Alnwick-Castle in Northumberland in England

DXCVI. Karlsbad in – – Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DXCVII. Alnwick-Castle in Northumberland in England
DXCVIII. Schloss St. Germain bei Paris
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ALNWICK-CASTLE

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DXCVII. Alnwick-Castle in Northumberland in England.




Restauration! Restauration allenthalben! Restauration im Hause und im Staate, in der Kirche wie in der Schule, in der Kunst wie im Leben. Restauration, Wiederherstellung des Alten, Rückkehr zum Verlebten, Abgestorbenen, Auferweckung des Todten: das ist der Noth- und Hülferuf Derjenigen in Europa, welche mit dem Weisen der Bibel sagen: „Das Säen und Aerndten ist euer; denn es ist Arbeit; aber das Genießen ist mein; denn es ist Lust.“

Restauration! Ja, wenn’s mit den Formen allein gethan wäre, dann hättet ihr vielleicht doch eine Chance für’s Gelingen und es wäre möglich, eure Rechnung träfe zu. Aber schon bei den Versuchen, die alten Lebensformen herzustellen, seyd ihr bankrott geworden. Ihr habt durch sie den Geist zum Rebellen gemacht, ihr stacheltet ihn auf zum Mündigkeitsgefühl, ihr rieft die Erklärung hervor, daß er nicht mehr seyn will ein Knecht der wandelbaren Hülle, sondern ihr Gebieter. Was hat’s euch geholfen, daß ihr den Geschmack zu den verderbten Formen der Zopfzeit und des Rokoko zurückzwängtet, daß ihr es durchgesetzt, daß euere Geheime-, Staats-, Hof-, Kriegs-, Regierungs- und Konferenzräthe, euere Domänenverwalter und Gardeoffiziere, eure Hof-, Stall- und Jagdjunker; euere Minister und Hofdamen, Hofjuden und Stallmeister, Hofmarschälle und Theaterintendanten, und die hundert und aber hundert Inhaber unfaßlicher Titel und schwerer Besoldungen, welche den Pfauenschwanz eueres Hofs und Staats ausmachen, auf Lotterbetten mit krummen, statt mit geraden Füßen ausruhen, und daß Standesherren und Ritter die verfallenen Burgen ihrer Ahnen mit neuen Ziegeln deckten? Was half es den deutschen Fürsten, daß sie drei und dreißig Jahre lang der Welt vorgesagt haben: Deutschland ist nur ein geographischer Begriff, und von den 40 Millionen Deutschen zählen und gelten nur - wir vier und dreißig! Was hat es ihnen geholfen, daß sie in ihrem Restaurations- und Reaktionseifer die verheißene Preßfreiheit in Censur mit Kaution; das versprochene Schwurgericht in ein heimliches; die Abschaffung von Frohnden, der Wein-, Frucht-, Blut- und andern Teufelszehnten in theuere Ablösung; die Lehrfreiheit in Lernzwang; die persönliche Freiheit in polizeiliche Knechtung; den zollgesetzlichen Schutz der deutschen Arbeit in einen Aussaugungstarif von Finanzzöllen; die freie Volksvertretung zu einem Macchiavellistischen Werkzeug und Schild der Despotie; die Volkswehr zum Dienst der Volksunterdrückung [115] fälschten? Was hat es ihnen geholfen, daß sie wie spanische Inquisitoren die Meinungsfreiheit verfolgten, daß sie die unerschrockenen Gegner fürstlichen Unrechts zu Tausenden in die Kerker warfen, oder sie verstummen machten mit dem Schwerte ber Gewalt? Was hat es Denen gefruchtet, die ihre Schlachtopfer, wenn sie jahrelange Untersuchungshaft in modernder, vergiftender Kerkerluft überstanden, schwören ließen, die Geheimnisse der Despotie nicht zu verrathen? Monarchen, die sich selbst nie scheuten, die heiligsten Schwüre zu brechen mit lachendem Munde, sie wollten Eide gehalten wissen, welche sie durch ihre Schergen den Kämpfern für Freiheit und Recht abzwangen mit dem Dolch auf der Brust! Als wenn man nicht wüßte, daß Der Gott lästert, welcher, lebendig aus der Löwenhöhle der Tyrannen zurückkehrend, keinen Warnungspfahl aufstellt seinen Brüdern und nicht wiedererzählt, was teuflische Bosheit im Dunkel der Gefängnisse und der Gerichtsstuben brütet und wie sie die Unschuld martert! – So lange die Kette hält, kann solcher Zwang dauern; nicht länger. Jetzt kennt das deutsche Volk seine rechtliche Stellung. Es weiß, daß es nicht mehr vor seinen Regierungen gebeugten Hauptes und gebogenen Kniees zu stehen braucht; es hat nicht mehr unterthänigst zu bitten: es kann fordern, was ihm gebührt, es kann beantragen, wie ihm dient, es kann verlangen, was ihm gut ist: denn es weiß, daß bei ihm alle Macht, in ihm alle Herrschaft ist, auf ihm sich gründet alle Herrlichkeit; – es weiß, die Regierung ist des Volkes Unterthan.

Der Geist der Erkenntniß und der Wahrheit ist in’s Volk gedrungen, und alle Lügenmächte der Welt treiben ihn nicht wieder aus. Mögen die Verschwörer auf den Thronen Bündniß schließen zur Knechtung der Völker mit dem Großdespoten des Czarenreichs; mögen sie üben lassen in ihren Hauptstädten das Standrecht von Kirgisen und Kalmücken; mögen sie schlachten lassen ihre Bürger von fremden Mörderbanden; mögen sie die Kasematten den Wortführern des Rechts und der Freiheit zur Wohnung anweisen, und die Männer des Volks nach Sibirien schicken, Zobel zu fangen zur russischen Verbrämung ihrer Königsmäntel: je toller sie der despotische Wahnsinn macht, um so schneller und sicherer werden sie verderben. Nein! nein! das Rad der deutschen Geschicke wird von ihnen nicht aufgehalten und würfen sie alle ihre Throne und Kronen mit sammt ihrer unermeßlichen Blutschuld zwischen die Speichen. Deutschland wird der Wall seyn, der die Freiheit und die Gesittung des westlichen Europa’s gegen die Angriffe der Kosakenherrschaft und die Barbarei des Ostens schützt, und hat einmal der Krieg begonnen, dann wird jeder Tag ein Schlachttag seyn und jeder Schlachttag ein Tag des Siegs.


[116] Alnwick Castle, der Percy’s stolze Burg, deren Schicksale im Mittelalter viele Seiten der englischen Geschichte füllen, verfiel im 17. Jahrhundert und schmückte lange als Ruine Northumberlands schönste Landschaft. Als das Losungswort „Restauration!“ auch in England den alten Adel zum Wetteifer in Herstellung seiner Stammburgen spornte, erhob sich auf Befehl des steinreichen Herzogs von Northumberland auch Alnwick-Castle aus dem Schutt in fabelhafter Pracht, und mit dem Aufwande von 120,000 Pfund Sterl., welchen die innere Ausschmückung allein kostete, schuf er einen der größten und herrlichsten Rittersitze des Reichs. Das Schloß liegt in einem vom Flüßchen Aln durchrauschten weiten, mit 4 bis 5000 Stück Edelwild besetzten Park. Festons von Epheu und wildem Wein umhängen die Thürme und Mauern, in welchen das Neue mit dem Alten so täuschend verbunden ist, daß man nicht anders glaubt, als der ganze Bau sey vom Regen und Sturm seit Jahrtausenden zernagt und Wilhelm der Eroberer schon sey durch die Pforten geritten, welche das Menschenwerk von gestern sind.

Das ganze Meublement des Schlosses ist auf das Prachtvollste im Geschmack des Mittelalters. Schon die große Eintrittshalle fesselt den Beschauer durch die kostbaren alten Glasgemälde und die Rittergestalten in voller Rüstung an den Wänden. Auf den Treppen und in den Korridors stehen die Bildsäulen der Percy zwischen Trophäen der Jagd und der Fehde. Im Bibliotheksaal sind in eichenen, geschnitzten Schränken die seltenen Manuskripte und Inkunabeldrucke aufgespeichert, und in den zahllosen Zimmern, Kabinetten, Erkern und Sälen glänzen Mauern, Decken und Thürgewände von eichener Boiserie der kunstvollsten Arbeit. Alle Meubeln sind von Rosenholz oder von künstlich gefügten Hirschgeweihen, mit Sammet und Seidenstickerei. Schnitzwerk ziert die Simse und Vorsprünge, und die köstlichsten Gemälde alter Meister schmücken in antiken Rahmen die Wände. – Bloß die Unterhaltung dieses Hauses mit dem meilengroßen Park kostet jährlich über 60,000 Gulden; eine große Summe, doch eine Kleinigkeit für den Herzog, dessen Einkünfte größer sind, als die manches deutschen Königs.