Geschichte der Bundeswehr

Die Geschichte der Bundeswehr umfasst die historischen Prozesse von Aufstellung, Rekrutierung, Ausbildung, Bewaffnung und Einsatz der Bundeswehr, die seit November 1955 die militärischen Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland darstellt.

Nachdem die deutsche Wehrmacht des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 besiegt und im Jahr 1946 formell von den Alliierten aufgelöst worden war, verfügte die im Jahr 1949 gegründete Bundesrepublik zunächst über keine Streitkräfte. Vor dem Hintergrund negativer Erfahrungen mit dem Militarismus in Deutschland und aufgrund der Hoffnung auf eine schnelle Wiedervereinigung mit der ebenfalls 1949 gegründeten DDR auf der Basis einer unbewaffneten Blockfreiheit stellten sich weite Teile der deutschen Öffentlichkeit und des Bundestags zunächst gegen eine Wiederbewaffnung. Die ab dem Jahr 1950 besonders vor dem Hintergrund des Koreakrieges zunehmende Bedrohungsempfindung in Westdeutschland und in der westlichen Welt durch die Sowjetunion ließ jedoch die Zustimmung für eine Neuaufstellung deutscher Streitkräfte wachsen. Der im Jahr 1949 zum ersten Bundeskanzler gewählte CDU-Politiker Konrad Adenauer verfolgte eine Westintegration, als Teil derer die Bundesrepublik in das westliche Militärbündnis NATO eintreten und eigene Truppenkontingente entweder im nationalen oder zumindest im Allianzrahmen aufstellen sollte, um das eigene Territorium vor dem Zugriff der Sowjetunion zu schützen, die mit großen Truppenaufgeboten in der DDR präsent war und in Ostdeutschland ab 1952 die Kasernierte Volkspolizei aufstellte, aus der später die Nationale Volksarmee der DDR werden würde. Nachdem Versuche, die Wiederbewaffnung im Rahmen einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) zu organisieren, im Jahr 1954 im französischen Parlament scheiterten, schwang die Bundesregierung endgültig auf eine Politik nationaler Streitkräfte um. Die ersten Soldaten der Bundeswehr wurden am 10. November 1955 vereidigt, nachdem die Bundesrepublik im gleichen Jahr der NATO beigetreten war.

Auf Basis der Wehrverfassung (März 1956) und des Wehrpflichtgesetzes (Juli 1956) galt in der Bundesrepublik die Wehrpflicht, die zwischen 1957 und 2011 einen Großteil des Truppenbedarfs der Bundeswehr deckte. Innerhalb der Bundeswehr wurde die als Führungskultur die Innere Führung etabliert, die ein demokratisches Selbstbild der neuen Streitkräfte garantieren sollte, die sich das Leitbild „Staatsbürger in Uniform“ zu eigen machten. Obwohl ab den 1960ern auch der Anteil ehemaliger Offiziere der Wehrmacht und Waffen-SS in der Bundeswehr kontinuierlich rückläufig war, kam es in den späten 1960ern und frühen 1970ern noch einmal, angestoßen durch die Schnez-Studie von 1969, zu einer schweren Debatte zwischen eher wehrmachtsorientierten Traditionalisten und reformistischen Verteidigern des Konzepts der Inneren Führung.

In den 1950er- und 1960er-Jahren erlebte die Bundeswehr einen massiven Personalaufwuchs und führte neue Waffensysteme wie den skandalbehafteten Kampfjet Lockheed F-104 „Starfighter“ oder den Kampfpanzer Leopard 1 ein. Wo die Bundeswehr 1956 noch wenige Tausend Soldaten umfasst hatte, standen im Jahr 1970 zwölf Heeresdivisionen, über 1000 Flugzeuge und über 150 Kriegsschiffe zur Verfügung. Die 1960er-Jahre brachten mit der Sturmflut 1962 auch den ersten großen Inlandseinsatz der Bundeswehr mit sich, die im gleichen Jahr durch die Teilnahme am Manöver Fallex 62 auch den Weg zur Spiegel-Affäre ebnete, welche letztlich zum Rücktritt des langjährigen Verteidigungsministers Franz Josef Strauß führte.

Die 1970er-Jahre brachten in Form der Bundeswehrhochschulen und der verteidigungspolitischen Weißbücher weitere Neuerungen mit sich. Kontroversen gab es in diesem Jahrzehnt neben dem im Jahr 1978 vom Bundesverfassungsgericht gekippten Wehrpflichtänderungsgesetz von 1977 auch mit dem NATO-Doppelbeschluss vom Dezember 1979, der die Aufstellung einer neuen Generation US-amerikanischer nuklearer Mittelstreckenraketen in Westeuropa ankündigte und der trotz massiver Proteste in weiten Teilen der Bevölkerungen westeuropäischer Staaten ab 1983 umgesetzt wurde.

Der Mauerfall (1989) und die deutsche Wiedervereinigung (1990) bedeuteten für die Bundeswehr einerseits die Frage nach der Integration von Personal und Material der sich in Auflösung befindlichen NVA und andererseits die beginnenden Jahre der Friedensdividende, da die Bundesregierung den Wehretat und damit verbundene Ausgaben für verschiedene Beschaffungsprojekte zunehmend kürzte. Eine für die 1990er-Jahre vor dem Hintergrund schwächelnder Geburtenjahrgänge geplante Verlängerung der Wehrpflicht wurde nicht umgesetzt und der Wehrdienst im Jahr 2011 schließlich ausgesetzt. Gleichzeitig veränderte sich der Fokus der Bundeswehr von der aufs eigene Territorium fixierten Landes- und Bündnisverteidigung weg und hin zum Auftrag des Internationalen Krisenmanagement, was in den 1990er-Jahren mit der gesellschaftspolitischen Out-of-area-Debatte verbunden war.

Die im Rahmen der Wiedervereinigungsjahre aufgestellte und kurzlebige Kohl-Doktrin, die deutsche Truppenpräsenz auf dem Gebiet ehemaliger Kriegsgegner verhindern wollte, überlebte nicht einmal die ab 1991 in Südosteuropa herrschenden Jugoslawienkriege. Auch die oppositionellen Sozialdemokraten vollzogen 1992 die Petersberger Wende und erklärten sich prinzipiell bereit, Auslandseinsätze der Bundeswehr in Betracht zu ziehen. Der Bosnienkrieg (1992–1995) und der Kosovokrieg (1998–1999) brachten für die Bundeswehr die Beteiligung an den Bosnieneinsätzen IFOR (1995–1996), SFOR (1996–2004) und Operation Althea (seit 2004) sowie im Kosovo an der KFOR (seit 1999) und an den NATO-Luftschlägen der Operation Allied Force (1999) mit sich.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und dem von den Vereinigten Staaten proklamierten Krieg gegen den Terror beteiligte sich die Bundeswehr auch im Rahmen der ISAF am Krieg in Afghanistan (2001–2021), obgleich sich die Bundesregierung der Beteiligung am US-amerikanischen Irakkrieg 2003 verweigerte. Trotzdem beteiligte sich die Bundeswehr im Irak an der Ausbildung kurdischer Peschmerga (2015–2018) und im syrischen Luftraum im Rahmen der Operation Counter Daesh (2015–2022) am Kampf gegen die in den 2010er-Jahren als große Bedrohung empfundenen Terrormiliz Islamischer Staat. In Westafrika war die Bundeswehr in internationalen Operationen wie MINUSMA (2013–2023) aktiv.

Nachdem die deutsch-russischen Beziehungen in den 1990er- und 2000er-Jahren eine nur geringe Rolle für die Bundeswehr gespielt hatten, brachten die Annexion der Krim 2014, der Krieg im Donbass 2014–2022 (zunächst hauptsächlich 2014/2015, danach bis 2022 Konflikt niedriger Intensität) und schließlich der volle russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ab Februar 2022 die Russische Föderation wieder in die Rolle des potenziellen Hauptgegners der Bundeswehr. Im Rahmen einer in der Zeitenwende-Rede von Olaf Scholz angekündigten Modernisierung der Bundeswehr wurden ab 2022 die Verteidigungsausgaben erhöht, ein Ende der Wehrpflichtaussetzung vereinbart, die Wiederaufstellung zwischenzeitlich stillgelegter Teile der Bundeswehr wie die Heeresflugabwehrtruppe beschlossen und in Form der Panzerbrigade 45 in Litauen erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg ein deutscher Großverband außerhalb der deutschen Grenzen aufgestellt.