RE:Retia

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Netze
Band I A,1 (1914) S. 688691
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Retia Netze wurden schon in homerischer Zeit zu Jagd und Fischfang verwendet (Hom. Il. V 487; Od. XXII 386), Plinius VII 197 schreibt ihre Erfindung der Arachne zu. Wie noch heute, wurden sie von den Fischern und Jägern selbst verfertigt, weshalb Gratt. cyn. 25S. und Nemes, cyn. 299 Anleitung zum Netzverfertigen geben. Da dieses ein Flechten war (Plat. legg. III 679 A; polit. 288 D), wird das Netz auch bloß πλεκτή (Plat. legg. VII 824 B), der Netzstrieker δικτυοπλόκος (Poll. VII 179. Hesych. s. χηλώτια. Corp. gloss. lat. II 277, 49. III 201, 52. 271, 51. 307, 37), oder wegen seines Handwerkzeuges, der χλεύματα, χηλας und χηλεντῆς genannt (Hesych. s. χηλθς, χηλεύει), lat. retifex (Alcim. Avit. homil. XXXIX p. 150, 13 Peiper) und retiarius (Corp, gloss. lat. II 277, 49. III 201, 52 u. a. VII 205), was sonst eine Gladiatorenart bezeichnet. Als Werkzeuge dienten zum Netzflechten wahrscheinlich, wie jetzt noch, ein hölzerner Stock, um den Faden darüber zu schlingen, und eine ziemlich lange Nadel, um den Faden damit zu führen. Zu diesem Zwecke war sie an beiden Enden gespalten und hieß darum χηλή (Stamm λά), χηλίον, χηλώτιον, χήλενμα (Poll. VII 83. Hesych. s. χηλώ3θ τιά), die Arbeit mit dieser Nadel χηλεύειν (Poll. Vit 83. Hesych. s. χηλενεί), auch χήλενσις. Über solche Nadeln aus Bronze oder Knochen, die unsern Filetnaceln entsprechen, vgl. Läng Die Bestimmung des Onos oder Epinetron, Berl. 1908, 54. Jacobi Römerkastell Saalburg 434 Fig. 71f.; ebd. Tat LXVII 5. Friedrichs Berlins antike Bildwerke II 354. 12130. Die Teile des Netzes sind: die Maschen, die je nach der Bestimmung des Netzes weiter oder enger sind, 40 βρόχοι, oder βροχίδες (Xen. cyn. II 4. Oppian. hal. III 595. Poll. V 28), auch ἀκίδες (Hom. 11, V 487. Oppian, hal. IV 146), lat. maculae genannt (Varro r. r. III 11, 3. Cic. Verr. V 27, Ovid. her. V 19. Colum. VIII 15, 1. Nemes. 302), die Knoten ἄμματα (Poll. V 28. Xen. cyn. II ὁ τριακονθάμματα δίκτυα. Plut. de soll, anim. 24 p. 976 E), lat. nodi (Gratt. cyn. 30. Nemes. 301 Plin. XXXVII 45 retia nodare. Ovid. met. III 153. VII 807 nodosa lina) und die festen, 50 glatten Schnüre, die durch die obersten und untersten Maschen gingen, um die Netze zu-gammenzuziehen und zusammenzurollen, ἐπίδρομοι, bezw. περίδρομοι (Xen. cyn. VI 9. Poll. V 29. Plin. XIX 11 epidromi), wofür im lateinischen etwa limbus oder linea entspricht, die feste Randschnur, von deren Verknüpfung mit dem Netze Grattius 26ff. spricht. Als Material wurde für die Netze gewöhnlich Flachs verwendet, weshalb λίνον, lat. linum geradezu Netz 60 heißt, besonders bei den Dichtern (s. o. Bd. VI S. 2451, 61ff 2473, 56ff.), oder Una auch die Fäden des Netzes bezeichnet (Ovid. met. VII 768). Der beste Flachs kam vom Phasis und Karthago (Xen. cyn. II 4) in römischer Zeit aus Libyen, Etrurien und Campanien (Gratt. 34ff.), Plinius XIX 10 empfiehlt dazu den spanischen, den Grattius 35 zurückweist. Auch Hanf (s. o. Bd. VII S. 23130.) verwendete man, be- [689] sonders den von Alabanda (Gratt. 46ff. Plin. XIX 174), spartum (Xen. cyn. IX 13. Aelian. nat. an. XII 43), Binsenpfriemkraut, genista, für Fischnetze (Pin. XXIV 65). und den Bast der Dattelpalme (Strab. XV 721). Gebraucht wurden die Netze zur Jagd, zum Vogel- und Fischfang, wonach man drei Arten von Netzen unterscheidet. Alle drei Arten werden mit den Ausdrücken retia und δίκτυα bezeichnet (Varro r. r. III 3, 4). Xenophon cyn. II 3ff. unterscheidet wiederum dreierlei Jagdnetze: ἄρκυες, ἐνόδια, δίκτυα. Den erstem entsprechen lat. die casses (s. o. Bd. III S. 1676f.), den ἐνόδια, die nach Poll. V 27 an einzelnen Wechselplätzen des Wildes aufgestellt waren, vielleicht die plagae (s. d.), den δίκτυα die r., umfangreiche Stellnetze (Oppian. cyn. 1150ff. Corp. gloss. lat. VII 204f. III 259, 50. Tib. IV 3,12ff. Nemes. 299ff. Verg.Aen.IV 131. Ovid. met. VII 767. CIL XIII 5708),[1] womit weite Waldstrecken über Berg und Tal eingehegt wurden (Tib. I 4, 49. Ovid. rem. am. 202; met. VIII 329fL), um darin den Jägern das Wild zuzutreiben (Verg. georg. III 411ff.; Aen. X 707ff. Ovid. her. V 19f. Plin. ep. I 6). Die Netze aufstellen heißt r. tendere (Ovid. met. VII 701. VIII 331; a. a. I 45; her. V 19) oder ponere (Verg. georg. I 307), auch claudere (Tib. I 4, 49. IV 3, 8. Ovid. fast. V 371). Diese Netze waren, wie die meisten Jagdnetze, weitmaschig (Verg. Aen. IV 131), sehr fein gearbeitet, so daß Netze aus kumanischem Flachs mit samt den Ober- und Unterleinen durch einen Fingerring hindurchgingen, wie Plin. XIX 11 behauptet, trotzdem aber waren sie sehr fest (Plin. a. a. O.). Nach Xen. cyn. II 5 sind die ἐνόδια neunfädig, die δίκτυα löfädig; die ersteren sind zwei, vier und fünf ὀργυιαί = 3,6-9 m, die letztem zehn, zwanzig, dreißig = 18, bezw, 36, bezw. 54 m lang. Noch größere waren schwer zu handhaben. Beide Arten hatten 30 Knoten. Die Maschen mußten zwei Handbreiten = 148 mm weit sein, wie die ἄρκυες, was eine Höhe von 4,5 m gibt. Am Saum der δίκτυα waren Ringe angebracht. Da die Netze nach Plin. XIX 11 sehr leicht waren, konnte ein einzelner Netze für eine große einzuhegende Waldstrecke tragen. Man trug sogar die Netze nach, um sich die Gunst eines Geliebten zu erwerben (Tib. 1 4, 49. IV 3, 11f.), sonst besorgten jedoch Diener diese Aufgabe (Sen. Phaedr. 47. Vgl. I) a r e m b e r g - Saglio IV 2 Fig. 5930 = Blümner Rom. Privatalt. 518 Fig. 80), oder Pferde und Maultiere (Horat. ep. I 18, 46. Vgl. Arch. Anz. 1899, 67. 1909. 194. wo der Aufbruch zur Jagd dargestellt ist mit Dienern und einem Maultier). Zum Aufstellen der Netze benutzte man Bäume (Blümner a. a. O. 519 Fig. 81) oder eigene, gabelförmige Stellhölzer, ὀτάλικες (Oppian. cyn. I 157. IV 121 usw. Anth. Pal. VI 109, 187. Xen. cyn. II 8. VI 7), σταλίδες oder ἀχαλίδες, lat. talvae (s. d.) genannt. Das Aufstellen der Stellnetze heißt λινοστατειν (Oppian. cyn. IV 64. Athen. V 219 d) und λινοσταοία (Anth. Pal. VI 16. 179. 186). Auf der oben genannten Abbildung bei Daremberg-Sag-1 i o und Blümner, wo ein Relief nach Ann. d. Inst. XXXV tav. agg. AB Fig. 2 dargestellt ist, tragen zwei Diener auf der linken Schulter [690] ein großes, zusammengerolltes Netz, in der Rechten halten sie eine stockartige Stellgabel. Die r. wurden zur Jagd auf Hasen und Füchse (Mart. X 37, 13ff„ s. o. Bd. VII S. 190, 64fÜ Hirsche, Wildschweine (Claudian. Stilich. III 305. Stat. silv. II 5, 28) und auch auf Raubtiere verwendet (Abb. Blümner a. a. O. Fig. 81–83. Daremberg-Saglio IV 2 Fig. 5932). Auch im Amphitheater wurden die Tiere zum Schutze der Zuschauer mit Netzen eingeschlossen (Plin. XXXVII 45). Endlich dienten die r, zum Einschließen der Aviarien (Varro III 5, 1). Die zum Vogelfang (s. d.) bestimmten Schlagnetze hießen ebenfalls r, Man fing damit Amseln, Drosseln, Sperlinge und andere kleine Vögel (Plaut. Asin. 225. Varro r. r. III 3, 4. Horat. epod. II 33. Mart. II 40, 3. III 58, 26. XI 21, 5. XIII 68, 1. Colum. VIII 10, 1. Pall. X 12). Bei den Griechen waren dafür ebenfalls 20 die allgemeinen Bezeichnungen für Netze im Gebrauch, wie δίκτυα (Plat. soph. 220 c. Arist. av. 194. 528. Anth. PaL VI 13 u. ὁ.), βρόχος (Arist. av. 527), Uva (Anth. Pal. VI 12. 180 u. ὁ.), βόλος (Anth. Pal. VI 184). Von Arist. av. 527f. wird unter den verschiedenen Mitteln zum Vogelfang auch die νεφέλη aufgezählt, ein dünnes Vogelnetz (Anth. Pal. VI 11, 185, 109), womit man nach Athen. I 25 c Krammetsvögel und Tauben fing. Man streute auf das am Boden ausgebreitete 30 Netz Spreu und zog es, wenn die herbeigelockten Vögel das Futter verzehrten, mittels einer Leine zusammen (Oppian. aucup. III 12). Dabei stürzten die Gabelstöcke amiies, an denen die Netze befestigt waren, um (Horat. epod. II 33 und Schol. Pall, X 12. Fest. 19, 17 L. Corp. gloss. lat IV 16, 23. 479, 16. V 166, 12), Wie für die Vogelnetze war auch für die Fischnetze der allgemeine Name bei den Römern r. (Plaut. Rud. 984. 1020. Acc. bei Non. 534, 1. Ovid. a. a. I 40 764; met. XIII 922. Iuven. V 95 u. a.), oder lina, lina piscatoria (Plin. XXIV 65. Verg. Georg. I 142. Ovid. met. III 586. Auson. Mos. 243), seltener cassis (Avian. fab. XX 14) oder plaga (Auson. Mos. 244), bei den Griechen δίκτυα, ἀλιευτικὰ δίκτυα (Aisch. Choeph. 499. Hom. Od. XXII 386. Athen. VII 284. Diod. XVII 43. Aelian. nat, an. XV 5f. Anth. Pal. VI 11. 13 u. ὁ.), λίνα (Anth. Pal. VI 12. 16 u. o.). Wie man vom Jaeger r. tendere sagt, so vom 50 Fischer r. mittere (Iuven. II 148) und statuere (Non. 534, 1). Manchmal wurde ein Fischnetz auch bei der Jagd gebraucht (Mart. X 37, 15). Man unterschied viele Arten von Fischnetzen (Poll. I 97. Oppian. hal. III 80ff.), hauptsächlich das Wurfnetz, rete iaculum oder bloß iaculum (Plaut. Asin, 100: True. 35. Ovid. a. a. I 763. CIL II 2335.[2] Isid. XIX 5, 2) oder funda genannt (Verg. Georg. I 141. Isid. a. a. O. Corp. gloss. lat. V 209, 12. 110, 16. 458, 11. 297, 30. 60 501, 65), griech. ἀαφίβληστρον (Hes. scut. 215. Herod. I 141. II 95. Athen. X 450 c. Poll. X 132. Suid. und Hesych. s. v. Opp. hal. IV 144. Anth. Pal. VI 25) und das Schleppnetz sagena (s. d.). Ein ἀμφίβληστρον soll zur Ermordung Agamemnons gebraucht worden sein (Aisch. Agam. 1382; Choeph. 492). Auch βόλος wird ein Wurfnetz bedeuten (Aelian. nat. an. VIII 3). Die lat. Namen iaculum und fundo, [691] die nach Ausonius ep. IV (XIV Peiper) 54 verschiedene Netze bezeichnen, rühren daher, weil das Netz wie eine Schleuder geworfen wurde (Serv. Georg. I 141). Es wurde mit Blei beschwert und so ins Wasser geworfen, daß sich eine weite, trichterförmige Öffnung bildete (Oppian. hal. IV 144), und dann durch eine am obern Rand befindliche Schnur, linea (Plaut. True. 35), herausgezogen (vgl. ein Wanogeinälde von Herculaneum, Pitture d. Ercol. II 273 = B1 ü m n e r Röm. Priv. 531 Fig. 84 = D a r e m-berg-Saglio IV 493 Fig. 5690). Andere griechische Bezeichnungen für Fischnetze sind nicht völlig klar. Nach Keller Ant. Tierwelt II 329 sind βρόχοι (Plat. soph. 220 c) festgebundene, große Netze, πόρκοι (ebd. Plut. symp. VIII 8, 3) kleine sackartige im Wasser festgemachte Netze, die eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Schwein hatten. Zum Austernfang diente ein kleines Netz, γαγγάμη (Strab. VS 307) oder γάγγαμον (Oppian. haï. III 81. Aisch. Agam. 369 übertr. ἄτης); der Fischer, der es handhabt, heißt γαγγαμευς (Hesych.), auch γαγγαμουλκός (Etym. M., wo indes dieses Wort mit σαγηνευτῆς erklärt ist). Die ὑποχή scheint ein rundes, kleines Netz an einem langen Stocke gewesen zu sein (Oppian. hal, V 251. III 81. Marc. Ant. X 10. Aelian. nat. an. XIII 17 u. a.); ebenso war das von Oppian. hal. III 82 genannte κάλυμμα ein rundes, sackartiges Netz. Mehrfach wird das nicht näher zu bestimmende γρίφος (Oppian. III 80) oder γρίπος (Anth. Pal. VI 23. Artem. II 14) genannt und die Ableitungen davon, wie γρυπεύς (Theokr. I 39. III 26. Anth. Pal. VII 303. 1X 442) und γριπηίς τέχνη (Anth. Pal. VI 223). Yates Textrinum antiquorum, Lond. 1843, 412S. Blüm ner Technol. I²294ff. 307; Röm. Privatalt, 517f. 526. 529. Daremberg-Saglio IV 850ff.

[Hug. ]
  1. Corpus Inscriptionum Latinarum XIII, 5708.
  2. Corpus Inscriptionum Latinarum II, 2335.