Waitzen an der Donau

DCXXVI. Autun in Frankreich Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCXXVII. Waitzen an der Donau
DCXXVIII. Das Rathhaus (City-Hall) in New-York
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WAITZEN

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DCXXVII. Waitzen an der Donau.




Eine Tagereise auf dem Dampfer bringt von Preßburg nach Pesth. Wir waren früh abgefahren. Ein herrliches Land, dieses unglückliche Ungarn, durch das Europa’s prächtigster Strom wie im Triumphe zieht! Unterhalb [66] Komorn engert sich das Thal, und öfters rauscht das Fahrzeug an lieblichen Inseln vorbei, die sich auf der Wasserfläche wiegen. Gran erscheint auf dem rechten Ufer mit seinen stolzen Thürmen und weiter abwärts richtet sich der Berg empor, welcher wie ein König seine Krone, die herrliche Ruine der alten ungarischen Herrscherburg trägt. Bei dem Namen Vissegrad zuckt’s in der Seele jedes Ungarn, er ruft Erinnerungen wach und Vergleiche zwischen einst und jetzt, die ihm das Blut rascher durch die Adern jagen. An den Mast gelehnt, welcher seine schwarze Rauchsäule emporwirbelte, bis sie der Luftzug packte und, als langen, horizontalen Streifen, hinter das Schiff verwies, war ich in den Anblick der schönen Landschaft versunken, als am linken Ufer (da wo der Strom, um den seinen Ufern zudrängenden Bergen zu entgehen, plötzlich in rechtem Winkel nach Süden biegt) eine breite Häuserreihe mit stattlichen Thürmen mich freundlich ansah.

Es war Waitzen, – eine der heitersten Städte des Ungarlandes und größer aussehend, als es wirklich ist; denn die Bevölkerung übersteigt nicht 12,000. Waitzen ist der Sitz eines Erzbischofs, und der Reichthum des Domstifts gestattete den Bau der größten und prächtigsten Kirche Ungarns – jenes Gebäudes mit der hohen Kuppel, deren Form an die Peterskirche in Rom erinnert. Waitzen ist einer der ältesten Sitze des Magyarenthums. Attila vertrieb die Römer aus der Municipalstadt und machte sie zu seiner zweiten Residenz. Vielmal wechselte sie ihre Herren in jenen Kriegen zwischen Christenthum und Prophetenglauben, für welchen Ungarn ein paar Jahrhunderte lang der Schauplatz und das Opfer war. Nach Vertreibung der Türken wurde es eine Zeit lang Sitz der österreichischen Verwaltung. – Waitzen hat einen lebhaften Handel mit Wien, Pesth und den Städten an der untern Donau und einen gesegneten Getreide- und Weinbau.

Im letzten ungarischen Unabhängigkeitskampfe, dem Görgey’s teuflischer Verrath ein so plötzliches und tragisches Ende bereitete, war Waitzen, obschon eine offene Stadt, doch für beide kriegführende Parteien einer der wichtigsten strategischen Punkte, und in den Straßen Waitzens, in jenem Kampfe, der mit der Vernichtung einer österreichischen Division endigte, wurde der Feldzug des Frühjahrs von 1849 entschieden. Er hatte die Räumung Pesths und den Rückzug der Oesterreicher bis unter die Mauern Preßburgs zur Folge. – In der Schlacht vor Waitzen gegen die Russen glänzte zum letzten Male Görgey’s Feldherrngenie – flackerte zum letzten Male die Hoffnung Ungarns auf, in dem Riesenkampfe gegen die Heermassen zweier Kaiserreiche zu triumphiren. – Jetzt ist sie erloschen, aber nicht für immer. Unter dem eisernen Joche, das ihm Habsburg auflegt, trägt jeder Magyare ein glühendes Herz voll Sehnsucht nach Recht und nach Freiheit – und sollten auch Millionen sie unbefriedigt mit in’s Grab nehmen, – sterben thut sie nicht, und ehe sie Erfüllung gefunden hat, finden weder Ruhe noch Frieden im Ungarlande eine bleibende Stätte.