Bahia-Honda auf Cuba

Der Dom von St. Gatien in Tours Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Bahia-Honda auf Cuba
Die Wall-Street in Newyork
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BAHIA-HONDA
(Cuba)

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Bahia-Honda auf Cuba.




Sehnsucht erweckt der Anblick dieses Bildchens, die Sehnsucht nach dem herrlichen, ewigen Meer! Da dehnt es sich aus in seiner Endlosigkeit, winkend mit jeder spielenden Welle am Ufer, mit jedem schwellenden Segel, das zu anderen Ländern zieht, mit den fernsten Wogen, die sich selig wiegen im unermeßlichen Bette, mit jeder Rauchsäule des Dampfers, die der Horizont verschlingt. Was ist jenseits der Linie, die dort des Aethers ruhiges Blau scheidet vom schimmernden Spiegel des Oceans? Welche Segensfülle hat drüben die Erde den Menschen hingelegt an weite lachende Gestade, heimlich verborgen in säuselnden Buchten und grünen rauschenden Thälern, reizend hingelehnt an ragende Höhen, oder versteckt in ihrem Schooße, wie eine liebende Mutter den Kindern die bunten Eier der Osterfreude? Denn eine liebende Mutter ist die Erde allen ihren Kindern, und wenn nur wenige auf ihr das Glück des Lebens finden, so ist’s deren eigene Schuld: wahrlich, sie machen’s darnach!

Es ist nicht jedem Menschen das Auge des Dichters gegeben, dessen Blick in das Herz der Natur dringt, dessen Geist Felsen belebt und der Eiche im Walde lauscht, und der es der Erde ansieht, welcherlei Segen sie spenden möchte und für welche ihrer Kinder. Für ihn gibt es kein unbeschriebenes Blatt in der ganzen Schöpfung, und er findet der Schätze des Heils und der Erhebung für Geist und Herz gar viele. Diese theilt er aus in der Sprache, die vom Anfang bis heute alle Völker am liebsten hörten vom Kinde bis zum Greis: im Sang und Klang streut er den Samen der Wahrheit und der Liebe aus, aus denen die Freiheit von selbst emporwuchert. Diese Trias belebt die Wüste, lockt Blumen aus dem Sand und gründet auf jeder Flur ein Paradies. Deshalb liebt jedes edle Volk seine Dichter und ehrt ihre Werke als Heiligthümer seines Geistes.

Es gibt aus dem grauen Alterthume zwei Sagen: Wenn Orpheus die Leier Apollo’s ergriff, erhob er die Herzen der Menschen und der Thiere, die Vögel kamen vom Himmel, die Fische aus der Fluth, und selbst Tiger und Schlange schmiegten sich zu seinen Füßen. Dann ist die Welt älter, aber nicht besser geworden. Denn als Arion kam, in dessen Hand die Cither lebte, erregte er in seiner höchsten Noth nur das Mitleid der Thiere, und Menschenherzen verschlossen sich ihm, weil sein ärgster Feind, der Mammon, sie beherrschte. Wo aber seine Herrschaft [16] beginnt, krönt er die rohe Gewalt. Arme Heiligthümer des Geistes! Welche Gewalt schrickt zurück vor der Unthat eurer Vernichtung, wenn es ihre eigene Erhaltung gilt!

Wenn Du, lieber Leser, aus der Bai von Honda, die mit ihrem Kranz von Hügelland und ihrem Städtchen vor Dir sich ausdehnt, der Nordküste von Cuba entlang nach Osten steuerst, so erblickst Du nach kurzer Fahrt Mauern und Thürme einer großen, festen Stadt, zu deren Seethoren das Leben des Handels aus- und einströmt unter Flaggen aller Nationen. Dort wohnt des Königs Landvogt in mächtigen Zwingburgen, der Herr der Gewalt und der Knecht des Mammon. Er ist unschuldig am Segen des Landes, und des Volkes Geist ist sein Feind.

Scheide von der prangenden Havanna und segle weiter ostwärts, bis Dir die Stadt Matanzas gegenüber liegt. Dort sichst Du, um wie viel älter die Welt seit Orpheus und Arion geworden ist. Der Liebling der ewig blühenden Insel, der Dichter, dessen Lieder sein Volk erhoben hatten in Lust und Leid, den Martinez de la Rosa, der stolze Spanier, das hoffnungsvollste Talent seiner Nation nannte, Placido, der Mulatte, hat der Freiheit ein Lied gesungen, und dafür muß er sterben. Vergeblich fleht das ganze Volk um seines Dichters Leben. Die Kette klirrt, der „Verbrecher“ naht, da steht der Mann, den Gott geweiht hat. Der Kommandoruf erschallt und vier Kugeln zerreißen des Sängers Glieder, ohne ihn zu tödten. Wie Andreas Hofer konnte er ausrufen: „Gott, wie schießt ihr schlecht!“ Da rafft er die letzte Kraft zusammen zu seinem letzten Wort: „Leb’ wohl, Welt, in der kein Mitleid ist! - Feuer!“