Kasan, die Tatarenstadt
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KASAN
Wem tritt nicht beim Lesen dieser Ueberschrift das grandiose Bild jener Völker-Windsbraut vor die Seele, die, aus den unermeßlichen Steppen Central-Asiens hervorwirbelnd, die großen tausendjährigen Reiche der alten Welt entwurzelte wie morsches Rohr, die Herrschaft des Halbmonds vom Ganges bis zur Wolga trug, asiatische Kultur und asiatischen Glanz über zwei Welttheile verbreitete und die Namen eines Dschingis-Khan und Tamerlan zum Schrecken aller Throne und Nationen machte. Das durch’s Schwert zusammengefügte unermeßliche Völker-Konglomerat, größer als das Reich Alexanders des Macedoniers, ist in seine Atome zerfallen, sobald der starke Arm seiner Eroberer zu Staub geworden, und die seitdem darüber hingegangenen drei Jahrhunderte haben nur noch in Knechtschaft und Sklaverei die unvertilgbaren Spuren der Pracht, den Typus der Sitten zurückgelassen an den Stätten, wo sie ehedem die alleinige Herrschaft verkündeten. Die jetzt russischen Gouvernements Krim, Astrachan, Kasan sind solche Stätten.
Letztere heißt jetzt noch die Tataren-Stadt, obgleich sie kaum ein einziges hervorragendes Erinnerungszeichen an ihren fremden Ursprung bewahrt hat, den Gegenstand unseres Bildes, den Thurm der unglücklichen Königstochter Sambeka vielleicht allein ausgenommen. Kasan bietet beim ersten Anblick eine ganz russische Physiognomie dar. Auf Hügeln erbaut, einen Berg mit seinen größten und prachtvollsten Bauwerken krönend, mit seinem weitläufigen Kreml, seinen Kathedralen und Kirchen, hohen Glockenthürmen und glänzenden Kuppeln, mit einer zweiten Stadt zu seinen Füßen, einem trägen, breiten Strom, dessen mäandrische Krümmungen seine Seiten umschließen, mit Triften, Felsen, Landhäusern, lachenden Dörfern und schattigen Gärten in der Umgebung, erscheint Kasan wie ein Reflex von Moskau, dem moskowitischen Moskau, so eigenthümlich und fremdartig und so reizend und malerisch zugleich. Und dennoch bleibt Kasan die Tataren-Stadt. Das ist’s gerade, daß man eine russische Stadt sieht und an die tatarische Stadt glauben muß, daß in der Phantasie [68] das Kreuz auf den Zinnen der Thürme zu dem Halbmond des Mohammed sich rundet, daß man an Stelle der starken erenelirten Festungsmauer mit der russischen Besatzung die alten hölzernen Bastionen sich denkt, von fanatischen Tataren gegen die Armeen Iwans vertheidigt. Während man auf dem Dampfboot die Wolga hinab schwimmt durch die unabsehbare Steppe, jetzt das Todtenfeld der tatarischen Geschichte, und je mehr man sich Kasan nähert, um so weniger wird der Geist abgezogen von der Betrachtung der Vergangenheit, um so freier ergeht sich die Einbildungskraft in den glänzenden Bildern, welche einst diese Einöde belebten. Und hat man das moskowitische Kasan durchwandert, so gelangt man in eine andere wirklich tatarische Stadt, mit einer abgeschlossenen Bevölkerung, die Charakter, Sprache, Sitten, Physiognomie, Religion und Tracht unversehrt erhalten hat. Sollte darum Kasan nicht noch den Namen der Tataren-Stadt verdienen?
Verfolgen wir in raschen Schritten die Bahn der Ereignisse, welche Kasan in der Reihe der osteuropäischen Städte zu so großer Bedeutung erhoben und zu der Entwickelung des mächtigen Russenreichs beitrugen.
Der Name der Tataren tritt erst mit Dschingis-Khan, als derselbe China verheerte und das gewaltige Mongolenreich stürzte, aus dem Dunkel der Geschichte. Dieser Fürst, mit den zahlreichen unterjochten Völkern im Gefolge, zog um einen großen Theil des Erdkreises mit Blut und Feuer eine Siegesbahn, welche die Grenze des neugeschaffenen Tatarenreichs bildete. Dieselbe Hand löschte, wie der Mongolen, so der übrigen unterjochten Stämme Namen und Sprache aus, so in der kleinen und großen Bulgarei, im Land der Baschkiren, der Tschuwachen, in der Krim, in Kuban, und machte das Tatarenthum zur allerwärts herrschenden Nationalität. Nach Rußland brachte Batu-Khan, der Enkel Dschingis-Khans, zuerst das Schwert und den Namen der Tataren. Er gründete mit seinen großen Eroberungen im Anfang des 13. Jahrhunderts das unermeßliche Reich von Kaptschak, welches lange Zeit den ganzen Norden Asiens, Rußland, Polen, bis zu einem Theil Deutschlands und Ungarns unter seinem Scepter vereinigte. An den Ufern der Wolga baute er seine Residenz, Sarai, und war der erste Khan der „goldenen Horde“. Innere Kriege und Empörungen drohten dem Reiche den Untergang, bis Tamerlans Kriegsglück es wieder auf kurze Zeit vereinigt und sogar vergrößert sah. Unter dessen Nachfolgern brachen jedoch neue Fehden aus und die goldene Horde trennte sich in die einzelnen Khanate von Kasan, Astrachan, der Krim und Kaptschak. Letzteres fiel wieder den Uebrigen zur Beute, und noch beherbergen die Stämme der Baschkiren und Kirgisen kenntliche Trümmer der sie früher beherrschenden Nation. Das Khanat von Kasan bestand bis 1552, der Eroberung Iwans IV. Das von Astrachan erlag wenige Jahre später denselben siegreichen Waffen; das der Krim allein erhielt sich aufrecht bis 1783; seine Unterwerfung verherrlichte die Regierung Katharina’s II.
Die Erbauung Kasans wird Batu-Khans Nachfolger, Sain, zugeschrieben. Er wählte den Platz für die neue Hauptstadt seines Reichs, wie die Städte-Gründer des Alterthums Theben, Memphis, Baalbek gründeten, [69] auf Oasen in Mitte von Wüsten. Und eine Dase an malerischen Bergen und fruchtbaren Gefilden ist die Lage Kasans in der hunderte von Meilen sich erstreckenden Steppe des Wolga-Gebiets.
Die Geschichte von Kasan bis zur Epoche, als das Reich mit seiner Hauptstadt unter dem Schwert Iwans fiel, bietet während fast drei Jahrhunderten eine ununterbrochene Reihe von Kriegen, nach außen und innen, Eroberungen, Revolutionen, Entthronungen und Verjagungen von Fürsten, Kämpfen und Hader verschiedener Dynasten-Familien. Es ist die Geschichte fast aller Barbaren-Völker, beherrscht von roher despotischer Gewalt und sich aufreibend in innerer zielloser Kraft.
Auch eine Bartholomäusnacht und sicilianische Vesper zählt Kasan unter die Akte seiner Chronik. Den 24. Juni 1706 war es, an einem großen Markttag, jährlich von vielen Russen und fremden Kaufleuten besucht, an dem Mehemed Amin, verjagt von seinen Völkern und mit Hülfe der Czaren von Moskau wieder auf seinen Thron erhoben, den Anschlag zur Ermordung aller Christen nicht nur in Kasan, sondern im ganzen Reich ausführte. Nur Wenige entgingen dem ihnen bereiteten Schicksal, und von diesem Massakre datirt hauptsächlich der erbitterte Krieg mit Rußlands Czaren, der nach mannichfachen Wechselfällen zum Sturz des Khanats führte.
Das tragische Ende Kasans ist eine jener geschichtlichen Katastrophen, die in der Feder des Aufzeichners zum Epos werden, so erhaben steht das Heldenthum der 30,000 Vertheidiger gegen ihre 150,000 Feinde, so reich an Zügen des Opfermuths, so groß an Aufwand jeglicher menschlichen Tugend und Leidenschaft ist die Geschichte dieses Kampfes, eine Iliade des Mittelalters, zu vergleichen mit dem Beispiel des maurischen Granada und des saracener Jerusalem.
Im Jahr 1547 kam Iwan IV. mit einer großen Armee, Kasan zu belagern. Starke Wälle aus Eichenholz mit festen, hohen Thürmen und einem Kreml, welcher die Umgebung beherrschte, vertheidigten den Platz. Vergeblich suchten die Batterien Breschen in die Mauern zu legen. Kasan hielt Stand. Die Elemente sind mit ihm im Bund. Wolkenbrüche überschwemmen die Lagerstätte der Russen, und unter großen Gefahren tritt der Czar den Rückzug an. Dreißig Werst von Kasan, an der Einmündung eines Flusses, macht er Halt, beschließt und befiehlt daselbst die Gründung einer christlichen festen Stadt. Nach vier Jahren hatte sich dort die Stadt und Festung Swiajsk, am Fluß Swiaga, erhoben. Kasan erschrak. Im folgenden Jahre begann die Belagerung der Hauptstadt, die Geschichte ihres Heldenthums.
Der Czar kündigt dem versammelten Rath seiner Bojaren an, daß die Zeit da sei, den Stolz der Tatarenstadt zu brechen. „Gott schaut auf den Grund meines Herzens; ich suche keinen leeren irdischen Ruhm, ich will nur das Glück meiner Christenvölker sichern. Wie könnte ich einst furchtlos vor dem Höchsten erscheinen und [70] sagen: Hier bin ich mit den Unterthanen, die du mir anvertraut hast, wenn ich sie nicht vor den grausamen Feinden Rußlands geschützt habe, vor den Barbaren, mit denen nie Ruhe noch Frieden zu halten ist?“
Die Vorbereitungen sind fertig, die Heerführer ernannt; die Einen führen die moskowitischen Schaaren nach Nijni, Jene an der Spitze der Bojaren-Söhne, der Strelitzen, und die Kosaken beziehen ein Lager an der Kama; die Wojewoden von Sviajsk sollen die Wolga-Uebergänge besetzen. Der Czar hält Revue über seine Heerestheile, redet ihnen Muth ein, instruirt die Generale, die Armee setzt sich in Bewegung, es ist der 18. Juni. Schwere Transporte waren vorausgeeilt. Die Oka und Wolga waren bedeckt mit Fahrzeugen, diese mit Geschützen und Munition beladen, jene mit Lebensmitteln. Der Czar folgt seiner Armee. Er nimmt von seiner jugendlichen Gattin, der nordischen Anastasia, Abschied: „In deine Hände lege ich die Zügel des Reichs und meine höchste Gewalt. Sei gut und wohlthätig. Der Herr wird meine Tapferkeit und deine Milde belohnen.“ – Auf den Knieen erfleht die Czarin den höchsten Schutz für ihres Gatten Waffen. Dieser begibt sich in die Basilika und empfängt den Segen des Priesters; mit ihm die Offiziere seiner Garde.
Auf dem Marsch erfährt Iwan, daß der Khan von Taurien an der Spitze eines Heeres und der Janitscharen des Sultans den Kasanesen zu Hülfe eile. Tula ward von ihnen bereits belagert.
In der Armee zeigt sich bald Erschöpfung. Sie murrt. Wohin wird sie geführt? Was wird das Ende des Feldzugs sein? Es fehlt schon an Lebensmitteln. Alles ist aufgezehrt am Weg. Dabei ist die Jahreszeit vorgerückt. Die Bojaren-Kinder sind die ersten, die sich beklagen. Die Entmuthigung theilt sich allen Truppenkörpern, jedem Rang sogar mit.
Der Czar erfährt’s, aber bleibt standhaft. – Er fordert die Namen Derjenigen, welche ihrer Fahne treu bleiben und wendet sich dann zur Armee: „Die Andern mögen heimkehren; sie sind feige, und werden uns um die Hälfte unserer Lorbeeren bestehlen. Die Getreuen aber sollen meine Kinder sein, ich werde Ruhm und den letzten Bissen mit ihnen theilen!“
Des Czaren Worte wendeten den Sinn der Unzufriedenen. „Vorwärts!“ erscholl’s aus allen Reihen, und die Armee setzte sich nach Sviajsk in Bewegung, der Stadt, welche Iwan hatte bauen lassen, um gegen Kasan zu operiren. Nach zweitägiger Rast und religiösen Uebungen in der Kathedrale der neuen Stadt brach er auf. Noch 30 Werst trennen ihn von Kasan. Er überschreitet die Wolga. Von da sendet er eine Botschaft an den Tatarenfürsten, ihm die Thorheit vorstellend, seinen überlegenen Waffen widerstehen zu wollen und Gnade versprechend für freiwillige Unterwerfung. Aber Kasan hatte sich zur Gegenwehr gerüstet. Bei ihm handelte es sich um die nationale Existenz, um seinen Glauben. Keine Aussöhnung zwischen der Fahne des Propheten [71] und dem rothen Kreuz auf weißem Grunde. „Laßt sie kommen“, antwortete der Tatar, „wir sehen nicht zum ersten Mal Moskowiten unter unsern Mauern. Immer noch haben sie Niederlagen und Hohn mit ihren Angriffen geerntet, sie mögen kommen; das Fest ist bereitet, der Waffentanz kann beginnen.“ Die Armee stand noch sechs Werst von Kasan. Zwei Tage lang schifften sie ihre Geschütze aus. Ueberläufer sagten aus, daß Kasan von nur 30,000 Tataren vertheidigt sei. Es war der 23. August. Mit Sonnenaufgang rückte die Armee schweigsam in Schlachtordnung vor. Kasan enthüllt sich ihren Blicken in seiner ganzen glänzenden malerischen Gestalt. Die zahlreichen Moscheen, Minarets, Paläste leuchten über den starken Bastionen hervor, welche die Stadt umgürten. Der Czar gebietet Halt. Unter schmetternden Fanfaren entfaltet sich der Banner des rechten Glaubens; Alle steigen von den Pferden, die Priester sprechen die Weihe aus über die Fahnen und Waffen und vollenden die feierliche Messe. „In deinem Namen, Herr, laß uns diese Ungläubigen besiegen!“ betet laut der Czar. Es wird zum Angriff geblasen. 7000 Strelitzen stürzen sich tollkühn auf die Bastionen. Da erfüllt das Kriegsgeschrei der Tataren die Luft; feindliches Fußvolk und Reiterei ergießen sich aus den geöffneten Thoren und nach einem blutigen Gemetzel werfen sie die Angreifenden zurück.
Die Belagerung wurde langwierig; die Beschwerden im Russenlager häuften sich. Sturm und Regengüsse verwandelten die Umgebung der Stadt in Morast, zerstörten die Zufuhr von Lebensmitteln auf dem Fluß, Hunger und Krankheit drohten, glückliche Ausfälle der Tataren decimirten die Mannschaft, und jählings über die feindliche Ebene von Arsk hereinbrechende Reiterhaufen, welche in dem angrenzenden Wald sichere Schlupfwinkel fanden, beunruhigten Tag und Nacht das Lager. Dennoch schritt das Werk der Belagerung in Ordnung vor; 150 grobe Geschütze unterhielten aus den Laufgräben das Feuer auf die Stadt. Die Erbitterung wuchs auf beiden Seiten und wurde durch tägliche Waffenthaten genährt. Sturm und Wetter kämpfen mit auf der Seite der bedrohten Stadt; täglich bei Sonnenaufgang erscheinen tatarische Zauberer auf den Wällen und rufen die verderblichen Elemente herbei. Selbst unter den Russen wird der Glaube wach, die Gnade des Höchsten sei ihnen entgegen, und Entmuthigung und Verzweiflung ergreift auf’s Neue ihre Reihen. Da sendet der Czar nach Moskau und entbietet den Patriarchen der Kirche mit dem Allerheiligsten ins Lager. Vor ihm erlahmt die Macht der Zauberer und das wunderthätige Kreuz verscheucht den Zorn vom Angesicht des Himmels. Muth und Vertrauen kehren in die Gemüther der Russen zurück. Sie erbauen einen ungeheuren beweglichen Thurm, den sie mit 60 schweren Kanonen bewehren und von dem sie den Tod mitten in die Straßen und über die Wälle schleudern. Der ungebeugte Muth der Besatzung jedoch spottet jeder zu ihrem Verderben ersonnenen Vorrichtung. Mehr als eine Mine hatte schon weite Breschen in ihre Wälle gelegt, mehr als ein hartnäckiger Kampf war um dieselben entbrannt, aber stets behaupteten die Tataren den [72] Platz und wußten die Schäden an ihren Befestigungen wieder herzustellen. Mit Schrecken fühlte die Armee den Winter nahen; es mußte die Entscheidung beschleunigt werden. Iwan bestimmte den 1. Oktober zum Tag derselben. Alle Minen waren bereit, mit einem Mal sich zu entladen. Der Czar und mit ihm das ganze Heer empfingen am frühen Morgen den priesterlichen Segen und genossen den Leib des Herrn. Noch einmal ergeht an die Einwohnerschaft von Kasan die Aufforderung, sich zu ergeben, noch einmal wird sie zurückgewiesen mit den stolzen Worten: „Entweder werden die Mauern von Kasan unser Grab, oder wir befreien sie von der Belagerung“; – dann erst erfolgte der Befehl zum Sturm.
Hell und rein erglänzte der Himmel über dem bevorstehenden Schauspiel. Die Kasanesen erwarteten gerüstet auf den Wällen den Angriff. Die Russen standen noch im Schutz der Laufgräben. Die Fahnen beider flatterten ungeduldig im Wind. Der Czar befand sich beim Gottesdienst. Da, im Moment als die Liturgie begann: „Es wird nur ein Hirt und eine Heerde sein“, erbebte die Erde, Schlag auf Schlag fiel, der Himmel verfinsterte sich, auf flogen Blitze, Rauchsäulen, Erdschollen, Steine, Menschenglieder, im gräßlichsten Gewühl, und als die Sonne auf das Werk der Zerstörung wieder niederschaute, würgten sich die Heere unter und auf den Wällen, in den Breschen, über den Schutthaufen, und ras’te der Tod in tausenderlei Gestalt. Der Czar hielt hoch zu Roß auf der Ebene, da begrüßte ihn schon das wehende Kreuzesbanner von der Tataren-Veste.
Doch mitten im Sieg drohte der Untergang. Kasan enthielt große angehäufte Reichthümer, erworben im Handel mit Asien. Anstatt ihren Sieg zu verfolgen, überließen sich die Russen zu früh der Gier nach Beute. Selbst die Offiziere ließen sich fortreißen. Die stürmende Armee löste sich in wilde, trunkene, plündernde Haufen auf; viele warfen die Waffen weg, um sich mit den Kostbarkeiten, die sie in den Häusern und Magazinen fanden, zu beladen. Die Kasanesen nahmen den Moment der Verwirrung wahr, sammelten sich und trieben die Plünderer zu Paaren. Mit einem Male schien sich Alles, von dem erneuten Angriff bestürzt, in wilde Flucht aufzulösen. Da erschien der Czar mit seinen 20,000 berittenen Garden an den Thoren der Stadt, warf sich den Fliehenden entgegen, und von Neuem begann das Stürmen, Schlachten, Wüthen. Die nach heldenmüthiger Gegenwehr abermals geworfenen Tataren setzten sich im königlichen Palast fest und vertheidigten diesen ihren letzten Zufluchtsort mit unbezwinglicher Hartnäckigkeit. Dem Ungestüm der Russen gelang es endlich, die Thore zu sprengen; sie eröffneten den Eindringenden ein ergreifendes Schauspiel: die Frauen und Töchter der Vornehmen der Stadt, reich geschmückt, harrten hier dem Tode entgegen. Entfernt von ihnen stand das letzte Häuflein Streiter, ihren Fürsten in der Mitte. „Hört, Kasan ist in euren Händen, wir überliefern euch seinen Herrscher unverletzt; führt ihn zu eurem Czaren; uns aber fordert das Vaterland als letzte Opfer“. [73] Sie fielen Alle, die Waffen in der Hand; die eroberte Stadt brannte an allen Ecken und das Blut der Erschlagenen überschwemmte die Straßen.
Der Czar dankte dem Himmel für den Sieg und errichtete selbst das erste Kreuz vor dem Hauptthore, als dem Platz für den ersten christlichen Tempel in der gefallenen Tatarenstadt.
Das Schwert der Russen vermochte wohl die großen Tatarenreiche zu stürzen, aber lange noch blieben die Tataren, wenn auch unter russischem Scepter, die dominirende Nationalität in den Wolgaländern, und schwerlich dürfte es je dem russischen Einfluß gelingen, diesen von Natur und Rechtswegen Asien angehörenden Gebieten den europäischen Stempel aufzudrücken. Das Völkergemisch asiatischer Abstammung, welches hier wohnt und wandert, ist wunderbar. Tschermissen, Tschuwachen, Kalmücken und Tataren leben neben und durcheinander, jeder Stamm in seiner eigenen Beschäftigung, seiner eigenen Kultur, seiner Religion, Sitte, Eigenthümlichkeit, ein jeder auch in seiner eigenen Art von Macht, Ansehen und Reichthum: die Tataren namentlich, deren noch an zwei Millionen in diesen Grenzländern wohnen, scheinen sich durch einträglichen Handel für den Verlust ihrer Unabhängigkeit zu trösten. Der Verkehr mit den Kirgisen, der Bucharei und China, der jährlich viele Karawanen und unzählige Kameele in Bewegung setzt, die prächtigen Bazare in Kasan und den übrigen großen Stapelplätzen der Wolga von Nijni-Nowgorod bis hinab nach Astrachan sind in ihren Händen. Von der Bedeutung des Waarenumsatzes auf ihren Messen und dem bunten Menschen-Chaos, welches hier zusammenströmt, hat man in Westeuropa keinen Begriff. Was die Manufakturen des Moskowiter-Landes liefern, was über Petersburg oder Archangel von dem fernen Westen kommt, die Stapelprodukte Sibiriens und der chinesische Thee, Alles sammelt sich auf einem Markt. Hier sind Tuch- und Baumwollen-Ballen, dort die Metalle des Urals, hier das Pelzwerk von tausenden von Quadratmeilen gesammelt, dort Leder und Häute zu Bergen aufgestapelt, dazwischen die kostbaren persischen Kachemir- und Seiden-Stoffe; wer könnte die Erzeugnisse der entlegensten Zonen alle aufzählen, die hier die großen Magazine füllen! Den Werth des Umsatzes auf einer einzigen solcher Messen schätzt man auf über 100 Millionen Rubel. Auch die meisten Fabriken des Landes von Tuch, Leder, Seife werden von Tataren betrieben. Ein freieres, obwohl an Erwerb von Reichthümern Jenen wenig nachstehendes Leben führen die nomadisirenden Stämme dieses Volks; sie wohnen in Zelten, bilden Horden mit eigener Verfassung, eigenem Adel und haben sogar noch eigene Fürsten, kennen das Joch russischer Leibeigenschaft nicht und treiben Viehzucht in großartigstem Maßstab. Der Besitzstand eines wohlhabenden Zelt-Tataren wird nach [74] Hunderten von Kameelen, Tausenden von Pferden, Zehntausenden von Rindern und Hunderttausenden von Schafen gezählt. Man sieht, in welcher Ursprünglichkeit sich diese Steppenvölker, welche die Pforten Asiens noch von der Zeit her bewohnen, als sie die Welt zu erstürmen hier durchbrachen, bis zum heutigen Tag bewahrt haben; dabei halten sie streng am Koran und verschmähen jede Wissenschaft und Bildung, die über das Wort ihres Propheten hinausgeht.
In den Städten, wie Kasan, ist die Tataren-Bevölkerung in ein besonderes Viertel, Slobode, verwiesen. Die eigentliche Stadt, und darin gleichen sich alle Wolgastädte auf ein Haar, ist ein Gemisch von asiatischem und moskowitischem Styl. Neben schlanken und zahlreichen Minarets der Moscheen erheben sich die zwiebelförmigen, vergoldeten Kuppeln der Kathedralen, neben den grauen Mauern und Thürmen des weitläufigen Kreml die neuen weißen Façaden der Kasernen, breite schöne Straßen und winkliche, in Staub oder Sumpf erstickende Gäßchen, düstere Klöster auf entlegenen Plätzen und geräuschvolle Karawansereien, prächtige Paläste und reich ausstaffirte Bazars neben elenden Erd- und Lehmhütten, neben dem schwarzen französischen Frack und der russischen Uniform die malerischen Trachten der Tataren, Perser, Türken, Armenier, wie auf einem Maskenball so bunt, und dies nicht nur auf der Straße, sondern auch in den Gesellschaftszimmern der Vornehmen, bei den Reunions der hohen Beamten und auf den offiziellen Festen.
Von hervorragender Wichtigkeit für intellektuelle Interessen ist die Universität, eine Schöpfung des Kaisers Alexander. Mit großem Verständniß hat er gerade nach Kasan einen Lehrstuhl verlegt, um die Studien der orientalischen Sprachen und Wissenschaft zu betreiben, und keine Universität der Welt kann an Ansehen und Erfolg in dieser Richtung mit Kasan verglichen werden. Nicht nur daß die Professoren selbst gelehrte Mongolen, Perser, Türken, Armenier, Tataren sind, welche ihre Sprachen und Literaturen lehren, auch die Studirenden kommen hier täglich mit Orientalen aller Himmelsstriche in Berührung, werden heimisch bei ihnen und bereisen dann mit um so größerem Erfolg die Heimathländer jener Völker. Die Universitäts-Bibliothek ist die reichhaltigste an orientalischen Handschriften. Die übrigen modernen Institute und Etablissements, auf welche die Regierung große Sorgfalt verwendet, wie Sternwarte, Klinik, Arsenal, Schiffswerfte, Militärschule, wissenschaftliche Sammlungen, sind von großer Vollkommenheit und vortrefflich ausgestattet.
Ein eben so auffallendes als charakteristisches Ueberbleibsel aus der Herrschaftszeit der Tataren ist der Thurm von Sambeka. Die überall nachzulesende Geschichte seiner fürstlichen Bewohnerin ist eine jener episodenreichen Hofgeschichten, an denen Kasan zu Grunde ging.