Karlsbad in – –

DXCV. Pembroke-Castle in Wales Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DXCVI. Karlsbad in – –
DXCVII. Alnwick-Castle in Northumberland in England
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CARLSBAD

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DXCVI. Karlsbad in – –




– – in Deutschland, wollte ich schreiben, aber die Feder verweigerte den Zug. Warum denn? Haben plutonische Kräfte die Erdrinde gespalten, die deutschen Länder in Stücke zerrissen und die Volksfetzen aus einander geschleudert? Ist Deutschland in Trümmer gegangen? Ist die Gesellschaft in’s Chaos zurückgeworfen? War es eine Fiktion, daß eine deutsche Nation bestanden? Sind wir hinabgesunken in den Naturzustand, welcher das Dagewesene verleugnet und keine frühere Uebereinkunft mehr anerkennt? Ist das große Volk der Germanen, welches als Träger der neuern Kultur auf dem Kothurn durch das Jahrtausend schreitet, in fauler Zersetzung begriffen? Zwingt die Auflösung die Atome zur Trennung und zum Eingehen in neue Krystallisationen? Oder hat der zürnende Jehova seine Blitze auf die deutsche Eiche geschleudert und die Aeste von dem Stamme geschlagen? Nichts von alle Dem! Nicht titanische Gewalten haben die deutsche Erde zerrissen; nicht das Feuer des Himmels hat den deutschen Völkerstamm zerbrochen: – nein, Männer, sonst hochgehalten, sind auf das Katheder der Paulskirche gestiegen und verkündigen:

„Der Bürgerhut taugt nicht für’s deutsche Volk,
Die schwere Kaiserkrone muß es tragen!“

Und auf die Gefahr hin, daß Das, was Eins war und zusammengewachsen seit zwei Jahrtausenden, fortan gespalten sey, und du, großes, deutsches Volk von 45 Millionen, verblutest unter dem Kaiserschnitt, wird der Erbkaiser der Deutschen zur Welt gebracht.

Tiefe Ironie des Schicksals! Die Glocken, mit welchen man am 28. März vom Thurme des alten Kaiserdoms die Frankfurter Todtgeburt als eine lebende dem Volke verkündete, haben den zweiten Akt der deutschen Revolution eingeläutet. Daran hat keiner gedacht von Denen, welche die Läuter bestellt haben!

O ihr Verblendeten! Zu glauben, Friedrich Wilhelm IV., der Mann, an dem die ewige Gerechtigkeit schon einmal ihr Gericht geübt hat, der Mann, der am 19. März vor einem Jahre öffentlich Buße that vor dem Volke, wie Kaiser Heinrich IV. vor Gregor VII., der Mann, welcher, auf dem Balkon seines Schlosses stehend, [108] den Hut ziehen mußte vor den ihm zur Schau gelegten Leichen seiner Bürger und Vivat rief den befreiten Polen, die gegen seine Garden gekämpft hatten, – dieser Fürst, den die deutsche Revolution vor der Welt demüthigte, wie keinen der Monarchen, und der die ganze Wucht der Volksallmacht und den blitzschnellen Wechsel von Königsgewalt und Königsohnmacht ertragen hat: dieses „gebrannte Kind dieser Zeit“ werde der Revolution die Hand zum ehrlichen Bunde reichen!

Nein! Der Hohenzollern, welcher erst noch vor wenigen Monden sein keckes Va-Banque-Spiel gewonnen hat, durch das sich der Erniedrigte auf den Standpunkt wieder erhob, von dem er als Herrscher das stolze Wort jetzt redet:

So viel gab ich dem Volke Gewalt, als mir eben genug dünkt,
     Mir nichts nehmend, ihm nichts gebend an Macht.
Gnade ist Alles, was ich verleihe, und Gnade ist’s,
     Wenn das Verliehene meinem Volke verbleibt.
Also steh’ ich, von Gottes Gnaden ein König, mit kräftigem Schilde
     schirmend und schützend den Thron, wahrend mein göttliches Recht. –

kann nie den Gedanken hegen, der Schildträger der Volksherrlichkeit zu werden.

(Einige Tage später geschrieben.) Was Vermuthung war, ist That geworden. Der Hohenzollern hat die dargebotene deutsche Kaiserkrone ausgeschlagen und die Volks-Boten mit Fußtritten zurückgeschickt. Die Kränkung war groß für die Männer, viel größer für die Nation. Die Lektion war gallenbitter, aber sie war nöthig, und die mitgebrachte Lehre:

Was aus der Empörung entsprungen, such nie der Fürsten Gesellschaft;
Immer dem Volke allein schließ’ es mit Treue sich an;“ –

wird fortan beherzigt werden.

Nun aber? – Komm, heiliger Geist, weit geöffnet stehen die Pforten des Tempels, ziehe ein und richte die gedrückten Seelen, wie einst die der Jünger des geschiedenen Meisters, auf! Noch ist alles zu retten, und zu retten durch dieselben Männer, durch deren Schuld wir alles zu verlieren in höchster Gefahr sind. Wir stehen am Abgrund. Ein Schritt noch auf dem bisherigen Wege des Verderbens und – das Verderben ist vollendet.

Umkehr! heißt der Rettungsruf. Wird aber die Nationalversammlung den sittlichen Muth haben, ihm zu folgen? Wird die verirrte Tochter der Mutter reuig in die Arme eilen, wie „der verlorne Sohn“ in der Bibel? [109] Wird sie, die von ihren mächtigsten Fürsten mit Füßen getretene, zurückkehren zu ihrem Ursprung und da Hülfe suchen, wo sie ihr niemals verweigert worden wäre? Wird sie, endlich sehend geworden nach so langer Verblendung, die Größe jetzigen Moments erkennen und einsehen, daß er gewaltige Entschlüsse und Thaten und ein sofortiges machtvolles Eingreifen in das Triebwerk der Arglist, ein rasches Zerreißen der Netze des Verraths gebieterisch fordert? Wird sie, ihres Irrthums klar, der Nation sich in die Arme werfen, und unauflöslich mit ihr vereint jetzt, in letzter Stunde, dem geschlossenen Phalanx der Könige gegenüber aussprechen das entscheidende Wort: Feststehend auf dem Rechtsboden der Revolution, durch welche die deutsche Nation die Selbstherrlichkeit sich errungen, und kraft der von ihr uns übertragenen Machtvollkommenheit brandmarken wir als Rebellion und Hochverrath jede Auflehnung gegen unsere gesetzlichen Beschlüsse, und erklären entthront und geächtet jeden deutschen Fürsten, der die von uns endgültig verkündigte Reichsverfassung nicht anerkennt, oder ihren Vollzug verweigert, und entlassen das Volk, das Heer und die Beamten solchen Hochverräthers aller geleisteten Eide der Treue und des Gehorsams.

Wenn der Rath der deutschen Nation in Frankfurt in dieser schweren Stunde[1] sich ermannen wird zu solcher Sprache, wenn den Männern der Paulskirche der Muth dazu heute in die Seele fährt, dann singe ihm Psalmen, mein Volk! denn dann ist deine Ehre, deine Freiheit, deine Größe, deine Herrlichkeit gewißlich gerettet! Dann – ja dann wollen auch wir, wir Millionen deutscher Männer, die wir den Gaukeleien, welche in Frankfurt getrieben wurden, mit Gram und Verachtung zugeschaut haben, Alles, was geschehen ist und alles Ueble, was man gethan hat in der unseligen Verblendung, zu vergessen trachten; dann stehen wir mit der Nationalversammlung wie Ein Wann, setzen Gut und Blut freudig für sie ein, mit ihr siegen wir, mit ihr fallen wir.

Und der Sieg – er würde uns dann gewiß nicht fehlen. Eine solche vereinte Masse von Muth, Licht, Recht, Kraft und Festigkeit könnte vom Standpunkt einer in ihren Grundfesten morschen und verrotteten Fürstengewalt, deren Arm die Faust der Nationalvertretung des Reichs bereits gelähmt hat, nimmer bezwungen werden. Ja, schon das entschlossene Aufheben dieser Faust wurde die Renitenten zum Gefühl ihrer Ohnmacht bringen und sie zur unbedingten Anerkennung und Durchführung unseres Verfassungswerks nöthigen. Stark sind die Fürsten nur dann, wenn die Paulskirche schwach und feig ist, und ein 18. Brümaire ist nur dann in Frankfurt möglich, wenn sich die Nationalversammlung selbst aufgibt in der entscheidenden Stunde.

In solchem Falle ist aber auch nichts an ihr verloren, dann mag sie mit Kolbenstößen und Fußtritten heimgeschickt werden, bedeckt mit Schimpf und Schmach, beladen mit dem Fluche der verrathenen Nation, begleitet vom Hohngelächter der Welt füllend in der deutschen Geschichte das schlechteste Blatt: – ein Blatt ihrer ewigen Schande.


[110] Vom östlichen Gehänge des Böhmerwalds windet sich der Teplbach durch eine tiefe Furche des Granitgebirgs zum Thal der Eger. Im Sommer wasserarm, wie alle Gebirgsbäche, schwillt er im Frühjahr, wenn die geschmolzenen Schneemassen in tausend Rinnsalen sein Bett suchen, oder die Gewitter ihre Fluthen von dem Gebirge wälzen, zu einem reißenden Strome an, der nicht selten Verheerungen anrichtet und das ganze Egerthal unter Wasser setzt. Nahe bei seiner Einmündung in die Eger, wo das Flüßchen zwischen hohen Ufern und steilen Felswänden in einem weiten Bogen um ein Vorgebirge rauscht, liegt der berühmteste der deutschen Kurorte, – Karlsbad, die Sehnsucht und das Ziel der Leidenden, der Ort, wo jährlich Tausende Genesung sich holen, oder Linderung ihres Wehes, oder ein legtes, stilles Ruheplätzchen der Erlösung finden. Auch mir ging an deinen Quellen die welke Blume der Hoffnung von Neuem auf – und in der Genesung eines edeln Weibes lehrtest du mich die Fülle des Erbarmens kennen, die für den Bedrängten in tiefer Lebensnoth bei der Allmacht wohnt. Darum sey mir dein Name, Karlsbad, für immerdar gepriesen! –

Karlsbad ist halb ländlichen, halb städtischen Ansehens. Dies geht aus seiner eigenthümlichen Lage hervor. An vielen Stellen ist die Thalwand, an welche sich die Häuser der Hauptstraße lehnen, so steil, daß die Giebel die Felsen berühren, und die Breite des Thalbodens verschmälert sich an manchen Stellen bis zu 130 Fuß. Am engsten ist der Grund bei der „obern Wiese“, wo das Flüßchen sich zwischen thurmhohen Felsen und den Steinwänden der „neuen Wiese“ durchdrängt. Außerhalb der Hauptstraße sind die Wohnungen einzeln, oder in Gruppen auf den Absätzen und Terrassen der beiden Thalwände hingestreut und mit freundlichen Gärten und Anlagen umgeben. Das Ensemble gewährt mit seinen waldbekränzten Höhen immer einen wohlthuenden Anblick, von welcher Seite man es auch betrachten mag.

Nicht weniger als siebenzehn vom vulkanischen Feuer erwärmte Heilquellen entspringen auf dem kleinen, von der Stadt bedeckten Raum. Sie treten aus Granitspalten hervor, deren Wände Kalksinter bekleiden. Dieser Sinter, marmorartig und buntfarbig, ist ein Erzeugniß der Quellen selber und wird von den industriösen Karlsbadern zu allerhand hübschen Sachen verarbeitet, da er sich leicht schleifen und poliren läßt. Er bricht massenhaft beim „Sprudel“. Daher der Name „Sprudelstein“.

Der Sprudel ist von allen Quellen die berühmteste, wirksamste und ergiebigste. Ihre Temperatur ist auch die höchste: 60 Grad R. Das Wasser tritt dampfend, mit großem Geräusch, stoßweise und sprudelnd zu Tage und entleert sich unter einer zum Abziehen der Dämpfe in der Mitte offnen, von Säulen getragenen Kuppel in ein rundes Becken, aus dem den Gästen die Becher gefüllt werden. 200 Schritte vom Sprudel entfernt ist der Schloßbrunnen. Die Temperatur desselben ist 40 Grad R. Er wird erst seit einem halben Jahrhundert zur Kur benutzt. Etwas wärmer sind der Mühl, der Neu- und der Theresienbrunnen (45 bis 50 Gr. R.). Sie sind seit [111] etwa hundert Jahren in Gebrauch. Dem Sprudel an Temperatur sehr nahe steht der Bernhardsbrunnen; doch wird er, so wie der Spitalbrunnen und die Hygieiaquelle, weit weniger benutzt. Andere Quellen sind noch gar nicht gefaßt, und da sie in dem Teplbett selbst entspringen, so werden sie nur durch die Dampfwolken kenntlich, welche von ihnen aufsteigen. An jeder der gefaßten und zur Kur benutzten Quellen sind für die Gäste bequeme Einrichtungen angebracht: – bedeckte Säulenhallen für Spaziergänger an Regentagen und gebahnte Wege in’s Freie, die sich durch tiefe, schattige Waldgründe und an den Thalwänden mit ihren romantischen Felspartien hinziehen und sich stundenweit fortsetzen.

Alle Thermen Karlsbads sind – dies ist durch die neuesten Untersuchungen erwiesen – die verschiedenen Mündungen eines heißen Wasserstroms, dessen Kessel in jenen tiefen Räumen liegt, wo die Erdrinde sich noch im glühenden Zustande befindet. Je höher die Quellen zu Tage ausgehen, desto geringer ist ihre Temperatur. Die heißeste – der Sprudel – ist unter dem Teplbette gefaßt. Die Bestandtheile[2] aller Quellen sind gleich und auch fast in gleicher Menge enthalten; nur die höhere Temperatur kräftigt die Wirksamkeit der heißesten. Ungeheuer groß ist das Volumen des heißen Wassers, das allen Quellen entfließt; man schätzt es jährlich auf 600 Millionen Kubikfuß, ein Quantum, das einen fünf Fuß tiefen See von 1½ Stunde Umfang füllen würde. Die Sprudelquellen allein stoßen in 24 Stunden 112,000 Eimer aus. Natur! wie verschwenderisch und überschwenglich bist du selbst in deinen kostbarsten Gaben!

Die Eigenschaft der heißeren der Karlsbader Thermen, alle ihnen ausgesetzten Gegenstände in sehr kurzer Zeit mit einem harten Sinter zu inkrustiren, benutzen die Matronen, welche den Kurgästen die Becher füllen, um Blumen, Früchte, Krebse, kleine Vögel, Blumentöpfe mit Pflanzen, Vogelnester etc. dem Spritzen des Sprudels auszusetzen, wodurch sie sich bald mit Sprudelstein überziehen und so die niedlichsten und wunderbarsten Versteinerungen bilden. Frische Pflanzen brauchen kaum 14 Tage zum Inkrustiren, viele andere Dinge noch kürzere Zeit. Die Fremden nehmen diese Sachen als Andenken mit, und den Erlös werfen die Frauen in eine gemeinschaftliche Kasse zur Unterstützung der Kranken und Schwachen ihrer Genossenschaft.

Die Heilkräfte der Karlsbader Wasser sind bekannt seit Jahrhunderten, ihr Ruf umkreist die ganze Erde und führt jedes Frühjahr die Leidenden aus allen Welttheilen und aus allen Zonen in großen Schaaren in das stille Thal. Und in der That sind ihre Wirkungen in vielen der hartnäckigsten chronischen Uebel wunderbar. In den meisten Unterleibskrankheiten, in denen der Leber und der Gekrösdrüsen und bei Hämorrhoidalstockungen, übertrifft [112] das Karlsbader Wasser an Heilkraft jedes andere Mittel. Nicht weniger wirksam zeigt es sich bei hartnäckigen Gichtleiden. Oft hebt es die ganze Krankheit; fast immer aber schafft es Linderung, schwächt des Uebels zerstörende Kräfte, oder bewirkt, daß die Zufälle Jahre lang schweigen. Merkwürdig ist auch die große Wirksamkeit der Quellen auf die tropischen Krankheiten. Jedes Jahr kommen Unglückliche aus Ost- und Westindien etc., die mit den fürchterlichsten Leber- und Milzkrankheiten behaftet sind, um hier das letzte Rettungsmittel zu versuchen, und viele kehren geheilt zurück.

Bei der Kur wird gewöhnlich mit den kühlern, gelinder wirkenden Quellen: – dem Mühl-, Schloß- oder Theresienbrunnen, begonnen. Das drastischer wirkende Sprudelwasser fordert Vorsicht und sollte nur auf den ausdrücklichen Rath des Arztes getrunken werden. Die gewöhnliche Dosis einer Morgenkur ist für Erwachsene 10–15 Becher. Bäder dienen zur Unterstützung. Die Kurdauer ist gemeinlich 5–6 Wochen (im Juni und Juli). Als Nachkur gebrauchen viele Kranke Teplitz, Franzensbad, seltener Marienbad, auf 14 Tage. –

Es ist ein ungezwungenes, großstädtisches Leben im Karlsbade, und die Schönheit und Mannichfaltigkeit der Gegend, die Gemüthlichkeit und theilnehmende Freundlichkeit der Bewohner, die in jedem Kurgaste einen Pflegebefohlenen erkennen, wirken beruhigend, aufheiternd und versöhnend auf die Leidenden und tragen dazu bei, die Kur zu befördern. Schon das schmetternde Willkommen der Trompeten, welches jeden Neuankommenden von dem Thurme empfängt (ein uralter Gebrauch), hat was Gastliches, Festliches und macht einen frohen Eindruck. Am nächsten Abend grüßt gemeinlich das städtische Musikkorps durch ein Ständchen unter seinen Fenstern, und von den Hausleuten auf das Zuvorkommendste und mit Herzlichkeit bedient, mischt sich der Badegast ungenirt und unbeachtet unter das bunte Gewühl am Brunnen, der eine Welt im Kleinen, alle Raçen, alle Sprachen, alle Sitten, Religionen und Trachten, alle Stände, alle Völker um sich versammelt. Leicht fühlt man sich hier wie zu Hause, obschon Keiner zu Hause ist, und das Bedürfniß der Geselligkeit läßt die interessantesten Bekanntschaften knüpfen und gibt dem Scherz und Frohsinn Flügel. In den Nachmittagsstunden spielen Musikbanden auf verschiedenen Punkten der Promenade; Konzerte, Theater, Bälle, Reunions füllen die Abende aus. Aber am anziehendsten ist die Natur in den herrlichen Spaziergängen, welche den Kurort stundenweit umgeben, und wenn das Wetter weitere Ausflüge nicht begünstigt, so bleiben doch der Posthof und das Dorf Hammer, Karlsbads Prater, immer zugänglich, auf dessen breiter Straße die eleganten Equipagen in langer Reihe hinrollen, während die Fußgänger auf schattigen Sandpfaden wandeln. In Hammer sammelt sich jeden Nachmittag eine zahlreiche Gesellschaft, die, unter dicht belaubten Bäumen, oder schützenden Zelten, ihren Kaffee, oder Forellen, Butterbrod und Flaschenbier verzehren. An heitern Abenden eilt Alles auf die Wiese, lauscht da der herrlichen Konzertmusik und sucht Bekannte auf.

[113] Obschon die Kurwelt immer die Haupteinnahmequelle für die Karlsbader bleibt (man schätzt die Summe, welche die fremden Gäste jährlich zurücklassen, weit über 1 Million Gulden), so sind sie doch auch recht gewerbfleißig und mehre Fabrikationszweige werden in seltener Vollendung hier betrieben. Die Karlsbader Stahlwaaren und Nähnadeln kennt alle Welt, die Erzeugnisse der Zinngießer, Glasschleifer, Ebenisten und Feintischler sind nicht minder schön und gut. Unthätigkeit gilt in Karlsbad für eine Schande und die Bettelei ist unbekannt. Treffliche Anstalten sorgen für die Arbeitsunfähigen und für die hülflosen Alten, und das Auge des Kurgasts verletzt nirgends der Anblick des Elends in Lumpen, das den Aufenthalt in so manchem anderen Kurort verleidet.

Ein Plätzchen besuchen wir noch, ehe wir Karlsbad verlassen – den Friedhof. Auch da ist eine Welt versammelt, die Pilgerschaaren der Erde von allen Völkern, allen Farben, allen Ständen. Hier legten sie ihren Wanderstab für immer nieder. Diese kleinen Hügel kalter Erde, mit grauen und bemoosten, mit blinkenden und glänzenden Grabsteinen und den Inschriften aller Zungen: welche reiche Lebensblüthen schließen sie ein, die hier, fern von der Heimath und von allen Lieben, am letzten Abend welkten. Wie viel Schmerzensquellen entsprangen von diesen Grabhügeln fließend in ferne Herzen; wie viel Sehnsucht steckte auf denselben ihr Ziel hin! Wie viele Geister rufen diese Namen in’s Gedächtniß, die ehrwürdig in den Zeiten stehen! Jeder deutsche Stamm findet da irgend einen bekannten deutschen Namen, den er liebt und ehrt und zu den besten rechnet – und jedes Volk findet hier den Aschenkrug eines edeln Landsmannes, der an den heilenden Quellen, statt der gesuchten Milderung seiner Qualen, ihr Ende fand im Schooße des ewigen Friedens. Um manchen Grabstein, der mit fremden, unverständlichen Schriftzügen den Betrachtenden anredet, siehst du Gruppen stehen; denn jeder herpilgernde Fremdling sucht die Gräber Derjenigen auf, die lieb sind seiner Seele, oder theuer seinem Herzen, und die Hand der Verehrung schmückt die Denkmäler jedes Jahr mit neuen Kränzen, oder pflanzt frische Blumen zu ihren Füßen.




  1. Geschrieben am 11. April.
  2. Schwefelsaures, salzsaures und kohlensaures Natron, kohlensaurer Kalk, etwas Kieselerde und Eisenoxyd.