Das Grab der Maria
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DAS GRAB DER MARIA
Da stehen sie und knieen sie, die Augen und die Hände erhoben im begeisterten Anstaunen des Wunders und im anbetungsvollen Nachschauen, die Geister der trauernden Erde entrückt. Der schöne Jüngling Johannes, den einst der Herr der Mutter zum Sohn gab, ist zum Mann geworden und preßt die gefalteten Hände auf das Herz voll Trauer und Wonne, und rings die Apostel alle, und sie allein im Entzücken der Erfüllung vom Worte des Herrn. Wie folg’ ich ihren Blicken mit zagender Lust! Ganz wie sie die guten Kinder im Himmel täglich sehen und jede Nacht, so schweben die Schaaren der Engel hernieder im Wolkenkranz, vergoldet von der ewigen Sonne. Und inmitten des Engelkranzes seh’ ich sie, die Mutter Maria, wie die Sehnsucht nach dem göttlichen Sohn sie hinauf in’s Reich des Ewigen hebt. Wie die Engel flattern zwischen den Wolken im Reihentanz! Und weit, weit hinauf, verschwindend im Aether, dehnt sich der Kreis der Engel, ein unermeßlicher Ringelreihen Gebete jauchzender Kinder des Himmels. Und hoch oben, aus der höchsten Herrlichkeit des ewigen Lichtes schwebt hernieder der Vater der Welt, die Arme liebend ausgebreitet der strahlenden Mutter der Gnade entgegen. Welch ein Glanz! Im Meere des Lichts schwebt sie höher und höher! Sie breitet die Arme aus! Ich fühl’s an der beengten Brust, darin mir das Herz pocht, wie sie den Athem an sich hält, wie des Wiedersehens Seligkeit die Heilige durchzittert!
[44] Wie gewaltig hebt der Flügelschlag der Sehnsucht einer Mutter! Und nun schwebt Alles, der ganze Kranz der Engel, die strahlende Madonna und selbst das Lichtmeer rings um sie höher und höher, und ich fühle die Wonne des Aufschwebens und halte den Athem an und fliege mit höher und immer höher – –
„Doktor, jetzt hätten Sie da gelegen! Wer wird sich denn so zurückbiegen? Das sind die alten Stühle hier nicht gewohnt!“ –
Hier? Ja so! Ein junger Künstler war’s, der mich vom Fall errettete. Wir waren in der Sala delle publiche funzioni der Akademie zu Venedig, und ich saß vor Tizians Himmelfahrt, – nein, der Maria Himmelfahrt von Tizian, – und doch war es sicherlich eine Himmelfahrt Tizians! Bin ich denn nicht mit hinauf gefahren eine große Strecke? Und der alte bigotte venetianische Stuhl krachte, weil ich ganz mit hinauf wollte! Auch der Künstler war mir offenbar neidig, sonst hätte er mich fliegen lassen.
Das Grab, von wo aus diese Himmelfahrt geschah, ist noch heute zu sehen: unser Stahlstich zeigt ihr getreues Bild. Wenn Du aus Jerusalem durch das Stephansthor, das auch Löwenthor genannt wird, hinausschreitest, so gelangst Du in einen Thalgrund, der hier nur vierhundert Fuß breit ist und in welchem Du das Bette des Baches Kidron siehst. Nur in der Regenzeit fließt Wasser darin. An seinem linken Ufer findest Du das Grab der Maria. Das Aeußere ist schmucklos, das Innere eine große Felsenhöhle mit mehren Altären, erleuchtet von unzähligen Lampen. Mönche halten Wacht vor dem leeren Grabe, das zu den heiligsten Wallfahrtsstätten des Morgenlands gehört.