Der Palast der Ehrenlegion in Paris

DXXXXIII. St. Rupertskloster bei Bingen Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DXXXIV. Der Palast der Ehrenlegion in Paris
DXXXV. Brest
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PALAIS DE LA LEGION D’ HONNEUR
(Paris)

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DXXXIV. Der Palast der Ehrenlegion in Paris.




Das Firmament der Ordenssterne, mit welchem die Machthaber auf Erden die Augen der Menge zu blenden trachten, leitet seinen Ursprung zum Himmel des Christenglaubens zurück. Fromme Helden verbanden sich mit geistlichen Verbrüderungen oder stifteten Anstalten der Milde und Pflege für Palästinafahrer und gelobten dem Pilger Schutz und Krieg den Ungläubigen, wie der begeisterte Christ alle Andersglaubenden nannte. Alle Mitglieder eines solchen Ordens banden sich, wie die Mönche, an das Gelübde der Armuth, Keuschheit und des Gehorsams; alle trugen eine gemeinsame Tracht und ein gemeinsames Abzeichen. Aus der gelobten Armuth gediehen jedoch die meisten Ritterorden allmählich zu großen Reichthümern, wie namentlich die Johanniter, Templer und Deutschherren, und, wie das Gelübde der Armuth, so litten auch die übrigen Satzungen, bis endlich, nachdem die Flammensäule der Glaubensbegeisterung immer tiefer gesunken war, auch der Hauptzweck der geistlichen Ritterorden verloren ging. Die Orden wurden nun aufgelöst, theils ihres Vermögens beraubt, theils gingen sie aus dem Dienste der Religion in den der Fürsten über. Die regierenden Herren der Erde erkannten frühzeitig in dem Einzigen, was von den alten ehrwürdigen Ritterverbrüderungen übrig geblieben war, in dem allgemeinen Abzeichen und dem Vermögen, ein vortreffliches Mittel zur Hebung ihrer Hausmacht. Sie verwandelten das einfache Ritterkreuz in glänzende, oft sehr kostbare Dekorationen, deren Besitz zur Beziehung gewisser Antheile aus den Ordenseinkünften berechtigte. Der neue Köder war fertig, um Geister zu fangen, der Männer immer mehre in den Kreis ihrer Macht und Kunst zu bannen und zu Dienern ihres Willens und ihrer Pläne zu machen.

In den ersten Zeiten hatten die Fürsten noch so viel Achtung vor der Bedeutung, die sie selbst ihren Kreuzen und Sternen untergelegt hatten, daß sie sie nur als Zeichen ihrer Huld, als allgemein sichtbare Beweise ihrer persönlichen Zuneigung oder Achtung verliehen. Dies dauerte jedoch nicht lange. Je schärfer die Fürsten nach dem Plane hinzielten, die alten, ihre Willkürlust beengenden Volksrechte Stück für Stück zu vernichten, desto begieriger mußten sie jedes Mittel ergreifen, welches die Einzelnen, die Hervorragenden, die Starken von der Masse loszutrennen und durch irgend ein Band menschlicher Schwäche an sie zu fesseln vermöchte. Dieses Mittel bestand in einer langen und wohlgegliederten Reihe von Ritterorden, Hoforden, Militairorden, Civilorden. Man erklärte die aus fürstlichen Händen fallenden Sterne und Kreuze für Belohnungen besonderer [65] Verdienste um das Staatswohl. Und als ob dies nicht Hohn genug sey, stellte man den wegen irgend einer Ehrenthat, oder wegen nützlichen Wirkens, oder wegen langer treuer Dienste Dekorirten nicht nur die Schranzen und Figuranten des Hofs vor, die, in ihrer „Dienstwonne“ schwimmend, wie Hechte nach dem Fraß, nach einem Sterne oder Großkreuze schnappten, sondern ihnen auch geborene Ordensleute gegenüber. Jener Paragraph der Ordensstatuten, welcher alle Mitglieder regierender Geschlechter zu geborenen Inhabern der höchsten Orden erklärt, hat den Völkern die Behauptung in’s Gesicht geschleudert, daß es schon ein Verdienst sey, als Fürst zur Welt zu kommen! Noch mehr aber als diese Albernheit griff das Ordenswesen verderblich in das Volksleben durch die Eintheilung der Ordenszeichen in Rangklassen ein. So lange die Orden nur eine Klasse hatten, war man bei der Wahl der Ritter auf gewisse Kreise der Gesellschaft und auf eine geringere Zahl beschränkt; das Leben der mittleren und unterm Stände blieb unberührt von jener Pest der Eitelkeit, man stand sich im Volke noch einander gleich, wenigstens näher. Durch die Parcellirung der wie Pilze aus dem Boden emporschießenden Orden aber hatte man den Weg gefunden, die Einzelnen bis zur untersten Volksstufe herab an den langen Ordensstrick festzubinden, die Zahl der Ordensmitglieder nach Belieben zu vermehren, durch dieselben, als gute Leiter, die faule Hofluft in immer weitere Kreise zu bringen und vor Allem durch die Ordensrangklassen auch der bürgerlichen Welt eine ihr bis dahin fremd gebliebene Klassificirung aufzudrängen, welche das höchste Mannesgut, die Bürgerehre und Selbständigkeit, den stolzen Trotz gegen jede anmaßende Gewalt, zerfressen mußte. Schon vor Jahren sagte ein freisinniger Mann: „In Folge dieses Systems haben die Staatsregierungen eine neue mächtige Gewalt in die Hände bekommen, ohne besonderen Aufwand von Kapital (für welchen ohnedies die Staatskasse einstehen muß) und dabei noch auf eben so öffentliche als verbindliche Weise die Menschen um ihr (der Staatsregierung) Interesse zu versammeln oder doch deren allzuherbes Auflehnen dagegen zu neutralisiren, geleistete Dienste zu belohnen, zu leistende belohnen zu können und selbst Männern, denen man mehr moralische Kraft zutraut, durch Uebergehen etwas Unangenehmes zu erzeigen.“ In diesem Sinne ward bis zur Stunde die Ordenswirthschaft geführt. – Fürstendienste wurden mit Orden, Volksdienste mit dem Zuchthaus belohnt. Männern, die das Volksvertrauen begleitete, zeigte man aus der Ferne den blinkenden Stern der Hofgunst so lange, bis sie, geblendet, dem Volk entwichen und dem lockenden Winken folgten, oder bis sie entrüstet der schmeichelnden Gewalt den Rücken kehrten, um fortan ein Leben des Drucks und der Verfolgung zu beginnen. Die Theilung der Ordenszeichen wurde bis ins Lächerliche, ins Kindische getrieben, man schuf Klassen mit dem Band und ohne Band und mit der Schleife und ohne Schleife und bezeichnete genau die Klassen, wie die Nummern auf den Halsbändern der Jagdhunde; man hielt auch bei diesen Gnadenbeweisen den Unterschied zwischen der Canaille und dem Vollblut fest und bestimmte an der Ehrenscala genau die Punkte, bis zu [66] welchen jene emporklimmen kann und wo diese beginnen muß; das Klassifikationstalent eines Linné war nichts gegen das Genie der Leute, welche die Ordens-Klassifikation der Menschenrace erfanden.

Durch die Revolution wird auch dieses Treiben der Regierungen, wie so vieles Andere, sein Ziel finden. Gerichtet war’s schon früher durch die tiefe Verachtung, mit welcher allenthalben das Volk darauf hinblickte und im besten Fall den Dekorationen nur noch die Beweiskraft der – Eitelkeit zugestand. Heute wagt es bestimmt keine deutsche Regierung mehr, einem freien festen Mann von Ehre ihr Ordensbändchen anzubieten; schon jetzt gilt es für Etwas, seinen Rock von solchem Plunder rein bewahrt zu haben; und nicht erst jetzt, nein, schon lange her haben wackere Männer, denen die Achtung des Volkes genügt, solche nichtsnutzige Gnadengaben der Gekrönten in ein heimliches Schubfach verborgen, damit ihnen das Ding nicht unter die Augen komme und ihren Mannesstolz beleidige.

Alles das gilt auch von dem Orden der Ehrenlegion. So lange Napoleon, der Stifter, Herr des Ordens war, stand er noch allen europäischen Ehrenzeichen in volkstümlicher Achtung voran, der Siegerglanz des Kaisers warf seine vollen Strahlen aus ihn. Aber was haben nachher die Bourbons aus ihm gemacht? Schon unter Karl X. nannte ihn der Volkswitz das „Schuhputzerzeichen.“ Am verächtlichsten wurde er durch Louis Philipp; während Napoleon bei der Gründung die Legion 16 Kohorten stark machte und jeder Kohorte 7 Großoffiziere, 26 Kommandanten, 30 Offiziere und Legionäre gab, so daß die Gesammtzahl aller Legionsmitglieder 6512 wurde, zählte er bei dem letzten Sturze des Königthums über 100,000 Angehörige! – Das Kreuz der Ehrenlegion gehörte zu den unvermeidlichen Dingen, es wurde zu Hohn und Spott.

Im Stahlstich sehen wir das Ordenshaus. Es ist zugleich die Wohnung des Ordens-Großkanzlers. Dieses Prachtgebäude ist der Hauptschmuck der Rue de Lille in Paris. Die Devise des Ordens: „Honneur et Patrie“ (Ehre und Vaterland), die in goldner Schrift den Portikus ziert, ist, seitdem Schufte zu Tausenden das Kreuz tragen, – eine Lüge.