Trapezunt

Znaim Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Trapezunt
Baltimore (Meyer’s Universum)
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TRÉBIZONDE

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Trapezunt.




Kolchis, du Land der wundersamen Mähr, du Heimath der Rebe und Frauenschöne, keine Argo führt mehr abenteuernde Helden, mit Lyra und Schwert, über den sturmvollen Pontus nach deinen Gestaden, die goldlockende Mündung des Phasis ist versandet und deine großen blühenden Städte, die sonnige Residenz des Königs Aëtes, das weithin strahlende Trapezos des Mithridat, – wer fragt in Europa noch nach Trapezunt, nach der verblichenen Herrlichkeit der Komnenen, wer noch nach der goldenen Wolle der kolchischen Widder? Letztere haben türkische und russische Scheren so gründlich abgeschoren, daß sie längst unterlassen hat nachzuwachsen, Argonautenfahrten sind außer Mode gekommen, seit im maritimen Kriminal-Codex der Strang auf Seeräuberei steht, der Ruhm so edler Piraten, wie Jason, Theseus, Orpheus, Castor und Pollux, den ein blinder Leiermann vor 3000 Jahren der Welt verkündete, hat nur noch auf Jahrmärkten und Kirmessen Kurs, ungastlich ist’s für den „Giaur“ an jenen Küsten geworden, wo keine „melodische“ Circe „im silberhellen Gewand mit goldschimmerndem Gürtel“ mehr den silbernen Krug kredenzt, wie sie’s dem greisen Irrfahrer aus Ithaka gethan, und Homer’s göttliche Lyra tönt uns lieblicher aus den Blättern von Voß’ metrischer Uebersetzung, als aus den Lorbeerhainen einer mingrelischen Landschaft. Außer hie und da einem deutschen Professor, dem keine Mühe zu heiß, kein Weg zu lang, keine Geduld zu groß und kein Erfolg zu klein erscheint, wenn es gilt, einer verblichenen Jahrzahl oder Inschrift nachzuspüren, verirrt sich selten ein Tourist auf jenen klassischen Boden, und auch nur einem solchen verdanken wir Bild und Schilderung der alten Komnenenstadt, nur einem solchen erklang im Morgengrau eines Augusttages der Ruf: „Trabisonda!“ vom Verdeck eines türkischen Dampfers so sirenenhaft musikalisch und verlockend, daß er vom Lager sprang, das zauberhaft verschleierte Bild des über Schluchten und Klippen ausgegossenen Häusermeers einsog und, sobald die Anker niederrasselten, der Erwartung und Wonne voll sich hinein versenkte, um uns einen wenn auch nur matten Abglanz seiner eigenen Eindrücke zu hinterlassen.

[78] Wenn man vom Strande, wo die Barke landet, den steilen Höhenzug erstiegen hat, tritt man auf einen weiten, grasbewachsenen und rings mit niedrigen, halbverfallenen Wohnhäusern und Schuppen, mit Brunnen und Gartengemauer umgebenen Platz, der schon zur Zeit der Komnenen den persischen Namen Meydan trug und heute noch zur Niederlage aller nach Iran bestimmten europäischen Kaufmannsgüter, als Sammelplatz sämmtlicher Maulthiertreiber des Orients und als Aufenthaltsort des persischen Konsuls dient. Von hier aus laufen enge, roh gepflasterte Steinwege nach allen Richtungen durch die gartenreiche Vorstadt, links bergan zu einer zweiten Terrasse mit Häusern, Kornfeldern und Gärten, rechts hinab durch das Griechenviertel zum Meere, geradeaus an Gartenmauern, Felspartien, Bazars und dicht gedrängten Häusermassen vorüber nach der Citadellenstadt, dem eigentlichen Trapezunt. Mehr noch, als in anderen türkischen Städten, sind Charakter der Bauart und Anlage der Straßen von den europäischen verschieden. Die Häuser selbst sind durch eine einförmige, fortlaufende Straßenmauer dem Anblick der Vorübergehenden entzogen. Erst hinter diesem leeren bis zehn Fuß hohen Gemäuer sind die rings isolirten Wohnungen mit gepflastertem Hofraum, Ziehbrunnen und Baumgarten verborgen. Eine einzige Thüre in der klosterähnlichen Mauer öffnet und schließt das Familienheiligthum. So soll auch das alte Athen gebaut gewesen sein. In der Regel sind die Gassen von Trapezunt nicht breiter als sechs bis acht Fuß, bisweilen noch enger, aber bei aller Vernachlässigung durchweg mit trefflichem Material gepflastert und wenigstens auf einer Seite mit Trottoirs versehen. Der tiefer liegende rinnenartige Mittelweg ist für die Lastträger, die Saumthiere, für das ablaufende Regenwasser oder lebendige Bäche bestimmt. Auffallend ist das absichtliche Vermeiden jeder Symmetrie oder gar äußerer architektonischer Eleganz. Je trauriger und langweilender der Eindruck auf den Vorübergehenden, desto lieber scheint’s dem Besitzer; er will allein bleiben in seiner Ruhe und seinem Genuß. Selten sieht man mehr als ein Stockwerk auf den Wohngebäuden; am häufigsten sind sie nur Erdgeschosse, so daß manche Straßen nichts als braune Ziegeldächer, hier und da ein stumpfes byzantiner Thürmchen ohne Glocken, überall aber hervorragende Baumwipfel, wiegende Cypressen und über das Gemäuer hinaus rankende Feigen, Reben und Epheu zeigen. Indeß lassen die Lage der Stadt, das Wechselvolle ihrer Steilabhänge, ihrer felsigen Vorsprünge, ihrer Thalrisse und terrassig ansteigenden Plateaus, ihre Schatten und die erquickenden vom Pontus heraufwehenden Lüfte den Gedanken an die melancholische Einförmigkeit der trapezuntischen Bauart nicht aufkommen.

Eine solche Lage ist nur anatolischen Städten eigenthümlich. Die ganze Halbinsel ist ein hohes, von wilden Gebirgsketten und traurigen, verbrannten, baumlosen Flächen durchstrichenes Tafelland, das südlich gegen das Mittelmeer abfällt, im Norden aber sich stufenweise in einem lang hingezogenen, vom Phasis bis [79] Bithynien herausreichenden, häufig von Querthälern und tief eingeschnittenen Wasserrinnen durchbrochenen Waldgürtel von wechselnder Breite und voll der seltsamsten Terrainbildungen und Verzackungen, die auf Bau und Anlage der Wohnplätze einen wesentlichen Einfluß üben, zum schwarzen Meere herabsenkt. An den Mündungen größerer Ströme, wie des Halys, des Iris, des Pyrites, gibt es zwar Niederungen und Flußdelta’s, die aber, gegen die Gewohnheit der übrigen Länder, unbebaut bleiben. Ueberall hat man zur Anlage von Ortschaften Berghalden, schroffe Vorsprünge, die Hüften in’s Meer hinauslaufender Erdzungen, oder jene eigenthümlichen Fels-Parallelogramme gewählt, die man nur auf der Pontusküste von Kleinasien findet.

Ohne eine klare Versinnlichung dieses tafelförmigen Fels-Trapezes kann man sich die romantische, zur byzantinischen Zeit fast unbezwingliche Lage von Trapezunt kaum vorstellen. Es ist dieses Plateau eine wunderbare Schöpfung, wie Alamut, die Felsenburg der Assassinen, oder das ehemalige Constantine der Berbern. Die Fläche des Citadellen-Parallelogrammes ist, gemäß der allgemeinen Neigung des Küstenterrains, gegen das Meer absteigend und in zwei Quartiere, ein höheres und ein tieferes, geschieden. Das höhere, unebenere, unmittelbar aus dem Bergrücken herauswachsende überragt die höchsten Gebäude der untern Citadelle. Die Spitze jenes höheren Plateaus aber wird wieder von dem alten Kaiserpalaste, der eigentlichen Akropolis, eingenommen, die über alle übrige Stadttheile weit hinaus in’s Meer blickt. Das ist die alte Doppelburg des Xenophon und Justinian. Der Isthmus, welcher sie mit dem Bergrücken verbindet und für feindliche Gewalt den einzigen Zugang bildet, ist kaum zwanzig Fuß breit, von der Stadtseite durch einen großen, freistehenden, grotesk über die Mauer hinaufragenden Thurm vertheidigt, zu beiden Seiten aber von tiefen Abgründen gesichert. Diese imposanten natürlichen Festungsgräben sind voll dunklen Grüns, voll Quellen, voll hochwüchsiger Bäume, über deren Wimpel in kühnem Bogen eine schmale Brücke überspringt. Besonders prachtvoll ist die Schlucht auf der Abendseite, unmittelbar unter dem rund aufgethürmten baum- und quellenreichen Thalschlusse und dem Fuße des buschbewachsenen Burgfelsens, von dessen oberster Spitze in 300 Fuß senkrechter Höhe über dem Schattendunkel des Abgrundes der Komnenenpalast und die großen leeren Bogenfenster des Kaisersaals niederschauen. Hier ist die Schloßmauer zugleich Festungsmauer, die in abenteuerlichen Zügen, altersgrau, verwittert und stellenweise ganz mit Reben überzogen, den Krümmungen, Senkungen, Hebungen und felsigen Aussprüngen des Tafellandes folgend, das alte Trapezunt umschließt. Welch seltsam schönen Anblick gewährt diese grün berankte, steil von der oberen Burg zur unteren herabsteigende Mauer mit ihren schwarzen Thürmen im Abendschein von der Brücke aus betrachtet, die von der Westseite der Festung über den Abgrund führt. Nur der Eingeborne, namentlich der Osmanli, geht theilnahmlos vorüber und begreift den Fremden nicht, der da in Schauen und Sinnen versunken stehen [80] kann. Ist denn nur der nordische civilisirte Mensch für Naturschönheit empfänglich, oder erzeugt Besitz und Gewohnheit überall Gleichgültigkeit, und ist’s eine Selbsttäuschung, daß wir immer Das am meisten bewundern, was uns ferne ist, oder uns gebricht?

Im Zickzack zwischen hochwipfeligen, durch Weinreben mit einander verschlungenen Bäumen führt ein Weg aus der Gartenvorstadt in die Schlucht hinab, wo der Bach, über granitne Stufen sprudelnd, unter der hochgesprengten Brücke in die romantisch gewundene Felsenvertiefung hinab rauscht; ihm verbinden sich die schäumenden Wasserfäden, die zahlreich von der Höhe aus dem Gestein, von den Thalwänden herab rieseln und durch die Schatten der Myrthen- und Lorbeergehege erfrischende Kühle ausgießen. Hoch vom grün berankten Felsen schaut die Kaiserburg herab.

Innerhalb der Mauern ist das Citadellen-Parallelogramm wegen des beschränkten Raumes zwar großentheils mit Bauwerken und Wohnungen bedeckt, doch wechseln dieselben mit grünen Oasen ab; auch hier sprudeln überall Quellen aus dem Boden, und plätschernde Brunnen und offene Kanäle laufen durch die gepflasterten Straßen und ein starker, silberheller Strom stürzt zum großen Thor nach der Meerseite hinaus.

Um die vom Kardinal Bessarion geschilderte Pracht der Akropolis zu zeigen, führt ein derber Türkenjunge von neuem Styl, das heißt in zerrissener Jacke und nach Wein und Trinkgeldern gierig, den Fremden durch eine Doppelpforte und einen gekrümmten Thorweg zu dem amphitheatralisch aufsteigenden Palastrevier. Vergeblich ist der Weg und die Begleitung für Den, den noch die Hoffnung eines historischen Fundes hinauf geführt. Statt der einstigen Kaiserpracht, ihrer Leibwächter und Archonten, haben sich gerade die Armseligsten unter den einsässigen Türkenkanonieren in der Akropolis niedergelassen und von Gestrüppe und Schlingpflanzen ruinenartig umflochtene Wohnungen aus den Trümmern alter Herrlichkeit errichtet. Wie wäre da noch an die breite Treppe, an den Freskensaal, an die alte gold- und edelsteingefüllte Schatzkammer, an das Bücherhaus, an den hohen viersäuligen kaiserlichen Audienzpavillon oder an das Brautgemach der einst mit ihrer Schönheit den Orient entzündenden Prinzessin Katharina zu denken? In Fetzen gehüllte Weiber osmanischer Kanoniere schauen hohläugig aus vergitterten Fensteröffnungen verfallener Baracken auf den Giaur herab; des Schloßzwingers hat sich die üppigste Vegetation bemächtigt; Feigen, Wein, Epheu, Granaten, Eschen, Ulmen mit Schlingpflanzen und lieblichem Kolchisgesträuch aller Art wuchern in der Oede ungestört, bewohnen das Gemäuer und schauen durch Bogen und Korridore in die verlassene Burg hinein. Herbstlich klagt der Wind um die Ruine und der Wipfel einer hellgrünen Esche neigt sich wiederholt und melancholisch in dieselbe Fensteröffnung, durch welche einst der Großkomnene stolz und sorgenvoll auf die Frühlingspracht seines Kaisersitzes niedersah. Unwillkürlich stellt das ängstliche Gemüth Vergleiche an: Theben mit [81] den hundert Thoren, Jerusalem, Balbeck, Karthago, der palatinische Hügel und das neue deutsche Athen mit seiner Säulenpracht, demselben Loos der Vergänglichkeit verfallen, wie die Kaiserburg in Trapezunt.

 
Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,
Priamos auch und das Volk des lanzenkundigen Königs.

Genau bekannt ist hier, wie im Orient überhaupt, nur die Zahl der Haushaltungen, nicht der Seelen, und folglich auch die der Häuser, da jede Familie unter eigenem Dache wohnt. Nach zuverlässigem Ueberschlag zählt Trapezunt 5800 Häuser, die ungefähr 33,000 Seelen beherbergen. Von diesen 5800 Familien zählen kaum 100 zu der armenisch-katholischen Kirche, 300 zu National-Armeniern, 400 zu byzantinischen Griechen, die übrigen alle zu den Türken. Großer Abneigung nicht nur von Seiten der Türken, sondern auch der christlichen Griechen und Armenier sind die Franken ausgesetzt, die seit Eröffnung der pontischen Dampfschifffahrt in direkte Beziehungen zu Trapezunt getreten sind. „Sie nehmen uns Alles vom Munde weg“, schrie Alles. Zeit und mehrjähriger Verkehr haben freilich die Gemüther einander näher gebracht, aber eine europäische Einsiedelung, wie sie in der gegenüber liegenden Krimm Statt findet, wäre in Kolchis nie durchzuführen. Obwohl die Wälder über alle Vorstellung prachtvoll, der Boden unerschöpflich fruchtbar, die Gebirge metallreich, die Bevölkerung überall spärlich ist, entzündet im unfreundlichen Kolchier der bloße Gedanke, die ungenügten Segnungen einer überschwenglichen Natur mit kunstreichen Fremdlingen zu theilen, bitteren Groll. In wenig Jahren, heißt es, würden diese Giaur mit Hülfe ihrer Arbeitsamkeit und überlegenen Einsicht die Eingebornen an Reichthum und folglich auch an Macht und Ansehen übertreffen. – Schon Prometheus warnt ja die aus Europa flüchtende Jo vor den metallschimmernden Kolchiern: „sie seien unholde, an Fremde sich nicht anschmiegende Menschen, vor denen man sich hüten müsse“. Jammerschade, daß diese herrlichen Küstenstriche des schwarzen Meeres noch in solchen erbärmlichen Händen sind.