Das Appenzeller Wildkirchlein

DCXXVIII. Das Rathhaus (City-Hall) in New-York Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCXXIX. Das Appenzeller Wildkirchlein
DCXXX. Breslau
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Das APPENZELLER WILDKIRCHLEIN
(Schweiz)

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DCXXIX. Das Appenzeller Wildkirchlein.




Im Schooße des Kantons Sankt Gallen, auf zwei Seiten von hohen Gebirgen eingeschlossen, liegt ein kleines, naturschönes Land, übersäet mit kleinen Städten, Dörfern und Hütten, und in demselben lebt ein Völkchen und blühen ein paar Gemeinwesen gar eigenthümlicher und merkwürdiger Art. Appenzell, der kleinste der Schweizer Kantone, ist nur den siebenten Theil so groß, als das Herzogthum Meiningen; es mißt kaum 7 Geviertmeilen, und vieles Land ist überdieß unfruchtbarer Felsgrund; denn an seinen östlichen Grenzen, wo der Clamor und Säntis die weißen Häupter in die Wolken strecken, steigen die Gipfel 8000 Fuß hoch auf und lassen nur Alpwirthschaft, keinen Ackerbau, zu. – Dennoch ist dieß Ländchen das dichtbevölkertste in Europa; es hat über 53,000 Bewohner, so daß fast 8000 auf die Geviertmeile kommen, und auf jede Familie kaum vier Morgen pflugbaren Boden. Fleiß und Genügsamkeit schaffen dennoch ein behagliches Daseyn für Alle, und im Vollgenuß der Bürgerfreiheit sind die Menschen so glücklich und zufrieden, daß auch der Aermste sein kleines Vaterland mit Begeisterung liebt und Keiner an Auswanderung denkt. Was aber das Auffallendste ist: in diesem so engen Raume leben zwei Republiken, vollkommene Demokratien, in Eintracht neben einander, obschon sie in Religion, Sitte, Gesetzen, Lebensart, Volksbildung und Abstammung verschieden sind. Appenzell-Innerrhoden ist katholisch; es hat das höhere Gebirgsland inne und treibt vorzugsweise Sennwirthschaft. Außerrhoden hingegen folgt Zwingli’s Glaubensbekenntniß. In Außerrhoden leben auf nicht ganz 4 Quadratmeilen an 36,000 Menschen, die Fleiß, Aufklärung und allgemeine Volksbildung unter den Segnungen der Selbstregierung, welche fast nichts kostet, wohlhabend gemacht hat und die eine Fülle von Glück und Zufriedenheit genießen, wie sie nur in den kleinsten Freistaaten der amerikanischen Union, in Rhodeisland u. Connektikut, ganz so wieder zu finden ist. Die Verschiedenheit der Verhältnisse der beiden Republiken, deren Grenzen öfters wunderlich in einander greifen, hindert nicht das beste Einvernehmen zwischen ihnen, und seit ein paar Jahrhunderten ist der Friede zwischen diesen souveränen Gemeinwesen nicht ein einziges Mal durch Waffengewalt gestört worden. Woher diese Erscheinung? Beide Bevölkerungen haben die tiefste Achtung vor dem Recht und der Unabhängigkeit des Andern, und sind der Welt ein Beispiel, was Freiheit und Selbstregierung da vermögen, [76] wo sie von einem verständigen Volke als Wahrheit geübt und gepflegt werden. Appenzell hat keine Staatsschulden und fast gar keine Abgaben; – der kostspielige Regierungsapparat, wie er in den kleinsten Monarchien unentbehrlich scheint, ist dort ein unbekanntes Ding. Die Staatsämter sind Aemter der Ehren und des Vertrauens der Mitbürger; die wichtigsten sind ohne Gehalt; die meisten Staatsangelegenheiten werden in freien, allgemeinen Volksversammlungen berathen und durch Stimmenmehrheit entschieden. Der Regent, Landamman geheißen, ist nur durch seine Würde höher gestellt, als die Uebrigen; im Privatleben ist er allen Bürgern des Landes gleich. So verlangt es die Demokratie, während in den Monarchien das Amt den Personen Vorrang und Vorrechte gibt, die den Beamten von dem Volke scheiden. Die Demokratie wird allemal der Würde ihres Magistrats auch im gemeinsten Bürger Ehrfurcht zollen; aber dieser wird nie vergessen, daß kein Rang und kein Titel über den des Bürgers steht, und das Volk allein alle Ehren im Staate verleiht. So war der letzte Landamman von Außerrhoden ein Bauer und Zimmermann, Namens Züricher. Morgens saß er im Rath und lenkte den Staat, Nachmittags lenkte er den Pflug, oder man sah ihn mit Axt und Richtmaß an der Arbeit. Da geschah es einmal, daß ein stolzer Patrizier aus einem andern Kanton zu ihm kam, um ihm eine wichtige Sache vorzutragen; und der Abgesandte, welcher ihn im Holze traf das Schurzfell an, lüftete vor dem schlichten Mann kaum den Hut und trug ihm die Sache mit bedecktem Haupte vor. Als er fertig war, fragte Züricher, ob er die Meinung des Bauers, oder des Landammans zu hören wünsche; worauf ihm jener erwiederte: er glaube mit dem Landamman von Appenzell-Außerrhoden zu sprechen. „So ziehen Sie den Filz,“ erwiederte dieser mit ruhiger Würde, „und fangen Sie Ihre Rede von vorne an, denn bisher hat sie nur der Bauer gehört.“ Und der Betroffene gehorchte und stammelte beschämt seine Entschuldigung. – Jeder Appenzeller glüht für die Freiheit, die er als sein höchstes Gut achtet, und wenn sie gefährdet schien, hat er nie gezaudert, Leib und Gut zu ihrem Schutz einzusetzen. In Appenzell ist das Waffenrecht Allen gemein, und jeder wehrhafte Mann erkennt es für seine Bürgerpflicht, vollständig gerüstet zu seyn, um jeden Augenblick in’s Feld zu ziehen. Schießvereine zu gemeinschaftlichen Uebungen sind über’s ganze Land verbreitet, jedes Dorf hat einen solchen. Die Geschicklichkeit der Appenzeller Schützen ist allbekannt. Von ihnen heißt es: „Eher fehlt ein Schwab ein Scheunthor auf Armslänge, als ein Appenzeller auf 200 Schritt seinen Mann,“ und auf dem bedeutungsvollen Schweizer Volksfeste, das jährlich die Schützen aller Kantone zu Tausenden zum Freischießen der Eidgenossen um die Bundesfahne versammelt, sind’s gewöhnlich Appenzeller, welche die höchsten Preise gewinnen. Was waren die Schweizer, diese Handvoll „Rebellengeschmeiß,“ wie sie noch nicht lange her ein Monarch genannt hat, ohne diese sorgfältige Pflege der Wehrhaftigkeit des Volks, welche „die Handvoll“ in den Stand setzt, 150,000 Krieger auf einen Wink zur Vertheidigung der Unabhängigkeit und Freiheit an die Grenzen zu senden? Die [77] Schweiz wäre längst zerfleischt und zerrissen von den Wappenthieren, welche an ihren Grenzen lauern und den Grimm und Haß bei sich tragen: denn jede Scholle freie Erde auf dem europäischen Continente ist ja so Vielen ein Greuel und läßt sie nicht ruhen. – Die Schweiz ist kaum halb so groß und so bevölkert, als Bayern. Nicht ihren Bergen, sondern ihrem furchtbaren Wehrsystem und dem Freimuth des Volks dankt sie die Erhaltung der Freiheit, welche die föderirten kleinen Republiken durch länger als 4 Jahrhunderte mit ihren Segnungen beglückte und auf eine so hohe Staffel der Gesittung hob. Hätte unser Parlament 1848 ein Beispiel an dem freien Nachbar sich genommen, anstatt durch Annahme des arglistigen Vorschlags zur Verdoppelung der stehenden Heere die Nation in eiserne Fesseln zu schlagen: – es sähe jetzt wohl anders aus in Deutschland. Doch die Meisten jener Versammlung thaten, was sie ihrer Natur nach thun mußten: sie handelten als aufrichtige, treuergebene Diener der Alleinherrschaft, als Menschen, die mit Herz und Glauben lieber zum Absolutismus des Czars schwören würden, denn zur Volksherrlichkeit einer deutschen Föderativrepublik. – Die allergrößte Schuld an unserm Unglücke trägt aber das Volk selbst, welches in seiner Leichtgläubigkeit und Albernheit so viele Bedientenseelen als freisinnige Männer zum Areopag sandte. Was war von Menschen zu erwarten, denen, wie wir gesehen haben und es, leider! noch täglich sehen müssen, Freiheit und Volksherrlichkeit nichts sind als leere Phrasen, und ihre Ehre und ihr Manneswort nichts als eine Waare, die man an den Meistbietenden verkauft? Wer den Knecht im Herzen trägt, der will Knechte machen, und indem man Selbstsucht und Feigheit an das Steuer der Revolution stellte, so war es kein Wunder, daß sie die Nation Schritt um Schritt von dem Gipfel ihrer Erhebung hinunter führten in den Sumpf der Schmach und Erniedrigung. So weit ist’s nun gekommen, daß die meisten Menschen für das Ehrlose der Situation gar kein Gefühl mehr haben und kein Auge mehr für den Herrgott, welcher seinen Stuhl setzt in diese Zeit, um zu richten und zu rächen. Sie bücken sich vor jeglicher Gewalt, wie der Sklave vor dem Treiber seines Leibherrn, und Manche reden schon vom Despoten an der Newa, wie am Tage vor seiner Herrschaft in Deutschland. Aber sie denken nicht daran, daß, bevor der Slave in Germanien Sklavenzucht treiben kann, die Hand aus den Wolken fahren wird über die deutsche Erde und zerrütten die Gesellschaft und strafen die Schuld solidarisch an allen Schuldigen; daß kommen wird, was der Dichter schildert:

 
„Zitternd ächzet und stöhnt der Gesellschaft mächtiger Grundbau!
Horch! Jetzt brechen die Balken; es stürzen die Säulen; die Sparren
Krachen; die festen Wölbungen trümmern. Die Säle, die goldnen,
Krümmen sich in Gebärerin-Wehen; sie bersten und schütteln
Throne und Kronen und Scepter hinab in’s grausige Chaos.“ –

Fort jedoch von diesem Nachtstück und zurück zu meinem freundlichen Bildchen!

[78] Im grauen Kalkstein – so erzählt der treffliche Zschokke, den ich bei der nachfolgenden Beschreibung des Stahlstichs zum Führer nehme – im grauen Kalkstein einer Felswand der innerrhodischen Ebenalp, 4620 Fuß über dem Meere, wölbt sich eine geräumige Höhle. Da richtete schon in uralter Zeit die Frömmigkeit einen Altar auf, dem heiligen Michael geweiht; vor etwa hundert Jahren aber bauete an dessen Stelle ein wohlhabender, gottesfürchtiger Mann aus Appenzell, Namens Paul Ulmann, die Kapelle und stiftete ein Kapital zu ihrer Erhaltung. Fünfmal des Tags ertönt des „Wildkirchleins“ Glocke durch die Stille der Berge und Alpen und ruft die Senner zum Gebete. Das Läuten besorgt ein alter Kapuziner, dessen Klause an dem Felsen klebt. Ihr Inneres – ein Stübchen mit einem Altar, und daneben ein Kämmerchen mit der Schlafstelle – ist ebenfalls eine natürliche Grotte. – Im Hintergrunde derselben öffnet eine Spalte das Gestein, breit genug, um einen Menschen durchzulassen, und der Einsiedler ist immer bereit, Reisenden, die zu ihm kommen, die Geheimnisse seiner Unterwelt zu zeigen. Er zündet dann Grubenlichter an, läßt die Neugierigen in die bereitgehaltenen Fahrkleider schlüpfen, und mit dem Knotenstock in der einen, der Leuchte in der andern Hand, tritt er in den Felsspalt und ladet ein, zu folgen. Bald thut sich ein weiter Saal aus einander. Er ist wohl 60 Schritte breit und 80 Fuß hoch. Wasser träufelt herab, wunderliche Tropfsteingebilde hängen an der Decke, alle Wände sind damit überzogen. Im Fond der Höhle klafft ein enger Gang. Vorsichtig geht’s in demselben fort über Steintrümmer und Felsstücke, erst ziemlich eben, wohl hundert Schritte lang, dann aufwärts, dann steil und immer steiler; zuletzt sind Stufen gehauen –: endlich bleibt der Klausner stehen vor einer Thür; er schiebt mit seinem Schlüssel den Riegel zurück, die Angeln knarren – jetzt welche Ueberraschung! Sonnenlicht, blauer Himmel, Gebirg, glänzendes Wiesengrün – eine weite, herrliche Alpenlandschaft! Es ist keine Täuschung. Unter dem Felspförtchen breitet eine Alpe ihre bunte Matte aus, du siehst die Rinder grasen, hörst die Töne ihrer Halsglocken und das Jodeln des Hirtenknaben, der sie hütet. –

„Ich stand einmal – schreibt der Aarauer Weltweise – in der Stille eines Sommermorgens da droben vor dem offenen Pförtchen. Vor mir lag’s wie ein aufgeschlossenes Weltall. Mein Blick schweifte lang und irre durch die helle Weite in die blau verdämmernden Fernen. Er fand keinen Haltpunkt zum Ausruhen. Die zahllosen Hütten, wie Maulwurfshäuslein lagen sie an den Hügeln Appenzells, – verschwinden. Der Osten der Schweiz, der Bodensee, das weite Schwaben, sind zur Landkarte geworden, zum Mosaikbilde, worauf sich das Gewölbe des Himmels lehnt. Die Seele bebt vor der Unendlichkeit, der Blick flieht scheu zurück, er sucht das Nahe, er klammert sich an die benachbarten Alpenfirsten an; er senkt sich auf den Alpsee, der aus dem nahen Hochthale herauf glänzt; er sucht die schwarze Waldschlucht, er taucht hinab in den Wellenschaum des Schwändibachs. Die Milbe Mensch – sie bleibt in dieser Höhe unsichtbar. Die weiten Landstriche drunten [79] sind still und todt, als wären sie noch unbewohnt, als harrten sie noch der Ankömmlinge aus des Menschengeschlechtes Wiege, die auf den Hochebenen Asiens steht.“

„So stumm und todt schwang sich einst Jahrtausende lang dieser Weltball in weiten elliptischen Kreisen um die Sonne. Er war ein Planetenkeim – ein Komet; durchsichtig, dunstförmig, langschweifig streifte er im Aether umher – einem Vagabunden gleich, nur durch das Anziehungsgesetz unterthan seiner Herrin, der Sonne. Und Myriaden von Jahren vergingen, bis der Komet Erde verdichtete und der Kampf der Elemente begann, und Feuer und Wasser sich im langen, langen Kriege um die Herrschaft dieser kleinen Welt stritten. Während des Kampfes rauschten die Gewässer kochend um die glühende Kugel und es schieden sich die Schlacken, und sie hoben sich als Gebirge und Länder aus der Tiefe. Dann rollte sie wieder Jahrtausende auf Jahrtausende hin um die Sonne, mit ihren Urwäldern und Savannen, bis daß das Thiergeschlecht geboren wurde in der Tiefe der Meere, bis daß die furchtbaren Drachengestalten aus den Sümpfen emporgestiegen und das Reptil seinen Fuß setzte auf die Veste des Landes. – Und abermals rollte sie Aeonen lang um die leuchtende, wärmende, belebende Sonne; – die Vögel der Lüfte wurden nun geboren, die Wälder und Berge hallten wider von dem Brüllen des Löwen, und der Boden dröhnte von den Tritten des Mammuth.– Dann wieder Zerstörung – und nochmals Schöpfung – bis die Elohim in den vollendeten Gottesgarten traten! –

„Von dem ersterschaffenen Menschen an bis zu dem Säugling, dessen erstes Lallen heute der Schöpfer hört – wie viele Jahrtausende gingen dahin!

„Vor meinem Blick zieht das Menschheitsleben vorüber. Zuerst die Nebelgestalten, dann die ersten Genossenschaften, dann die ersten Völker mit ihren Göttern und Heroen, Pyramiden und Tempeln, Priester-Königen und Tyrannen, ihren Entdeckern und Erfindern. Ich sah, wie Jakob im Traume, die Himmelsleiter des sterblichen Geschlechts. Ich sah, wie es hinanstieg von Stufe zu Stufe der Gesittung. Auf jeder Stufe standen Völker, standen Reiche, Jahrhunderte.

„Zuunterst – auf der ersten Staffel der Sage – sehe ich das Geschlecht im Zustande der Wildheit. Ohne Gesetz, ohne Eigenthum, ohne deutlichen Begriff, fast ohne Sprache steht es da, der Natur unterthan, die es noch nicht zu beherrschen gelernt hat. Es genießt und vergißt. Es weint, es lacht, wie ein Kind. Jeder sinnliche Eindruck ist der Herr seiner Gefühle. Was ihm anglänzt, was seinem sinnlichen Auge gefällt, darnach hascht es; was seinen leiblichen Begierden gelistet, darnach greift es. Es kennt kein Recht, es kennt keine Strafe, es kennt nur Rache, nur Furcht. Wer gibt Rechenschaft über die Dauer des Zeitraums, der diesen Zustand umfaßt? Einmal kehrt derselbe noch jetzt in jedem Menschen wieder: im Säugling an der Mutterbrust. Der wilde Mensch lag auch an einer Mutterbrust, an der Brust der Natur.

[80] „Der Säugling Menschheit erstarkt. Er klimmt als Knabe zur andern Stufe der Gesittung hinauf. In Sagen und Sängen leben die Erfahrungen und Schicksale vergangener Geschlechter fort. Die Familie hat zum Verein von Familien, zur Stammverbindung, hingeleitet. Die Alten lehren; der Starke gebietet; der Schwache gehorcht; das Weib ist Magd, der Besiegte Sklav. Unerschrockenheit in Gefahr, Ausdauer in Noth, Verachtung des Schmerzes, des Todes gelten als die höchsten Tugenden. So waren die Griechen der Urzeit, die Germanen des Tacitus, die Gälen Ossians. Nur vor Einem erbebt der Trotz und die Kraft: vor Dem, den die Faust nicht zwingen, der Pfeil nicht erreichen kann. Es ist die unsichtbare Gewalt im Blitz, der den Fels spaltet, im Donner, der die Berge erbeben macht, im Sturm, der den Wald bricht; die Macht, welche Sonne und Mond ruft und verfinstert. Der Mensch ahnet einen großen Weltgeist, der über Alles herrscht, er ahnet – Gott.

„Und wieder vergehen Jahrhunderte, und wieder eine Staffel ist erstiegen. Der Knabe Menschheit reift zum Jüngling. Die Keime von Staat, Kunst, Religion gewinnen festere Formen. Die Einbildungskraft ist der Genius der Jugend; sie herrscht; nicht Vernunft, nicht Verstand. Zu Außerordentlichem, Riesenhaftem, Uebermenschlichem drängt’s die jungen Völker – nur das wird bewundert. Die stärksten Leidenschaften fahren und paaren sich wild durch einander: Rohheit mit Zartgefühl, Grausamkeit mit Edelmuth, Freiheitsstolz mit Knechtsgeist, Ueppigkeit mit Weltentsagung. Der Staat hat in dieser Periode nur Leibeigene und Bevorrechtete, Erbadel und Priesterthum; despotische Göttersöhne, oder die Gottheit selber auf dem Thron, von Altardienern umgeben. Im Wesen der Majestät sieht er Uebernatürliches und die Religion wird auf Seite des Volks Schwärmerei und blinder, Berge versetzender Glaube, – auf der Seite der Priester aber ein Puppenspiel des Betrugs und der Arglist. – So sehen wir das Alterthum, nachdem es getreten ist aus den Nebeln der Sagen, in Aegypten, in Indien, am Euphrat, in Griechenland.

„Die nächste Staffel führt in die jüngern Zeiten, da der Verstand die Herrschaft der Einbildungskraft bestreitet. Auf dieser höhern Sprosse sehen wir die Menschen klüger, aber nicht besser; wir sehen die Nationen glänzender, aber nicht glücklicher. Die Priester-Könige sind verschwunden, wie früher die Heroen verschwanden, die Klugheit ringt mit der Kraft, die Arglist mit dem Genie und – gewinnt den Preis. Ehre, Gewalt und Geld sind die Hebel der Unternehmungen, Vernunftgesetz, Tugend und Religion werden Dienerinnen der schlauen Berechnung; materielle Interessen dominiren über die geistigen. Die Kunst wird zur Magd, und der wechselnde Geschmack diktirt ihr die Regel, der sie folgt. Sie dekorirt den Hochmuth; sie legt dem Dünkel der Mächtigen um schnöden Lohn den Kranz der Unsterblichkeit um des Haupt. Prachtstädte, Handelsstraßen, Flotten, stehende [81] Kriegsheere, Hochschulen kommen auf; die Gewalt beherrscht die Idee, für jeden schwellenden Druck der geistigen Kraft hält sie einen materiellen Gegendruck in Bereitschaft.

Der Despotismus kleidet sich endlich in milde Formen, um – absoluter zu herrschen, und die Selbstsucht zieht das Gewand der Vaterlandsliebe, Menschenliebe, Gottesliebe an. Schulen und Kirchen, Schauspielhäuser und Rednerbühnen ertönen von Tugend; doch man verlacht im Stillen Den, der ihnen Vermögen und Lebensfreuden hinopfert ohne stattlichen Ersatz. Die Klugheit ist an die Stelle der Weisheit getreten, und Der heißt der Klügste, der an Arglist der reichste ist und, den Schalk im Herzen, sich am ehrlichsten stellt. Jede That wird zum Produkt der Berechnung, und Gewinn wird ihr alleiniger Zweck. Ales Reine, Hohe, Edle, Uneigennützige wird negirt von vornherein, und wo es sich sehen läßt, wird es vergiftet von der Verläumdung und herabgezogen in den Schlamm der Gemeinheit, in dem das Geschlecht sich wälzt. Der Mensch hat zwar aufgehört, der Leibeigene des Andern zu sein; der Staat aber wird zum Bagno, und der Herrscher kennt nur Freigelassene und Sklaven. Der Staatsbau ist gar kunstreich; Stockwerk auf Stockwerk thürmt sich bis zur Spitze; – oben wohnt die Herrschaft, unten das Gesinde; oben die Faulheit, unten der Fleiß; oben der Genuß, unten die Entbehrung. Minoritäten haben das Wohlergehen als Privilegium für sich; die Mehrzahl hat das Darben und Verderben allein. Die Bildung gehört nicht allen, sondern einzelnen Klassen, und oft wird sie von diesen als ein Werkzeug zur Unterdrückung gebraucht. Aufgelöst ist das Volk in Stände; aber Jeder spricht von der Nation und wenn schmutziger Eigennutz seine Interessen vertheidigt oder fördert, dann hat er stets die Ehre und das Wohl Aller im Munde. Sogar die Beutelschneiderei der Finanz verbirgt sich hinter der öffentlichen Glückseligkeit, die ihr am Herzen liegt, wie dem Satan die Freuden der Engel. Da aber Jeder, welcher Macht hat oder Einfluß, am Staate mitbauen hilft zu seinem Vortheil, welcher nothwendig mit Anderer Vortheil streitet, so wird der Staat selbst zu einem widerspruchvollen Flickwerk der wunderlichsten Formen und der verschiedensten Einrichtungen, deren Tendenzen einander entgegenlaufen. Seine Organisation endigt nie; sie verläuft sich in’s Chaos; die Ueberbleibsel der Vorzeit mengen sich mit vernunftgemäßen Satzungen und Stiftungen; mit den Gesetzen draconischer Strenge und Barbarei proklamirt man die Grundsätze der Philantropie und Humanität, und an die finstern Verließe der Ritterburgen baut der moderne Staatskünstler seine Hütten, in denen Arglist und Gewalt, Dummheit und Ohnmacht, Uebermuth und Feigheit, Aberglauben und Unglauben beieinander wohnen.

„Auf dieser Staffel stehen wir; sie ist die – Gegenwart. Sehnsüchtig schaut die Menge hinan zu den höhern Stufen und fragt: wie wird es da seyn? Und manche Zweifel knüpfen sich an die Sehnsucht.

[82] Getrost! – Schon auf der nächsten Sprosse sehe ich, was die Gegenwart dem verirrten Geschlecht nicht geben kann: – Zustände größern und allgemeinern Menschenglücks. Wohl sehe ich auch da noch Reichthum und Armuth; jedoch keinen Pöbel mehr, weder in Seiden- noch in Zwilchgewand. Ich sehe noch Starke und Schwache; aber die Freiheit als heiligen Besitz für Alle, und das Gesetz und sittliche Gefühl über Alle. Ich sehe im Staate die Gleichberechtigung als Wahrheit; ich sehe das Weib in der bürgerlichen Gesellschaft im vollen, unverkümmerten Genuß aller Rechte des Mannes; ich sehe es neben ihm, nicht unter ihm. Ich sehe zwar noch Sünder und Strafen; aber die Strafe ist nicht mehr Rache, sondern das Besserungsmittel des Irrenden. – Ich sehe – – – –

„Ach, meine Himmelsleiter und alle Gesichte verschwanden plötzlich. Der Kapuziner läutete die Glocke des Waldkirchleins, murmelte eine Ave Maria und bot mir nebenbei, aus der buchsbaumenen Dose, eine Prise.“