Brest

DXXXIV. Der Palast der Ehrenlegion in Paris Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DXXXV. Brest
DXXXVI. Homburg vor der Höhe; das Kurhaus
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

BREST

[67]
DXXXV. Brest.




Das Getümmel auf den Meeren, das so lange Jahre die Fluth mit Blut geröthet und den Donner der Geschütze von Gestade zu Gestade gesendet hatte, ist vorüber. Die Flotten des Friedens vereinigen die Flaggen, welche sonst die Geschwader des Kriegs feindlich schieden. Neue Schwungkräfte bewegen die Gesellschaft; sie haben ein Uebergewicht über die alten, die Herrschaft über sie erlangt. Das alte krieggewöhnte Geschlecht, das die Zeit der Schlachten gesehen, ist größten Theils abgetreten, und die Politik des Kriegs geht mit sammt der alten Monarchie, ihrer Mutter, allgemach zu Grabe. An ihrer Stelle hat die Volksfreiheit ihr Banner aufgepflanzt mit der Inschrift: – Brüderlichkeit unter allen Nationen! Das Schwertrecht sinkt mit der Alleinherrschaft; die Demokratie stellt das Menschenrecht an seinen Platz: ein Tausch des Segens.

Mit dem Krieg selbst müssen nothwendig auch die Rüstzeuge des Kriegs an Bedeutung verlieren:– namentlich die kostspieligsten aller: Kriegshäfen und Arsenale. – Es ist berechnet worden, daß seit dem Pariser Frieden die europäischen Seemächte allein auf ihre Kriegsmarine und deren Anstalten 9000 Millionen Gulden verwendet haben. – Arm machte man die Völker, man belastete die Budgets der Staaten in unerträglicher Weise, um Kriegsschiffe zu bauen, damit sie in den Häfen verfaulten. Und wer zählte die Millionen, welche die Befestigungen kosteten, um die Waffenplätze der Seemächte zu schirmen gegen etwaigen feindlichen Handstreich? Niemals ging die Vergeudung der öffentlichen Gelder in dieser Beziehung weiter, als während Ludwig Philipp den Thron Frankreichs einnahm. Die Eifersucht zwischen diesem Lande und Großbritannien, sich einander mitten im Frieden in Zurüstungen für den Seekrieg den Rang abzulaufen, war in dieser Zeit so groß, daß beide Mächte ihr beständig die größten Opfer brachten. Jede bewachte die andere mit Argusaugen und der Bau eines Schiffs auf der einen Seite, jede Verbesserung in der Befestigung der Häfen, rief ein entsprechendes Thun im Nachbarlande hervor. England umgab sein Portsmouth und Plymouth mit dreifachem Panzer: Frankreich that mit Dünkirchen, Toulon, Rochefort und Brest das Nämliche. – Das wird nun anders werden. Wie in dem Heere, so ist auch in der Marine das alte System gänzlich zusammengebrochen und wie dort die Volksbewaffnung an die Stelle der Armeen tritt, so wird auch hier das Wehrhaftmachen der Handelsmarinen an den Platz verfaulender Kriegsflotten treten. Man wird dadurch für den Krieg Stärke gewinnen und Milliarden für Zwecke des Friedens erübrigen.

[68] Brest, an der Spitze des weit in das atlantische Meer sich hinausreckenden Bretagner Vorlands, ist der stärkste See-Waffenplatz des französischen Nordens. Der Außenhafen, dessen Eingang zu beiden Seiten von Forts geschützt ist, ist so geräumig und tief, daß 500 Kriegsschiffe in demselben ankern können. – Der zweite, innere Hafen ist schmal, vertheidigt von Batterien, eingefaßt von prächtigen Kayen, Werften, Docks, unermeßlichen Vorrathshäusern und den Kasernen für 8000 Mann. Er faßt eine Flotte von 50 bis 60 Segeln. Die Stadt selbst, terrassenartig auf Felsgrund gebaut, ist schön und licht in ihren neuern, winklich und düster in ihren ältern Theilen. Alle der Marine eines großen Reichs förderlichen Bildungsanstalten sind hier anzutreffen: Seekadettenschule, Schule für Schiffbau, Institut für Steuerleute, Lootsenschule, Sternwarte. Auch zur Förderung des Handels hat die Regierung in Brest eine Menge Anstalten gegründet: Handelsacademie, Börse, höhere Lehranstalten für Chemie, Physik, Pharmazie und Naturkunde mit botanischem Garten und großen Sammlungen und Apparaten. – Brest war von jeher ein Schooskind des Staats und hat sich durch jene bequeme Loyalität der Gesinnung, welche die faktische Staatsgewalt stets als die rechtmäßige ansieht, unter allen Wechseln der Regierenden und Regierungsformen den Sonnenschein der Macht zu bewahren verstanden. Die Bevölkerung (33,000) findet ihre Haupterwerbsquellen in den vielen Millionen, welche der Staat Jahr aus Jahr ein für Marinezwecke verausgabt, und auch der Handel hat meist keine andere Beziehung, als dies Verhältniß. – Die Leinwand- und Tuchmanufakturen, wegen welcher einst Brest so berühmt war, ist bei Weitem nicht mehr von der früheren Wichtigkeit und andere größere Gewerbe sind nicht vorhanden.

Die Festungswerke von Brest, die Vauban anlegte und Carnot erweiterte, gelten als unüberwindlich. Ein einziges Mal (1694) wagte es eine Flotte der Briten sie anzugreifen; aber der englische Bulldogmuth holte sich blutige Köpfe: sie wurde zurückgeschlagen und eine große Zahl ihrer Schiffe von den Hafen-Batterien in den Grund gebohrt.