Sechzehnter Jahresbericht des deutschen Erzieherinnenheims zu Paris 1900-1901

Gestatten Sie mir diesmal, die gewöhnlichen statistischen
Angaben sofort an die Spitze des Berichtes zu stellen:
Im verflossenen Jahre wohnten im Erzieherinnenheim 184 Damen in 3 399 Nächten.
Davon waren dem Beruf nach:
150 Erzieherinnen,
4 Modistinnen,
2 Malerinnen,
1 Buchhalterin,
1 Krankenpflegerin,
26 ohne bestimmten Beruf.
Der Nationalität nach zählten wir:
146 Deutsche,
15 Amerikanerinnen,
14 Oesterreicherinnen,
3 Schweizerinnen,
2 Engländerinnen,
1 Französin,
1 Russin,
1 Ungarin,
1 Holländerin.
Nach den verschiedenen Ländern geordnet, kamen zugereist:
72 aus Frankreich,
66 aus Deutschland,
17 aus England,
14 aus Amerika,
6 aus Oesterreich,
4 aus der Schweiz,
3 aus Belgien,
2 aus Spanien.
[2]
| Es wohnten im Heim über 3 Monate: | 3 | Damen, |
| " 2 " | 8 | " |
| " 1 " | 16 | " |
| noch kürzere Zeit: | 157 | " |
Der evangelischen Kirche gehörten 136, der katholischen 46 an, 2 waren Israelitinnen.
Die Zahl der Posteingänge betrug für beide Heime 2 497.
Wie schon manche dieser statistischen Angaben vermuten lassen, erhält dies 17. Berichtsjahr des unserer Aufsicht und Fürsorge anvertrauten Werkes sein besonderes Gepräge durch die Weltausstellung des vorigen Sommers, die auch im deutschen Heim für Erzieherinnen ihren Einfluß geltend machte. Unseren Satzungen gemäß wurden – soweit es der Hauptzweck unseres Hauses, stellenlosen Erzieherinnen ein sicheres, gutes und möglichst billiges Unterkommen zu bieten, erlaubte, – auch alleinstehende Damen, die zum Besuche der Ausstellung hierherkamen, zu besonderen Preisen aufgenommen. Leider konnte in dieser Hinsicht wegen Platzmangels nicht allen Anfragen entsprochen werden, doch waren es immerhin 68 solcher Damen – auch zumeist Lehrerinnen – die unter dem gastlichen Dache unseres Heimes ihr Quartier aufschlugen und sich nach dem Zeugnis vieler dorten, in deutschem, traulichem Kreise, nach dem Trubel der Ausstellung doppelt wohl fühlten. Nicht nur dieser auf wenige Monate sich zusammendrängende gesteigerte Verkehr, sondern auch der durch Anfragen aller Art stark vermehrte Briefwechsel (etwa 500 Nummern mehr denn gewöhnlich) stellte an die Leitung des Hauses in diesem Jahre besondere Anforderungen und wir sind Schwester Adele, wie ihrer Gehilfin Frl. Vaupel zu besonderem Danke verpflichtet, daß neben diesen außerordentlichen Aufgaben auch die ordnungsmäßigen ohne Beeinträchtigung erfüllt wurden.
Freilich hat ja nach Abzug dieser 68 Ausstellungsbesucher unser Haus mit 116 Insassen gegen 137 im Vorjahre wieder einen Rückgang zu verzeichnen, doch muß man bedenken, daß auch in früheren Jahren immer eine kleinere Anzahl reisender Damen in der Aufstellung mit eingerechnet wurde. Wie weit im übrigen die [3] Ausstellung diese Verminderung verursacht hat, kann erst die Zukunft lehren. Vielleicht werden aber auch gerade durch sie für die Zukunft die Verhältnisse insofern geändert, als dem französischen Volke, sei es durch die großen Erfolge der deutschen Aussteller, sei es durch die vielfach wieder angeknüpften Handelsbeziehungen der Nachbarländer die Kenntnis der deutschen Sprache wünschenswerter erscheinen mag, als früher. Das würde auch den Arbeitsbereich der deutschen Erzieherinnen erweitern und thatsächlich hört man schon von gesteigerter Nachfrage nach solchen. Wir würden uns für den um seine Existenz hier vielfach schwer kämpfenden Stand von Herzen freuen, wenn diese Hoffnungen sich erfüllten, sind aber weit davon entfernt, nun etwa zum Hierherkommen einzuladen. Wir halten im Gegenteil an unserem Urteil fest, daß in Frankreich der Erzieherin so viele Schwierigkeiten und Gefahren aller Art sich in den Weg stellen, daß nur solche, denen es ihre Fortbildung gebietet, sich in Frankreich aufzuhalten und denen ihre Mittel es erlauben, längere Zeit zu warten, den Versuch wagen sollten.
Um auch an unserem Teile zur Überwindung dieser Schwierigkeiten nach Möglichkeit beizutragen und sonderlich auch, um hinter einem konfessionell katholischen Heime, das hier, demnächst mit Vermittlung eröffnet werden soll, nicht zurück zu stehen, haben wir im verflossenen Jahre die Stellenvermittlung – die seit dem Jahre 1892 dem hiesigen deutschen Lehrerinnenverein übertragen war – wieder selbst in die Hand genommen. Wir entsprachen damit zugleich den immer wieder geäußerten Wünschen aus der hiesigen französischen Damenwelt und aus dem Kreise der Bewohnerinnen unseres Heims. Um auch den leisesten Schein zu meiden, als leisteten wir mit dieser Einrichtung den in Frankreich leider vielfach herrschenden unklaren Vorstellungen über den Bildungsgrad und die soziale Stellung der deutschen Erzieherin Vorschub, wurde beschlossen, mit großen pekuniären Opfern den losen Zusammenhang, der bisher noch zwischen den Einrichtungen des Erzieherinnen- und des Mädchenheims bestand, bis auf die Einheit der Verwaltung völlig zu lösen. [4] Zwei Eingänge von verschiedenen Straßen aus, zwei Büreaux werden denn neben den bisher schon getrennten Treppen, Wohn- und Schlafzimmern nun auch der Außenwelt gegenüber deutlich dokumentieren, daß Erzieherinnen und Mädchen auseinanderzuhalten sind. Auch unsere Leiterinnen im Heim sind angewiesen, bei allen Gelegenheiten zur Aufklärung des französischen Publikums in diesen Fragen beizutragen. Obwohl diese Neueinrichtungen erst in der stilleren Sommerzeit durchgeführt werden können und deshalb auch die beteiligten Kreise noch nicht darauf aufmerksam gemacht wurden, durfte doch unsere Stellenvermittlung schon manchen guten Dienst leisten, der dankbar anerkannt wurde.
Auch unsere Kassenverhältnisse, über die Ihnen unser verehrter Herr Kassierer nachher eingehenden Bericht erstatten wird, sind in diesem Jahre ungewöhnliche. Obwohl die Pension für die Ausstellungsbesucher noch niedriger war, als in den entsprechenden Hotels, haben wir doch hierdurch eine bedeutende Mehreinnahme erzielt. Wir sind darüber besonders erfreut, weil wir dadurch vor einer bedrückenden Notlage bewahrt worden sind. Wie Sie wissen, wurde das neue Steuergesetz über die droits d'accroissement et de succession irrtümlicherweise auch auf uns angewendet. Ein gegen den Fiskus angestrengter Prozeß hat leider nicht den gewünschten Erfolg gehabt und wir mußten nun auf einmal an Steuernachzahlungen und Prozeßkosten über 3000 Frs. erlegen. Nehmen wir nun noch hinzu, daß infolgedessen auch für die Zukunft unsere Steuersumme alljährlich um nahezu 100 Frs. erhöht sein wird, so wird es aller Sparsamkeit bedürfen, um unsere Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht zu erhalten.
Unter solchen Verhältnissen war uns auch in diesem Jahre die reiche Gabe seitens des hohen Magistrates der Haupt- und Residenzstadt Berlin eine große, notwendige Hülfe, für die wir hier unseren aufrichtigsten Dank zum Ausdruck bringen. Wir hoffen zuversichtlich, daß uns durch eine gütige weitere Bewilligung auch künftig unsere schwere Aufgabe erleichtert werden wird.
Mit ehrfurchtsvoller Teilnahme gedenken wir in diesem Jahre [5] der hohen Protektorin unseres Hauses, Ihrer Majestät, der Kaiserin Friedrich. Möchten unsere innigen Wünsche sich erfüllen, daß Gott ihr in ihrem Leiden mit Trost und Kraft nahe sei.
Zu unserer großen Freude hat Ihre Durchlaucht Fürstin Radolin das Ehrenpräsidium unseres Vorstandes gütigst übernommen und uns dabei ihres Interesses und Wohlwollens für unser Werk freundlichst versichert, wofür wir ihr zu aufrichtigem Danke verpflichtet sind.
Außerdem sind folgende Änderungen in unserem Vorstande zu verzeichnen. Herr Hamel ist von Paris nach München verzogen, unser herzlicher Dank für sein Interesse an unserm Heim folgt ihm nach. Frau Barop sah sich zu unserm innigen Be- dauern aus Gesundheitsrücksichten veranlaßt, ihre ersprießliche Thätigkeit im Verwaltungs- und Aufsichtsrat aufzugeben. Sie hat diesen seit Gründung unseres Heimes angehört und somit unsern bleibenden Dank sich erworben. Wir freuen uns, daß sie ihren bewährten Rat uns, auf unsere Bitte hin, wenigstens in der Generalversammlung auch fernerhin zu teil werden lassen will. – Leider mußten wir infolge von Meinungsverschiedenheiten die beiden Damen, Frl. Schliemann und Frl. von Harbou aus unserm Vorstande scheiden sehen. Der beklagenswerte Anlaß ihres Austrittes hindert uns nicht, die vielen Verdienste der beiden Damen um unser Werk mit aufrichtigem Danke anzuerkennen und in unserem Gedächtnis hochzuhalten. An ihre Stelle traten auf unsere Bitte Frl. Clara Helbig, Frl. Luise Grünert und Frl. Julie Oetting, von deren durch langjährige Thätigkeit in Paris als Lehrerinnen gesammelter Sachkenntnis und Erfahrung wir die schätzenswertesten Dienste für unser Werk wohl mit Recht erwarten dürfen. Ferner haben auch die Damen Frau Konsul von Jecklin, Frau Blattmann und Frau Pastor Klattenhoff ihre Mitwirkung in unserem Vorstande uns zuzusagen die Güte gehabt.
Herrn Dr. Vigneraut danken wir auch in diesem Jahre für die freundliche, entgegenkommende Behandlung der Gott sei Dank nur kleinen Zahl leicht erkrankter Heimbewohnerinnen. [6] "Wo der Herr nicht das Haus bauet, da arbeiten umsonst, die daran bauen." Darum schließen wir auch diesmal mit dem innigen Dank gegen Gott, daß er seinen Schutz und Segen unserm Werke so reichlich hat zuteil werden lassen. Paris, im Mai 1901.
Pastor H. Anthes, Vorsitzender des Komitees.
Das Gesamtkomitee des deutschen Heimes besteht aus folgenden Persönlichkeiten:
den Herren: Kirchenrat Frisius, London, Ehrenmitglied; Pastor H. Anthes, Vorsitzender; A. Klattenhoff, Schatzmeister; H. Andrée, Schriftführer; L. Grub und H. Lüdert, Kassenrevisoren; A. Blattmann, Konsul v. Jecklin, Pastor Klattenhoff, Z. Tillmanns;
den Damen: Frau Pastor Anthes, Frau Barop, Blattmann, Eckhardt, Grub, Fräulein Luise Grünert, Fräulein Clara Helbig, Frau Joest, Gräfin Keßler, Fürstin zu Lynar, Frau Klattenhoff, Frau Pastor Klattenhoff, Fräulein Julie Oetting, Frau Tillmanns, diese alle sind gern bereit, Gaben für unser Werk entgegen zu nehmen.
Der Verwaltungsrat besteht aus folgenden Mitgliedern:
den Damen: Frau Pastor Anthes, Frau Eckhardt, Frau Grub, Frau Pastor Klattenhoff, Frau Tillmanns;
den Herren: Andrée, Klattenhoff, Tillmanns, Pastor Anthes.
Anfragen und Meldungen sind frankiert (20 Pfg.) an die Vorsteherin des deutschen Heims (Home allemand) 21, rue Brochant, Paris, zu richten. [8]
| Einnahmen. | Ausgaben. | ||||
|---|---|---|---|---|---|
| Fr. Cts. | Fr. Cts. | ||||
| 1. Eingegangene Gaben im verflossenen Jahre vom 1. April 1900 bis 31. März 1901 | 1 230 – | 1. Saldo, Fehlbetrag am 1. April 1900 | 1 850 75 | ||
| 2. Zinsen auf die Frankfurt a/M. ruhenden Wertpapiere und Reservefonds | 506 40 | 2. Zinsen auf die Frankfurt a/M. ruhenden Wertpapiere – dort noch stehend | 506 40 | ||
| 3. Einnahmen in der Kasse des Heims vom 1. April 1900 bis 31. März 1901: | 3. Haushaltungskonto: | ||||
| A. Pension der Erzieherinnen | Fr. 13 750 35 | Neue Anschaffung an Mobiliar und Hausgeräten | Fr. 270 95 | ||
| B. "" Mädchen | " 11 446 55 | Anschaffung von Wein, Kaffee und Thee | " 833 10 | ||
| C. Mahlzeiten ohne Pension | " 449 – | Fleischerrechnung | " 5 608 35 | ||
| D. Wein | " 250 45 | 25 896 35 | Krämer | " 1 213 40 | |
| 4. Gaben bei Nachweis von Stellen für Mädchen | Fr. 1 355 – | Bäckerrechnung | " 1 392 55 | ||
| Desgleichen für Erzieherinnen | " 113 – | 1 468 – | Milch | " 872 55 | |
| 5. Bäder | 21 40 | Sonstige Nahrungsmittel | " 3 552 – | ||
| 6. Diverse | 25 – | Wäsche | " 937 75 | ||
| 7. Saldo, Fehlbetrag am 31. März 1901 | 650 20 | Heizung, Licht und Wasser | " 1 723 65 | ||
| Diverse | " 616 05 | 17 020 35 | |||
| 4. Gehälter, Löhne und Reisevergütung | Fr. 3 257 50 | ||||
| 5. Für Stellenvermittelung an den deutschen Lehrerinnenverein | " 60 – | ||||
| 6. Steuern, Assekuranz und Enregistrement | " 4 036 80 | ||||
| 7. Bücher, Drucksachen, Porti und Diverse | " 720 10 | ||||
| 8. Kosten für Unterhaltung der Gebäude | " 2 345 45 | 10 419 85 | |||
| 29 797 35 | 29 797 35 | ||||
| Fr. C. | ||
| Beitrag der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin | ||
| ℳ 1000 | 1 230 – | |
Als Reservefonds bei der Mitteldeutschen Creditbank in Frankfurt stiftungsgemäß angelegt:
| ℳ 3 800 – | 4 % Meininger Hyp.-Pfdbr. | ||
| zum ungef. Kurse von ℳ 90 | ℳ 3 420 – | ||
| " 2 000 – | 4 % Frankfurter Hyp.-Pfdbr. | ||
| zum ungef. Kurse von ℳ 98.50 | " 1 970 – | ||
| " 2 500 – | 3½ % Frankfurter Hyp.-Pfdbr. | ||
| zum ungef. Kurse von ℳ 90 | " 2 250 – | ||
| " 500 – | 3 % Karlsruher Stadtanleihe | ||
| zum ungef. Kurse von ℳ 86 | " 430 – | ||
| " 2 500 – | 4 % Frankfurter Hyp.-Cred. | ||
| Ver. Pf. ℳ 98 | " 2 450 – | ||
| ℳ 10 520 – | |||
| à 122.50 = Fr. 12 887 – | |||
| noch anzulegend | 2 130 – | ||
| 15 017 – |