Chihuahua
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CHIHUAHUA
in New-Mexico
Ein so unbekannter Theil des amerikanischen Binnenlandes und insbesondere der mexikanischen Staaten Chihuahua für den europäischen Leser noch heute ist, ein so bekannter Mann lieferte uns in direkter Korrespondenz die Nachrichten über Staat und Stadt dieses Namens: Julius Fröbel. Seine durchaus glaubwürdigen Berichte benutzen wir für diesen Artikel.
Der Name „Chihuahua“ ist altindianischen Ursprungs und soll eine „Freudenstätte“ bedeuten. Ob die Lage der Stadt oder der Mineralreichthum der Umgegend zu dieser Benennung Anlaß gegeben, das wissen wir nicht. In einem der tiefen Thäler der Santa Eulalia-Berge, ungefähr zwölf Meilen von dem Gegenstand unserer Stahlplatte, sieht man in einer, mehre (engl.) Quadratmeilen umspannenden Ausdehnung den Boden durchwühlt von den Stollen und Schachten zahlreicher Silberminen; es sollen deren über hundert sein. Dieses ganze Grubengebiet nennt das Volk „Chihuahua la vieja“, Alt-Chihuahua. Ob auch Spuren einer ehemaligen Stadt dort gefunden worden, war nicht zu ermitteln. Sicher ist aber, daß zu Ende des 17. Jahrhunderts Mühlen, Schmelzöfen und alle sonstigen Werke zur Gewinnung des Silbers aus den Erzen von Santa Eulalia auf der Stelle des heutigen Chihuahua errichtet wurden, weil jene alte Stätte weder Wasserkraft zum Betrieb solcher Werke, noch den nöthigen Raum zur Gründung einer bedeutenderen Stadt darbot. Die Erze wurden auf Mauleseln hieher befördert. Die neue Stadt erhielt eine Münze und ein Probiramt. Von da an stieg die Silberausbeute und die Einwohnerzahl in gleich glücklichem Verhältniß, so daß diese in Kurzem auf 60,000 Seelen anwuchs und jene die enorme Summe von 450 Millionen Dollars erreichte. Die Schlackenhalden erheben sich rund um die Stadt zu beträchtlichen Hügeln, auf welchen jetzt Häuser stehen. Die Bevölkerung ist jedoch gegenwärtig bis auf 14- bis 15,000 gesunken, und bei noch einigem bewahrten Wohlstand Einzelner wohnt nur allzubreit die Armuth, wie in ganz Mexiko, in den verlassenen Hallen vergangener Pracht. Die Hebel des Reichthums waren: Bergbau und Viehzucht. Die Silberminen wurden vernachläßigt von dem durch Luxus und innere Zwiste herabgekommenen Volke, das zu jeder Thätigkeit, welcher ein Impuls von außen fehlt, unfähig geworden ist, und [26] die zahllosen Viehheerden erlagen den unaufhörlichen Angriffen der feindlichen Indianerstämme, denen der Staat keine entsprechende Waffenmacht entgegen zu setzen hat.
Gleichwohl ist Chihuahua noch heute ein schmucker Ort. Die breiten und reinlichen Straßen, die vielen wohlerhaltenen Häuser, die schönen Plätze, die stattliche Kathedrale, die Alameda (öffentlicher Spaziergang), der Aquädukt, welcher auf mehren hundert Bogen das köstlichste Wasser von einem ziemlich entfernten Berge bis mitten in die Stadt leitet, – dies Alles zeugt noch heute von ihrer alten Pracht und gibt ihr ein ehrwürdiges Ansehen. Der Reisende, der Tausende von Meilen durch die Wildniß gezogen ist, wird vom Anblick solcher Wohnlichkeit auf’s Freudigste bewegt. Ein Vergleich mit jeder eben so stark bevölkerten neueren Stadt von Nordamerika fällt stets zu Gunsten Chihuahua’s aus; wie respektable, sauber, ordentlich und nobel erscheint es neben jenen Städten mit dem tiefen Straßenschmutz und den Pappschachteln, die man dort Häuser nennt, und die, als Produkte des Eintags-Interesses, wie Sinnbilder dastehen von dem unbeständigen Geist eines rastlosen Volks.
Und diese schöne Stadt liegt in einer Wildnis. Zwei Dörfer, Nombre de Dios und Tavalope, einige Meierhöfe und schmale Streifen bebauten Landes gehören allerdings noch zur Umgebung von Chihuahua, aber auch sie erscheinen nur wie Oasen in der Wüste. Kahle Felsen und steinige Ebenen mit einer dürftigen Grasdecke, dornigen Algarobbien, Kaktussen, Yuccas und anderen derartigen Pflanzen beginnen unmittelbar hinter den letzten Häusern und Gärten, und ein Mann, der sich unbewaffnet nur eine Stunde weit von der Stadt entfernt, ist seines Skalps nicht mehr sicher. Unter den jetzigen Verhältnissen ist an ein Emporbringen selbst des kulturfähigen Bodens nicht zu denken. Daß aber mit Hülfe tüchtiger Wasserleitungen und artesischer Brunnen das Land in Kurzem einen ganz anderen Anblick gewähren, daß es volkreiche Ortschaften in Menge nähren könnte, dafür spricht sowohl die geologische Struktur als die Ertragsfähigkeit des Bodens, besonders an vortrefflichen Körnerfrüchten, überall, wo ihm die Menschenhand nachgeholfen hat.
Unsere Stahlplatte zeigt in der Mitte des Hintergrundes einen Theil der großen Wasserleitung und zur Rechten die Kirche Unserer lieben Frau von Guadaloupe, der Schutzpatronin von Chihuahua.