Turin (Meyer’s Universum)
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TURIN
Der Zeichner dieses schönen Bildes versetzt uns auf den Mont Superga, auf jene in der alten Geschichte berühmte Stelle, wohin Hannibal, nach dem Zuge aus Afrika durch Spanien und Gallien, Karthago’s ermattete Heere führte, um ihnen die reichen römischen Provinzen zu zeigen. Und fürwahr! der Blick von diesem Punkte ist ganz geeignet, ein beutelustiges, nach Eroberung trachtendes Heer zu entzücken. Man übersieht die ganze Ebene von Piemont und der Lombardei, einen Landstrich von größter Fruchtbarkeit, durchschlängelt vom gelben Po, eingefaßt von der weißen Kette des Hochgebirgs und besäet mit Städten und Ortschaften, Schlössern und Landsitzen, so weit das Auge dringen und unterscheiden kann. Zunächst in dieser Landschaft liegt das prächtige Turin mit vielen Kuppeln und Thürmen, und streckt seine mit schlanken Pappeln bepflanzten Heerstraßen wie so viel Arme in alle Weltgegenden aus.
Turin ist eine der schönsten und ältesten Städte von Europa. Als Hauptstadt der Ligurier spielte sie schon in der Frühgeschichte Roms eine Rolle; sie war Hannibals erste Eroberung auf römischer Erde nach Uebersteigung der Alpen. Kriegsstürme verwüsteten sie kurz nachher gänzlich; in der Cäsarenzeit sandten die Römer eine Kolonie dahin zum Wiederaufbau der Stadt, und fortan hieß sie Augusta Taurinorum. Als das Reich verfiel, war sie Gothen, Vandalen, Hunnen abwechselnd preisgegeben. Sie wurde vielmal geplündert und verwüstet, und im 6ten und 7ten Jahrhundert hing ihr Name nur noch an einem Haufen Ruinen. Ihr Leben war hin, bloß der Schatten war noch übrig. Erst als die Herzoge von Burgund mächtig wurden, wuchs aus den Trümmern wieder eine Stadt hervor. Bedeutend wurde sie, seitdem Karl I. sie zur bleibenden Residenz der savoyischen Fürsten erkor, und mit Emanuel I. trat sie in die Reihe der Großstädte Europa’s ein. Diese Skizze ihrer Schicksale macht auch den Mangel von Denkmälern aus der klassischen Zeit und an großartigen Gebäuden aus dem Mittelalter erklärlich. Turin’s Bauwerke gehören den neuern Zeiten an.
Die schöne Lage der Stadt ist der von Dresden ähnlich. Wie dieses ist sie in ein breites Stromthal gebettet und umgeben mit reizenden Hügeln, welche Weinberge, Obsthaine, Lustgärten und Landhäuser tragen. Der schöne Po krümmt sich um die eine Stadthälfte, zwar nicht so mächtig als die Elbe, aber doch mit Nachen und Fahrzeugen belebt. – Die Anlage Turin’s ist regelmäßig. Seine geraden Straßen durchkreuzen [98] sich in rechten Winkeln und schließen schöne Plätze ein. Unter den Straßen sind die Contrada di Dora, die große, del Po, della Posta und dieNuova die schönsten. Die Bauart der Häuser ist solid, von Backsteinen; manche Paläste sind von Marmor aufgeführt. Balkons gehen aus den Wohnungen auf die Straßen; mehre derselben sind mit fortlaufenden Bogengängen umgeben. Das fashionable Leben legt sich vorzugsweise in der Po-Straße zur Schau, welche an schönen Tagen von glänzenden Equipagen, Reutern und Fußgängern wimmelt. – Turin hat eine Citadelle, denn eine feste Zwingburg darf in einer Hauptstadt nicht fehlen, wo ein absoluter König thront. Sie liegt am Südwestende der Stadt und kann mit ihren 200 Feuerschlünden den 140,000 Bewohnern imponiren. Eine Garnison von mindestens 15,000 Mann ist hinlänglich, um jegliches Freiheitsgelüste, das nach That strebt, im Werden zu ersticken. Die Unterwürfigkeit der Turiner hat sichtlich den Zwang zur Unterlage, und ihre Treue kein höheres Verdienst.
Die Prachtpartie Turin’s ist der Königsplatz, auf den die Façaden der königlichen Residenz, der Kathedrale und des Opernhauses stoßen. Erstere, welche von Viktor Amadeus II. und Karl Emanuel III. ihre jetzige Gestalt bekam, gehört zu den umfangreichsten königlichen Wohnungen und schließt zwei Kirchen, die Bureaux für die Ministerien, die Militärakademie, Münze etc. in sich. Unter den daselbst befindlichen Sammlungen sind der Waffensaal und das Münzkabinet die bedeutendsten. – Der Dom ward um 1470 im Style des Bramante erbaut. Die Dekoration daran ist äußerst reich, aber ganz in der ausschweifenden Weise des Guarini. Auch die übrigen Kirchen zeugen vom Zeitalter des verderbten Geschmacks. Die Architektur ist durchgängig schlecht und wird erdrückt von Ornamenten ohne Geist und Bedeutung. An Schätzen der Malerei findet man auch wenig in den Tempeln; um so reicher ist die königliche Gallerie im alten Palaste. Der größte Juwel derselben ist Raphaels Madonna Della Tenda. Zahlreiche Werke von Bellini, Tizian, Palma Vecchio, Paul Veronese, Bassano, Guido Reni, Guercino, Albano gehören zu dem Besten, was diese großen Meister hervorbrachten. Schöne Niederländer nehmen zwei Säle ein, und von der piemontesischen Schule kann man nirgends einen vollständigern Ueberblick haben. – Das große königliche Theater erbaute Alfieri in edlem Style. Es kann 8000 Zuschauer fassen. Außer diesem hat Turin noch zwei, das Theater Carignan und das neue. Sie werden sehr besucht. Eine Menge wissenschaftlicher Anstalten mit prangenden Aushängeschildern würden auf eine emsige Kultur der wissenschaftlichen Disciplinen und auf vorzügliche Geisteskultur schließen lassen, wenn diese in den Fesseln und in der Finsterniß gedeihen könnten, in welchen der Jesuitismus, mit der politischen Despotie im Bunde, den Unterricht hier gefangen hält. Die Turiner Universität hat 2000 Zöglinge und ist überreich dotirt; die königliche Akademie der Wissenschaften stellt Preisfragen aus und krönt Werke der Geistes: aber diese und alle übrigen derartigen Anstalten geben selten eine Ausbeute von wahrem Werthe.
[99] Desto tüchtiger sind die Anstalten, die der Gewalt als Werkzeuge dienen. Die königliche Militair-Akademie, für Bildung junger Söhne adelicher Familien zu Offizieren, ist musterhaft organisirt. Das Zeughaus ist eines der größten, prächtigsten und reichsten Europa’s. Es hat 5 Höfe und viele Waffensäle, deren Decken, wie die Schiffe gothischer Kirchen, auf hohen Säulen ruhen, und enthält das complette Rüstzeug für 100,000 Mann. Bei’m Zeughause ist eine große Kanonengießerei. Die Kasernen sind gewaltige und manche festungsartige Gebäude. Sieht man diese, dem „Rechte des Stärkern“ gewidmeten Anstalten, so glaubt man sich in ein großes Reich versetzt, welches die Geschicke des Welttheils mit dem Bajonet lenken zu wollen die Aufgabe sich gemacht hat. Es ist nicht so. Sardinien ist eine Macht vom zweiten Range, und alle diese Anstalten dienen bloß zur Aufrechthaltung der Ordnung im Staate, welche des Herrschers Wille diktirt hat.
Als Handelsstadt ist Turin wichtig für den Transit zwischen Frankreich und Italien; zum Speditionsplatz eignet es sich durch seine Lage an der Hauptverbindungsstraße beider Länder vortrefflich. Der wichtigste Zweig des hiesigen Proprehandels ist die Seide von Piemont. Er allein beschäftigt ein Kapital von 15 bis 20 Millionen Franken. Fabriken wollen hier nicht so recht gedeihen; nur die Tapeten-, Waffen-, Tabak- und Seiden-Manufakturen blühen einigermaßen; von letzteren sind einige Etablissements großartig und ihre Erzeugnisse vorzüglich. – Die Umgebungen Turin’s sind sehr reizend. Es gelten als die schönsten: das Lustschloß Valentino mit seinem Parke am Po, der Weinberg der Königin auf einer Anhöhe mit weiter Umsicht; die königlichen Villen Stuppinigi und Moncaglieri und das Kloster Superga mit jener prachtvollen Vista, die wir oben beschrieben.