Znaim
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ZNAIM
Am 10. Juli 1809, vier Tage nach der Schlacht bei Wagram, folgte das Gefecht und der Waffenstillstand von Znaim, und der darauf in Wien diktirte Friede beendete den Krieg. – Wieder stehen wir am Ausgang eines Feldzugs, wieder waren es dieselben Rollen, die der Gott des Kriegs ausgetheilt hatte, wieder sank das gute Recht vor dem triumphirenden Uebermuth blutend in den Staub, wieder ward die Erbmacht des deutschen Namens und Reiches in einer großen, entscheidenden Schlacht geschlagen, wieder ward ihr ein schmachvoller Friede abgerungen, wieder war Deutschlands Schwäche so groß wie seine Schande. Wer in den Sternen der Zukunft erforschen könnte, daß der Waffenstillstand von Villafranca in der Geschichte Napoleons III. in gleicher Höhe steht mit dem von Znaim in der Geschichte seines Ahnherrn! – Dann wollten wir jubeln zum faulen Frieden, den die Diplomatenfedern am Schweizersee niederkritzeln, dann wollten wir freudig nochmals das Blut als Lösegeld opfern, das schon einmal die Befreiung Deutschlands kostete, denn dann wüßten wir den Preis, um den dem Schicksal seine Loose feil sind, denn dann wüßten wir, daß eine unbesiegbare Macht uns zur Seite steht, kein blasses Schattenbild der Furcht, sondern Fleisch und Bein, mit Schild und Wehr, – der Geist des Volkes wäre aufgestanden, der Geist, der damals Dörnberg, Braunschweig, Schill als Herolde der Volkserhebung aussandte, der aus Patrioten Märtyrer schuf, der das Gefühl nationaler Erniedrigung zum Fanatismus entflammte, der Geist, der von nun an rastlos die Geißel der Menschheit verfolgte, bis er sie festgeschmiedet an dem fernen Fels im Meer.
Unmittelbar nach dem Frieden von Wien war es, daß Napoleons Glücksgestirn sein Zenith passirte. Wenn auch 120 Millionen „vive l’Empereur!“ riefen, wenn auch ein „Salon von Königen“ und ein „Parterre von Majestäten“ der Winke ihres Herrn demüthig harrten und fünf Königinnen die Schleppe der neuen Kaiserin trugen, so fühlte und fürchtete doch gleichzeitig Napoleon den gefährlichen und überlegenen Feind, welcher im Verborgenen gegen ihn zu rüsten begann. Vernichtung des Volksgeistes ward seine hauptsächliche Bestrebung, [76] und zu den gemeinsten wie grausamsten Mitteln nahm er seine Zuflucht. Er suchte mit Heuchelei und Versprechen zu bestechen, mit Drohung und Härte einzuschüchtern; die Presse wurde in Fesseln gelegt, seine und seiner Vasallen Staaten wurden mit einem Netz geheimer Polizei und Denunziation überzogen, Kirche und Schule, Religion und Wissenschaft zu Werkzeugen seiner Selbstvergötterung prostituirt, – vergeblich; die gejochten Völker drohten in der Schwüle seiner Ruhmessonne zu verlechzen, die schwarzen Wetter des zürnenden Volksgeistes stiegen an seinem Himmel auf, sammelten sich, in Spanien, Rußland, Deutschland, und brachen rings über ihn, während er am mächtigsten da stand, mit so zerschmetternder Wucht herein, daß man kaum rasch genug der Vollziehung des Strafgerichts folgen kann, welches sich von jetzt an Schlag auf Schlag an ihm erfüllte.
Die Machtentfaltung Napoleons III. scheint in ein ähnliches Stadium eingerückt. Den einen Arm Deutschlands hat er gelähmt, dem andern gebricht die eigene Kraft, die übrigen Glieder sind durch die Furcht gefesselt, Deutschland wäre ohnmächtig wie damals, wenn nicht die Stimme des Volksgeistes in ihm laut wäre. Sie zu beschwichtigen, zu betäuben, zu bestechen, einzuschüchtern, gilt ihm jetzt mehr als Schlachten zu gewinnen. Aber auch ihn, wenn es die rechte, ächte Stimme des deutschen Volkes ist, wird ihr Richterspruch ereilen, und dann wird ihr auch das Schwert nicht fehlen, ihn zu vollziehen.
Znaim, die alte Hauptstadt Mährens, gesellt zu ihren geschichtlichen Erinnerungen den Reiz einer sehr freundlichen Naturumgebung. Seine Lage, am Saume des österreichischen Weingeländes, wo dieses sich nordwärts von den rauheren Getreidefluren scheidet, auf jenen anmuthigen Hügeln gebettet, zwischen welchen das enge romantische Thayathal gegen die Ebene von Nordösterreich ausmündet, gewährt ihm die Vortheile eines zweifachen Klima’s. Das alte Städtchen mit der Burg soll manchem Sturme der Avaren und Ungarn schon widerstanden haben, und von da bis zum Schluß des 30jährigen Kriegs hat es alle Fährlichkeiten und Heimsuchungen seines Landes getheilt.