Die Wall-Street in Newyork
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WALL-STREET
(New York)
Betrachte diese Straße, lieber Leser! Sieht sie aus wie ein Krater, dessen Ausbruch weithin die Erde erschüttert hat? Ihr Bild zeigt dir nichts als das Wogen großstädtischen Verkehrs, friedliche Pracht des Reichthums und prangende Bauten der Frömmigkeit. Zwischen griechischen Säulen wandelt das Glück der Gegenwart, und der gothische Finger des hochragenden Heiligthums weist von der Stätte des irdischen die Bewohner dieser Straße jeden Augenblick nach der des ewigen Friedens hin. Der Reiz des Erdenglücks in aller Versöhnung mit dem Himmel scheint aus dem Bilde uns entgegen zu lachen.
So ist der Schein, in der Wahrheit ist es anders. Gerade das Erschütterndste in der amerikanischen und europäischen Gegenwart fesselt uns an das Bild dieser Straße.
Wenn der Blitz ein Haus entzündet und der Sturm die Flamme ergreift und mit ihr dahinrasend ganze Städte elend macht in wenigen Stunden, so ist’s ein Unglück, aber Niemand ist da, auf welchen die Unglücklichen die Last der Schuld werfen. Man begräbt die Todten, man baut neue Häuser und rafft sich empor, ohne Groll im Herzen. – Wenn aber das Verbrechen die Brandfackel in das Haus warf, da frißt der Schmerz des Verlustes tiefer, er ist oft durch großes Glück nicht ganz zu verwinden, der Fluch über die Unthat bohrt im besten Herzen fort.
Und ist es einerlei, ob ein Erdstoß die festesten Bauten einer Stadt in einen Schutthaufen verwandelt, oder ob ein von Verbrecherhand entzündeter Pulverthurm Straßen und Menschen zerschmettert und den Bettelstab in hundert Familien schleudert?
Ist es einerlei, ob ungezähmte oder unerreichbare Kräfte der Natur lebensfeindliche Seuchen über ganze Länder schicken, oder ob der Giftmischer und Verfälscher die Gesundheit von Tausenden untergräbt und dem Einzelnen die vernichtenden Tropfen in den Becher gießt?
Ist es einerlei, ob Wolkenbrüche und Sturmfluthen die Fluren verwüsten, oder ob die kalte Bosheit Dämme durchsticht und hohnlachend zuschaut, wie die Wogen sich über Hab und Gut weiter Länderstriche dahin wälzen?
[18] Ist es endlich einerlei, ob eine Erderschütterung ganze Welttheile auf die Kniee wirft, Städte verschlingend, Berge stürzend, Meere ergießend über blühende Gefilde, und im furchtbaren Kampfe von Gluth und Fluth Tausende von den Geschlechtern alles Lebenden vertilgend; – oder ob der Wille der Mächtigen auf den Thronen oder ob ein völkerleitendes Verhängniß den Krieg aufruft und das Herzblut der Feinde vereinigt in Einer Lache zwischen den Ruinen des Glücks ihrer Länder; – oder ob die rechnende Habgier neben dem mächtigen Geldkasten das Beben ganzer Bevölkerungen erregt, das Brechen des Vertrauens zwischen Millionen bewirkt, Machtgebäude des Kapitals zu Boden stürzt und zahllosen arbeitenden Familien vieler Länder den Bissen Brod aus der Hand reißt?
Das Letztere ist abermals geschehen und die Menschheit um ein repetirendes Weltübel, gegen das der Einzelne schutz- und machtlos dasteht, reicher geworden: zu Wassersnoth und Feuersbrunst, Krieg und Pest und Erdbeben kam – Bankschwindel und Spekulirwuth, das wüthende Roß und die vergiftete Lanze der Geldaristokratie in Amerika und Europa, dieser modernen Ritterschaft der Industrie, deren Turnierplatz überall die Börse ist.
Vor zwanzig Jahren lag Nordamerika in derselben „finanziellen Krisis“; die Krankheitsfolgen waren schon damals ansteckend für Europa gewesen. Der Kampf des tapferen Jackson gegen die sogenannte „Vereinigte Staaten-Bank“ hatte den Ausbruch der Krankheit veranlaßt und diese beseitigt. Die Geldaristokratie, welche bereits mit dem Gesetze spielen und der obersten Gewalt trotzen zu können glaubte, lag am Boden und Jacksons Fahnenspruch „Reinerhaltung des demokratischen Princips der Verfassung“ hatte gesiegt. – Die Papierschwindeleien Nordamerika’s beginnen mit dem Unabhängigkeitskriege. Damals schuf die Noth Papiergeld und der Schwindel vermehrte es so maßlos, daß man endlich 1 Dollar Silber = 500 Dollars Papier rechnete. Die Annahme eines allgemeinen Banksystems war zum gebietenden Bedürfniß geworden, das im Jahre 1791 eine „National- und Centralbank“ zu Philadelphia ins Leben rief. Sie hörte 1811 mit ihrem zwanzigjährigen Privilegium auf. Die Lokalbanken (damals 88) dauerten fort und vermehrten sich bis zum 1. Januar 1816 auf 246, deren Notenausgabe die Summe von 68 Millionen Dollars erreichte. Nächste und immer wiederkehrende Folge: Sinken des Papiergeldwerths, eben so unverhältnißmäßiges Steigen der Güter- und Waarenpreise und drohende allgemeine Geldverwirrung. – Abermaliges Rettungsmittel: Kreirung einer Centralbank, jener „Vereinigten Staaten-Bank“ (Bank of the United States); es bestieg demnach 1816 die Dollarherrschaft schon zum zweiten Male den Thron, wiederum auf 20 Jahre und mit sehr bedeutenden ausschließlichen Privilegien. Regent wurde Biddle, der Banken-Napoleon. Ueber welche Macht dieser Mann verfügte, wie er die Zügel seiner Herrschaft über Welttheile hinwarf und hinwerfen konnte, weil die von ihm regierte Bank außer ihrem Kapital von 35 Millionen auch [19] die Gelder des Staats zur Verfügung und deshalb für ihre Noten einen gesetzlichen Zwangskurs gewonnen hatte, wie Biddle in kurzer Zeit nicht nur den Wechselkurs zwischen den einzelnen Unionsstaaten, sondern den Geldumlauf zwischen Europa und Nordamerika nach seinen Plänen leitete, wie er einen großen Theil des ostindischen und chinesischen Handels dadurch in die Hände der Amerikaner brachte, daß er die Unternehmungen dahin mit den in der ganzen Welt als baares Geld cirkulirenden Kreditbriefen der Bank auf das Freigebigste unterstützte, dies Alles würde unsere höchste Bewunderung verdienen, wenn nicht auch bei dieser Bankverwaltung Untreue und Schwindel sich die Hand geboten und die Gewissenlosigkeit mit dem Vermögen des Volks gespielt hätte, bis ein Bankbruch viele Tausende zu Bettlern machte. Denn nachdem dieser Banken-Napoleon in Jackson seinen Blücher gefunden und die „Vereinigte Staaten-Bank“ am 31. März 1836 ein Ende hatte, erwirkte er sich gegen ungeheure Summen von dem Staate Pensylvanien den Freibrief zur Gründung einer neuen Bank unter dem alten Namen aus, die er am – 1. April eröffnete. Biddle wagte abermals Operationen von unglaublicher Kühnheit, nahm den Baumwollenhandel ganz in seine Hand, zog bedeutende Kapitalien Europa’s durch den Reiz hoher Zinsen nach Amerika, kontrahirte für einzelne Unionsstaaten Anleihen von nahe an 100 Millionen Dollars, mußte aber, trotz der unsäglichsten Anstrengungen, seiner Macht im Staate und im Kongreß festen Boden zu verschaffen, nach vierthalbjährigem Wirthschaften, im Oktober 1839, seine Zahlungen einstellen. Dasselbe wiederholte sich 1841 nach kaum begonnener Wiederaufnahme der Baarzahlung; damit war die Bank auch moralisch vernichtet.
Man darf nicht verkennen, daß Biddle’s Kampf ein großartiger war, wenn er seinen offenbaren Plan, das Uebergewicht im Geldwesen, welches England bisher besessen hatte, Amerika zuzuwenden, siegreich durchführen wollte. Er unterlag, und es ist nicht sein Verdienst, daß der Plan der englischen Bank, durch Beherrschung der Geldinteressen Amerika’s überwiegenden politischen Einfluß in der Union zu erlangen, so nahe am Ziele scheiterte. Nur die Wahl Tylers zum Präsidenten (1841) wendete diese Schmach von der Republik ab. Whigs und Bankpartei war damals gleichbedeutend: um diesen im Wahlkampf zum Siege zu verhelfen, hatten die Besitzer amerikanischer Papiere in England und auf dem Kontinent, sogar in Hamburg und Bremen, große Summen zu Wahlumtrieben in der Union aufgebracht und in Bewegung gesetzt. So weit war es mit Nordamerika durch solches Bankunwesen bereits gekommen!
In der Zeit von 1836 bis 1837 zählte man in Amerika über 800 Privatbanken mit einem nominellen Stammkapital von mehr als 400 Millionen Dollars, wovon freilich kaum der vierte Theil je vorhanden war. Bis 1843 war die Zahl der Banken auf etwa 520 zurückgegangen, deren umlaufende Noten ein Kapital von etwa 130 Mill. Dollars repräsentirten. Aus dem Centrum dieser Banken stieg das Unheil hervor, an welchem wir [20] in diesem Augenblick (December 1857) die industrielle und die Handelswelt in ihren mächtigsten Vertretern darnieder liegen sehen.
Dieses unhemmbare, Amerika durchtobende, nach Europa springende, an hundert Stellen zugleich zündende Lauffeuer von Bankerotten ist eine Erscheinung so unheimlich, so grauenhaft, wie der Todesgang der Cholera. Ueber Nacht, plötzlich, kommt das Unheil. Die untergehende Sonne schied von einem Hause des Lebens und die aufgehende scheint in ausgestorbene Räume. Ein Millionär legt sich nieder, und am Morgen weckt er die Seinen als Bettler. Wie die Cholera, so hat auch dieses Unheil den geflügeltsten Trabanten an – der Furcht. Sie rüttelt am festesten Bau, die Furcht ist am mächtigsten, wo es die Unterwühlung der eigenen Schutzmauern gilt; sie tödtet das Vertrauen und wirft sich der Verzweiflung in die Arme. Nur dadurch konnte es möglich werden, sogar das „Herz des Geldumlaufs auf der ganzen Erde“, die Bank von England, bis nahe an’s Brechen zu bringen. Bis hoch in den Norden, bis zum äußersten Süden gehen die Schläge dieses Schicksals, Tausende von Familien zittern brodlos dem Winter entgegen, und was die Geldgier in Wall-Street verbrochen, muß der arme Weber im Erzgebirge, der arme Schachtelmacher im Thüringerwalde mit büßen!
Ja, lieber Leser, in der schönen Straße, die unser Bild dir als so glücklich und fromm vorgemalt hat, ist der Krater dieses neuesten Verderbens zu suchen. Newyorker Berichte gestehen es, daß der böse Geist des Mißtrauens, vor welchem der Werth alles Eigenthums plötzlich so tief sank, von einigen Banken und Spekulanten in Wall-Street citirt worden und daß diesen vor dem furchtbaren Auftreten desselben das bannende Zauberwort entfallen sei. Daß er sie in den Abgrund mit hinabriß, den sie für Andere geöffnet, ist ein schlechter Trost für die vielen Untergegangenen. Das aber, was das ganze Ereigniß zu einem so unheimlichen macht, ist die nun offenbare Thatsache, daß es nicht durch ein plötzliches, unvorherzusehendes äußeres Unglück herbeigeführt, sondern daß es während mehr als zehn Jahren langsam vorbereitet wurde. Alle Vorbedingungen desselben lagen so scharf vorgezeichnet da, daß ein nordamerikanischer Staatsmann, der Bundessenator Seward, schon am 1. März 1855 in öffentlicher Rede den Ausbruch des ganzen finanziellen und commerciellen Erdbebens mit vollster Bestimmtheit auf das Spätjahr von 1857 ansetzen konnte! So lange schon sah man drüben die schwarzen Wolken und log der übrigen Welt Sonnenschein vor, bis gegen das hereinbrechende Verderben keine Rettung mehr möglich war. Es liegt nun am Tage, daß betrügerischer Mißbrauch des Kredits die Hauptschuld an einem allgemeinen Unglück trägt, das durch die herrschende Extravaganz amerikanischer Spekulationen immer von Zeit zu Zeit wieder herbeigeführt werden wird, wenn nicht das ganze Kreditsystem der Gegenwart eine Neugestaltung erfährt.
Es wäre nämlich mehr als naiv, dem augenblicklichen Baargeldmangel in Amerika gegenüber an ein Sinken des Nationalwohlstandes zu denken. Das Land ist unendlich reicher, als je, ja seine Hülfsquellen sind geradezu [21] unerschöpflich. Daß Amerika’s Kredit für den Augenblick in Europa ruinirt ist, wissen die Amerikaner sehr gut, aber das stört sie in der Feststellung ihrer nächsten Verkehrspläne mit Europa nicht im geringsten. Sie wissen ebenso genau, daß ihre Krisis schwinden muß, weil Europa ihre Baumwolle nicht entbehren kann und sie nicht anders, als gegen Gold und Silber erhält, weil ferner Kalifornien für sie arbeitet und es in ihrer Hand liegt, durch Zurückhalten europäischer Aufträge Millionen zu ersparen. Man berechnet mit großer Bestimmtheit, daß die genannten drei Quellen, Goldeinfuhr aus Europa, aus Kalifornien und die Ersparnisse an europäischen Manufakturwaaren schon im Laufe des nächsten Jahrs die Summe von 120 Millionen Dollars dem Lande zubringen. Mit dem Beginn der Goldeinfuhr steigen alle Werthe und wagt sich das Vertrauen wieder in die Oeffentlichkeit. Wir müssen, schreibt ein Amerikaner, erst den niedersten Punkt erreicht haben, von dem das Steigen anfängt, um unsere Geldmänner zu veranlassen, ihre Kapitalien auf liegende oder fahrende Güter zu verwenden. Ist aber einmal dieser niederste Punkt erreicht („have we touched bottom“), dann hilft auch die alte Lektion nicht mehr: die Spekulanten werden sich wie Heißhungerige wieder auf alle Chancen werfen, die sich ihnen darbieten. Das Sparen werden die Amerikaner noch in vielen Jahren nicht lernen, und nur der Kongreß oder die gesetzgebenden Versammlungen der einzelnen Staaten können dem Unfug der übergroßen Zettelausgaben und dem unseligen Kreditwesen unserer Banken ein Ende machen, so meint der Amerikaner.
In Europa mußte man zu der Ansicht kommen, daß diese einseitige Verwahrung vor der Gefahr nicht mehr genügen könne. Für die gegenwärtige Krisis treten zwei neue Thatsachen an das Licht, welche zugleich die Richtung angeben, in welcher die Mittel gegen das allgewaltige Ausgreifen des Uebels zu suchen sind. Die gegenwärtige Krisis ist eine Weltkrisis, sie hat die neue und die alte Welt erschüttert, soweit sich von europäischer Thätigkeit noch Spuren finden. Von jetzt wird jede Krisis entweder unbedeutend sein, nur lokaler Natur und augenblicklich zu beseitigen, oder ihre Wirkungen sind fühlbar auf der ganzen Erde. Aus der großen, aus dem lokalen Kreis weit hinausgestiegenen Produktion ging von selbst ein Wechselverkehr unter den einzelnen Ländern hervor, der die Gesammtheit aller Wechselhäuser unter einander von ihrer gegenseitigen Zahlungsfähigkeit abhängig gemacht hat; und dies führte zu der Nothwendigkeit der Verbindung, in welche die Banken allmählig mit einander getreten sind, namentlich in Beziehung auf die gegenseitige Pflicht, bei lokalem Andrang an die Baarfundation sich einander auszuhelfen, bis der Sturm vorüber war. So entstand das, was unser berühmter Nationalökonom L. Stein in Wien die Kreditsolidarität der Welt nennt, einSystem gegenseitiger Ansprüche und Leistungsfähigkeit, welches nicht mehr erlaube, daß ein Theil, ein Land, eine Bank für sich den Krankheitsprozeß eines „Run“ und sein Symptom, eine entsprechende Diskontoerhöhung, allein durchmache; jeder Zustand wird sofort ein allgemeiner. Dieser Thatsache steht eine zweite, nicht minder eigenthümliche gegenüber. [22] Während nämlich, sagt mein Freund Stein, die Entwickelung des Kreditwesens eine fast absolute Solidarität des Kredits der Welt erzeugt hat, sind die Mittel, welche gegen die Störung des Kreditlebens ergriffen werden, noch immer durchaus lokaler Natur – lokal im Verhältniß zu dem Umfang des Uebels, mit dem sie kämpfen: Amerika geht seinen Weg, England den seinigen, Frankreich den seinigen, Deutschland den seinigen. Die Folge ist, bei der Zusammenhangslosigkeit der Maßregeln gegenüber der Gleichartigkeit und dem Zusammenhang des Uebels, die Machtlosigkeit der ersteren und das Ueberhandnehmen des letzteren. Also, was gilt es heute? Der gleichartig allgemeinen Krankheit einen gleichartig allgemeinen Widerstand entgegen zu setzen, d. h.: die Vereinigung der großen europäischen Banken zu gemeinsamen Maßregeln! Wir sind in der Zeit, wo aus den Kriegsverträgen Friedensverträge werden; wir sehen Verträge über Alles entstehen, was die geistige und materielle Welt im Verkehr zwischen den Nationen bewegt: nur der Kredit hat sich bis heute dem Völkerverein entzogen! Er wird nicht auf die Dauer widerstehen können, und so dürfen wir der Hoffnung leben, daß auch hier ein Damm gebaut wird gegen das willkürliche Erzeugen namenlosen individuellen Elends dadurch, daß die Geldmächte dem Beispiele der Staaten folgen, in denen sie leben. –
Wie viel Jammer aber bis dahin aus dieser unlauteren Quelle noch über den civilisirtesten Theil der Menschheit kommt, das weiß Gott! Es müssen ja immer erst Millionen zu Grunde gehen, ehe der rettende Gedanke eines edlen Geistes gegen die Mächte der Selbstsucht den Sieg erringt!
Werfen wir nun einen Blick in die Straße, die dir, lieber Leser, nun nicht mehr so fromm und glücklich erscheinen wird. Sie kann nichts dafür, sie ist eben das Herz von Newyork und hat auch zwei Kammern: die eine ist das Zollhaus und die andere die Börse. Den malerischen Hauptschmuck unseres Stahlstichs bildet die Trinity-Church (Dreifaltigkeitskirche), Eigenthum der Sekte der Episkopalen, die schönste Kirche Newyorks, an der jedoch der Thurm von 260′ Höhe die Hauptsache ist; das ihm angehängte Gotteshaus faßt kaum 800 Menschen. Wir haben sie bereits auf dem Bilde des Broadway (Bd. XV, S. 211) gesehen, in welchen die Wall-Street mündet. Die Wall-Street nennt ein geistvoller Reisender den Schlüssel zur Kasse Uncle Sams, die Schnur, mit welcher Amerika seinen Beutel schließt und öffnet, den Thermometer des gesammten transatlantischen Verkehrs: wie das Geld die Welt regiert, so regiert die Wall-Street das Geld; aus ihren geheimnißvollen Schreibstuben gehen die Dekrete hervor, welche Ueberfluß und Mangel, Krieg und Frieden schaffen. In der Mitte einer Doppelreihe von Banken und Comptoirs, deren Eingänge wir mit Pfeilern von polirtem Gestein [23] und breiten Freitreppen geschmückt sehen, erhebt sich, geziert mit riesigen Granitsäulen und einer gewaltigen Kuppel, die Börse, gebaut 1836 bis 1840 auf die Stätte der alten, welche die große Feuersbrunst von 1835 mit verzehrt hatte. Von früh 10 Uhr bis Nachmittags 3 Uhr ist Wall-Street wohl die regste, durchrannteste Straße der Welt; da tobt in ihr die Hochfluth des Geschäftsgewühls. Schlag drei Uhr werden die Geschäfte geschlossen, und die Straße wimmelt dann wie ein Ameisenhaufen. Die entsetzlichsten Kontraste von Seelenzuständen stürmen dann an einander vorüber; vom Glück gehobene, vom Unglück zerschmetterte, von eiserner Gleichgültigkeit umgebene Gestalten, das sind die wechselnden Bilder vor deinen Augen. Die Spekulation hat hier keinen Turnirplatz, hier ist’s ein Schlachtfeld! „Nirgends“, sagt M. Busch, „wird Göttin Fortuna so hoch verehrt, nirgends gebardet sich ihr Bruder Mammon so molochsartig! Ueber dem Eingang der Straße sollte geschrieben stehen: Wagen gewinnt, Wagen verliert; über dem Ausgang: Wie gewonnen, so zerronnen; und die Fahne der Börse sollte die Inschrift tragen: „Nil admirari!“ –