Sechzehnter Jahresbericht des deutschen Mädchenheims zu Paris 1900-1901


[a]
Sechzehnter Jahresbericht
des
deutschen Mädchenheims zu Paris,
110, rue Nollet.



Paris
1900/1901.
[1]
Sechzehnter Jahresbericht
des
deutschen Mädchenheims zu Paris,
110, rue Nollet,
über die Zeit vom 1. April 1900 bis 31. März 1901.




Sehr geehrte Damen und Herren!


Gestatten Sie mir diesmal, die gewöhnlichen statistischen Angaben sofort an die Spitze des Berichtes zu stellen:

Im vergangenen Berichtsjahre wurden in unserem Heim beherbergt 500 Mädchen in 5181 Nächten.

Der Nationalität nach zählten wir:

415 Deutsche,
4 Russinnen,
36 Oestereicherinnen,
2 Französinnen,
36 Schweizerinnen,
1 Schwedin,
5 Luxemburgerinnen,
1 Norwegerin.

Nach den verschiedenen Ländern geordnet, kamen zugereist:

378 aus Frankreich,
7 aus Oesterreich,
75 aus Deutschland,
2 aus Luxemburg,
21 aus der Schweiz,
1 aus Italien,
15 aus England,
1 aus Rumänien.

Es wohnten im Heim über 3 Monate: 3 Mädchen,
"er 2 Mo"nate 2 "
"er 1 Mo"nate 20 "
noch kürzere Zeit: 475 "

[2] Der evangelischen Kirche gehörten 326 an, der katholischen 174. Anfragen von Herrschaften um Dienstboten liefen 1570 ein, 228 Stellen wurden durch das Heim besetzt. Viele Mädchen fanden durch eigene Bemühungen Arbeit.

Die Zahl der Posteingänge betrug für beide Heime 2497.

Die verhältnißmäßig niedrige Besuchsziffer, die obige Statistik aufweist, hat nach der Ansicht unserer Leiterin wohl besonders darin ihren Grund, daß stellenlose Mädchen im vergangenen Sommer es zumeist vorzogen, in Pensionen zu wohnen, wo es ihnen gestattet war, auch noch abends spät die „Herrlichkeiten“ der Ausstellung in voller Freiheit zu genießen, während unsere heilsame Hausordnung dies verhindert. Wer die hiesigen Verhältnisse kennt, wird wohl begreifen, wie wir alles thun, die deutschen Begriffe von Familienzucht und Schicklichkeit den Bewohnerinnen unseres Heimes einzuprägen, sie zur Einfachheit in Gesinnung und im Äußeren anzuhalten und ihr Pflichtgefühl gegenüber der Herrschaft zu stärken. Dies Bestreben wird allerdings leider oft vielfach erschwert durch den allgemeinen Luxus- und Vergnügungssinn unserer Zeit bei Hoch und Niedrig und durch die traurige Thatsache, daß auch gar manche Herrschaften ihre Dienstboten überbürden und ausnutzen. Solche Leute suchen sich am liebsten Mädchen direkt aus der Heimat zu verschaffen, die mit hiesigen Zuständen noch ganz unbekannt sind. Möchte man es deshalb doch endlich in Deutschland lernen, niemanden ohne genaue vorherige Erkundigung in ganz fremde Verhältnisse zu geben, möchten sonderlich auch die christlichen Blätter in der Aufnahme von Stellenangeboten vorsichtiger sein.

Aus dem Gesagten geht hervor, welch ein reiches Feld nicht nur äußerlicher, sondern auch hausmütterlicher Fürsorge sich unsern beiden Vorsteherinnen im Heim bietet. Daß sie auch in diesem Jahre ihre mannigfaltigen Pflichten so treu und eifrig erfüllten, sei Schwester Adele v. Berschuer und ihrer Gehülfin Frl. Baupel von Herzen gedankt.

Infolge veränderter Verhältnisse im Erzieherinnenheim sahen wir uns zu dem Beschluß veranlaßt, für die Stellenvermittlung [3] der Mädchen ein besonderes Büreau im Mädchenheim einzurichten, um eine völlige Trennung der beiden Werke herbeizuführen.

Auch unsere Kassenverhältnisse, über die Ihnen unser verehrter Herr Kassierer nachher eingehenden Bericht erstatten wird, sind in diesem Jahre ungewöhnliche. Obwohl die Pension für die Ausstellungsbesucher noch niedriger war, als in den entsprechenden Hotels, haben wir doch hierdurch eine bedeutende Mehreinnahme erzielt. Wir sind darüber besonders erfreut, weil wir dadurch vor einer bedrükenden Notlage bewahrt worden sind. Wie Sie wissen, wurde das neue Steuergesetz über die droits d'accroissement et de succession irrtümlicherweise auch auf uns angewendet. Ein gegen den Fiskus angestrengter Prozeß hat leider nicht den gewünschten Erfolg gehabt und wir mußten nun auf einmal an Steuernachzahlungen und Prozeßkosten über 3000 Frs. erlegen. Nehmen wir nun noch hinzu, daß infolgedessen auch für die Zukunft unsere Steuersumme alljährlich um nahezu 100 Frs. erhöht sein wird, so wird es aller Sparsamkeit bedürfen, um unsere Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht zu erhalten.

Unter solchen Verhältnissen war uns auch in diesem Jahre die reiche Gabe seitens des hohen Magistrates der Haupt und Residenzstadt Berlin eine große, notwendige Hülfe, für die wir hier unseren aufrichtigsten Dank zum Ausdruck bringen. Wir hoffen zuversichtlich, daß uns durch eine gütige weitere Bewilligung auch künftig unsere schwere Aufgabe erleichtert werden wird.

Mit ehrfurchtsvoller Teilnahme gedenken wir in diesem Jahre der hohen Protekiorin unseres Hauses, Ihrer Majestät, der Kaiserin Friedrich. Möchten unsere innigen Wünsche sich erfüllen, daß Gott ihr in ihrem Leiden mit Trost und Kraft nahe sei.

Zu unserer großen Freude hat Ihre Durchlaucht Fürstin Radolin das Ehrenpräsidium unseres Vorstandes gütigst übernommen und uns dabei ihres Interesses und Wohlwollens für unser Werk freundlichst versichert, wofür wir ihr zu aufrichtigem Danke verpflichtet sind. [4] Außerdem sind folgende Änderungen in unserem Vorstande zu verzeichnen. Herr Hamel ist von Paris nach München verzogen, unser herzlicher Dank für sein Interesse an unserm Heim folgt ihm nach. Frau Barop sah sich zu unserm innigen Bedauern aus Gesundheitsrücksichten veranlaßt, ihre ersprießliche Thätigkeit im Verwaltungs- und Aufsichtsrat aufzugeben. Sie hat diesen seit Gründung unseres Heimes angehört und somit unsern bleibenden Dank sich erworben. Wir freuen uns, daß sie ihren bewährten Rat uns, auf unsere Bitte hin, wenigstens in der Generalversammlung auch fernerhin zu teil werden lassen will. – Leider mußten wir infolge von Meinungsverschiedenheiten die beiden Damen, Frl. Schliemann und Frl. von Harbou aus unserm Vorstande scheiden sehen. Der beklagenswerte Anlaß ihres Austrittes hindert uns nicht, die vielen Verdienste der beiden Damen um unser Werk mit aufrichtigem Danke anzuerkennen und in unserem Gedächtnis hochzuhalten. An ihre Stelle traten auf unsere Bitte Frl. Clara Helbig, Frl. Luise Grünert und Frl. Julie Oetting, von deren durch langjährige Thätigkeit in Paris als Lehrerinnen gesammelter Sachkenntnis und Erfahrung wir die schätzenswertesten Dienste für unser Werk wohl mit Recht erwarten dürfen. Ferner haben auch die Damen Frau Konsul von Jecklin, Frau Blattmann und Frau Pastor Klattenhoff ihre Mitwirkung in unserem Vorstande uns zuzusagen die Güte gehabt.

Herrn Dr. Bigneraut danken wir auch in diesem Jahre für die freundliche, entgegenkommende Behandlung der Gott sei Dank nur kleinen Zahl leicht erkrankter Heimbewohnerinnen.

„Wo der Herr nicht das Haus bauet, da arbeiten umsonst, die daran bauen.“ Darum schließen wir auch diesmal mit dem innigen Dank gegen Gott, daß er seinen Schuß und Segen unserm Werke so reichlich hat zuteil werden lassen.

Paris, im Mai 1901.

Pastor H. Anthes,
Vorsitzender des Komitees. 

[5] Das Gesamtkomitee des deutschen Heimes besteht aus folgenden Persönlichkeiten:

den Herren: Kirchenrat Frisius, London, Ehrenmitglied; Pastor H. Anthes, Vorsitzender; A. Klattenhoff, Schatzmeister; H. Andrée, Schriftführer; L. Grub und H. Lüdert, Kassenrevisoren; A. Blattmann, Konsul v. Jecklin, Pastor Klattenhoff, J. Tillmanns;

den Damen: Frau Pastor Anthes, Frau Barop, Blattmann, Eckhardt, Grub, Fräulein Luise Grünert, Fräulein Clara Helbig, Frau Joest, Gräfin Keßler, Fürstin zu Lynar, Frau Klattenhoff, Frau Pastor Klattenhoff, Fräulein Julie Oetting, Frau Tillmanns,

diese alle sind gern bereit, Gaben für unser Werk entgegen zu nehmen.

Der Verwaltungsrat besteht aus folgenden Mitgliedern: den Damen: Frau Pastor Anthes, Frau Eckhardt, Frau Grub, Frau Pastor Klattenhoff, Frau Tillmanns;

den Herren: Andrée, Klattenhoff, Tillmanns, Pastor Anthes.




Anfragen und Meldungen sind frankiert (20 Pfg.) an die Vorsteherin des deutschen Heims (Home allemand) 21, rue Brochant, Paris, zu richten.



[6]
General-Bilanz vom 31. März 1901.
Einnahmen. Ausgaben.
  Fr. Cts.   Fr. Cts.
1. Eingegangene Gaben im verflossenen Jahre vom 1. April 1900 bis 31. März 1901. 1 230  –  1. Saldo, Fehlbetrag am 1. April 1900 1 850 75
2. Zinsen auf die Frankfurt a/M. ruhenden Wertpapiere und Reservefonds 506 40 2. Zinsen auf die Frankfurt a/M. ruhenden Wertpapiere – dort noch stehend 506 40
3. Einnahmen in der Kasse des Heims vom 1. April 1900 bis 31. März 1901:   3. Haushaltungskonto:  
     A. Pension der Erzieherinnnen Fr. 13 750 35        Neue Anschaffung an Mobiliar und Hausgeräten Fr.0 270 95  
     B. Pen"ion d"0 Mädchen "0 11 446 55        Anschaffung von Wein, Kaffee und Thee "0 833 10  
     C. Mahlzeiten ohne Pension "0 0 0449  –         Fleischerrechnung "0 5 608 35  
     D. Wein "0 0 0250 45 25 896 35      Krämer "0 1 213 40  
4. Gaben bei Nachweis von Stellen für Mädchen Fr.0 1 355  –         Bäckerrechnung "0 1 392 55  
4. Desgleichen für Erzieherinnen "00 113  –  1 468  –       Milch "0 872 55  
5. Bäder 21 40      Sonstige Nahrungsmittel "0 3 552  –   
6. Diverse 25  –       Wäsche "0 937 75  
7. Saldo, Fehlbetrag am 31. März 1901 650 20      Heizung, Licht und Wasser "0 1 723 65  
         Diverse "0 616 05 17 020 35
    4. Gehälter, Löhne und Reisevergütung Fr. 3 257 50  
    5. Für Stellenvermittelung an den deutschen Lehrerinnenverein "0 0 060  –   
    6. Steuern, Assekuranz und Enregistrement "0 4 036 80  
    7. Bücher, Drucksachen, Porti und Diverse "0 720 10  
    8. Kosten für Unterhaltung der Gebäude "0 2 345 45 10 419 85
  29 797 35   29 797 35


Nachgesehen und richtig befunden:
Aug. Klattenhoff, Louis Grub,  H. Lüdert, 
Schatzmeister. Kassenrevisoren. 
[8]
Eingegangene Gaben.
  Fr. C.
Beitrag der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin  
ℳ 1000 1 230 —

Als Reservefonds bei der Mitteldeutschen Creditbank in Frankfurt stiftungsgemäß angelegt:

ℳ 3 800 – 4 % Meininger Hyp.-Pfdbr.
zum ungef. Kurse von ℳ 90 ℳ 3 420 —
";; 2 000 – 4 % Frankfurter Hyp.-Pfdbr.
zum ungef. Kurse von ℳ 98.50 ";; 1 970 —
";; 2 500 – 3½ % Frankfurter Hyp.-Pfdbr.
zum ungef. Kurse von ℳ 90 ";; 2 250 —
";; 0500 – 3 % Karlsruher Stadtanleihe
zum ungef. Kurse von ℳ 86 ";; 0430 —
";; 2 500 – 4 % Frankfurter Hyp.-Cred.
Ver. Pf. ℳ 98 ";; 2 450 —
ℳ 10 520 —
à 122.50 = Fr. 12 887 —
noch anzulegend 02 130 —
15 017 —



Straßburger Druckerei u. Verlagsanstalt, vorm. R. Schultz u. Co. – 4490.