Homburg vor der Höhe; das Kurhaus

DXXXV. Brest Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DXXXVI. Homburg vor der Höhe; das Kurhaus
DXXXVII. Die Franzensveste in Tyrol
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

HOMBURG
v. d. Höhe
(Das Kurhaus)

[71]
DXXXVI. Homburg vor der Höhe; das Kurhaus.




Es geht ein Spruch im Volk um:

Wie der Homburger Knecht
     So schlecht;
     So gemein,
     So klein.

Der Spruch kann nicht nach Oben schielen; denn die souveraine Landgrafschaft Hessen-Homburg war bis zum Todestage des letzten hochseligen Herrn das „beau ideal“ der Monarchie und das einzige deutsche Land, welches das göttliche Recht fürstlicher Alleinherrschaft in fleckenloser Reinheit bewahrte. Hier konnte der Sedez-Monarch in Wahrheit sagen: „Der Staat – der bin ich.“

Ich erinnere mich noch, wie in den dreißiger Jahren von Zeit zu Zeit die „gute Presse“ über die homburger Zustände ihren schuldigen Rapport machte, und wie lustig es zu lesen war, wenn man das Glück jener Zustände auf der Folie des Zwiespalts konstitutioneller Prinzipien schimmern und schillern ließ. „Wie fühlen wir uns unter dem patriarchalischen Regiment“ – so hieß es allemal – „gegen andere Staaten so glücklich! Bei uns weiß man nichts von der verächtlichen Gaukelei mit der plebejischen Freiheit; von keinem Liebäugeln und Kokettiren mit Parteien und Meinungen, von keinem Aufspiel der Freiheitslieder, von keiner Lockpfeiferei, um liberale Gimpel zu fangen. Unsere Regierung braucht den Honigseim freimüthiger Redensarten nicht in den Mund zu nehmen oder durch ein schmollendes Wort mit gerunzelter Stirn naseweise Journalisten einzuschüchtern und zurecht zu weisen. Das Szepter „Von Gottes Gnaden!“ wird von unserm „Herrn“ mit Ruhe und Würde geführt. Der Widerspruch ist hier eine Unmöglichkeit und jeden Zweifel in das Wohlmeinen unsers Fürsten erachten wir für ein Verbrechen. Das Alte im Regiment ist uns ehrwürdig, das Bestehende wird für unverletzlich gehalten, und was anderwärts die Zeit an Neuerungen geboren hat für Gesellschaft, Staat und Kirche, wird bei uns angesehen als blauer Dunst und für das, was sie wirklich sind: – nämlich Irrlichter, emporgestiegen aus dem Sumpfe unheimlicher Pöbelherrschgelüste, um Zeit und Völker zu äffen.“ – Glücklich hieß das Land Homburg, wo es dem Fürsten mit dem strengen Geist des Soldaten gelungen schien, das ganze Leben des Staats in die starren Formen des Gehorsams zu drängen und jedes Widerstreben auszurotten bis auf die kleinste Wurzel. Und in der That hatte das Ländchen die äußern Zeichen der Ruhe und Zufriedenheit.

[72] Wie war es aber im Innern beschaffen, wenn man die gleißnerische Decke aufhob? Das wollen wir jetzt betrachten. Der Stoff ist nicht übel für ein Genrebildchen besonderer Art. – Nun, wir wollen’s versuchen und mindestens soll man in unserer Schilderung die Wahrheit nicht vermissen. –


Es ist in den Büchern der Geschichte wie auf den Landkarten der Gegenwart kein Mangel an Namen, welche uns unmittelbar vor ein Verbrechen führen, das von Fürsten und Regierungen geheim oder öffentlich begangen worden ist. Diese Namen selbst sind die Schandsäulen für Missethaten wie für die Missethäter: die Geschichte bewahrt sie ewig in ihrem schwarzen Buche und zeigt die wahre Gestalt derselben unwandelbar allen Zeiten und allen Völkern, die ihr die Thore öffnen; und die Gegenwart wird sie so lange laut beim rechten Namen rufen und in all ihrer Häßlichkeit und Niedrigkeit hervorreißen an das Licht des Tags, vor die Augen des Volks, auf den Markt der richtenden Oeffentlichkeit, bis die Hand des Rechts über sie den Stab bricht, oder der Fußtritt des allgemeinen Abscheus sie niederwirft, oder sie zusammensinken und verenden in ihrer eigenen Nichtswürdigkeit.

Vor eine solche Schandsäule führt uns unser Stahlstich. Als hätte der Gedanke seinen Unmuth über das Bild walten lassen, so trüb und finster blickt es uns an. Und dieser Gedanke hatte Recht. Trüb und finster wird der Blick des Ehrenmannes, der in diesen Winkel des schmutzigsten fürstlichen Erwerbs blickt. Ja, ein mit dem Panzer der Unverletzlichkeit angethaner deutscher Souverain ist es, der hier Gold einschachert um Glück und Ehre von Tausenden! Ein Mitglied des deutschen Fürstenbundes ist hier Schutzherr und Eigenthümer einer Anstalt, in welcher Verbrecher gebildet und von Verbrechern um Hab und Gut und Menschenwürde betrogen werden. Das ist geschehen und geschieht noch im Jahre Ein tausend acht hundert acht und vierzig zu Homburg vor der Höhe durch des Landgrafen von Hessen-Homburg Durchlaucht, des Verpächters der dortigen Spielbank an die Gebrüder Leblanc, die Obersten in dieser Hölle! –

Das Hazardspiel, Tochter der niedrigsten Leidenschaft und eine fruchtbare Mutter von Verbrechen, hat gerade in dem gebildeten, fleißigen und ehrlichen Deutschland seine eifrigsten Pfleger und Beförderer. Neben den zwanzig großen, sorgfältiger als das segenvollste ehrliche Gewerbe geschützten Spielhöllen in den Bädern pflegen die deutschen Fürsten und Regierungen zahlreiche Klassenlotterien. Wie jene in der Regel die Chatoullen der Reichen fegen, beuten diese eben so betrügerisch den Geldsack des Mittelstandes aus. Vollständig aber wird die teuflische Trias durch jene schwarze Täfelchen mit den fünf Nummern des Lotto, welches, wiederum im Dienste von deutschen Fürsten und Regierungen, die schweißigen Spar- und Noth- und Brodpfennige aus den Lederbeutelchen des Bauers, des Handwerkers, des Taglöhners maust.

[73] Manche wirft mir vielleicht die Frage entgegen: Wird denn Jemand zu diesen Spielen gezwungen? Wenn Niemand mehr spielt, muß dann nicht dieser privilegirte, öffentliche Betrug von selbst ein Ende nehmen? – Diese Frage beantwortet sich am besten durch die Gegenfrage: Wohin ist die Scham jener Regierungen gekommen, welche ihrem hehren, göttlichen Beruf, vor dem Volke ein Wegweiser zu seyn zu allem Guten, Beglückenden und Ehrenden und ein Schirm gegen die schwarzen Geister der Verführung und Erniedrigung – so bis in’s Innerste untreu wurden, ja, so in’s grasse Gegentheil verkehrten, daß sie, diese Regierungen, alle Mittel ihrer Macht anwandten zur Aufrichtung, Erhaltung, Vermehrung und Erkräftigung von Anstalten, deren einziger, vor aller Welt offen daliegender Zweck nur Verführung der Einzelnen zum Spiel und Beraubung durch das Spiel ist und seyn kann? War einer jener vielen großen und kleinen Spielhöllen-Schirmherren überzeugt von der Heilsamkeit derselben für sein Volk? Oder sprach nur der „beschrankte Unterthanenverstand“ in allen jenen deutschen Ständekammern aus dem Munde der geehrtesten und geliebtesten Männer der Nation gegen dieses entsittlichende, Ehre und Tugend vergiftende, seelenmörderische Treiben der geldgierigen Finanzleute und Regenten? Nein! anerkannt wurde das Schändliche und Verderbliche der geduldeten wie der gehegten Hazardspiele, aber gewogen wurde ihr Abwurf und ihr Wesen auf der Wage des niedrigen Eigennutzes, der verächtlichen Selbstsucht: das Belehren und Mahnen und Bitten der redlichen Männer des Volks verhallte vor dem Klirren des Sündengeldes, und die Spielwuth wurde im Volke genährt durch alle Mittel der „guten“ Presse, die für ein Wort der Freiheit und Ehre nie einen Buchstaben im Kasten hatte! Hatte doch der Bayernfürst sein Königswort gegeben, das Staatslotto aufzuheben, sobald der Finanzzustand ein besserer sey. Und alsbald kam’s heraus und wurde durch das Finanzministerium bestätigt, daß schon seit vielen Jahren ein Ueberschuß von Millionen im Staatshaushalte war; doch die Erfüllung des verpfändeten Königsworts zur Abschaffung des Lotto blieb die Regierung schuldig. Ludwig I., vom Thron herabgestiegen, hat das Versprechen ungelöst zurückgelassen und jetzt erst hat die Furcht vor der entrüsteten Volksmeinung den Ablaßkasten des Betrugs zerschlagen! Schon 1843 hatten sich die Stände erboten, das ganze Sündengeld des Lottoabwurfs durch ehrliche Steuern zu decken und das arme Land von jener Pest zu heilen. Was war die unter königlicher Sanktion gegebene Minister-Antwort auf diesen ehrenhaften Antrag der Stände? „Die Regierung (so hieß es) gehe auf dieses Anerbieten nur deshalb nicht ein, weil das Lotto eine indirekte Steuer sey, zu deren Forterhebung das Gouvernement nie einer ständischen Zustimmung bedürfe“, wie dieß bei den direkten der Fall ist. Auf so schamlose Weise konnten noch vor Kurzem die höchsten Staatsbehörden das sittliche Gefühl und volksveredelte Bestrebungen mit Füßen treten, solchen Hohn trieben die besternten Menschen mit dem Volke, dessen Brod sie aßen! – Und der Bundestag? Wie nahm dieser die dringlichsten Vorstellungen um Befreiung der deutschen Erde von den privilegirten Spielanstalten, diesen Schandthaten deutscher Regierungskunst, auf? Nicht anders, als es von ihm, dem Gebrandmarkten, zu erwarten war. Er ließ der Schurkerei ihren Lauf, ließ die Staatsgewalt auf [74] die Schwachheiten, Leidenschaften und die Dummheit des Volkes ruhig fortspekuliren und ihm die Beutel leeren. Alle Anstrengungen einzelner Ständekammern, wie jener Badens, Würtembergs, Bayerns etc., scheiterten an der Geldgier einzelner Bundesfürsten. Der Landgraf von Hessen-Homburg stand nicht allein; er hatte Consorten im Bunde und in der Schande deutscher Fürsten.

Unter den großen Spielpachtwirthschaften von Aachen, Baden, Köthen, Ems, Pyrmont, Wiesbaden und Homburg ist letztere vor allen andern berüchtigt. Finden jene ihre Beute vorzugsweise unter dem Haufen der blasirten Welt, unter Narren, Verschwendern und Abenteuerern, dem häßlichen Gegenstück zu der jammernden und verhungernden Armuth, so befleckt und zerstört die Diebsbande in Homburg das Beste der deutschen Nation: Familie und Jugend!

Die Lage dieses fürstlichen Raubnestes zwischen hochwichtigen Handels-, Kriegs- und Universitätsstädten, dazu die rasche und wohlfeile Beförderung durch Eisenbahnen und Dampfschiffe – das, nicht die Firma, unter welcher gesündigt wird, das Lockwort: „Bade-Anstalt,“ verhilft ihm zu der starken Besucherzahl, mit welcher jährlich stolzer die Saisonberichte prahlen. Darin aber liegt gerade das Entsetzliche, daß das Alter, welches der Verführung am leichtesten zugänglich ist, fast beständig seine verlockendste Quelle vor Augen hat. Wir verzichten auf die traurige Mühe, das Bild der durch Homburg bewirkten Korruption in den verschiedenen Kreisen der Gesellschaft in’s Detail auszumalen, wir erinnern nur an die schauerlichen homburger Nachtbilder in den Reisebüchern und den Berichten über Spielerunglück und Verbrechen, welche Jahr aus Jahr ein als so viel Anklagen die Zeitungen füllen, an die Commis, Handelsreisende, Offiziere, junge Beamte, Studenten, welche ihr Lebensglück auf eine Karte setzten, an die Kauf- und Handelsleute jeden Rangs, die dort mit einem Schlag ihre und ihres Hauses Kraft und Ehre niedergeschmettert sahen, an die Spekulanten aller Art, welche – eine schlimme Sucht unserer Zeit! – ohne Anstrengung reich werden wollen. Und dabei ist noch lange nicht das Entsetzlichste, daß so viele unglückliche Spieler die Zahl der Bettler und Vagabunden vermehren, oder mit Selbstmord enden, sondern daß, trotz aller dieser Schaudergeschichten, die kein Schleier verbirgt, auf welche die volle Sonne des Tags und der Oeffentlichkeit scheint, dennoch die Macht der Verführung den vollständigsten Sieg über die Kraft der Abschreckung gewonnen hat! Ueber die Leichen der Selbstmörder reißt die Leidenschaft den Spieler zum grünen Tisch hin, und lächelnd streicht der Schirmherr von Jahr zu Jahr ein höheres Pachtgeld in seinen Seckel.

Gottlob, das wird jetzt anders werden, weil es anders geworden ist. Wie alles Unrecht von Gott verlassen ist, der allein der gerechten Sache hilft; wie alles Schlechte im deutschen Staate offenbar geworden ist im Sonnenlicht der Freiheit; wie alle Macht zusammen bricht, die nicht auf dem Rechte ruht, und Alles untergeht, was dem ethischen Weltgesetz widerstrebt hat; – wie der Nimbus verschwindet, den der Aberglaube um die Häupter der Gesalbten zog, das gekrönte Verbrechen seinen unerbittlichen Richter gefunden hat und die Schuld im Purpur ihren [75] Schandpfahl: so sind auch die Anstalten zur schnödesten Volksberaubung dem Untergang geweiht, und sie können, was auch zu ihrer Erhaltung noch geschehen mag, ihrem Verderben nimmer entrinnen. Es wanken die stolzen Prachtgebäude des Verbrechens überall, und auch die Stützen des Diebsbaues, den wir vor Augen haben, sind zum Brechen morsch, auch diese Anstalt wird in ihrem verpestenden Elemente untergehen und mit sich in den Grund reißen, was sich an sie anklammert und sie aufrecht zu erhalten sich bestrebt hat. Es bleibt vom ganzen Bau nur eine Säule übrig, – die Schandsäule, die hoch emporragt.

Von Homburg, als Badeort, ist wenig mehr zu sagen, als daß es durch die lobpreisenden Ankündigungen und Einladungen in allen europäischen Zeitungen das ihm gebührende Verdienst zehnfach vergrößert. Aber selbst wenn jede solcher Phrasen doppelte Wahrheit wäre, so können sie uns den Gedanken nicht aus dem Kopfe bannen, daß wir nimmermehr Heilung für den Leib da suchen würden, wo die Verwüstung der Seelen der einträglichste Theil des gesammten Geschäfts ist. Erst dann, wenn die Heilgöttin Homburgs nicht mehr am Arme des Spielteufels wandelt wie eine schlechte Dirne, – erst dann wird sie zu Ehren und Achtung kommen, und auch dann erst wird die Stadt in ihren Quellen nicht blos eine ehrlichere, sondern auch eine reichere Nahrung finden, als die schmutzigen Brosamen sind, die ihr bisher von den grünen Tischen zufielen.