Das Rathhaus (City-Hall) in New-York

DCXXVII. Waitzen an der Donau Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCXXVIII. Das Rathhaus (City-Hall) in New-York
DCXXIX. Das Appenzeller Wildkirchlein
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CITY-HALL das RATHHAUS in NEW-YORK

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DCXXVIII. Das Rathhaus (City-Hall) in New-York.




Von der Menschheit – du kannst von ihr nie groß genug denken;
Wie du im Busen sie trägst, prägst du in Thaten sie aus.




Liebe ist das Band für alles Geschaffene; Liebe verbindet Gott und die Menschen. Nicht Mensch – Unmensch ist der Mensch ohne Gott und ohne Liebe.

Gott schuf die Menschheit. Er liebt sie, wie ein Vater sein Kind liebt. Er hat mit ihr nur einen Willen: daß sie vollkommener, besser, glücklicher werde. Er stattete sie zu diesem Zweck aus mit tausend Kräften und er erneuert diese Kräfte in jeder Generation. Diese Erneuerung, die beständig wiederkehrt, ist die größte Gabe des gütigen Schöpfers.

Von allem Erschaffenen, was das geistige Auge sehen und fassen kann, ist die Menschheit das Allerehrwürdigste und Allerherrlichste. Du kannst die Menschheit nicht mißachten, ohne die Ehrfurcht gegen Gott zu verletzen; du ehrst Gott, indem du die Menschheit mit Ehrfurcht betrachtest.

Wenn du aber die Menschheit ehrst, mußt du auch die Menschenwürde anerkennen; jenen allen Menschen, als Gliedern der Menschheit gemeinsamen, genossenschaftlichen, innern Werth, wodurch jeder Mensch dem andern ebenbürtig und gleichsam Bruder wird, wodurch er mit ihm auf dem Fuß der Gleichheit steht. In jedem Menschen, wo Dieß zum Bewußtseyn gekommen ist, wird es sich auch geltend machen; und wer die Menschenwürde verletzt, der begeht ein Verbrechen gegen sich selbst, gegen die Menschheit, gegen Gott.

Es gilt dieß von dem einzelnen Menschen, wie von ihren Vereinen; von den Individuen, wie von den Völkern. Kein Volk darf, ohne Selbstverachtung, seiner Menschenwürde Etwas vergeben. Selbstschätzung ist die höchste Pflicht einer Nation gegen sich selbst, und aus dieser Selbstschätzung folgt zugleich die Schätzung Anderer. Gleichwie keine Nation von ihrer Selbstachtung für irgend einen Preis Etwas entäußern soll und darf, so darf sie auch nicht der eben so nothwendigen Selbstschätzung anderer Nationen entgegen handeln. Es ist vielmehr ihre Pflicht, die Würde der Menschheit auch an jedem andern Volke anzuerkennen und ihm die schuldige [68] Achtung zu erweisen. So entspringt aus der Selbstachtung die Achtung Anderer, aus der Selbstschätzung der Völker die Brüderlichkeit der Nationen.

Alle Menschenwürde bezieht sich auf Gott und sein ewiges Sittengesetz. Wer dieses verletzt, verletzt jene; wer dieses nicht achtet, achtet jene nicht. Der Unsittliche hat auch keinen Glauben an sich selbst. Eine Nation aber hat Alles verloren, wenn sie den Glauben an sich selbst verliert; denn wer sich selbst Nichts zutraut, der vermag auch Nichts, dem gebricht’s an Lust und Kraft, das zu thun, was er thun sollte. Der Grund eines solchen Mißtrauens in sich selber ist fast allezeit Mangel an Tugend. Ein entsittlichtes Volk ist allemal feig, oder gleichgültig gegen seine Würde und Ehre, und eben darum sehen wir jetzt der Nationen so viele in Selbstverachtung und Ehrlosigkeit versinken. Sie sind schlecht geworden, und weil sie schlecht sind, so haben sie keinen Glauben mehr an sich selbst und überliefern sich, trotz ihrer Verstandesbildung und ihrer Einsicht, dem Joch der Gewalt, der geistlichen, wie der politischen. Wenn wir die Völker Europa’s überschauen: von wie vielen dürfen wir gegenwärtig sagen: sie haben Glauben an sich selbst? Sehen wir nach Portugal, nach Spanien, nach Italien: – überall Krönungstage des Despotismus; überall Sterbetage der Freiheit; überall Blutdurst oben und Fleischhunger unten; überall Schlächter und Schlachtstätten, an denen die Ströme des Völkerelends fließen, deren Wogen aus Thränen und Blut gemengt sind; überall Völker, die im Joch gehen, und Treiber, die es mit der Peitsche führen zur Arbeit, deren Früchte nicht sie, sondern die Herren genießen; überall die Söhne des Volks willig, die Väter zu knebeln und jeden Widerstand gegen die Gewaltherren in dem Blute ihrer Brüder zu ersticken! – Und in Deutschland? Woher diese, die Menschenwürde entehrende, schlaffe Gleichgültigkeit der Massen gegen die großen Interessen der Humanität und Freiheit? woher dieses feige Verzichtthun auf Alles, was noch vor ein paar Jahren alle Herzen erwärmte und selbst den Geringsten im Volke zu adeln schien? Woher diese Entmuthigung, welche den volksfeindlichen Kräften das Feld räumt vor der Schlacht, und sich nicht einmal mehr getraut, das Rechtsbewußtseyn zu äußern, oder ein gutes Recht anzurufen? Woher diese lose Nachgiebigkeit, dieser widerstandlose Rückzug von einer Position zur andern, dieses Preisgeben der kostbarsten Volksrechte gerade von Denen, die berufen sind, sie zu wahren und zu schirmen? Bei Vielen unstreitig daher, weil Anfangs ihr Glaube an ihre eigene Fähigkeit zu groß war, weil sie von ihrem Wissen, von ihrer Stärke, von ihrer Thätigkeit, von ihrem Muthe, von ihrer Ausdauer selbst eine zu große Vorstellung hatten, und sie dagegen ihre Schwächen unterschätzten; weil sie das Große, was sie unternahmen und zu Dem sie berufen waren, gar nicht ermessen hatten, und weil sie sich von den vielen unvermutheten, nicht vorher in Ueberlegung genommenen Schwierigkeiten überrascht und übermannt sahen. Der Enttäuschung folgten Beschämung und Reue zu spät. Andere freilich sind über das Schamgefühl längst hinaus! Sie tragen ihren Kleinmuth so offen zur Schau, wie früher ihren knabenhaften Trotz; ihre Furcht, wie sonst ihre Verwegenheit; [69] ihren Leichtsinn, wie ehedem die scheinbare Gewissenhaftigkeit, ja, Die mit ihrer Uneigennützigkeit geprahlt haben, die machen von ihrer Bestechlichkeit jetzt kein Hehl, und die jeder Gewalt den Handschuh hingeworfen, haben nichts Eiligeres zu thun, als ihren Frieden zu machen um jeden Preis. Die Apostasie aber nennen sie eine öffentliche Tugend und das Ueberlaufen von einem Lager in’s andere Patriotismus!

Dieses Gebähren, dessen Quelle in der Entsittlichung liegt, die von Oben hinab durch alle Klassen drang, richtet die Nation zu Grunde. Ein allgemeines Mißtrauen auf sich selbst und der Parteien unter sich öffnet den Plänen der Unterdrückung Thor und Thüre und bahnt jeder Gewaltthat den Weg. Es mindert die Achtung für Wahrheit, schwächt das Gefühl für Tugend, stumpft ab gegen das Unrecht, knickt den Muth, verhindert den Widerstand, erstickt den Gemeingeist und macht das Volk unfähig und unwillig zu Allem, was Anstrengung, Mühe, Arbeit, Opfer, Festigkeit des Charakters und Stärke des Geistes fordert. Es ist die Ursache, daß man das Aergste, selbst wenn es mit Hohn und Schimpf geboten wird, von der Macht hinnimmt und daß jede Transaktion mit dieser in Fußtritten und – Bücklingen endigt. Wäre wenigstens in den intelligenteren und gebildeteren Theilen des Volks das Gefühl der Menschenwürde recht lebendig, so müßten auch noch Glauben an sich selber und Selbstachtung vorhanden seyn, und dann stände auch der Glaube an den endlichen Sieg des Rechts fest in allen Seelen. Man fände in der Ueberzeugung vom Daseyn einer gerechten, vergeltenden Vorsehung eine unverwüstliche Stütze seines Muths und seiner Zuversicht. Doch wie Wenige haben eine solche! Engherzigkeit macht sich breit überall; die Rathlosigkeit verliert sich in Labyrinthe; statt die Knochen zu rühren zur Rettungsarbeit, legt, entsetzt vor den Geistern der Tiefe, denen die faule Gesellschaft verfallen ist, die nichtsnutzige, feige Verzweiflung die Hände in den Schoos und ächzt Stoßseufzer zum Himmel, der sich in Ekel von ihr wendet. – Ihr Dichter stammelt:

Auf dornigen Bahnen
Geht das Volk der Germanen;
Schreckengestalten,
Finstre Gewalten
Erheben sich dräuend!
Leiden auf Leiden
Stürmen herbei;
Wolken verhüllen
Nächtlich den Ausgang: –
Aber ich ahn’ es,
Ich sehe sie wanken,
Ich sehe sie stürzen,
Es zittert die Welt:
Germania fällt.

[70] Und der Gegenruf der Muthigen:

Nimmermehr wähne
Ein Volk sich verlassen
Von den Göttern, so lange
Sich’s selbst nicht verläßt!

verhallt in alle Winde.


Ich wende mich ab von dem Thema, das mich immer und immer wieder an sich zieht und daß ich nie verlassen kann, ohne den Stachel im Herzen. Nicht daß meine Ueberzeugung von der Wendung der Dinge wankend geworden wäre (jeder Sieg der Reaktion beschleunigt die unvermeidliche Katastrophe!); die Zustände des Volks selbst rechtfertigen große Besorgniß. Die jüngste Zeit hat die Wunden offener als jemals zu Tage gelegt. In den untersten Schichten werden vernünftige Begriffe von Freiheit kaum geahnet; man ist gleichgültig gegen jedes geistige Gut, man begreift nicht, warum es sich handelt; man kann nicht erfassen, was zur beständigen Wohlfahrt zu erstreben ist und erreicht werden kann. Zu einer wahren, ausdauernden Begeisterung, welche jedes Opfer mit Freuden auf den Altar des Vaterlandes und der Freiheit legt, und alle Gefahren und Schwierigkeiten beharrlich überwindet, fehlt der Masse die beseelende Idee; aber neben dieser Unfähigkeit, die sich so häufig mit dem Gewand der Theilnahmlosigkeit und Ermattung bekleidet, kocht grimmige Erbitterung, und die furchtbarsten Leidenschaften harren blos des Anstoßes, um loszubrechen und sich über Staat und Gesellschaft zu ergießen. Wer soll aber bei der eintretenden Bewegung die Massen zügeln und die losgebundenen und losstürmenden Kräfte lenken? Wo sind die Männer, denen das in seinem Vertrauen so schimpflich und so entsetzlich getäuschte Volk wieder vertrauen möchte, wie es 1848 gethan? wo sind sie, die Zuverlässigen von felsenfesten Grundsätzen und eiserner Willenskraft, in denen sich alle die Eigenschaften vereinigen, welche, wenn die Katastrophe losgebrochen, Anspruch haben, berufen zu werden an das Steuer, um das Schiff im Sturme zu lenken? Nenne man mir einen Einzigen! Auch nicht Einer ist dem Volke kenntlich, der aufrecht stehen könnte auf der Höhe einer solchen Bewegung. Allen Denen, welche die frühern Wogen der Revolution emporgehoben hatten – Allen, ohne Ausnahme, mangelt die Allmacht des Volksvertrauens, mangelt die Gotteskraft, welche innewohnen muß den Rettern und Häuptern der Nationen in solchen Situationen; es fehlt ihnen der Berge versetzende eigene Glaube an die Sieghaftigkeit der Sache, welche sie vertreten, kurz, es fehlt ihnen jener Heroismus, der allein Befreier erzeugt und ein befreites Volk unter die Herrschaft des Gesetzes führt. Und wenn bei den Auserwählten und Häuptern so wenig Trost zu suchen ist, soll er in den Schaaren zu finden sein? Das Volk hat so viel Schlechtigkeit gesehen in den obern Schichten der Gesellschaft, so viel bodenlose Gemeinheit, so viel schmutzigen Eigennutz, so viel Untreue, so viel Feigheit, so viel Verrath an dem Heiligsten geübt, daß es ihm nicht zu [71] verargen wäre, wenn es über die Regel die Ausnahmen vergäße, und künftig bei der Wahl seiner Führer die höhern Stände gänzlich perhorreszirte. Dieses, durch die Erfahrung gerechtfertigte und hervorgerufene unauslöschliche Mißtrauen aber, welches Tiefes und Höheres in den Volksschichten mehr und mehr trennt und scheidet, betrachte ich als das unheilvollste Ergebniß dieser furchtbaren Zeit. Es bedarf, wenn der West-Sturm über die deutsche Erde braust, vielleicht nur weniger Tage, um die Funken des Feuers, welches unter den Fußtritten der blinden Gewalt erlöschen sollte, zur Flamme anzufachen, welche den tausendjährigen morschen Bau in Asche legt; aber nur ein der Freiheit würdiges, von den Ideen des Bürgerstaats durchdrungenes, sittlich-kräftiges Volk kehrt, losgebunden, nach dem Siege zum Gesetze und zur Ordnung zurück.


So hatte ich gestern geschrieben und heute las ich es wieder.

„Ein strenges Urtheil und doch nur halb wahr!“ rief eine Stimme. Ich schaute auf. Es war die Freiheit. Da stand sie, die Herrliche, eine Braut des Himmels. Ihr Lichtgewand war wie Morgenroth, ihr heiteres Antlitz wie die junge Sonne, ihr Haupt schmückte ein Kranz von Sternen. In der Rechten hielt sie das blanke Schwert, in der Linken den grünenden Oelzweig. Zerhauene Fesseln lagen zu ihren Füßen; Kronen, aus denen die Dolchspitzen gebrochen waren, und Scepter in Stücken bestreuten ihren Pfad, und aus den zerschlagenen Wappenschildern war alles Gethier gekrochen, die Löwen und Basilisken, Panther und Schlangen, Wolf und Leopard, die Eulen, die Adler und die Geier von allen Farben: und sie stierten die Gestalt an mit den leeren Augenhöhlen, stumm und zitternd, und ein Abgrund öffnete sich, und die Erde bröckelte hinab, und es versank ein Thier nach dem andern. Neben der Gestalt aber stand ein Altar und auf demselben lag das aufgeschlagene Buch der Weltgeschichte und auf dasselbe hindeutend, sprach sie:

„Nur Freie werden der Freiheit werth!“

Beschämt und betroffen schlug ich die Augen nieder. Als ich wieder aufsah, war Alles verschwunden. Aber vor dem Himmel hing ein schwarzer Wolkenvorhang, wie ein Isisschleier, und die Raben zogen kreischend dem Walde zu, und die Sturmvögel flatterten lustig und die Kronen waren wieder ganz, und die Dolchspitzen steckten wieder auf dem goldenen Reifen und die blinden Wappenthiere saßen wieder auf den Schilden und eine lange Prozession von Königen und Oberpriestern zog paarweise dahin, wo die Sturmvögel herkamen, und vor dem Zuge gingen tausend Scharfrichter, und hinter dem Zuge fuhren tausend Kanonen, und in dem Zuge wehten tausend Fahnen, alle schwarz, und über jeder Fahne steckte ein Pechkranz; aber das Kreuz sah ich nirgends. Und ich rieb mir die Augen ganz erschrocken und ich war froh, daß ich geträumt. – Den Spruch aber: „Nur die Freien werden der Freiheit würdig!“ habe ich mir auf die Thür meiner Herzkammer geschrieben, und Jeder sollte das, und Keiner sollte im Glauben an’s Volk ganz verzagen. – Soll der Sklav Sklav bleiben, weil er [72] Sklav ist? Sollen unterdrückte und für die Unterdrückung erzogene Völker ihre Erziehung zur Freiheit von ihren Herren erwarten und ist eine solche Erwartung vernünftig? Sollen sie den Anspruch auf Freiheit darum verwirkt haben, weil sie im Knechtdienst aufgewachsen sind, und wird Der, welcher gewaltsam gehindert ist an dem Gebrauch seiner Rechte, ihrer dadurch verlustig? Wenn Dem so wäre, dann wäre die ganze Menschheit eine ewig rechtlose Sclavenheerde unter dem Stock Weniger, und die Erlöser und Befreier – sie wären alle im Irrenhause gestorben.

Betrachte das Bild! Wo dieser Palast steht, über dem der Freiheit Banner stolz, segnend und schützend weht, da hat noch vor kaum hundert Jahren ein schmutziges Gefängniß gestanden für – entlaufene Sklaven! Derselbe Geist, welcher Phönizien, Karthago, Hellas und Rom groß, mächtig, blühend machte, und ihre Völker herrlich über alle anderen ihrer Zeiten stellte, jener Geist, der später Venedig, Genua, der Schweiz, den Niederlanden, trotz ihrer Kleinheit, Kraft und Muth gab, viele Jahrhunderte lang ihre blühenden Gemeinwesen gegen die größten Staaten der Erde zu behaupten; derselbe Wunderthäter führt den Bürgerstaat in Nordamerika im Fluge hinan auf die höchste Stufe der Macht und des Reichthums und rüstet ihn aus zum künftigen Weltgebieter. Die Bürgerfreiheit vollbringt dort Dinge, so ungeheuer und gewaltig, daß unsere Vorstellungen zu enge sind, sie zu fassen. Kaum sind es 80 Jahre, daß die Bevölkerung New-Yorks aufstand und die Ketten brach, und heute sind es 72 Jahre, daß das Sternenbanner zum ersten Male über die Stadt flatterte, welche damals kaum 12,000 Einwohner zählte. Mancher lebt noch, der sich dessen erinnert, Mancher auch, der noch den Hirsch und den Fuchs gejagt hat im Urwald, wo jetzt die meilenlangen Straßen der Weltstadt sich hinstrecken. Ich selbst, der ich vor kaum 15 Jahren (im II. Bande des Universums) New-York schilderte, hatte damals von einer Stadt von 270,000 Einwohnern zu reden. Jetzt ist sie mit ihren Tochterstädten Brooklyn, Williamsburg und Jersey-City Paris an Größe gleich, die Bevölkerung erreicht 700,000, und ehe noch ein Menschenalter vergangen ist, wird sie London überflügeln, wird sie die erste Stadt der Welt seyn. Dieß Wunder thut die Freiheit, und Wunder dieser Art füllen die ganze Union.

„Ich kenne alle unsere größeren deutschen Städte,“ – berichtet Fröbel aus seiner Freistatt, zu welcher hin der längste Tyrannenarm nicht reicht, – „ich kenne Paris und habe erst kürzlich London und Liverpool gesehen: aber alle Eindrücke menschlicher Thätigkeit in der alten Welt werden durch das, was hier vorgeht, weit übertroffen. Vor Allem ist es die Kühnheit des praktischen Lebens, welche hier frappirt; ein Geist, welchem nichts unmöglich erscheint. Es ist der Mangel an Tradition der Freiheit und an Voraussetzungen, in der die Kraft und Unbefangenheit dieses Geistes beruht. Und nicht nur in der Sphäre des Praktisch-Materiellen zeigen sich seine Wirkungen; auch in der Sphäre der Wissenschaft und Kunst entwickeln sich Keime, welche, trotz ihrer gegenwärtigen Unvollkommenheit, die Garantien künftiger Größe nicht entbehren. Bisher [73] war in diesen Beziehungen fast Alles nur Nachahmung des Europäischen; denn Erwerb und Politik beschäftigen unausgesetzt des Volkes geistige Kraft. Die Nachahmung ist aber in Abnahme, die Originalität nimmt täglich zu. Kein Zweifel, daß sich die amerikanische Gesellschaft ganz neue, eigenthümliche Formen schafft, welche jetzt noch kaum geahnet werden können. Und diese Formen werden eben sowohl Kunst und Wissenschaft, die sittlichen wie die gesellschaftlichen Verhältnisse, in sich begreifen. New-York selbst geht Allen voran auf dieser Bahn, die Almacht der Idee reißt es fort, und die Bestrebungen seiner unermeßlich reichen Geldaristokratie, um die Entwickelung in ihrem Sinne zu leiten, sind ganz vergeblich. Der Socialismus, welcher in der alten Welt nur auf den Trümmern der ganzen Gesellschaft Experimente machen könnte, ist dort bereits so tief in’s praktische Leben gedrungen, daß er es binnen Kurzem beherrschen wird. Es hat eine Bahn betreten, die, indem sie sich fortsetzt von Ost nach West, die Erde umgürten wird im Laufe der Zeiten. –

Und jener socialistische Geist, welcher von Jahr zu Jahr entschiedener in der amerikanischen Gesetzgebung hervortritt, ist die größte Erscheinung der Gegenwart, und ihre Folgen auf Civilisation und Fortschritt sind in der That nicht zu ermessen. Die bezüglichen Anordnungen der Legislatur in den Oststaaten machen sich schon als Grundsteine des neuen Gebäudes kenntlich, welches das Volk der Union mit völlig freier Selbstbestimmung aufführt. – Das Familienrecht, auf dessen Konsequenzen in Europa der ganze alte Staat ruht, ist bereits umgewandelt. Die Frau schaltet in Amerika völlig unumschränkt mit ihrem Vermögen, sie ist der Bevormundung des Gatten gänzlich entzogen, sie übt alle bürgerlichen Rechte, zwar, zur Zeit noch, mit Ausschluß der politischen; aber auch dieser letzte Apfel vom Baume der Erkenntniß wird dem Weibe in den Schoos fallen über kurz oder lang, und damit ist dann seine Emancipation, seine vollkommene Gleichstellung, vollendet. Das amerikanische Erbrecht kennt keine Notherben, keine Pflichttheilsberechtigten mehr. Hiermit ist der Genealogie, dem Grundprinzip des historischen Rechts, der Todesstoß gegeben! Jeder Vater, jede Mutter kann über ihr Vermögen im Leben oder testamentarisch verfügen wie sie mag, ohne Beschränkung. – Aber noch sozialistischer, und durchweht vom warmen Odem der Menschlichkeit und Bruderliebe, sind die neuesten Gesetze, welche den Spruch Franklin’s zur Wahrheit machen:

Der wahre Bürgerstaat hat die Ausbildung des Brudersinns zum höchsten Zweck; aber in einer Brüdergemeinschaft soll der Eine den Andern niemals zum Bettler oder elend machen dürfen.

Schon gegenwärtig hält nämlich in den meisten Oststaaten der Union das Gesetz über jeden Bürger den Schild vor jener herzlosen Raubgier des Staats und des Kapitals, welche sich in dieser alten Welt kein Gewissen daraus machen, der kranken Wittwe das Bettkissen unter dem Haupte wegzuziehen, dem armen Häusler die einzige Kuh zu pfänden, oder den Bürger, den die Schläge des Unglücks getroffen und zahlungsunfähig gemacht haben, nackt aus der Thüre seines Hauses zu stoßen und ihm die Mittel für immer zu entziehen, sich wieder emporzuarbeiten.

[74] Bei keiner Pfändung kann dem Bürger dieser Staaten die homestead, das heißt, das Wohnhaus mit der nöthigen häuslichen Einrichtung angegriffen oder er aus dem Besitz desselben geworfen werden; und eines Jeden Eigenthum ist bis zum Werthe von 500 Dollars (1250 Fl.) unantastbar, unpfändbar und vor jeder Belästigung oder Verkümmerung durch Gläubiger, seyen ihre Rechtstitel, welche sie wollen, vollkommen geschützt. Der große Grundsatz: „Weder Unglück noch eigene Schuld soll einen Besitzenden so sehr verderben können, daß er nicht mehr die Mittel hätte, zu leben und sich fortzuhelfen“, durchdringt die Concursgesetze, und die Praxis macht sie noch milder, als sie wirklich sind. Wenn z. B. zwei Drittel der Gläubiger Nachlaß oder gänzliche Erlassung für den Schuldner beschließen, so müssen die Uebrigen sich solchem Beschluß fügen. „Never mind, begin anew and go a head!“ „Frisch von vorn angefangen!“ sagt der Gläubiger, der dem unglücklichen Schuldner einen Theil der Schuld streicht, und was jener heute thut an diesem, würde ihm morgen gewißlich selbst werden, wenn ihm das gleiche Schicksal träfe. Doch der schlagendste Beweis, mit welcher Riesenkraft die Grundsätze des Socialismus in der amerikanischen Gesellschaft vorgedrungen sind – gibt der jetzt dem Kongresse vorliegende Antrag: Allen Grundbesitzlosen der Union und allen Einwanderern 160 Acker Kongreßland, nach der eigenen Auswahl der Berechtigten, ohne Entgeld, eigenthümlich zu überlassen, auf den Grundsatz hin:

„Jeder Bewohner dieses freien Bürgerstaats soll so viel Antheil an seinem Boden haben, um sich und seine Familie darauf ernähren zu können!“

So strebt man in Amerika, mit dem Wohlstande zugleich die Unabhängigkeit des Bürgers fest zu begründen, während man in der alten Welt nur zu oft an den entgegengesetzten Grundsatz und an den Spruch erinnert wird:

„Willst du beherrschen ein Volk, so mache der Armen recht viele;
Gäbst du den Armen auch frei – blieb er doch immer dein Sklav’.“

City-Hall (das Rathhaus) liegt anmuthig in der Mitte eines kleinen Parks, der mit seiner längsten Seite auf die 3 Meilen lange Broadway-Straße, der prächtigsten der Stadt, stößt. Hier leben die Astors, die Crösusse der neuen Welt; aber nicht von dem Schweiße leibeigner Tausende, wie die goldnen Sklaven des Czars: sondern von den Früchten jenes Unternehmungsgeistes, der den Fleiß und die Betriebsamkeit in allen Welttheilen nährt und der seine Handelsflotten auf allen Meeren schaukelt.

City-Hall ist das prächtigste öffentliche Gebäude der Union. Die 216 Fuß lange Façade ist von weißem Marmor. Die innere Einrichtung ist einfach; der republikanische Geist verachtet allzugroße Pracht. Der Bauaufwand, der eine halbe Million Dollars betrug, fiel nur zum kleinern Theil dem Stadtseckel zur Last; die größere Hälfte steuerte der Patriotismus der Bürger.