Die Basteifelsen bei Dresden

CCCCXXXX. Schloss Friedrichsburg bei Kopenhagen Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band (1843) von Joseph Meyer
CCCCXXXXI. Die Basteifelsen bei Dresden
CCCCXXXXII. Der Salzberg bei Hallstadt
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DIE BASTEIFELSEN BEY RATHEN
in der sächsischen Schweiz

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CCCCXXXXI. Die Basteifelsen bei Dresden.




Ein Bild aus der sächsischen Schweiz. Majestätisch wogt der breite Elbstrom zwischen den zerrissenen Felswänden den Marken Böhmens zu.

Die Bastei ist die Glanzpartie dieser interessanten Gegend, und sie ist, trotz ihrer Entfernung, ein Vergnügungsort der Bewohner Dresdens, die in der schönen Jahreszeit, zumal des Sonntags, in großen Schaaren herkommen, um eine herrliche Natur zu genießen, oder um gesehen zu werden. Gewöhnlich wird die Basteifahrt zu Wasser gemacht; rathsam ist es dann, bei Ottowalde auszusteigen und den übrigen Weg zu Fuß zu machen. Von da ist’s zur Bastei noch eine halbe Stunde. Der Pfad geht durch eine schmale Thalschlucht, die Kluft genannt, und ist herrlich. Hohe Felswände, mit Flechten und Moosen üppig bewachsen, ragen thurmhoch zu beiden Seiten auf, oft hängen sie über, oft scheinen ihre Firsten einander zu berühren, so daß das Himmelsblau nur durch schmale Ritze sichtbar wird. Auf halbem Wege steht, unter hoher Felswand, ein einfaches Kreuz, das Maal einer tragischen Begebenheit. Eine reiche, fremde Familie kam vor mehren Jahren mit ihrem einzigen Sohne, einem Knaben von 15 Jahren, in diese Gegend. Beeren suchend, kletterte derselbe die Felswand hinan. Die Eltern glauben, er habe einen nähern Fußpfad eingeschlagen und beruhigen sich, als sie ihn missen, mit dem Gedanken, er werde sie auf der Bastei mit seinem Willkommen! überraschen wollen. Sie langen an: der Knabe ist nicht da, Niemand hat ihn gesehen. Besorgt eilen sie den Weg zurück, vergeblich tönt ihr Ruf durch die Felsen. Der Abend kömmt – schon sind alle Schluchten durchsucht – verzweifelnd sinkt die Mutter ihrem Gatten in die Arme. „Komm, setze dich in den Schatten der Rosenhecke und ruhe aus; ich will allein suchen!“ sagte der Vater und führte die Gattin zu dem blühenden Busch. Sie biegt ahnungsvoll einen Zweig zurück: da liegt der Knabe mit zerschmettertem Haupte vor ihr, die blonden Locken steif von Gehirn und Blut. Der Schreckensanblick macht sie wahnsinnig. Sie muß auf den Sonnenstein gebracht werden, und erst nach drei langen Jahren führt sie der barmherzige Gott dorthin, wo sie ihren Knaben wieder findet. Der Vater wird schwermüthig; einige Wochen besuchte er jeden Morgen den Platz an der Rosenhecke, wo das Kreuz steht; – einmal bleibt er aus: Niemand weiß, was aus ihm geworden. –

[55] Am Ende der Schlucht hat man eine freie Aussicht und ein paar Steinbänke laden zum Ausruhen. Man übersieht einen großen Theil der sächsischen Schweiz mit dem Elbthal; der Pfaffen-, der Lilien- und der Königstein nehmen sich vorzüglich schön aus. Eine Allee führt von da zum Wirthshause der Bastei, einem ansehnlichen Gebäude, wo an schönen Tagen immer eine Menge Menschen, sowohl Dresdner als Reisende aller Nationen, angetroffen werden. Die Wirthschaft hat den Ruf, gut zu seyn und verdient ihn.

Dicht am Hause umgibt ein Geländer die Stirn eines weit in das Thal hinaustretenden Felsens. Von diesem Punkte übersieht man die ganze Gegend. Zunächst unter der 700 Fuß hohen Felswand rauscht die Elbe. Leicht trägt sie die schwere Last der Flöße und Schiffe und die mit schwellenden Segeln dahin gleitenden Fischernachen und die Kähne mit der bunten Menge, die landet oder heimfährt.

Seitwärts ragen die wunderlich gestalteten Rathener Felsmauern: die große und die kleine Gans, der Gammerichstein und nahe der Bastei die Steinschleuder und die Neurathener Gruppe mit dem altersgrauen Gemäuer einer Sorben-Burg. Weiter unten im Thale liegt der Ort Rathen mit seinem Thurme und die malerisch bewachsene Ruine Altrathen. Der Nonnen- und der Bärenstein starren zur Rechten empor, und in weiterer Entfernung prangen die Felskegel: der Lilienstein und der Königstein mit ihren Mauerzinnen, welche die Landschaft beherrschen, die sie schmücken. Zwischen ihnen tritt der Quirl keck hervor. Die Dschirnsteine, der Pabst, der seltsam geformte Zirkelstein und der bewaldete Rosenberg begrenzen den Horizont, und nach Böhmen hin treten der Hohenstein mit seiner alten Veste und der Winterberg, der höchste des Landes, duftig und blau in den Aether. Die Basteifelsen und die Schluchten, welche die Gruppen trennen, sind zum Theil durch Brücken und Stege gangbar gemacht, und wo Gefahr war, hat man sie durch Geländer und Brustwehren zu beseitigen gesucht. Um alle die merkwürdigen Stellen zu besehen, reicht indeß ein Tag nicht aus und Viele beschränken sich nur auf die nächsten Punkte: sie besuchen das Rathener Thor und die Steinschleuder, die höchste Kuppe der Bastei, zu welcher über eine furchtbare Schlucht hin eine Balkenbrücke führt.

Wer aber mit der Zeit nicht zu kargen braucht, der nehme sich einige Tage, um von der Bastei aus das merkwürdige Gebirge zu durchwandern, welches durch die Menge von kleinen Flüssen und Bächen und durch die unzähligen Einschnitte, die es aus dem ewigen Kampfe mit den starken Elementen und der Alles zerstörenden [56] Zeit als Wunden und Narben davon getragen hat, eine so prächtige Mannichfaltigkeit und Verworrenheit darbietet, als wenig Gegenden der Erde. Ueberall hin sind Wege gebahnt und jeder Schritt bringt Abwechselung oder Ueberraschung. An rauschenden Bächen hin, über frische, grüne Wiesengründchen, bei einsamen Hütten und Mühlen vorüber, in Felsschluchten hinauf oder hinab, wandelt man und sieht rechts und links schauerliche Thäler sich öffnen, in welche von steiler Felswand kleine Bäche in Caskaden herabstürzen. Was die Natur in der Schweiz auf einem Raume von einigen hundert Quadratmeilen im colossalsten Verhältniß ausgeführt hat, ist hier, freilich in kleinerm Maßstabe, auf der Strecke von wenigen Stunden zusammengedrängt. Das Vergnügen verliert durch das kleinere Maß nichts an seiner Stärke; und am Ende gäbe es ja auch für die Alpenwelt einen Standpunkt, wo sie dem Auge winzig und klein erscheinen müßte. Wenn der Gedanke auf zu den Sternen fliegt und der Geist von da herabschaut auf die kleine Erde, hören dann nicht alle Unterschiede zwischen Groß und Klein, Hoch und Niedrig auf derselben auf? ist dann nicht Alles ausgeglichen und geebnet?