Wer ist Jude?
Die Frage Wer ist Jude? (hebräisch מִיהוּ יְהוּדֵי mīhū jəhūdī) wird im Judentum seit seinen Anfängen immer wieder diskutiert und verschieden beantwortet. Nach der etwa seit dem Jahr 200 gültigen Halacha, dem jüdischen Recht, ist Jude oder Jüdin,
- wer von einer Jüdin geboren wurde (Matrilinearität), unabhängig davon, ob der Vater ebenfalls Jude war oder ist;
- wer als gebürtiger Nichtjude zum Judentum übergetreten ist (Konversion, hebr. Gijjur).
Die beiden Kriterien entsprechen dem Doppelcharakter des Judentums als Volk, in das man geboren wird, und als Glaubensgemeinschaft, der man beitreten kann. Alle geborenen oder übergetretenen Juden gehören nach der Halacha ganz zu diesem Volk.
Alle jüdischen Richtungen erkennen die halachische Definition im Grundsatz an. Weil das Judentum kein zentrales Lehramt kennt, vollziehen sie Übertritte zum Judentum nach verschiedenen Regeln. Im orthodoxen und konservativen Judentum müssen Proselyten, die keine jüdische Mutter haben, nach der Halacha übertreten, und ein Rabbinatsgericht (Beth Din) muss den Übertritt anerkennen. Dann sind sie vollgültige Juden, unabhängig von sonstigen Unterschieden, ihrem Glauben an jüdische Prinzipien und ihrer Erfüllung von Torageboten.
Das Liberale und progressive Judentum sowie der Rekonstruktionismus nehmen alle Personen auf, die mindestens einen jüdischen Elternteil (Vater und/oder Mutter) haben und nach den eigenen Regeln jüdisch erzogen werden.
In der Neuzeit verstanden Teile der Jüdischen Diaspora sich nur noch als religiöse Konfession. Im Zionismus dagegen galten auch nichtreligiöse Juden als Angehörige der ethnisch-national verstandenen jüdischen Gemeinschaft. Manche Menschen verstehen sich auch ohne Abstammungsnachweis oder geregelten Übertritt als Juden, etwa, weil sie oder Angehörige Judenverfolgung erlitten haben.
Seit Gründung des Staates Israel 1948 verstehen sich die meisten Diasporajuden aller Richtungen wieder als Angehörige des jüdischen Volkes und betonen ihre Verbundenheit mit diesem Staat. In Israel wird die Frage seit 1950 im Zusammenhang mit dem Rückkehrgesetz sowie den Gesetzen zur Staatsangehörigkeit, zu Personenstand, Ehe und Scheidung oft diskutiert und rechtlich uneinheitlich beantwortet.
Angesichts der Vielfalt möglicher individueller Antworten formulierten Amos Oz und Fania Oz-Salzberger:
„Wer ist ein Jude? Wer immer sich mit der Frage abquält, wer denn ein Jude sei. Für uns wie für jeden anderen gibt es eine persönliche Definition: Jedes menschliche Wesen, das so verrückt ist, sich als Jude zu bezeichnen, ist ein Jude. Ist er oder sie ein guter oder ein schlechter Jude? Das zu entscheiden ist Aufgabe des nächsten Juden.“
- Heinrich Olmer: „Wer ist Jude?“ Baden-Baden 2010
- ↑ S. 47, 51 und 135
- Martin Steiner: Zwischen Kirche und Synagoge: Messianische Juden in Jerusalem. LIT Verlag, Münster 2019, ISBN 978-3-643-50909-3
- ↑ Rolf Vogel (Hrsg.): Der Deutsch-Israelische Dialog Band 7, Teil III: Kultur. De Gruyter, Berlin 2021, ISBN 978-3-11-073417-1, S. 71f.
- ↑ Amos Oz, Fania Oz-Salzberger: Juden und Worte. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-633-73417-7, S. 184