Schloss Friedrichsburg bei Kopenhagen
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SCHLOSS FRIEDERICHSBURG
bey Copenhagen.
Friedrichsberg, Friedensburg, Friedrichsburg sind Namen, welche der Fremde in Kopenhagen sehr oft mit einander verwechselt. Alle drei bezeichnen königliche Schlösser. Das erste ist ein Sommerpalast, eine halbe Stunde von der Hauptstadt; Friedensburg, das andere, dient jetzt dem Kriegsgotte als eine Militairakademie; das dritte ist der Gegenstand unsers Bildes.
Der ganze Weg von Kopenhagen zu diesem Lustschlosse der Könige von Dänemark geht durch eine parkmäßige Landschaft. Kaum, daß man die letzte Häuserreihe Kopenhagens hinter sich hat, so empfängt uns das Dunkel des königlichen Thiergartens, und unter schattigen Laubgängen hin, welche dann und wann eine reizende Fernsicht, oder der Blick auf eine lichte Waldmatte erheitert, wo Hirsche und Rehe heerdenweise grasen, kommen wir zu den Ufern eines langgestreckten, buchtenreichen Sees, wo eine Fähre harrt, die den Reisenden auf das andere Ufer übersetzt. An demselben, auf einer mit einzelnen Bäumen besetzten Anhöhe, laden Ruhebänke unter einer tausendjährigen Buche zum Genusse der schönsten Ansicht. Der ganze Esrom-See liegt mit seinen zahllosen Buchten ausgebreitet zu den Füßen des Beschauers, umgeben von prächtigem Hochwald, und da, wo sich der letztere in ein tiefes Thal hinabsenkt, schweift der Blick über die Baumwipfel hinweg auf das spiegelnde Meer und nach den blauen, fernen Gebirgen Schwedens. Das unter Buschwerk am Ufer versteckte bemooste Dach des Fährmanns ist das einzige Zeichen einer menschlichen Wohnung in dieser elegischen Landschaft, deren Stille nur zuweilen das Rufen der Hirsche, oder das Rauschen des die Gebüsche durcheilenden, scheuen Rehs unterbricht. Der Geruch des Waldes, der Duft des Kalmus und die aromatischen Dünste seltner, blühender Wasserpflanzen im See, erquicken und stärken Nerven und Sinne. Ueber die schwarzen Fluthen schweben hie und da Nebelstreifen wie ein zarter weißer Rauch, welchem die im ruhigen Wasserspiegel wiederstrahlende Sonne bald schillernde Regenbogenfarben, bald helle Silberblicke zu geben scheint. Seitwärts fällt der Blick in ein tiefes, schmales Gründchen, umgossen vom düstersten Dunkel. Ein Pfad lockt hinab, der sich jedoch bei einer alten Ulme in’s Dickicht verliert, und eine Schrifttafel mahnt zur Rückkehr wie ein warnender Wegweiser für die irrenden Ahnungen einer unruhigen Menschenbrust.
[52] Durch die Holzung windet sich die Straße fort, bis sie den Fuß des Skandsenbergs erreicht, auf dessen Höhe wiederum eine treffliche Aussicht entzückt. In Westen breiten sich die Wälder und der See von Esrom aus; gegen Norden treten die Felsenküsten Schwedens majestätisch hinter den Fluthen des Kattegats hervor; das grüne Eiland Hveen und Schonens städtereiche Gestade grüßen von Ost über den von zahllosen Segeln belebten Sund herüber, und südwärts prangt im glitzernden See das schöne Friedrichsburg gleich einem Juwel in silberner Fassung.
An den See, in dessen Mitte, auf einer Insel, das Schloß liegt, lehnt sich im Halbkreise das freundliche Städtchen Friedrichsburg, dessen bescheidenes Aeußere mit der Magnifizenz des stolzen Fürstenhauses einen malerischen Kontrast gibt. Zugbrücken führen über die schilfbewachsenen Gewässer zu dem hohen Thore mit Wappen und Inschriften und in den mit gewaltigen Quaderstücken gepflasterten Vorhof. Das Schloß selbst ist aus Werkstücken in jenem Style aufgeführt, der bei den Prachtbauten des 17ten Jahrhunderts üblich war: – er zeigt den tiefen Verfall des Geschmacks und der Kunst. Dennoch macht das thurmreiche Gebäude durch seine Masse eine große Wirkung; nur im Innern fällt der Mangel an Schönheit der Verhältnisse unangenehm auf und keine Pracht kann ihn verdecken.
Friedrichsburg sollte eigentlich Christiansburg heißen, denn Christian IV. ließ das kaum vollendete Schloß niederreißen, welches sein Vater König Friedrich II. aufgerichtet hatte, und stellte diesen Prachtbau an seine Stelle. Er hat dem Lande Dänemark Millionen gekostet und steht jetzt leer, – ein unnützes Möbel des Königthums. Die Zimmer sind dürftig ausgestattet, die besten Gemälde und Kunstsachen sind nach Kopenhagen geschafft worden, größtentheils in’s Museum. Was zurückblieb, hat, vergleichsweise, wenig Werth. Jedoch hat die Kirche von ihren Schätzen Vieles behalten: sie ist mit Gold und Silber überladen, silberne Kronleuchter hängen von der Decke, eine Statue des Heilands von massivem Silber steht auf dem Altare. Ehedem war sie von den zwölf gleichfalls silbernen Statuen der Apostel umgeben; die Schweden nahmen sie aber mit fort, meinend, der Apostel Beruf sey nicht der, den Meister zu hüten.
Das Sehenswertheste ist der große Ritter- und Bankettsaal. Wände und Decken sind ganz mit der kunstvollsten Holzschnitzerei bedeckt, und 26 Künstler, die besten ihrer Zeit, waren 7 Jahre lang an dieser Arbeit beschäftigt. Bildnisse der Glieder der dänischen Königsraçe, zumeist in Panzer und Harnisch, starren von den Wänden. Zwischen vielen werthlosen Bildern sieht man auch ein paar gute Tafeln von Teniers und Salvator Rosa.
[53] In diesem jetzt so stillen Saale war es, wo einst jene monarchischen Aerndtefeste gefeiert wurden, deren Programm der „grand monarque“ der Franzosen in seinem Versailles für die europäischen Könige schrieb. Es war in jenen goldnen Tagen der Herrschaft, wo Land und Gut des Volks überall noch als Landgut des Fürsten galten, wo auch Dänemark die schweren Garben seines Fleißes, sein Glück und seinen Ruhm als duftendes Heu unersättlicher Verschwendung zu Hofe fahren mußte. Da war Jubel in diesen Hallen, und Freude und Lust dreheten sich in einem Kreise ohne Ende. Diese bleichen Wände, wie würden sie erröthen, wenn sie die Szenen der Unterwürfigkeit und kriechender Schmeichelei wieder erzählen sollten, von denen sie Zeuge waren. So Etwas kömmt hier nie wieder. Wenn auch das Volk noch gezäumt seinem Reiter folgt: – die Sporen küßt es doch nicht mehr, die ihm wehe thun; und wenn auch der Knecht den Menschen noch an der Hand fest hält, man schämt sich doch nicht mehr, ein Mensch zu seyn.
Stilles, schweigsames Friedrichsburg – Lustschloß ohne Lust! – mit Schadenfreude sehe ich die zerrissenen Tapeten, wie Trauerflor um die alte Zeit, von deinen Wänden hängen und höre die Raben um deine Thürme ihr Sterbelied krächzen. Wenn sie begraben seyn wird, ganz begraben; – dann wird auch zu dir neues Leben wieder kommen: statt der Lust des Hofes wird die Arbeit des Bürgers einkehren, und was jene verzehrt hat, wird diese wieder erwerben. Der Anstoß ist gegeben; die Metamorphose geht überall still und willig vor sich, und in Dänemark wird man ihr eben so wenig entgehen, als anderwärts.