, eine Auffassung, die aber im Wortlaut der Stelle keine Stütze findet. Die Aporie löst sich doch wohl am einfachsten durch die Annahme, daß dem Rhetor, oder vielmehr seinem Gewährsmann, unsere Poetik nicht bekannt war, finden sich doch bis zum Beginn unserer Zeitrechnung, mit etwaiger Ausnahme der Rhetorik und Topik, überhaupt nur geringe Spuren einer Kenntnis der esoterischen Schriften des Aristoteles. Vgl. auch Cic. top. 3 qui ab ipsis philosophas praeter admodum paucos igno-raretur. Was uns sonst von grammatischen Beobachtungen, sei es eigenen oder fremden, bei Aristoteles begegnet, ist fast ausschließlich in der Poet. 20. 21 und περὶ ἐρμηνείας enthalten. In der Poet. 20 werden nun folgende μέρη λέξεως auf gezählt: στοιχεῖον, συλλαβή, σύνδεσμος, ὄνομα, ρήμα, ἄρθρον, πτώσις, λόγος und mit jener ί analytischen Schärfe, die wir bei Aristoteles gewöhnt sind, definiert.

Für das einzelne muß auf Vahlen a. a. O., Steinthal II 2 252–271 und auf Bywaters Kommentar z. St. verwiesen werden. Hier sei nur bemerkt, daß πτώσις, ,Flexion, Fall', das uns zuerst bei Aristoteles begegnet, ein noch sehr vieldeutiger Begriff ist und so ziemlich jede Wortableitung bezeichnet, incl. der Tempora und Modi. Nur das Präsens des Verbums gilt dem 3 Aristoteles nicht als πτώσις τὸν ρήματος, ebenso wie sein Gegenstück κλήσις nur den Nominativ des ὄνομα bedeutet. Termini für Casus und Numerus kennt aber Aristoteles noch nicht, obwohl ihm beide als πτώσεις ὀνομάτων gelten; vgl. Poet. 20 ἡ μὲν τὸ κατὰ τὰ τούτον (genet.) ἡ τούτω (dativ.), σημαίνουσα ... ἡ δὲ τὸ κατὰ τὸ ἐνί (singulär.), ἡ πολλοῖς (plural.), otov ἄνθρωποι ἡ ἄνθρωπος und anal. I 36 p. 48, 39 Bif.; top. V 4. Neben σκεύος, der Protagoreischen Bezeichnung des4( Neutrums, kommt bei Aristoteles auch μεταξυ vor und zwar mit der Begründung, daß nicht alle σκεύη auch die Endungen des Neutrums haben, wie z. B. δ ἀσκός und ἡ κλίνη (Sophist, elench. XIV 173 b, 27ff.), aber gerade diese Beobachtung der Inkongruenz hatte, wie wir sahen, Protagoras zu seinen reformatorischen Vorschlägen veranlaßt, so daß der Ausdruck μεταξυ, ebenso wie das stoische οὐδέτερον, die Schwierigkeit nicht beseitigt, sondern umgeht. Auch die in der50 Poetik versuchte Unterscheidung der Nomina nach den Endungen entspricht nur teilweise dem empirischen Tatbestände (vgl. Vahlen und Bywater z. St.). Betreffs der Lautlehre, die Aristoteles ganz der G. vindiziert ( γραμματικὴ πάσας θεωρεὶ τὰς φωνάς, Metaph. III 2. 1003 b, 20), ist trotz mancher subtilen Erörterungen bei Aristoteles kein nennenswerter Fortschritt zu konstatieren und, obwohl er in der G. ein wichtiges Bildungsmittel erkannt hatte (Pol. VIII 3, 1003 b, 60 25 ἡ γραμματικὴ καὶ ἡ γραφικὴ χρήσιμοι πρὸς τὸν βίον), hat weder er selbst noch die peripa-tetische Schule überhaupt, auch Theophrast nicht, diese Disziplin weiter ausgebaut.

Diese Errungenschaft ist ein Ruhmesblatt der Stoa. Der Bau, den sie errichtet, ist erst durch die moderne vergleichende Sprachwissenschaft unterminiert und zu Fall gebracht worden. [1788] Über die Entwickelungsetappen sind wir, wie bereits hervorgehoben, fast gänzlich im Dunklen und im wesentlichen auf die stark zusammengeschrumpften Notizen angewiesen, die Diog. Laert. in seiner Darstellung der stoischen Lehre, besonders in der Einleitung zum Leben des Zenon, uns erhalten hat. Daneben zeigt uns das kleine Büchlein des Dionysios Thrax den Bau in seiner Vollendung, Unser übriges Wissen beruht 10 auf gelegentlichen Mitteilungen in sekundären (meist lateinischen) und oft schon getrübten Quellen; im Wortlaut ist uns keine einzige, antik stoische Schrift über grammatische Dinge, so zahlreiche Titel wir auch, namentlich von Chry-sippos kennen, überliefert. Außer dem eben Genannten scheinen besonders Diogenes von Babylon oder Seleukeia (s. o. Bd. V S. 773ff.) und sein Nachfolger Antipatros von Tarsos (o. Bd. I S. 2515) die bedeutendsten Vertreter der stoi-Ï0 sehen grammatischen Forschung gewesen zu sein-, noch erheblich früher war, wie W. Schmid Philol. LXIX (1910), 440–442 wahrscheinlich macht, der Stoiker.Ariston von Chios, der Lehrer des Eratosthenes, auf diesem Gebiete - erfolgreich tätig gewesen. Nach Diog. Laert. VII 55–58 scheint nun die Lautlehre besonders von Diogenes von Seleukeia in einem Werke περὶ φωνῆς allseitig begründet worden zu sein. Wie bereits Aristoteles schieden die Stoiker die inartikulierten 0 Tierlaute von den artikulierten Lauten des Menschen. Falls letztere aufgezeichnet werden (ἔγγραμμος), entstehe das Wort (λέξις), dessen Elemente insgesamt aus 24 Buchstaben (στοιχειά) bestehen. Vokale (φωνήεντα) gäbe es sieben (a, ἐ, ἡ, t, ὁ, ω, v) und sechs Konsonanten (ἄφωνα, ß γ δ π κ τ), wo die ἠμίφωνα, die ja bereits Aristoteles kennt, wohl nur durch die Flüchtigkeit des Exzerptors übergangen sind. In Betreff der Redeteile selbst sind die älteren Stoiker über) die vier Aristotelischen (ὄνομα, ρήμα, σύνδεσμος und ἄρθρον) noch nicht hinausgegangen, Chry-sippos erreichte fünf (Diog. Laert. VII 192 Περὶ τῶν πέντε πτώσεων und περὶ προσηγορικῶν 2Β.), indem er ὄνομα schlechthin als Nomen proprium faßte und es von dem Nomen appellativum (δνομὰ προσηγορικόν), Mensch, Pferd, unterschied (Diog. Laert. VII 57, nach Diodes Magnes, und Prisc. gramm. II 54, 8). Neben diesen Zeugnissen kommt alen, der dem Chrysippos ὄνομα, ρήμα, πρόθεσις, ἀρΌρον, σύνδεσμος zuschreibt (Stoic. vet. frg. II 148 Arn.) nicht in Betracht. Antipatros von Tarsos fügte μεσάτης (Adverbium) hinzu, weil es begrifflich dem Verbum, der wandelbaren Form nach aber dem Nomen angehöre. Andere Stoiker zogen dafür die Bezeichnung πανδέκτης vor (Char, gramm. I 190, 24. 194, 20); beide Termini sind später durch ἐπίρρημα verdrängt worden. Zu den ἄρθρα rechneten die Stoiker auch das Pronomen, wie Apoll, de pron. 4 p. 5, 13 Sch. und nach ihm Prisc. gramm. II 54, 12. III 492, 11 u. ö. bezeugen. Wie schon der von Aristarch herrührende Name ἀντωνυμία (Apoll, a. O. 1 p. 1, 12) zeigt, wurde das Pronomen in direkte Beziehung zum Nomen gebracht; τὰς ἀντωνυμίας ἄποζευξαντες ἀπὸ τῶν ὀνομάτων sagt Dionys. de comp. verb. 2, der also hier demselben Gewährsmann folgt, welcher dem Aristoteles nur drei Redeteile, ohne ἄρθρον, zuschrieb. [1789] Dionysodoros von Troizen zog den Namen παρονομασία, Tyrannion σημείωσις vor (Apoll, a. a. O.), doch drangen diese Benennungen nicht durch. Wenn es bei Apollonios am Schlüsse heißt καὶ Ἀπολλόδωρος δ Ἀθηναίος καὶ δ Θράξ Διονύσιος καὶ ἄρθρα δεικτικὰ τὰς ἀντωνυμίας ἐκάλεσαν, so sieht dies ganz wie ein späterer Zusatz aus; jedenfalls trifft die Behauptung für die uns vorliegende τέχνη des Dionysios nicht zu. Ähnliche Diskrepanzen finden sich auch sonst. So behauptet Prisciau (H 54, 11), entgegen der bestimmten Angabe des Diog. Laert. (s. o.), daß die Stoiker auch das Adverbium (μεσάτης) nicht für einen unabhängigen Redeteil hielten, sondern quasi adiediva verborum nominabant, während doch gerade das Adjektiv (ἐπίθετον) nie eine permanente Stelle unter den kanonischen μέρη λόγον behauptet hat. Die Stoiker haben ferner die κλήσεις ὀνομάτων, die πτώσεις ρημάτων, die διαθέσεις (Genera verborum), die Tempora sorgfältig untersucht und schematisiert (vgl. Diog. Laert. VII 64 und R. Schmidt a. a. O. 62ff.), nur bei den Modi läßt sich dies nicht mehr beweisen, so unwahrscheinlich es auch ist, daß sie gerade dieses Verbalverhältnis vernachlässigt haben sollten. Ein geradezu unsterbliches Verdienst hat sich aber die Stoa um die grammatische Terminologie erworben, die mit wenigen Modifikationen in die τέχνη des Dionysios Thrax aufgenommen wurde, dann, wie bereits erwähnt, durch die Vermittlung des Lateinischen samt offenkundigen Übersetzungsfehlern, so genetivus und aacusativus (γενική und αἰτιατική) statt generalis (so Priscian) und causa-tivus, auf uns sich vererbt haben.

Ein satzbildendes Verbum, transitiv oder intransitiv, mit persönlichem Subjekt nannten die Stoiker ein σύμβαμα oder κατηγόρημα (Σωκράτης περίπατε?, Τρύφων φιλεί), ein unpersönliches Verbum mit einem obliquen Kasus παρασύμβαμα oder παρακατηγόρημα (Σωκράτει μεταμέλεί), verlangte das Verbum ein Objekt, so hieß es ἔλαττον ἡ κατηγόρημα (Πλάτων Δίωνα φιλεί), das absolute Intransitivum hingegen ohne Dativ ἔλαττον ἡ παρασύμβαμα (μεταμέλεί).

Von diesen und ähnlichen Betrachtungen zu einer wirklichen Syntax war zwar nur ein kleiner Schritt, aber da diese doch in erster Linie logisch-dialektischen Zwecken dienten und namentlich bei Chrysippos in unfruchtbare Subtilitäten ausarteten, so war dies für einen wissenschaftlichen Fortschritt auf dem Gebiete der Syntax bei den älteren Stoikern wenigstens nicht günstig.

Wahre Orgien feierte aber die Stoa in der Etymologie. Chrysippos allein verfaßte zehn Bücher περὶ ἐτυμολογικῶν. Die Methode ist uns besonders aus Augustin de dialectica bekannt (s. Funaioli a. a. O. 282), dessen Darlegung doch wohl in der Hauptsache auf die uns verloren gegangenen Bücher von Varros de lingua latina zurückgeht, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß vielleicht ähnliche Erörterungen über denselben Gegenstand in den disciplinarum libri enthalten waren. Auf die Einzelheiten kann hier nicht eingegangen werden (vgl. dazu Stein-thal, Reitzenstein, F. Müller in den oben bereits erwähnten Werken). Es genüge hier, zwei wichtige Zeugnisse, ein kürzeres und ein [1790] längeres, für den etymologischen Standpunkt der Stoa ‘anzuführen. Orig. c. Cela. I 24 νομίζουσι οἱ ἀπὸ τῆς Στοάς φύσει (sc. εἶναι τὰ ὀνόματα) μιμούμενων τῶν πρώτων φωνῶν τὰ πράγματα καθ ὧν τὰ ὀνόματα, καθὸ καὶ στοιχειὰ τινὰ ἐτυμολογίας εἰαάγουσιν und. Augustin a. a. O. Stoiei aut amant nullum esse verbum cuius non certa explieari origo possit... tamdiu quaerendum esse, donee perveniatur eo, ut res eum sono verbi aliqua similitudine coneinat, ut eum di-eimus aeris tinnitum, equorum hinnitum... haec verba ita sonare, ut ipsae res quae his ver-bis significantur. sed quia sunt res quae non sonant, in his similitudinem taetus valere... haee quasi cunabula verborum esse erediderunt, ubi sensus rerum eum sonorum sensu coneor-daret. Wo auch dies nicht ausreichte ad abu-sionem ventum, ut usurpetur nomen non rei similis, sed quasi vicinae. Diese vicinitas late Spatel et per multas partes secatur. Augustin zählt deren sechs auf: 1. per effieientiam (foedus a foeditate porci); 2. per effecta (puteus quod eius effectuai potatio est creditur dictus); 3. per id quo continetur (urbs von orbis); 4. per id quod continet (horreum von hordeum, gnutata Utter a‘); 5. durch Metonymie und zwar a parte totum (mucro für gladius) oder a toto pars (papü-lus quasi capitis pilus). Wo es unentschieden ist, ob similitudo oder vicinitas der Etymologie 30 zugrunde liegt, folgt (6) progressio usque ad contrarium (κατ' ἀντίφρασιν), wie lucus quod minime luceat, bellum quod res bella non sit, foedus quod res foeda non sit. Gegen diese pseudo-wissenschaftlichen Lehren scheinen die alexandrinischen Grammatiker protestiert zu haben. Deren Argumente hatte aller Wahrscheinlichkeit nach Varro im ersten Buch von de lingua lat. gesammelt. Vgl. VII 109 in primo volumine est quae dicantur, cur ἐτυμολογική neque ars sit neque ea utilis sit, während im zweiten der entgegengesetzte Standpunkt der Stoa, dem er selbst zugeneigt ist, dargelegt wurde. Doch ist er, wie dies bei unselbständigen Forschern ja meist der Fall ist, Eklektiker und unhaltbaren Kompromissen ergeben, s. u. Die ganze Nichtigkeit dieser etymologischen Verirrungen haben, von dem gleich zu nennenden Philoxenos abgesehen, von Späteren wohl nur zwei erkannt, Galen in seinem verlorenen Werke περὶ ὀνομάτων ὀρθότητος, wie 50 aus de Hipp, et flat. dogm. 2, 2 erhellt: ἀλαζῶν ἔστι μάρτυρ ἡ ἐτυμολογία,.. περὶ τῆς ἐγω φωνῆς ἔπεδειξα τὸν Χρύσιππον ἔτυμολογουντα ψευδώς und Sext. Emp. adv. math. I 11, obwohl dessen Argumente an Beweiskraft viel zu wünschen übrig lassen. Einen positiven, wissenschaftlichen Fortschritt über die stoische etymologische Methode scheint im Altertum aber einzig und allein Philoxenos, ein Zeitgenosse des Varro, angebahnt zu haben, indem er an Stelle der proteusartigen 60 Zusammensetzungstheorie der Stoa eine Wurzelableitungstheorie zu setzen suchte. Sie hat aber gegen die herrschende Anschauung nicht durchdringen können, wenigstens sind nur ganz radische Mitteilungen über dieses der Wahrheit so nahe kommende System uns Überliefert. Vgl. H. Kleist De Philoxeni ... studiis ctymologicis, Greifswald 1865. Reitzenstein Griech. Etym. 339–347; M. T. Varro u. Joh. Mauropus 81-88. [1791] F. Müller a. a. O. 73–77. Funaioli a. a. O. p. XI. 443–446.

Bei dem Streite, ob die Sprache φύσει oder θέσει (ξννῦήκθ) sei, hatte es sich, wie wir sahen, vornehmlich darum gehandelt, inwieweit das Wort und der zu bezeichnende Gegenstand kongruent seien. In der Etymologie, die aas ἔτυμον (,Wahre') oder die Wurzelbedeutung klarlegen sollte, glaubte schon Plato den Schlüssel zur Lösung des Problems gefunden zu haben. Diese Untersuchungen, so unwissenschaftlich und irrig ihre Resultate auch waren, mußten aber dennoch immer mehr die Aufmerksamkeit auf die empirische Tatsache lenken, daß die Worte in ihrer Bildung und ihrem - Gebrauch zahlreiche Anomalien oder Inkonsequenzen aufwiesen, die eine Erklärung erheischten. Wer nun die Sprache als etwas von der Natur Gegebenes betrachtete, konnte nicht wohl umhin, die Anomalie als das in der Sprache selbst herrschende Prinzip anzuerkennen, obwohl eine solche Annahme in Wahrheit auf jede wissenschaftliche Erklärung a limine Verzicht leistete. Dieser Theorie huldigte nun aber nicht nur C hry-sippos in einer Reihe von Schriften (περὶ τῆς συνήθειας, περὶ τῆς κατὰ τὰς λέξεις ἀνωμαλίας), sondern auch die späteren Grammatiker stoischer Provenienz, insbesondere die Pergamener, an ihrer Spitze Krates von Mallos. Nach Varro de 1.1. IX 1 suchte Chrysippos an dem gewöhnlichen Sprachgebrauch (ἀννήῦεια, eonsuetudo) zu zeigen, daß similes res dissiniilibus verbis et dissimiles similibus esse vocabulis notâtes. Gegenüber diesem Prinzip der Anomalie vertraten nun die alexandrinischen Grammatiker, vor allem Aristo-phanes und Aristarch, den Standpunkt der Analogie, und zwar legten sie, wie es scheint, das Hauptgewicht auf die Deklinationsformen, ohne aber in diesen oder in der Konjugation die Existenz jeglicher Unregelmäßigkeit zu leugnen (vgh Varro de l. l. X 74 analogie est verhör um similium declinatio similis non répugnante consuetudine eommuni). Doch während die Anomalisten nur mehr negativ die Opposition vertraten, machte Aristophanes den Versuch, die Nomina unter fünf bestimmte Normen (zardwi), zu denen Aristarchos eine sechste fügte, zu bringen. Diese sollten das Kriterium abgeben, inwiefern zwei Nomina als analog zu betrachten sind (vgl. Varro de l. l. X 21. Char, gramm. I 117). Da die Gegner aber prinzipiell jede Analogie bestritten und jenen Kegeln, wie begreiflich, nicht alle anomalen Erscheinungen sich fügten, so kam es schließlich in dem Streit der Schulen dazu, daß sie sich gegenseitig nicht mehr verstanden (vgl. Varro de l. l. IX 1 ut neutrius videatur pervidisse vo-luntafem), eine Beobachtung, die übrigens auch auf Varro und die Spateren zutrifft, was denn zur Folge hatte, daß die ganze Streitfrage im Sande verlief. Über die stoische G. im allgemeinen vgl. Lersch a. a. O. R. Schmidt De Stoicorum grammatica, Halle 1839 (grundlegend). Schömann Die Lehre von den Redeteilen nach den Alten, Berlin 1862. Steinthai II² 71–160. 279–374. 354–361. Wachsmuth De Cratete Mallota 8ff. Suse mihi Gesch. der alex. Lit. II 7-9,anderes bei Gudeman a. a. O. 47.

Nach einer kurzen Aufzählung der Redeteile, [1792] deren Zahl, nach Quintil. inst. I 4, 18 parum eonvenit, fährt derselbe fort: alii tarnen ex idoneis dumtaxat auetoribus. octo partes (sc; orationis) secuti sunt, ut Aristarehus et aetate nostra Palaemon, qui vocabulum sive appella-tionem (προσηγορία) nomini subiecerunt tarn· quam speeiem eius (ygl. Dionys. Thrax p. 23, 2), ui ii, qui aliud nomen, aliud vocabulum fadunt (so zuerst Chrysippos, s. o.) novem. Aus der ganzen übrigen Ausführung, die wohl Palaemon und nicht Dionys de comp. 2, wie allgemein angenommen, entlehnt ist, da dort Aristarch nicht erwähnt wird, geht deutlich hervor, daß man auch über die Urheber und die Zeit der Hinzusetzung der weiteren Redeteile uneinig war. Dionysios Hal. a. O. schreibt, wie wir sahen (S. 1788), den τῆς Στωικῆς αἰρέσεως ἠγεμόνες nur vier Redeteile zu. Sodann fährt er fort οἱ μεταγενέστεροι τὰ προσηγορικὰ διελόνζες ἀπὸ τῶν ὀνομαζικῶν πέντε ἀπεφήναντο τὰ πρώτα μέρη. Da dies wahrscheinlich zuerst von Chrysippos geschehen ist, dieser ἠγεμῶν der stoischen Sekte aber unmöglich unter deh μεταγενέστεροι verstanden werden kann, so sieht man, daß Dionysios einer trüben, jedenfalls nicht stoischen Quelle folgt oder vielmehr diese sehr flüchtig exzerpierte. Nach dem Pronomen (s. o.), so hören wir weiter, οἱ δὲ τὰ ἐπιρρήματα (adverbia) οἰελόντες ἀπὸ τθν ρημάτων καὶ τὸς προθέσεις (praepositiones) ἀπὸ τῶν συνδέσμων καὶ τὸς μέτοχός (participia) ἀπὸ τῶν προσηγορικῶν, οἱ δὲ καὶ ἄλλας τινὸς προσαγαγόνες τομὸς πολλά (man merkt die Ungeduld des Rhetors, sich auf diese Dinge überhaupt einzulassen) τὰ πρώτα μόρια τῆς λέξεως ἐποίησαν. Als die acht Redeteile des Aristarch und seines Schülers Dionysios Thrax ergeben sich daher folgende: ὄνομα, ρήμα, μετοχή, ἀρῦρον, ἀντωνυμία, πρόῦεσις, ἐπίρρημα, σύνδεσμος. Aristarch hatte demnach die Chrysippeische Scheidung der Eigennamen und Appellativa wieder aufgegeben, ob er aber zuerst das Partizipium und die Präposition hinzugefügt, läßt sich nicht erweisen, wenn auch die Notiz des Priscian (II 548, 6), daß Tryphon die μετοχή zuerst vom Verbum getrennt habe, zweifellos irrig ist. Daß die später kanonische Zahl aber alexandrinischen, nicht stoischen Ursprungs ist, dürfte vielleicht auch in folgender Erwägung eine gewisse Stütze finden. Die zehnte der Platonischen Fragen des Plutarch 50 lautet: D ἰὸ τὶ Πλάτων εἰπὲ τὸν λόγον ἐξ ὀνομάτων καὶ ρημάτων κεράνννοθαι ; und es wird in kasuistischer Beweis Führung der gänzlich mißlungene Versuch gemacht, zu zeigen. daß Platon die übrigen Redeteile zwar gekannt, sie aber als von geringerer Bedeutung absichtlich ignoriert habe. Habe doch bereits Homer II. I 185 in dem Verse αὐτὸς ἰῶν κλισίηνδε τὸ σον γέρας ὄψο ευ εἰδῆς alle Redeteile vereinigt (vgl. auch XXII 59 πρὸς δὲ μὲ τὸν δύστηνον ἔτι φρονέοντ ἐλέησαν, wo der Scholiast bemerkt σημειωτέον ὅτι τὸ ὀκτω μέρη τοῦ λόγου ἔχει δ στίχος). Da Dun die Annahme der Allwissenheit Homers echt stoisch ist, die Stoiker aber keinerlei Anlaß haben konnten, ihre eigenen Entdeckungen zu verlangen, indem sie diese schon dem Homer zuschrieben, wohl aber ihren alexandrinischen Gegnern vor-znhalten, daß deren grammatische Neuerungen diesen Namen nicht verdienen, so hätten wir [1793] hier eine weitere Spur jener Polemik, die auch sonst zwischen den Grammatikern der perga-menisch'en und alexandrinischen Schule ‘Hinreichend bezeugt ist: Vgl. Suidas s. Ἀρίσταρχος. Herodikos bei Athen. V 222 A. Bibaculus bei Suet. gramm. 11. Gell. N. A. II 25, 4. Doch sei dem, wie ihm wolle, mit der τέχνη des Dionysios Thrax, eines Schülers des Aristarch, hat die antike G., insbesondere die Laut- und Formenlehre, einen gewissen Abschluß erreicht, und es dürfte wohl kaum ein zweites Schriftwerk ähnlichen Umfangs geben, das sich mit dem Einfluß, den jenes kleine Büchlein ausgeübt hat, auch nur entfernt messen könnte. Der Fortschritt der späteren τεχνικοί bestand im wesentlichen in der Erweiterung des empirischen Beobachtungsmaterials, die zu einer genaueren Feststellung der Flexionsschemata und der proso-dischen, wie orthographischen Regeln und Gesetze führte. Der epochemachenden Bedeutung des Werkes entsprechend sollen hier die Grundzüge der τέχνη, mit Weglassung der Definitionen, die schwerlich in ihrer ursprünglichen Fassung uns überliefert sind, und anderen Beiwerks vorgeführt werden. Über die unbegründeten Zweifel an seiner Echtheit und sonstige Kontroversen und Probleme vgl. außer den bereits genannten Schriften besonders die Standard - Ausgabe von Uhlig, Leipzig 1884; dens. Heidelberger Gymn. Progr. 1881; Heidelberger Festschrift zur 36, Philol. Versamml., Karlsruhe 1882. Cohn o. Bd. V S. 979-983.

I. 1. Über die Grammatik und ihre Teile (s. u.).

2. Περὶ ἀναγνώσεως.
3. Περὶ τόνον (Akzente).
4. Περὶ στιγμῆς (Interpunktion).
5. Περὶ ραψωδίας.
6. (7b) Περὶ στοιχείου (Buchstaben): φωνήεντα (ά, ἐ, ἡ, ί, ὁ, υ, ω), δίφθογγοι (eu, ἄν, εἰ, ἐν, οἱ, ὅν), σύμφωνα (eonsonantes) die übrigen, von denen acht ἠμίφωνα (ζ, ξ, ψ, λ, μ, v, ρ, σ), neun ἄφωνα (β, γ, δ, κ, π, τ, θ, φ, χ) sind. Von diesen wiederum sind die ersten drei μέσα (mediae), die zweiten ψιλά (tenues), die übrigen δασέα (aspirataé), λ, μ, v, ρ sind ἀμετάβολα oder ὑγρά (liquidae); vgl. hierzu besonders Dionys. Halic. de compos. verb. 14.
7. (8b) Über die Endungen der Nomina.
7.-10. Περὶ συλλαβῆς (lang, kurz, anceps). -

II. 11. Περὶ λέξεως (Satz), deren acht Teile angegegeben werden. 12. Περὶ ὀνόματος: 1) γένη: ἀρσενικόν, γλυκόν, οὐδέτερον, auch κοινόν und ἐπίκοινον (ἄρρην, ζήλεια, σκεύος (μεταξυ)); 2) εἰδή: πρωτότυπον (primitiva species, Γή) und παραγωγόν (derivativum), deren es sieben sind: πατρωνυμικὸν (Πηλείδης), κτητικόν (possessivum, Πλατωνικόν), συγκριτικόν (comparativum), ὑπερθετικόν (superlativum), ὑποκοριστικόν (deminuti-vum), παρώνυμον (denominativum, θεῶν von θεός), ρηματικόν (verbale, Φιλήμοθν von φιλεῖν); ³) ὀχήματα ὀνομάτων: ἀπλοῦν (simplex, Μέμνων), σύνθετον (compositum, Ἀγαμέμνων), das aber, je nachdem die kompositionbildenden Wörter für sich allein stehen können, viererlei ist (Χειρίσοφος, Σοφοκλῆς, Φιλόδημος, Περικλῆς), παράσύνθετον (decompositum, Ἀγαμεμνονίδης); 4) ἀριθμοί (numeri): ἐνικός, δυῖκός, πληθυντικός, denen sich die ἐνικοὶ χαρακτήρες καὶ κατὰ πολλῶν λεγόμενοι (coUectivum, δῆμος), πληθυντικοὶ κατὰ Ἐνικῶν τε καὶ δυῖκῶν (pluralia tantum, Ἀθήναι, ἀμφότεοοι) anschließen; vgl. Arist. rhet. III 5 [1794] πολλα καὶ [ὀλίγα (Dual? fehlt Poet. c. 20) καὶ ἐν und ChrysippOS περὶ τῶν ἐνικῶν καὶ πληθυντικῶν 6 Bücher, wohl die Anomalie im Gebrauch der Numeri behandelnd; 5) Πτώσεις [casus): ὀρθή, auch ὀνομαστική, εὐθεία [nominativus, casus rechts, simplex), γενική, auch κτητική, πατρική [genetivus (Quintilian), patrius, patricus, pater-nus, communis, possessions), δοτική auch ἐπισταλτική [dativus (Quintilian), commendativus), αιτιατική [accusativus, incusativus, causativus), κλητική auch προςαγορευτική [vocativus, saluta-torius). Der stoische Terminus πλάγιαι πτώσεις [obliqui casus) fehlt bei Dionysios Thrax, ist aber den späteren Grammatikern wieder ganz geläufig; 6) die Arten der Nomina sind 24 oder vielmehr nur 23, da die letzte μετουσιαστικόν eine spätere Interpolation ist: κύριον [nomen proprium), προσηγορικόν (appellativum), ἐπίθετον [adiectivum), πρὸς τὶ ἔχον (πατήρ, υἱός), ὡς πρὸς 20 τὶ ἔχον [‌νύξ, θάνατος), ὀμώνυμον [Αἰας ὁ Τελαμώνιος), συνώνυμον (ἄορ, ξίφος, μάχαιρα, σπάθη, φάσγανον), φερώνυμον (Μεγα,πένθης), διώνυμον [Ἀλέξανδρος oder Πάρις), ἐπώνυμον [‌Ἐνοσίχθων 6 Ποσειδῶν), ἐθνικόν [gentile, Φρνξ), ἐρωτηματικόν [interrogativum, τις, ποιος), ἀόριστον (indeßni-tum, ὄστις, ὄποιος), ἀναφορικόν auch ὀμοιωματικόν, δεικτικόν, ἀνταποδοτικὸν [ἀναφορικόν, relati-vum, similitude, demonstrativum, redditivum. τοιοῦτος), περιληπτικὸν [ἀθροιστικόν, eollectivum), 30 ἐπιμεριζόμενον [distributivum, impertitivum, ἐκάτερος), περιεκτικόν [comprehensivum, δαφνῶν, παρθενῶν), πεποιημένον (onomatopoetisch, facti-eium, factum a sono, φλοίσβος, ροῖζος), γενικόν [generale, ζώον, φυτόν), ἰδικόν oder εἰδικόν [spéciale, βοῦς, ἴππος), τακτικόν [ordinale, πρώτος), ἀριθμητικόν [numérale, eardinalia), ἀπολελυμένον [absolutum, θεός, λόγος). Endlich werden dem Nomen auch die verbalen διαθέσεις [affectionnes), nämlich ἐνέργεια [aetivum) und πάθος 40 (passivum) zugeschrieben [‌κριτῆςκρίνων, κριτός

ὁ κρινόμενος). - III. 13–14. Περὶ ρήματος. Acht Teile: 1) ἐγκλίσεις [πτώσεις ρηματικαί))6ΪΤ)ῖοnys. Hal. de comp. verb. 6 modi, qualitativ status, inelinatio): ὀριστική [indicativus, definitiv us), προςτακτική [imperativus), εὐκτική (optâtivus), ὑποτακτική [subiunctivus), ἄπαρεμφατος (inßniti-tivus) ; vgl. Tryphon περ t ἀπαρεμφάτων καὶ προστακ τικώνκαί εὐκτικῶν καὶ ἀπλώς πάντων; 2) διαθέσεις (verborum généra, significationes): ἐνέργεια, πά5θθ;, μεσάτης (Stoiker: ὀρθόν, transit, activ., ὕπτιον (supinum ἀκούομαι, also eigentlich dem Deponens entsprechend), οὐδέτερον (intransit.); nach Dionysios Hal. ἐνεργητική, παθητική, μεσάτης (incl. des zweiten Perfekts), ἀντιπεπονθὸς [κείρεσθαι); 3) εἰδή: πρωτότυπον [ἄρδω) und παραγωγὸν (ἀρδεύω), s. ὁ.; 4) σχήματα (figuras): ἀπλοῦν [simplex, φρονω), σύνθετον (compositum, καταφρονω), παρασύνθετον [decompositum, φιλιππίζω) ; 5) ἀριθμοί: ἐνικός, δυῖκός, πληθυντικός; 6) πρόσωπα (personae): πρώτον, δεύτερον, τρίτον; 7) χρόνοι [tempora): ἐνεστώς, παρεληλυθώς, μέλλων [ἐνεστώτα, παρωχηκότα, μέλλοντα -, vg]. auch Plat. Soph. 262c. Arist. top. Π4, s. o.). Die Vergangenheit zerfallt in παρατατικόν [imper-feetum), παρακείμενον [τέλειον, perfectum), ὑπερσυντέλικόν (plusquamperfectum), ἀόριστον; 8) περὶ συζυγίας (eoniugaiw), nach Akzenten geordnet: βαρύτονα [6 bezw. 7, L h.: Verba mit [1795] dem Charakter: a) ß, ψ, π, πτ; h) mit γ, κ, χ, κτ; c) mit Ö, θ, w; d) mit ζ, σσ; e) mit λ, μ, v, ρ; Η Verba nura; fff) mit ξ, ψί - περισπομιενά (drei: A subαλsub, subο)λsub 2 subελsubῖς‘ λήγονται denen drei auf letztere, eine auf βαρύτονα zurückgeführt werden. - IV. 15. Περὶ μετοχές (partieipium) teilt alle Formen des nomen und verbum mit Ausschluß der πρόσωπα und ἐγκλίσεις. - V. 16. Περὶ ἄρθρου, hat généra, numeri und casus, und ist teils προτακτικόν (d) oder ὑποτακτικὸν (δς). - K VI. 17. Περὶ ἀντωνυμίας (pronomen personale) hat folgende Akzidentien: personae, genera, numeri, figurae, species, und zwar gibt es ἀπλαὶ (ἐμου) und σύνθετοι (ἐμαυτου); andererseits sind sie πρωτότυποι (primitiv a, ἐγω) oder παραγωγοί (derivativa, ἠμείς, davon ἤμετερος), endlich ἀσύναρθροι (ἐγω) oder σύναρθροιἐμός). - VII. 18. Περὶ προθέσεως (praepositio). Sechs sind einsilbig: ἐν, εἰς, ἐξ, σὺν, πρό, die nicht in Anastrophe stehen können. Spätere führen aber zwei 2( Ausnahmen an (Hom. Il. X 472 ἐξ ; Od. XV 410 σὺν, beide am Versende). - VII. 19. Περὶ ἐπιρρήματος (μεσάτης, πανδέκτης, adverbium). Sie sind entweder ἀπλὰ (πάλαι) oder σύνθετα (πρόπαλαι) und werden in 26 εἰδή geteilt: τὰ δὲ χρόνον (ὠρισμένα, temporalia, finitiva), μεσότητος (καλώς, s. Uhlig Index s. v. p. 157f.), ποιότητος (qualitatis, βοτρνδόν, bene), ποσότητας (quantita-tis, πολλάκις), ἀριθμου (numeralia, τρις), τοπικά (localia, ἄνω), εὐχῆς (optativa, εἰθέ), σχετλιαστικά 30 (döloris, παπαί), ἀρνήσεως, ἀποφάσεως (negativa), συγκαταθέσεως (adnuentis, ναί), ἀπαγορεύσεως (prohibitive,, dehortativa, μηδαμώς), παραβολῆς, ὀμοιώσεως (similitudinis, comparandi, ὤσπερ), θαυμαστικά (admirandi, βαβαί), εἰκασμου (dubitative, ἴσως), τάξεως (ordinativa, ἐξῆς), ἀθροίσεως (congregandi, communieandi, ἄμα), παρακελεύσεως (hartativa, ἄγε), συγκρίσεως (compara-tiva, μάλλον), ἐρωτήσεως (πευστικά, πυσματικά, percontandi, interrogandi, πόθεν), ἐπιτάσεως (in- 40 ientiva, λίαν), συλλήψεως (comprekensionis, fehlt als Terminus bei den lateinischen Grammatikern, ἄμα), ἀπομωτικά (iurativa, μά), κατωμοτικά (confirmative, affirmative, νή), βεβαιώσεως (demon-strativa, δηλαδή), θετικὰ (γαμητέον statt χρὴ γαμήοαι), θειασμου (εὐοί). - V 111. 20. Περὶ συνδέσμου. Es sind deren acht Arten: συμπλεκτικοὶ (ἀθροιστικοί, copulativae, μὲν, δὲ, τε, καί, ἀλλά, ἤμεν, ἠδέ, ἰδέ, ἀτάρ, αὐτάρ, ἤτοι, κέν, ἄν), διαζευκτικοὶ (διασαφητικοί, disiunctivae, dissectivae, 50 ἡ, ἤτοι, ἠέ), συνοπτικοί (eontinuativae, εἰ, εἰπερ, εἰδή, εἰδήπερ), παρασυναπτικοί (subcontinuativae, subdisiunetivae, ἐπεί, ἐπείπερ, ἐπειδή, ἐπειδήπερ), αἰτιολογικοὶ (αἰτιώδεις, ἀποτελεστικοί, causales, effectivae, ἴνα ὄφρα, ὅπως, ἔνεκα, οὐνεκά, διό, διότι, καθ' ὁ, καθ' ὅτι, καθ' δσον), ἀπορηματικοί (Stoiker: ἐρωτηματικοί, ἐπαπορητικοί, dubitativae, ἄρα, κάτα, μῶν), συλλογιστικοὶ (ἐπιφορικοί. rationales, illa-tivae, colleetivae, ἄρα, ἀλλά, ἀλλαμήν, τοίνυν, τοίγαρτοι, τοιγαροῦν), παραπληρωματικοί (expletivae, 60 repletivae, eampletivae, δή, ρά, νυ, που, τοὶ θήν, ἄρ, δήτα, πέρ, πω, μὴν, ἄν, ἄν, νῦν, οὐν, γέ - ἄν, κέν [δυνητικοί]). Eine neunte Art (ἐναντιωματικοί, ἔμπης, ὄμως) kennzeichnet sich durch ταώς de προςτιθέασι als späteren Zusatz.

Es würde zu weit fuhren, eine eingehende Kritik dieses grammatischen Lehrgebäudes zu geben, aber schon ein flüchtiger Blick läßt [1796] deutllich erkennen, daß diese τέχνη in Übersichtlicher und besonders für didaktische Zwecke geschickter Gruppierung eine aus langer empirischer Beobachtung hervorgegangene Materialsammlung darstellt. Anderseits ist es nicht minder klar, daß der tralatizische Stoff der analytischen Vertiefung ermangelt und bereits zu einem an der Oberfläche sich haltenden Schematismus erstarrt war. Dies kann nur dem Umstande zuzuschreiben) sein, daß Grammatiker ex professo, sei es in Pergamum oder Alexandrien, das bis dahin ausschließlich von Philosophen, insbesondere den Stoikern bearbeitete Gebiet nun in mehr technologischer Weise behandelten. So lassen insbesondere die Definitionen des Dionysios Thrax an Klarheit und Schärfe viel zu wünschen übrig, wobei aber nicht verschwiegen werden darf, wie bereits angedeutet, daß diese in vielen Fällen nicht mehr in ihrer ursprünglichen Gestalt uns vorliegen. Und so haben denn gerade hier spätere Forscher, so vermutlich schon Tryphon (im Zeitalter des Augustus) und vor allen Apollonios Dyskolos und Herodianos größere Präzision in den Begriffsbestimmungen und eine vertiefte Auffassung des empirischen Tatbestandes oft mit Erfolg angestrebt, was besonders auch in einer genauer differenzierenden Terminologie zu Tage tritt. Im übrigen zeigt sich aber selbst bei Apollonios in der Formenlehre kein wesentlicher i Fortschritt über die τέχνη des Dionysios hinaus, auch er löste das ἐπί'θετον (Adjektiv) noch nicht als besonderen Redeteil vom ὄνομα ab, auch er behielt die Dionysischen Akzidentien des Verbums, wie dessen Einteilung nach dem Akzent, bei. Durch die Kommentatoren des Dionysios, besonders durch Choir ob os kos (s. o. Bd. III S. 2364), ist die alte τέχνη mit den Resultaten der späteren Forschung, namentlich des Apollonios, gleichsam verschmolzen als kanonisches Schulbuch überliefert und sodann in den Bearbeitungen des Mo-schopulos, M, Chrysoloras, Gaza und Laskaris in das Abendland eingedmngen, um auch hier ihren Siegeslauf weiter fortzusetzen.

Während die überaus zahlreichen Schriften des Apollonios und auch des Herodianos über die Formenlehre mit wenigen Ausnahmen verloren sind, uns aber inhaltlich durch Priscian, so weit er jene verstand, bekannt sind, ist das Werk des Apollonios περὶ συντάξεως τῶν τοῦ λόγον μερῶν glücklicherweise zum großen Teil erhalten und erst kürzlich in der vortrefflichen Ausgabe von Uhlig dem Verständnis näher erschlossen worden. Diese Schrift - sie gehört mit zu den schwierigsten der griechischen Fachliteratur - ist nicht nur die einzige über die Syntax, die uns aus dem Altertum überliefert ist, sondern überhaupt, außer der Varronischen, die einzige, die uns bekannt ist, denn die fünf Bücher des Pergameners Telephos περὶ συντάξεως dürften wohl kaum denselben Gegenstand behandelt haben. Über Inhalt der Syntax siehe, außer Uhlig, Steinthai Π² 339C den Artikel Apollonios o. Bd. II S. 138f., wo auch weitere Literatur verzeichnet ist.

Auf Grund dieses Werkes ist nun Apollonios als der wahre Begründer der Syntax allgemein betrachtet worden. Ohne seine zweifellos her-vorragenden Verdienste um diese Disziplin [1797] irgendwie schmälern zu wollen, muß in einem historischen Überblick über die Geschichte der antiken G. die Frage doch aufgeworfen werden, ob diese isolierte Ehrenstellung nicht vielmehr dem fast gänzlichen Verlust aller Vorgänger zum Teil zugeschrieben werden muß. Wir haben oben gesehen, wie nahe die stoische Lehre vom Satze syntaktisches Gebiet berührte. Es kommt hinzu, daß zahlreiche uns erhaltene Titel, wie περὶ βαρβαρισμου, σολοικισμου, ἀκυρολογίας, συνθέαεως, ἐλληνισμου, mochten sie auch in erster Linie stilis cis ch-rhetorischen Zwecken dienen, doch unzweifelhaft viele Beobachtungen und wichtiges Sprachmaterial, wie es uns bei Apollonios verarbeitet vorliegt, enthielten. Priscian, der sonst ganz offen gesteht, den Apollonios ausgeschrieben zu haben (z. B. II 1, 9. 2, 22. 54, 20. 61, 16. 439, 22. 548, 5. 578, 1 und besonders 584, 20. III 24, 27), hebt ausdrücklich hervor, daß er in der Behandlung der Syntax, die das XVII. und XVIII. Buch füllt, diesem seinem Führer nicht in gleich sklavischer Weise gefolgt sei (III 107, 24), was sich nur durch das Vorhandensein anderer bedeutender Quellen erklären läßt. Per dritte Teil von Varros de ling. lat., der die Bücher XIII -XXIV umfaßte, war ausschließlich der Syntax gewidmet (lîng. VII 7, 110 tertio qwmadmodum eoniungerentur vocabula. VIII 1). Bei einem so wenig schöpferischen Geiste wie Varro kann eine so umfangreiche Behandlung der Syntax ebenfalls nur auf der ausgiebigsten Benützung früherer Forscher beruhen, und zwar kommen hier, mit etwaiger Ausnahme des Aelius Stilo, lediglich griechische, vielleicht nur stoische, in Betracht. An diese vorvarronischen, syntaktischen Schriften wird also auch Apollonios angeknüpft haben. In dem Werk περὶ συντάξεως polemisiert Apollonios wiederholt gegen seine Vorgänger, verrät aber mit keinem Worte, daß er als Entdecker auftritt, wenn ihm auch daselbst kein solches· Geständnis über die Benützung seiner Quellen entschlüpft ist, wie in der Einleitung zu περὶ συνδέσμων (ἐκλεγόμενοι παρ' ἔκαστου τῶν πρὸ ἠμῶν τὸ γρειώδες usw.). Unter diesen Vorgängern nahm nun höchst wahrscheinlich Try-phon die allererste Stelle ein und zwar nicht nur, weil Apollonios ihn oft in allen seinen erhaltenen Schriften, sei es zustimmend, sei es ablehnend, direkt zitiert, sondern vor allem deshalb - worauf man bisher mit Unrecht nicht geachtet hat - J weil an nicht weniger als 100 Stellen (die meisten fehlen in den Indices von Schneider und Uhlig) dessen Namen zur Exemplifizierung gebraucht wird, und zwar auch da, wo der Verfasser ebensogut seinen eigenen, wie öfter (12mal), oder einen beliebigen anderen hätte wählen können, wie z. B. Aristar-chos, der zu demselben Zwecke 26mal herhalten muß. Diese Vorliebe für Tryphon kann nur darin ihren Grund haben, daß Apollonios ihn auch in der Tat weit ausgiebiger benützt hat, als wir( jetzt nachweisen können, denn unglücklicherweise deckt sich von dem wenigen, das uns von jenem sehr fruchtbaren Grammatiker erhalten ist, nichts mit den uns vorliegenden Partien des Apollonios. Alles in aUem kann aber erst die Neuzeit sich rühmen, über Apollonios in der Syntai, wie über Dionysios Ibrax in der Formenlehre, hinausge-kommen zu sein. [1798]

II. Die Römer.

Vielleicht auf keinem anderen Gebiete wissenschaftlicher Tätigkeit liegt die Abhängigkeit der Römer von den Griechen so eklatant zutage, wie auf dem der grammatischen Forschung. Nur in ganz vereinzelten Fällen, wo die Beschaffenheit der lateinischen Sprache eine Anlehnung an griechische Doktrin ohne weiteres ausschloß, wie z. B. in der Akzentlehre, den Genera der Verba, dem Ablativ und Artikel, 10 mußte man eigene Wege aufsuchen. Von einer originellen philosophischen Betrachtung über das Wesen und den Ursprung der Sprache, über die Etymologie, über Anomalie und Analogie, so lebhaft diese Fragen erörtert wurden, fehlt bei ihnen vollends jede Spur.

Nach einer bekannten Nachricht des Suet. gramm. 2 war es kein geringerer als Krates von Mallos, das Haupt der stoisch-pergamenischen Schule, der um das J. 169 Studium grammatieae in urbem intulit ... aß nostris exemple fuit ad imifandum. Wenn auch hier, wie der Zusammenhang lehrt, grammatica in dem weiteren Sinne von Philologie (s. u.) gebraucht wird, so kann es doch kaum zweifelhaft sein, daß Krates in seinen Vorlesungen (aeroaseis) seine römischen Zuhörer mit jenen sprachwissenschaftlichen Untersuchungen bekannt machte, die ihn, wie wir sahen, in eine heftige Fehde mit Aristarch und seiner Schule verwickelten. Diesem Umstande 30 ist es denn auch zuzuschreiben, daß die ersten Versuche auf diesem den Römern neu erschlossenen Forschungsgebiet ein durchaus stoisches Gepräge erhielten. Als erster wäre hier zu nennen der Dichter C. Lucilius (180–102), der sich bekanntlich im 9. Buch seiner Satiren mit grammatischen Fragen und Reformvorschlägen befaßte (vgl. Marx Lucilius I p. 351–382 und Kommentar II S. 132–145). Daß er unter dem Einfluß stoischer Theorien stand, hat in einem besonders interessan-40ten Falle schlagend erwiesen Sommer Hermes XLIV 70–77 (Lucilius als Grammatiker). Im übrigen gestatten die dürftigen Überreste es nicht, uns von dem Umfang und der Art seiner Erörterungen ein klares Bild zu machen. Die orthographischen Reformen des Tragikers L. Accius scheint er mit Erfolg bekämpft zu haben. Orthographische Fragen spielen aber seit Ennius, Lucilius und Accius bis in die spätesten Zeiten bei den römischen Grammatikern eine sehr be-50 deutende Rolle, und zwar waren sie hier von griechischen Theoretikern begreiflicherweise ganz unabhängig, soweit nicht etwa etymologische Erwägungen in Betracht kamen.

Der erste römische Grammatiker von Bedeutung war L. Aelius Stilo, der Lehrer Varros und Ciceros. Von seinen Werken haben sich nur kümmerliche Reste erhalten, aber die Spuren seines Einflusses lassen sich vielfach verfolgen, namentlich Varro de lingua latina verdankt ihm >0 viel, wenn sich auch eine so weitgehende Abhängigkeit, wie sie besonders Reitzenstein M. Terentius Varro und Joh. Mauropus, und ihm folgend F. Müller De veterum imprimis Romanorum studiis etymologicis (s. o.) annehmen, mit unseren Mitteln wenigstens nient erweisen läßt. Vgl. dazu Goetz Abh. der sächs. Akad. der Wissensch. XXVII (1909) 67–89. Wie Stilo als Philosoph der Stoa sieh* anachloß (Cic. Brut [1799] 206), so huldigt er auch als Grammatiker stoischen Anschauungen. Er war Anomalist gemäßigter Richtung, seine Etymologien sind stoischer Art, und der Titel seines Werkes, de proloquiis, entspricht ganz den stoischen περὶ ἀξιωμάτων, ,über die Satzformen'. Es war dies jedenfalls die erste Abhandlung über ein Gebiet der Syntax in lateinischer Sprache, und daher scheint das ungünstige Urteil des Gellius (XVI 8, 2) nicht ganz gerecht; vgl, Funaioli Gramm. Rom. frg. I S. 51–76 mit der dort angeführten Literatur, Ganz in stoischen Bahnen wandelte auch der wegen seiner Gelehrsamkeit hoch gepriesene P. Nigidius Figulus (ca. 99–45), von dessen umfangreichem Werke, betitelt Commentarii gram-matici, ein 29. Buch zitiert wird. In der Frage nach dem Ursprung der Sprache vertrat er energisch den çwosi-Standpunkt, und zwar mit der dem Chrysippos eigentümlichen Begründung (Gell. X 4 = frg. 24 Fun.), In der Etymologie, wie die Fragmente zeigen, operierte er mit der ebenfalls stoischen Zusammensetzungstheorie. In der Formenlehre hat er manche feine Beobachtung gemacht und sie in origineller Weise zu begründen versucht. Auch der Syntax hat er ein eingehendes Studium zugewandt; vgl. z. B. die Erörterung über den Gebrauch von quin (frg. 32 Fun.) und über die Tempora (frg. 9 Fun.). Mehrere grammatische Termini, wie Casus rectus, inter-rogandi, dandi, scheint er zuerst angewandt zu haben. Seine das ganze Gebiet der G., einschließlich der Orthographie und der Semasiologie, umfassende Forschung ist aber wegen einer gewissen Dunkelheit des Stils (Gell. XIX 14, 3) früh in Vergessenheit geraten, doch hat Varro, der ihn in seinen erhaltenen Schriften nie nennt, ihm scheinbar viel mehr zu verdanken, als inan bisher angenommen hat. Doch mögen wir die Verdienste eines Aelius Stilo, Nigidius Figulus und vieler anderer, wie M. Antonius Gnipho, Cosco-nius, Servius Clodius, die für uns fast nur leere Namen sind, noch so hoch einschätzen, ihr Ruhm ist ausnahmslos verdunkelt worden durch die grandiose Gelehrtentätigkeit des M. Ter en tins Varro. Auch auf dem Gebiete der G., wie auf so vielen anderen, ist er für die römische Nachwelt eine unerschöpfliche Fundgrube des Wissens gewesen, und zwar schon frühzeitig, wie dies aus Vitruv. IX praef. 17 multi posterorum cum Var-rone confèrent sermonem de lingua latina hervorgeht. Aber weder irgend welche stilistischen Vorzüge, noch eine schöpferische Originalität, noch eine Kunst der Systematisierung - der seine Arbeiten charakterisierende Schematismus darf darüber nicht hinwegtäuschen -, haben ihm diese autoritative Stellung verschafft, sondern lediglich die kompilatorische Fähigkeit, das Wissen seiner Zeit aus dem ihm noch lückenlos zu Gebote stehenden Quellen material gleichsam in einen Brennpunkt zu vereinigen. So kann denn auch keine wichtige, sprachwissenschaftliche Entdeckung einwandsfrei auf Varro zurückgeführt werden, und keine neuen Perspektiven sind von ihm eröffnet worden. Ja, der Verlust seiner Quellen ermöglicht es nicht einmal mit Bestimmtheit zu sagen, in welchem Umfange er das Beobachtungsmaterial selbständig erweitert hat. Nicht selten endlich steht er seinen Quellen ratlos oder ohne [1800] hinreichendes Verständnis gegenüber. Er ist und bleibt auch hier ein Kompilator größten Stils. Auf dem Gebiete der Etymologie, von deren verhängnisvollem Zauber er wie kaum ein zweiter sich hinreißen ließ, auf dem der Orthographie, in allen Fragen, die sich an den Ursprung und das Wesen der Sprache, an den Streit der Analogisten und Anomalisten anknüpften, ist er für die spätere Zeit die maßgebende Autorität geblieben, nur in 10 der Formenlehre scheint man sich, und zwar schon früh, wie wir sehen werden, fast vollständig von ihm emanzipiert zu haben. Von den grammatischen Spezialschriften Varros kennen wir De antiquitate· litterarum, De utilitate sermonis (Anomalie ?), De similitudine verborum (Analogie), falls dies nicht bloß Untertitel von De lingua latina sind, De origine linguae latinae, De lingua latina 25 Bücher (daraus erhalten V-X). De sermone latino, Disci-plinarum libri IX (Buch I De grammatica). Zweifelhaft ist, ob Περὶ χαρακτήρων (vgl. Usener Jahrb. f. Phil. XCV 248) hierher gehört, sicher hingegen sind aber auch in dem großen Werk der Antiquitates grammatische Dinge behandelt worden (s. Goetz a. a. O.). Die Quellenfrage, wie die Benützung der einzelnen Schriften bei Späteren (z. B. Verrius Flaccus, Gellius, Augustinus) wird dadurch sehr erschwert, daß Varro wiederholt dieselben grammatischen, besonders etymologischen Gegenstände erörtert und sich gleichsam selbst exzerpiert hat; auch ist Varronisches Gut häufig erst durch meist nicht mehr sicher nachweisbare Zwischenquellen übernommen worden. Die grammatischen Fragmente sind zuerst gesammelt und besprochen von Willmanns De M, Ter. Varronis-libr, grammat., Berlin 1864, jetzt in vortrefflicher Weise ediert von Funaioli a, a. O. 183–371 und Goetz-Schöll Varro 1. 1. p. 199–234.

Ein grammatisches Lehrgebäude, im Sinne einer τέχνη nach griechischem Muster, tritt uns bekanntlich auch in de lingua latina nicht entgegen, ist doch die Formenlehre daselbst nur unter dem Gesichtspunkt der Analogie und Anomalie behandelt. Ob das Buch de grammatica. eine Art Kompendium der ganzen G. war, wissen wir nicht, da uns nur ein einziges Fragment daraus erhalten ist (49 Fun.). Das Werk de-lingua latina bestand nun nach des Verfassers· wiederholten Aussagen (V 1. VI 99. VII 5. 110. VIII 24) aus drei Teilen. Die Etymologie um-50 faßte Buch II-VII, die eigentliche Formenlehre Buch Vin-XIII und die Syntax Buch XIV-XXV. Indem ich für die Etymologie auf Reitzenstein,. F. Müller, Goetz a. a. O. verweise, sei hier ein kurzer Abriß der Varronischen Formenlehre gegeben - von seinen syntaktischen Anschauungen geben die wenigen Fragmente kein Bild - um einen Vergleich einerseits mit der τέχνη des Dionysios, die Varro wohl gekannt, aber nicht benützt hat, andererseits mit der Form der latei-60 nischen G., wie sie uns seit Remmius Palaemon als ausgebildetes System begegnet, zu ermöglichen.

Die grammatische Forschung der Römer stand ursprünglich, wie wir sahen, im Banne stoischer Doktrinen. Eine starke alexandrinische Gegenströmung scheint sich aber etwa um die Mitte des 1. vorchristlichen Jhdts. in Rom fühlbar gemacht zu haben. Einige Spuren davon sind bereits bei Cosconius und Nigidius bemerkbar, und [1801] einen sicheren Beweis liefert das einflußreiche Werk Caesars de analogia. Nicht minder zeigt eich Varro mit alexandrinischer Gelehrsamkeit allenthalben wohl vertraut, doch ist ihm diese Kenntnis insofern verhängnisvoll geworden, weil er, unfähig sich selbständig eine wissenschaftliche Überzeugung zu bilden, beständig zwischen beiden grammatischen Richtungen hin- und herschwankte und so zu unhaltbaren Kompromissen geführt wurde. Daß er sich dieses eklektischen Standpunkts wohl bewußt war, zeigt de l. l. V 1, 9 non solum ad Aristophanis lueemam, sed etiam ad Gleanthis lueubravi.

Die in der Formabwandlung (deelinatio, dedi-natus, πτώοις) waltenden Gesetze werden von Varro, wie erwähnt, in direkte Verbindung mit der alten Streitfrage gesetzt, ob Analogie (lat. natura, ratio, proportio, similitude, aequalitas) oder Anomalie (lat. usus, consuetudo, dissimili-tudo, inaequalitas) als Wortbildungsprinzip vorherrsche, und seine umfangreiche Darstellung, die an Übersichtlichkeit und Klarheit viel zu wünschen übrig läßt, läuft schließlich auf die Bankerott-erklärung hinaus, daß consuetudo et analogia coniunctiores sunt inter se quam ei (sc. Chrysip-pos und Aristarchos) credunt, quod est nata ex quadam eonsuetudine analogia... consuetudo ex dissimilibus et similibus verbis eorumque declinationibus constat, neque anomalia neque analogia repudianda (de 1. h IX 1, 3). Denselben Standpunkt vertritt noch einmal der ältere Plinius in seinen 8 Büchern Dubii sermonis (vgl. die Literatur bei Gudeman a. a. O. 113). Auch Quintilian (inst. I 6, 16) teilt dieselbe Ansicht, ja sie findet sich merkwürdigerweise bereits, und zwar fast wörtlich übereinstimmend, bei Pindarion, einem Schüler Aristarchs (Sext. Emp. adv. math. I 202). So mag denn dieser zu jenen Gewährsmännern über die Anomalie und Analogie gehört haben, die Varro selbst erwähnt (de l. l. VIII 10, 23 de eo Graeci Latinique fStilo und Caesar?] libros fecere multos), und dies ist umso wahrscheinlicher, falls er, wie allgemein angenommen wird, mit jenem Ptolemaios identisch ist, den Apollonios de co ni. 241, 14 Schn, ὁ ἀναλογηπκός nennt. Vgl. auch Sext. Emp. adv. math. I 10.

Nach dem Vorgang früherer, griechischer wie römischer Grammatiker (de l. l. VI 5, 36. VIII 23, 44. IX 24, 31. X 2, 17), nimmt Varro nur vier Redeteile (partes orationis) an: quae habet casus (Nomen), quae habet tempora (Verbum), quae habet neutrum (Adverbium und Partikel), quae habet utrumque (Partizipium), wozu noch hinzugefügt wird (VIII 23, 44), daß has vocant quidam appel landi, dieendi, adminicuiandi, iun-gendi, was mit jener Einteilung aber nicht ganz üb er ein stimmt. Das Nomen zerfällt in 4 Gruppen: 1. provocabulum (quis, quae), 2. vocabulum (scutum, facilis), 3. nomen proprium, 4. verbum. Die Nomina haben sexum (virile oder mets, muliebre oder femina, neutrum), multitudo (unum, auch singularis, plura), casus (rectus, obliquus). Für ersteren sagt Varro auch casus nominandei oder nominativus (X 2, 23) und casus vocandei, für letztere, teilweise nach dem Vorgang des Nigidius, casus communis oder patricus, dandei, accusandei oder aeeusütivue. [1802] und s sextus Casus qui est proprius latinus (X 3, 62). Genetivus, dativus. ablativus finden sich zuerst bei Quintilian, vocativus bei Gellius, doch gehen diese später allgemein rezipierten Termini wahrscheinlich auf Remmius Palaemon zurück. Die Anordnung der Nominalflexion nach den Nominativendungen kennt Varro noch nicht, wie auch dedinatio sich erst bei Quintilian in dem engeren Sinne findet. Die Komparation (contentio) wird VIII 39, 75–78 erörtert, und zwar nennt er den Positiv primum, den Komparativ medium und den Superlativ tertium. Eine bestimmte Anzahl von Konjugationen (inclinationes, συζυγίαι) begegnet bei Varro ebenfalls noch nicht, obwohl die Verschiedenheit des Charaktervokals ihm keineswegs entgangen war (IX 62, 109). Genera verborum sind zwei, faciendei und patiendei, doch scheint ihm auch vom Deponens eine leise Ahnung aufgestiegen zu sein (IX 61, 105–107). 20 Für die drei Tempora hat Varro bereits die üblichen Bezeichnungen: praesens, praeteritum, futurum (VIII 8, 20), wofür, mit genauerer Übersetzung der griechischen Termini, bei Lucr. I 461 transactum, instet, sequatur steht; vgl. auch Rhet. ad Her. II 5, 8 und Cic. de inv. 139. Für die anderen Tempora: infecta idiscebam, disco, discam) und perfecta (didieeram, didici, didicero) fehlen ihm noch feste Termini. Auch modus kommt als Terminus bei Varro noch nicht vor, doch erwähnt 30 er sechs speeies deelinatuum (de l. l. X 2, 31): temporcdis (legebam, lego), personarum (sero, seris), rogandi (legene ?), respondendi (finge, fin-gis), opiandi (dicerem, dicam), imperandi (cape), eine Einteilung, die sich eng mit der stoischen berührt (Diog. Laert. IX 53; s. o.), aber kaum einen nennenswerten Fortschritt über die vier πυθμένες λόγων des Protogoras bezeichnet, wie sie denn auch in dem späteren System ignoriert wird.

In den drei Generationen nach dem Erscheinen 40 von de lingua latina wird die grammatische Forschung wohl kaum geruht haben, doch sind ihre Träger bis auf den Namen fast spurlos verschollen, aber um 50 n. Chr. etwa begegnen wir plötzlich einem Werke, das bis in die spätesten Zeiten grundlegend geblieben ist, der Ars gram-matica des Q. Remmius Palaemon, des Lehrers des Persius und Quintilian. Dieses epochemachende Buch, dessen Verfasser sich in einen stark polemischen Gegensatz zu Varro setzte - er nannte 50 ihn porcusl - ist zwar verloren gegangen, aber sein Lehrgebäude hat sich in seinen Hauptzügen wenigstens, namentlich aus Charisius, rekonstruieren lassen. Spätere Grammatiker, wie Valerius Probus, Terentius Scaurus, Flavius Caper, Velius Longus und Iulius Romanus, mögen das Beobachtungsmaterial erheblich erweitert haben, aber an den Grundfesten scheinen sie nicht gerüttelt zu haben, und so lebte denn die Ars des Palaemon fort in den grammatischen Kompendienund 60 Lehrbüchern eines Cominianus (über diesen jetzt J. Tolkiehn Com., Leipzig 1910), Charisius und Diomedes bis auf Donatus, Martianus Capella, Cassiodorus und Isidoras. Einzig und allein Priscian nimmt hier eine mehr unabhängige Stellung ein, indem er im wesentlichen Flavius Caper mit den großen griechischen τεχνικοί, Apollonios und Herodian, gleichsam kontaminierte. Über die Ars des Palaemon und deren Einfluß auf die [1803] Nachwelt, vgl. besonders Schottmüller De C. PHnn Secundi libris granamaticis, Bonn 1858. Marshall De Q. Remmii Palaemonis libris gram-maticis, Leipz. 1887. Bölte De artiura scriptori-bus Latinis quaest., Bonn. 1886. Andere Literatur bei Schanz Röm. Lit. II² 334. Palaemon scheint sich enger als seine Vorgänger an die Alexandriner, vor allem an Dionysios Thrax selbst, angeschlossen zu haben.

Im folgenden sei nun, wie oben bei Dionysios Thrax und Varro, ein kurzer Umriß der Hauptsätze der lateinischen Formenlehre gegeben, wie sie von Palaemon fixiert, auch terminologisch, etwa um die Zeit des Quintilian vorlagen. Zahlreiche subtilere Unterscheidungen und nicht allgemein rezipierte Modifikationen werden wir dabei als der grundlegenden Ars vermutlich noch fremd nur in seltenen Fällen berücksichtigen dürfen. Für diese Entwicklungsphasen und Diskrepanzen sei auf die eingehende vergleichende Darstellung von L. Jeep Zur Gesch. der Lehre von den Redeteilen bei den latein. Grammatikern, Lpz. 1893, verwiesen.

Wie die Stoiker und Varro, ging man naturgemäß von der Stimme aus (vox) und teilte sie in voees articulatae und confusae. Nur erstere können schriftlich durch Buchstaben (litterae) bezeichnet werden (litteralis, sçriptilis vox). Das Alphabet besteht durchgängig aus 23 Buchstaben (einschließlich zweier griechischer, y, æ); die in 5 vocales, 7 semivocales (flmnrsx) und in 9 mutae (b e d g h kp q t) zerfallen, doch ließen Varro und Nigidius nur 17 gelten, mit Ausschaltung von h k q x y %. Vgl. Marx Lucil. II 141–144. Eine Silbe entsteht aus der Verbindung eines Buchstabens und eines Vokals, der prosodisch kurz oder lang ist und zwar entweder natura oder positione. Von der Silbe schritt man zum Wort (dictio), das als die geringste Silbenverbindung, die einen Sinn ergibt, definiert wird. Aus dictiones entsteht die oratio; vgl. auch Diom. gramm. I 426, 32 (vielleicht nach Varro) grammaticae initia ab ele-mentis surgunt, elementa figurantur in litteras, litterae in syllabes coguntur, syllabis comprehen-ditur dictio, dictiones coguntur inpartes orationis, partibus orationis consummatur oratio, oratione virtus omatur, virtus ad evitanda vitia exerce-tur. Man leitete nämlich ars von ἀρετή ab! Nach dem Vorgang des Aristarch nahm Palaemon 8 Redeteile (partes orationis) an (Quintil. inst. I 4, 20), indem er statt des griechischen Artikels die Interjektion einsetzte. Trotz mancher gelegentlichen Schwankungen ist diese Zahl auch von den Römern festgehalten worden. Es sind: Nomen (Substantivum ist keine antike Bezeichnung, doch kommt nomen substantivum vor, z. B. Priscian. gramm. II 154, 9), Pronomen, Verbum, Partici-pium, Adverbium, Coniunctio, Praepositio, Inter-iectio. 1. Nomen: Als Akzidentien (παρεπόμενα) begegnen durchgängig qualitas (species), genus, figura, numéros, easus. Nach der Qualität sind die Nomina entweder Eigennamen oder Appella-tiva. Genera nominum gibt es fünf: masculinum, femininum, neutrum., commune (hie, haec ca-nw), promiscuum (ἐπίκοινον, passer, aquila, die beide grammatisch formell Masculins. sind, aber auchFeminina bezeichnen können). Die figurae nominum sind entweder simpliees oder compo-süae, Numerus ist entweder singuiaris oder [1804] pluralis. Casus gibt es sechs: nominativus, genetivus, dativus, accusativus, voeativus, ablati-vus. Da die meisten dieser Termini, die, wie wir sahen, von den Varronischen abweichen, sich schon bei Quintilian vorfinden, so werden sie wohl von Palaemon, wenn nicht erfunden, so-doch zuerst zur Geltung gebracht worden sein, und wenn diese für alle Folgezeit, wie erwähnt, kanonisch bleiben, obwohl, besonders bei Priscian, 10 andere Bezeichnungen und zum Teil richtigere, wie possessions und causativus (s. o.) begegnen, se dokumentiert eben diese Tatsache sehr deutlich den gewaltigen Einfluß, den die Palaemonische Ars-ausgeübt hat. Was die Deklination anbelangt, so· scheint die Anordnung der Nominalflexion nach den Nominativendungen derjenigen, die sich nach den Genetiv singularis richtete, zeitlich vorangegangen zu sein. Beide Behandlungsarten sind, dem Varro noch fremd, ob aber die Vier- bezw.Fünfzahl für das alte Lehrbuch, angesichts der Verwirrung, die gerade hier bei den Späteren herrscht, bereits angenommen werden kann, steht dahin, obwohl Bölte a. a. O. diese Ansicht vertritt; s. auch Jeep a. a. O. 172f. 2. Pronomens Dem Pronomen werden dieselben Verhältnisse,, nur mit Hinzufügung von persona zugeschrieben, wie dem Nomen. Was die qualitas anbelangt, so scheint die Teilung in finita (Personalpronomina) und in finita (quis, qualis) die ursprüng-liebere gewesen zu sein, doch ist hier keine Übereinstimmung erreicht worden, Von personae werden stets drei (ego, tu, Ule) angenommen. Für die übrigen Akzidentien galten dieselben Kegeln wie für das Nomen. 3, Verbum: Die Zahl der Verbalverhältnisse schwankte zwischen sieben und neun, doch scheinen folgende acht als die eigentliche Norm gegolten zu haben: qualitas, genus, figura, numerus, modus, tempus, persona, coniugatio. Die Teile der qualitas ver-40 borum sind: perfecta (absoluta, primitiva), in-cohativa, meditativa, frequeniativa (iterativa). Es ist fraglich, inwieweit diese Einteilung, wie die schwankende Terminologie andeutet, schon in der Ars des Palaemon vorhanden war. Dio normale Zahl der genera (significationes) verbo-rum war fünf: activum und passivum (wohl das ursprüngliche), zu denen neuirum (vivo, ambulo), commune (eriminor te und a te) und deponens (simplex) hinzukamen. Wie beim Nomen war 50 auch die figura verborum entweder simplex oder eomposita, und diese letztere viererlei Art: êx duobus integris (con -dueo), ex duobus corruptis (ef-ficio statt ex-fieio), sodann die Mischung beider (ac-eumbo und os~tendo). Der numerus ist singularis oder pluralis. Im allgemeinen nahm man fünf modi (inclinationes, ἐγκλίσεις) an, obwohl von einigen durch genauere Unterscheidungen die doppelte Zahl erreicht wurde; finüus (finitivus, indieativus), imperativus, opta-'tivus, subiunctivus (coniunctivus), infinitivus (infinitus). Die Grundtempora sind natürlich instans (praesens), praeteritum, futurum, und die Vergangenheit zerfallt in imperfectum, per-fectum, plusquamperfectum, mit Beibehaltung, wie auch sonst meist, der griechischen Terminologie (s. o.). Futurum exactum kommt bei den antiken Grammatikern nicht vor. wohl weil man es mit dem Konjunktiv des Futnrums identifizierte, [1805] denn die alberne Bemerkung des Priscian (III. 405, 17), daß die Römer in weiser Erkenntnis der Unsicherheit der Zukunft ,non finiunt Spatium futur#, bedarf keiner Widerlegung. Die drei personae verborum beziehen sich seltsamerweise auf die wirkliche, nicht auf die grammatische Person, indem die erste als die redende, die zweite als die angeredete und die dritte als die, von der man redet, betrachtet wird. Diese Anschauung ist griechisch, vgl. Steinthai II² 299f. Die Scheidung der drei Konjugationen (ordines) ging von den drei verbalen Endungen der zweiten Person indic. praes. activi (as, es, is) aus. Dieses Prinzip dürfte bereits Palaemon angehören. Dagegen beweisen die Versuche der Grammatiker, die überaus zahlreichen, anomalen Perfektformen in ein System zu bringen, angesichts der geringen Übereinstimmung in den Resultaten, daß die sonst für sie so autoritative Quelle hier nichts Brauchbares bot. 4. Partici-pium: Infolge der Mittelstellung zwischen Nomen und Verbum, die dieser Redeteil einnimmt, - es ist eine Übersetzung von μετοχή - werden ihm teils Nominal-, teils Verbalakzidentien zugewiesen, vom ersteren genus uiid casus, vom Verbum significatio (genus verbi) und tempus, von beiden figura Tini numerus. 5. Adverbium: Als παρεπόμενα kommen in Betracht significatif), wmparatio und figura. Die significationes, die nachweisbar bei Palaemon aufgezählt waren (Charis, gramm. I 187, 1), werden ziemlich einstimmig auf 21, mit unwesentlichen terminologischen Differenzen angegeben: tempus, loeus, numerus, negatio, affirmatio (etiam), demonstratio (ecce), hortatio (heia!), optatio (utinam), ordi-natio (deinde), interrogativ (eui), similitude (quasi), dubitatio (fartasse), invocatio (heus), responsio (heu), prohibitif), communicatio (simul), separatio (seorsum), eomparatio (magis), eventus (forte), qualitas (bene), quantitas (nimium). 6. Coniunctio: Die Akzidentien sind hier dreifacher Art: potestas, figura, ordo. Die bei weitem verbreitetsten Arten der potestas (species) waren fünf: copulativae, disiunetivae auch disiungendi, expletivae auch repletivae (equidem, quamvis usw.), causales (si, etsi, nam usw.), rationales auch ratioeinativa (quia, ita, propterea u. ä.). Daß die Sechszahl, bei Dositheus durch Trennung der dubitativae (si, nisi, sivé) von den causales gewonnen, eine ältere Abteilung darstellt, wie Jeep annimmt, ist nicht eben wahrscheinlich, da selbst Apollonios nur fünf Arten unterscheidet, während Priscian allein 17 aufzählt. Jedenfalls bildet hier Palaemon ebenfalls die Grundlage; denn nicht nur der Ausdruck expletiva, sondern auch die Fünfzahl selbst wird direkt auf ihn zurückgeführt (Charis, gramm. I 225, 5. 226, 1. Diom. gramm. I 405, 16). Die figura ist auch bei diesem Redeteil simplex (nam) oder compositum (namque), der ordo dreierlei, nämlich praepositi-vus (ai), postpositivus (que) oder beides (etiam). 7.Praepositio:Auch diese hat Palaemon ausführlich behandelt (Charis, gramm. I 231, 1. 232, 11). Von allen Redeteilen herrscht bei den späteren Grammatikern in der Behandlung der Präposition die geringste Übereinstimmung, sowohl in der Aufzählung als in der Annahme der Akzidentien, was hauptsächlich in dem adverbiellen Charakter [1806] und' in der freieren Stellung seinen Grund ge--habt haben wird (post longum tempus, longo post tempore). 8. Interiectio: Wie bereits erwähnt, ist die Interiectio, die bei den Griechen zu dem Adverbium gerechnet wurde, von Palae-mon als selbständiger Redeteil eingeführt worden, um die durch den Ausfall des griechischen Artikels entstandene Lücke in der Achtzahl auszufüllen. lui. Romanus (bei Charis, gramm. I 10 190, 13) polemisiert zwar gegen eine solche Motivierung, kann aber seinerseits keinen besseren Grund dafür angeben. Aber wie jene Zahl vermutlich schon für Palaemon traditionell geworden war, so wagte es auch ein Romanus nicht, die Konsequenzen seiner Überzeugung zu ziehen und entgegen der maßgebenden Autorität die Zahl auf sieben zu reduzieren.

Im Vergleich mit der auf einer festen empirischen Basis errichteten Laut- und Formenlehre 20 scheint inan der lateinischen Syntax ein weit geringeres Interesse entgegengebracht zu haben. Priscian verfügte, wie wir gesehen, neben Apol-lonios und Herodian, auch über lateinische Gewährsmänner auf diesem Gebiete, aber wir wissen nicht, wer diese waren - Stilo, Varro und Nigi-dius hat er schwerlich direkt, wenn überhaupt benützt -, noch in welchem Umfange er jene ausgeschrieben oder gar welche Details er ihnen entnommen habe. Wohl hatte man nach griechi-30 schem Muster schon frühzeitig die Vitia Latini-tatis sorgfältig registriert, und die Urbanitas orationis nach Möglichkeit zu umgrenzen versucht; aber die leitenden Gesichtspunkte bei diesem Verfahren waren auch hier teils logisch-dialektischer Natur (vgl. Gell. XVI 8), teils und zwar vorwiegend stilistisch-rhetorischer Art.

So wird es denn auch dem despotischen Einfluß zuzuschreiben sein, den die Rhetorik schon in der ersten Kaiserzeit auszuüben begann, daß 40 die eigentliche Erforschung der Syntax in den Hintergrund gedrängt wurde. An ihre Stelle trat, auch hier nach griechischem Vorgang (vgl. Ru-tilius Lupus unter Augustus), jene intensive Sammlertätigkeit auf dem Gebiete der sog. Redefiguren (σχήματα λεξεως καὶ διάνοιας, figurai orationis et sententiarum), die uns in erstaunlicher Fülle und bis in die feinsten Gedankenschattierungen ausgearbeitet vorliegen; vgl., außer Quintilian Buch IX und den lateinischen Grammatikern von Chari-50 sius an, auch Gerber Die Sprache als Kunst, 2 Bde., Berlin 1885 2.

Werfen wir nun noch einen kurzen Rückblick auf die Geschichte der antiken G., wie sie im obigen zu geben versucht wurde, so sehen wir, daß der erste Impuls zur Erforschung sprachlicher Erscheinungen von den Sophisten ausgegangen war, und zwar zu einer Zeit, als eine hochvollendete Literatur als Beobachtungsobjekt bereits zur Verfügung stand. Die sprachwissenschaftliche 60 Forschung lag aber jahrhundertelang ausschließlich in den Händen der Philosophen, was der theoretischen Ergründung linguistischer Probleme, wie auch der terminologischen Fixierung grammatischer Kategorien zustatten kam. Platon und die ältere Akademie, Aristoteles und der Peripatos, ebenso wie die Epikureer, haben aber diesen Studien ein nur vorübergehendes Interesse zuge-wandt, hingegen hat die Stoa auf dem Gebiete [1807] der G. bahnbrechende und jedenfalls für das ganze Altertum grundlegende Leistungen aufzuweisen. Das Verdienst, der G., insbesondere der Formenlehre neues Leben eingehaucht, sie van den Fesseln der Philosophie Iosgelöst und als eine auf empirischer Grundlage aufgebaute, unabhängige Disziplin hergestellt zu haben, gebührt den Alexandrinern; denn die wertvollen Untersuchungen der pergamenischen Schule trugen noch durchaus stoisches Gepräge. Die einzelnen Etappen 10 der Entwicklung ließen sich nicht mehr genau feststellen, doch scheinen hier Ariston von Chios, Diogenes von Babylon, Chrysippos, Antipatros von Tarsus, Aristophanes von Byzanz und Aristarchos besonders schöpferisch gewirkt zu haben, bis uns in der τέχνη des Dionysios Thrax ein abgeklärtes, wenn auch keineswegs vollendetes System, auf dessen Schultern aber alle Späteren stehen, entgegentritt

Die sprachwissenschaftliche Forschung der Roe- 20 mer wurde durch Krates angeregt und kam somit zuerst ganz unter stoischen Einfluß; in der ciceronischen Zeit machte sich auch die alexandrinische Richtung stark geltend, was den römischen Untersuchungen einen merkwürdig ungleichartigen Charakter verlieh. Diesem Umstande ist es auch wohl zuzuschreiben, daß die weitere Entwicklung keine gradlinige war, sondern daß bereits wenige Generationen nach Varro Remmius Palaenion, sich mit Bewußtsein von jener älteren 30 Richtung emanzipierend und sich enger an Dionysios Thrax anschließend, ein grammatisches Lehrgebäude errichten konnte, das sich im wesentlichen für alle Späteren autoritatives Ansehen erwarb, mit alleiniger Ausnahme des Priscian, der wiederum die mehr stoische Betrachtungsweise, namentlich auf dem Gebiete der Syntax, sich aneignete. Über diese syntaktischen Forschungen im Altertum war es schwer, infolge des fast gänzlichen Verlustes der Originalquellen, zu einem gerechten Urteil40 zu gelangen, obwohl manches darauf hindeutet, daß dieses uns so wichtig erscheinende Forschungsgebiet in seiner vollen Bedeutung den antiken Grammatikern nur in ganz seltenen Fällen zum Bewußtsein gekommen ist. Andererseits haben sie im Gegensatz zu der modernen Anschauung (vgl. Goetz Art. Glossographie o. S. 1433–1466) Semasiologie, Lexikographie, und Glossographie, aber vor allen die Etymologie, stets als einen integrierenden Bestandteil der formalen G. angesehen.

Wenn nun aber, trotz oft hervorragenden Scharfsinns, intensiver Gedankenarbeit und eines gewaltigen Sammeleifers die antike G. doch mehr oder minder an Äußerlichkeiten haften blieb und gegen alle Erwartung zu nur wenigen, wissenschaftlich einwandfreien Resultaten gelangt ist, so hat dies zweifellos in erster Linie darin seinen Grund, daß die Griechen nur eine Sprache in den Kreis ihrer Betrachtung zogen und die Römer, obwohl sie wenigstens das Griechische als Ver-60 gleichsobjekt stets vor sich hatten, doch zu sehr in dem Bann hellenischer Doktrin standen, um sich einen freieren Blick für die Entwicklung ihrer eigenen Sprache zu wahren; haben sie doch das Lateinische gewöhnlich aus dem Äolischen abgeleitet. Erst die moderne vergleichende Sprachwissenschaft konnte hier feste Grundlagen schaffen. Wenn daher das Lehrgebäude der antiken G. [1808] heutzutage im großen und ganzen nur von historischem Interesse ist, so hat dagegen die von ihr geschaffene Terminologie sich im wesentlichen siegreich behauptet und bietet damit einen der vielen eklatanten Beweise für den Einschlag antiken Denkens in der modernen Kultur.

Γραμματικὸς (γραμματική sc. τέχνη): Wie γράμμα ursprünglich den Buchstaben oder das Geschriebene bezeichnet - im Sinne von einem literarischen Schriftstück kommt das Wort nur ganz vereinzelt in der klassischen Zeit vor (z. B. Xen. mem. IV '2, 1), so bedeutet γραμματικός zunächst ganz folgerichtig den, der γράμματα kennt, der lesen gelernt hat, im Gegensatz zu dem Analphabeten, ἀγράμματος (vgl. Plat. Phileb. 19 b; Theaet. 207 b; Republ. III 402 b. Xen. mem. IV 2, 20) und dementsprechend γραμματικὴ τέχνη die Fertigkeit des Lesens (z. B. Plat. Grat. 431 e; Soph. 253 a. Arist. Pol. VIII 3, 1337 b, 24; Top. VI 5, 142 b, 31). Dagegen heißt der Lehrer des Lesens zu allen Zeiten γραμματιστῆς (zuerst bei Plat. Prot. 312 b; Euthyd. 279 e; Leg. VII 812 a) oder seltener γραμματοδιδάσκαλος. Vgl. auch Mart. Cap. III 229 γραμματική dicor in Graeeia, quod γραμμή linea et γράμματα litterae nuncupantur ... hineque mihi Romulus (d. h. Varro nach Asper gramm. V 547, 5. Isid. orig. I 3, 1) litteraturae nomen adseripsit, quamvis infantem me littera-tionem voluerit nuneupare sicut apud Graecos γραμματιστική primitus voeitabar, Sext. Emp. adv. math. I 44–49.

In der voralexandrinischen Zeit hatte sich der Begriff des Wortes dahin erweitert, daß γραμματική die Laut- bzw. Formenlehre bezeichnete. So bei Aristoteles in den oben angeführten Stellen (S. 1787). In dieser engeren und niederen Bedeutung faßte es auch Favorin (s. o.) und Schol. Dionys. Thrax p. 448, 6 Η. ἀρξαμένη μὲν (sc. ἡ γραμματική) ἀπὸ θεογενούς (von Rhegion ? überliefert ist Theogenes, ein ganz unbekannter Name, den man aber nicht in Theodektes ändern darf), τελεσθεῖσα δὲ παρὰ τῶν Περιπατητικῶν Πραξιφάνοῦς τε καὶ Ἀριστοτέλοῦς. Die weitere semasiolo-gische Entwicklung erhellt aus Clem. Alex. Στρωμ. I 16, 79, 3 Ἀντίδωρος b Κυμαῖος πρώτος τὸν γραμματικὸν ἀντὶ τὸν κριτικόν (schon bei Ps.-Plat. Axioch. 366 e als Terminus für den Literaturforscher oder Lehrer) εἰσηγήσατο τοννομὰ καὶ γραμματικὸς προσηγορενθή (vgl. auch Bekker Anecd. III 1140. Cramer Anecd. Ὄχ. IV 310, 26). Ἔνιοι δὲ Ἐρατοσθένη τὸν Κυρηναῖὸν φασιν, ἐπειδὴ ἐξέδωκεν οὐτος βιβλία δνὸ γραμματικὰ ἐπιγράγας (sonst nicht bezeugt), ὠνομάσθη δὲ γραμματικός, ὡς ννν ὀνομάζομεν (3. Jhdt. n. Chr., falls die Worte nicht der Quelle selbst entnommen sind), πρώτος Πραξιφάνης (Schüler des Theophrast). Etwa seit dieser Zeit also machte γραμματικός im weiteren Sinne dem früheren κριτικός den Rang streitig, und zwar als vollkommenes Synonymon. Vgl. Dio Chrysost. orat. 53 init, Ἀρίσταρχος καὶ Κράτης καί, ἔτεροι πλείοῦς τῶν ὕστερον γραμματικῶν κληθέντων, πρότερον δὲ κριτικῶν καὶ δὴ καὶ αὐτὸς 'Ἀριστοτέλης, ἄῳ' ὅν φασὶ τὴν κριτικὴν τε καὶ γραμματικὴν ἀρχὴν λαβειν. Bekker Anecd. III 1140 τὸ πρότερον κριτικὴ ἐλέγετο (sc. ἡ γραμματική) καὶ οἱ ταντην μετιόντες κριτικοί. Gegen diese Gleichsetzung nun scheint aber die perga-menische Schule, die sich im Gegensatz zu den [1809] Alexandrinern mit Vorliebe des angeblich ehrenvolleren Titels κριτικός bediente, protestiert zu haben, indem sie, auf die frühere, engere Bedeutung zurückgehend, γραμματικός nur als eine Art Handlanger und γραμματική als eine minderwertige Tätigkeit, als eine bloße Ἐμπειρία und keine τέχνη oder gar ἐπιστήμη bezeichnete. Ein Echo dieses Streites tönt uns noch entgegen aus dem Epigramm des Krateteers Herodikos (Athen. V 222 a) φεύγετ', Ἀριστάρχειοι ... γωνιοβόμβυκες, μονοσύλλαβοι, οἰσὶ μέμηλε τὸ σφίν καὶ σφώιν καὶ τὸ μίν ἠδὲ τὸ νίν, τονθ' νμῖν εἰὴ συπέμφελον. Vgl. auch Sext. Emp. adv. math. I 79 ἔλεγε (sc. Κράτη ς) διαφέρειν τὸν κριτικὸν τοῦ γραμματικόν · καὶ τὸν μὲν κριτικὸν πόσης, φησί, δεὶ λογικῆς ἐπιστήμης ἔμπειρον εἶναι τὸν δὲ γραμματικὸν ἀπλώς γλωσσῶν ἐξηγητικοί' καὶ προσωδίας ἀποδοτικὸν καὶ τῶν τούτοις παραπλήσιων εἰδήμονα, παρὸ καὶ ἐοικέναι ἐκείνον μὲν ἀρχιτέκτονι, τὸν δὲ γραμματικὸν ὑπηρέτη. I 248 Ταυρίσκος ὁ Κράτητος ἀκουστῆς, ὤσπερ οἱ ἄλλοι κριτικοὶ νποτάσσων τῆ κριτικὴ τὴν γραμματικήν, SchoL Dionys. Thrax p. 673 ἐπεγέγραπται γὰρ τὸ παρὸν σύγγραμμα κατὰ μὲν τινας περὶ γραμματικῆς, κατὰ δὲ ἐτέρους περὶ .κριτικῆς τέχνης ’ κριτικὴ δὲ λέγεται ἡ τέχνη ἐκ τοῦ καλλίστου μέρους. Aus denselben Anschauungen gingen vermutlich auch die Schriften der beiden Pergamener Telephos πόσα χρὴ εἰδέναι τὸν γραμματικόν und des berühmteren Galen εἰ δύναταί τις εἶναι κριτικὸς καὶ γραμματικός hervor.

In diametralem Gegensatz zu jener geringschätzigen Auffassung von γραμματική von Seiten der pergamenischen Schule nahmen die Alexandriner das Wort im weiten Sinne des Sprach-und Literaturstudiums überhaupt, unserem ,Philologie* vollkommen entsprechend. So definiert denn Dionys. Thrax die τέχνη γραμματική als Ἐμπειρία ὡς ἐπὶ τὸ πολυ τῶν παρὰ ποιηταῖς τε καὶ συγγραφεῦσιν λεγομένων, die in folgende sechs Teile zerfällt, von denen die ersten fünf auch als τέχνη μικρά, ἀτελεστέρα, die letzte aber als τέχνη μεγάλη, ἐντελῆς, τέλειος bezeichnet wurde. 1. ἀνάγνωσις ἐντριβῆς κατὰ προσωδίαν, sorgfältiges Lesen nach Akzent, Spiritus und Quantität, was eine keineswegs leichte Sache war, da die älteren Texte akzentlos, ohne Worttrennung und mit nur gelegentlicher Interpunktion geschrieben waren; 2. ἐξήγησις κατὰ τοὺς ἐνυπάρχοντας ποιητικοὺς τρόπους ,Erklärung der rhetorischen Figuren*, sowohl λέξεως als διανοίας; 3. γλωσσῶν καὶ ἰστοριῶν πρόχειρος ἀπόδοσις ,Wort- und Sacherklä-rung ‘; 4. ἐτυμολογίας ἔνρεσις; 5. ἀναλογίας ἐκλογισμός ,Darstellung der grammatischen Regelmäßigkeit'; 6. κρίοις ποιημάτων, ὁ δὴ κάλλιστὸν ἔστι πάντων τῶν ἐν τῆ τέχνη. In 3. und 5. wie in dem Worte ἐμπειρία, zeigt sich deutlich die alexandrinische Provenienz der τέχνη des Dionysios. Eine direkt gegen diese Einteilung der G. sich wendende Auseinandersetzung, die nur drei Teile: 1. ἰστορικόν, 2. τεχνικόν, 3. ἰδιαίτερον anerkennt, ist uns von Sext. Empir. adv. math. I 57–83. 91. 252 überliefert und auf Asklepiades von Myrlea (I 72) zurückzuführen. Eine Vierteilung endlich, die von Usener dem Tyran-nion, einem der Lehrer Varros, zugeschrieben wird, gibt uns ein Schot zu Dionys. Thrax p. 115, 8 Hilg. 1. ἀναγνωστικόν (wie oben); 2. διορθωτικόν ,recensw, Textkritik'; 3. [1810] ἔξηγητικόν; 4. κριτικόν »ästhetische und literarische Kritik*. Eine sehr ausführliche Erläuterung zu der Dionysischen Einteilung liefert Rutherford Scholia Aristoph. III 157–455. In dem Kampf der Schulen blieb Alexandrien Sieger, und so behauptete auch bei Griechen wie bei Römern γραμματική, bezw. γραμματικός, in dem weiten Sinn des Berufsphilologen fast allein das Feld. Vgl. die grundlegende Abhandlung von Lehrs De 10 discrimine vocabulorum φιλόλογος, γραμματικός, κριτικός, im Appendix zu Herodiani scripta tria, Berlin 1857, 379–401.

Die Römer übernahmen mit der Sache auch die alexandrinische Nomenklatur. Gritieus kommt bei ihnen, mit Ausnahme des Servius, der gram-matieus überhaupt nicht braucht, nur ganz vereinzelt vor (zuerst bei Cic. epist. IX 10, 1 und besonders bemerkenswertRomanus bei Charis, gramm. I 236, 18 inter omnes criticos grammaticos con-'venit. Siehe Thes. ling. lat. III 1210 s. v,). Auch schlossen sie sich meist der Dionysischen Definition und Einteilung der G. an. Vgl. z. B. Cic. de orat. I 187 in grammatieis poetarum pertrae-tatio, historiarum eognitio, verborum interpréta-tio, pronuntiandi quidem sonus. Varro frg. 234 Fun. ut Varroni plaeet, ars grammatica, quae a nobis littérature, dicitur, seientia est eorum quae a poetis historicis oratoribusque dicuntur ex parte maiore, eius praecipua officia sunt 30 quattuor, ut ipsi plaeet, seribere, legere, intel-legere, probare, dafür frg. 236 lectio, enarratio, emendatio, iudieium. - leetio est varia cuiusque seripti enuniiatio servions dignitati personarum exprimensque animi habitum cuiusque. enarratio est obscurorum sensuum quaestionumve (sc. ζητήματα) explanatio, emendatio est recorreetio errorum qui per seripturam dietionemve fiunt. iudieium est aestimatio qua poema ceteraque scripta perpendimus. Quintil. inst. 12, 14 si 40 de loquendi ratione disserat (sc. grammatieus), si quaestiones explieet, historias exponat, poe-mata enarret. Der ursprüngliche Ausdruck für γραμματική bezw. γραμματικός im Lateinischen war literatura, literatus (literator); diese Übersetzungen sind aber bald durch die griechischen Lehnwörter verdrängt worden, dafür aber in die modernen Sprachen eingedrungen. Vgl. Quintil. inst. II 1, 4. Diom. gramm. II 421, 9 und besonders Suet. gramm. 4 appellatio grammati-50 eorum Graeca consuetudine invaluit, sed initio literati vocabantur. Cornelius quoque Nepos libelle quo distinguit literatum ab erudito, Hteratos vulgo quidem appellari ait eos qui diligenter aliquid et acute scienterque possint aut dicere aut seribere, ceterum proprie sic appellandos poe-tarum interprétés qui a Graecis grammatici nominentur.

Bei den Römern war aber daneben grammatica auch in seiner engeren Bedeutung von G. κατ' ἐξοχήν allgemein rezipiert, und zwar ohne jeden üblen Beigeschmack. Jene stoisch-perga-menische Geringschätzung der formalen G. scheint unter den Römern aber nur Seneca der Jüngere sich angeeignet zu haben. Man vgl. epist. 88, 3 grammaticus circa euram sermonis versatur et, si latius evagari vult, circa historias, iam ui lon-gissime fines suas proférât, circa carmina. 88, 42 philosophi ad syllabarum distinctiones et [1811] coniunctionum ac praepositionum proprietates deçeenderwnt ei invidere grammatieis und besonders 108, 30–34, wo er die Funktionen des grammaiicus gegenüber denen des philosophus und philologue in folgender Weise wiedergibt: eosdem libros (d. h. Cic. de rep.) cum gramma-ficus explieuit, primum verba expressa, ,reapse‘ dici a Cicerone, id est ,re ipso? in commen-tarium refert, nee minus ,sepse‘, id est ,se ipse‘. deinde transit ad ea quae consuetudo saeculi 1( mutavit, tamquam ait Cicero ..., .sumus' ab ipsa calee... revocati¹. Hane quam nunc in circo cretam rocamus, caleem antiqui dieebant. Heinde Ennianos colligit versus et imprimis illos de Afri-cano scriptos ... felicem deinde se putat, quod invenerit, unde visum sit Vergilio dicere ,quem super ingens porta tonat caelii Ennium hoc ait Homero subripuisse, Ennio Vergilium. esse enim apud Ciceronem in his ipsis de re~ publica libris hoc epigramma Enni. Während 20 Seneca an den beiden ersten Stellen die Hauptaufgabe des grammaiicus in der cura sermonis oder der Formenlehre erblickt, so erscheint sie in der letzten etwas weiter ausgedehnt, indem es sich dort vornehmlich um eine allseitige, stilistische Interpretation mit Ausschluß der sachlichen Exegese, die teils dem Philosophen, teils dem philologus zugewiesen wird, handelt. Aber weder im griechischen noch im lateinischen Sprachgebrauch findet diese Einschränkung eine Stütze. 30 Für die ganze nachalexandrinische Epoche ist und bleibt der grammatieus entweder der ,Fachgrammatiker' oder aber, bei den Römern allerdings seltener als bei den Griechen, ist er der allseitige Schriftstellerinterpret, dem die sachliche nicht minder als die linguistisch-rhetorische und stilistische Erklärung obliegt. Vgl. J. Aister-mann De M. Valerio Probo, Bonn 1910 S. 17–23 und die Art. Κριτικός und Φιλόλογος.