Ostia (Meyer’s Universum)
| Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig. |

OSTIA
Tiber ist der weltgeschichtliche Name des Wassers, das den stattlichen Palazzo bespült und die schlanken Gondeln trägt, die unser Bildchen beleben. Der Name Ostia aber ist von seiner alten Stätte des Ruhms tiefer in’s Land getragen worden und dient jetzt einem armen, verkommenen Orte zur beschämenden Zierde. Das ist nicht mehr das Ostia des Ancus Martius, Roms erste Kolonie und reiche, prächtige Hafenstadt, vor welcher die siegreichen Flotten, die Ueberwinder Karthago’s, ankerten. Die Ruinen dieser Herrlichkeit mußt du eine Viertelmiglie näher am Meer und noch drei Miglien davon entfernt suchen, so weit ward das Land Herr über die See, als der Mensch den Kampf mit der Natur aufgegeben hatte. Denn als unter Claudius, Caligula’s traurigem Nachfolger auf dem Kaiserthron, um 50 n. Chr. ein zweckmäßigerer Hafen am rechten Tiberufer angelegt wurde, bei welchem bald der Flecken Portus aufblühte, welkte Ostia ab, der Hafen versandete, die flachen Ufer wurden Sumpflachen, und nur die alten Salinen hielten den Ort noch einige Zeit aufrecht. Zu Anfang des 5. Jahrhunderts
[24] schildert Rutilius Numantianus den Hafen von Ostia als vollkommen unzugänglich, und um die Mitte des 6. Jahrhunderts standen nur noch die großen Wasserleitungen des Ancus Martius aufrecht zwischen öden Trümmern. Das Ostia unseres Bildes nennt sich eine bischöfliche Stadt; der Reisende erkennt in ihr Nichts, als ein schmutziges Nest zwischen Rom und dem nördlichsten Strich der pontinischen Sümpfe; der bischöfliche Palast, der Gegenstand unserer Stahlplatte, eine Kirche, ein Gasthof und die von Julius II. zum Schutz gegen die Saracenen angelegten Befestigungen, die sich gegenwärtig in einem kirchenstaatlichen Zustande befinden, präsentiren sich als die einzigen Sehenswürdigkeiten eines Ortes von so stolzem Namen. Was die Alten gesündigt, büßen die Kinder: Mal’ aria heißt das Erbtheil, das sie ihnen hinterlassen haben, der Pesthauch der Sümpfe, die Rache eines verwahrlosten Paradieses. Während der Sommermonate, wo der Tod im ganzen Bereich der pontinischen Sümpfe seine Saat ausstreut, bleiben nur die ärmsten der wenigen hundert Einwohner im Orte zurück; mit der schwindenden Hitze kehrt das Leben wieder, und Stadt und Tiber athmen auf. Aber es ist nur ein halbes Leben. Die Armuth und der Tod schleichen beständig durch die Straßen, und selbst der Bischof, der höchste in der katholischen Christenheit, findet keinen Bannspruch gegen das siegende Elend. Die heiligen Väter in Hesperia magna wie auch ultima haben kein Glück mehr in irdischen Dingen.
Ostia's Name wird noch erhoben durch eine Heldenthat und ein ebenso unsterbliches Kunstwerk. Als Leo IV. Papst war, ein Mann von festem Geist und starkem Muthe, war ganz Italien bedroht von den Saracenen. Ihre Kriegs- und Raubschiffe verödeten die Meere und Küsten der Halbinsel; der Schrecken war Herr und die Tausende der Zaghaften sahen im Geiste die Fahne Mohammeds schon auf den Zinnen des Kapitols wehen. Da verband Leo IV. sich mit den Neapolitanern und lieferte den Söhnen des Halbmonds vor Ostia eine Seeschlacht, die mit dem Siegesjubel der Christen endete. Das geschah vor eintausend und acht Jahren. Und wer zu Rom im dritten Zimmer des Vatikans (Stanza di Torre Borgia) vor dem dritten Bilde steht, sieht die That verewigt durch den Pinsel Raphaels.