Burg und Bad Liebenstein im Herzogthum Meiningen

Das Schloß Leopoldskron bei Salzburg Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Burg und Bad Liebenstein im Herzogthum Meiningen
Das Grab der Maria
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BAD LIEBENSTEIN
im Herzogth. Meiningen

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Burg und Bad Liebenstein
im Herzogthum Meiningen.




     Thüringen, du holdes Land,
Wie ist mein Herz dir zugewandt!
Silbern springt in deinen Gründen
     Mancher frische Labequell.
Und durch deine Thäler winden
     Bäche sich so klar und hell!
Und des Rasens Teppich breitet
     Bunt sich zwischen Waldessaum,
Daß der Fuß des Wand’rers gleitet
     Stets auf hundertfarb’gem Raum.

     Thüringen, du holdes Land,
Wie ist mein Herz dir zugewandt!
Alte wunderbare Sagen
     Nachts durch deine Wälder gehn,
Horch! von ihnen rauschen, klagen
     Alte Wipfel auf den Höh’n.
Auf den Bergen, in den Gründen,
     Und wohin das Auge blickt,
Hat mit ihren Duftgewinden
     Poesie das Land geschmückt.

So spiegelte das schöne Land, in welches unser Stahlstich uns führt, sich in der Seele eines Dichters wider, Ludwig Storchs, der so stolz auf sein Thüringen war! Thüringen selbst ist das Spiegelbild Deutschlands, dessen Herz es genannt wird.

Ein Blick auf die Landkarte von Thüringen zeigt uns das bunte Staatenbild im Kleinen, welches von der deutschen Karte im Großen vorgeführt wird. Zwischen Preußen und Bayern, Sachsen und Hessen eingeklemmt, lassen innerhalb dieses Bereichs die Ländchen ihre Grenzlinien so harmlos durcheinander laufen, wie der spielende Griffel des Erbrechts in der Hand des Zufalls sie gezogen hat. Da findet sich jedes Landes Farbe in allen übrigen in größeren und kleineren Tupfen wieder, Gebietstheile, Enklaven, Parzellen überall, und selbst in den hell- und dunkelblauen Meeren von Bayern und Preußen schwimmen noch thüringische Farbeninseln. Das dunkelblaue Meer greift aber tief hinein in das alte Thüringerland, es hat den größten Theil der wellenförmigen Ebene überschwemmt und bildet auf der andern Seite des Gebirgs noch dunkelblaue Landseen (Schleusingen und Ziegenrück). Die Vielgetheiltheit Deutschlands ist in seinem Herzen am vollendetsten ausgeprägt.

Diese Vielgetheiltheit, welche dem deutschen Reiche so viel Unheil, dem deutschen Volke so viel Schmerz und Trübsal bereitete, die deutsche Geschichte zu einem so traurigen Buche macht, ist in dem kleinen Thüringen, [34] welches keine Ansprüche auf politische Wichtigkeit erheben konnte, in vieler Beziehung dem Land und Volk zum Vortheil gediehen. Hat die oft beklagte Vielstaaterei schon in den meisten größeren deutschen Ländern wenigstens dahin geführt, daß für die Förderung und Verallgemeinerung der Bildung des Volks sorgsamer und erfolgreicher gearbeitet wurde, als in allen großen Nachbarstaaten, die sammt und sonders in dieser Hinsicht tief unter Deutschland stehen, so ist dies im höchsten Grade der Fall in dem Thüringerlande. Alle dazu gehörigen Staaten und Staatentheile (circa 200 Quadratmeilen) sind allerdings nur von ungefähr 1⅕ Million Menschen bewohnt, aber unter diesen ist kein einziger Erwachsener von geistig gesunder Organisation zu finden, der nicht wenigstens lesen und schreiben könnte. Selbst das höchste und versteckteste Bergdörfchen hat seine gute Schule, und selbst im strengsten Winter laufen und steigen die Schaaren der Kleinen aus den vereinzelten Weilern, Höfen, Fabriken und Mühlen nach diesen Bienenstöcken der ersten Weisheit. Jedes Städtchen hat seine Sonntagsschule, seinen Gesellenverein, seine Liedertafel, denn gesungen wird überall; und jede der Residenzen, Exresidenzen, Haupt- und Gelehrtenstädte ist im Besitz von Sammlungen für Wissenschaft und Kunst, welche, wenn sie in einer Hauptstadt vereinigt würden, die größten Schätze der mächtigsten Staaten an Reichthum übertreffen müßten. Weit über eine Million Bände zählen die öffentlichen Bibliotheken der Hauptstädte Thüringens, die Kunst- und Naturaliensammlungen (man denke nur an Gotha, Weimar, Jena, Meiningen, Rudolstadt, Koburg!) messen sich, vereint, mit denen mancher großen Königsstadt. Thüringens Produktion auf dem Felde der Kunst und der Literatur beträgt an Menge und Werth beinahe die Hälfte von der des österreichischen Kaiserstaats, die von Mailand, Wien und Venedig ausgenommen. Außer diesen Städten kann sich keine andere Stadt Oesterreichs mit der literarischen und artistischen Produktion von Gotha, Weimar, Jena und Hildburghausen messen. In der Geschichte der deutschen Literatur bleibt dem Thüringerlande der Ruhm, daß die höchste Blüthe derselben in ihm gepflegt wurde. Nicht Preußen, sondern Thüringen verdient den Ehrennamen des Landes der Intelligenz.

Auch auf Gewerbe und Verkehr erstreckt sich der wohlthätige Einfluß der geistigen Aufgewecktheit der Bewohner dieser Kleinstaaten. Thüringen ist als Gebirgsland sehr stark bevölkert. Auf den 77 Geviertmeilen, welche die Thüringer Berge bedecken, wohnen über 300,000 Menschen, trotz dem, daß der Waldboden die Hälfte jenes Flächeninhalts einnimmt. Da muß die Hand das verdienen, was das Land nicht gibt; daher das rege Manufaktur- und Fabrikleben in allen Thälern und wasserreichen Gründen des Gebirgs. Ueberall Pochen und Hämmern, Glühen und Blasen, Räderkreisen und Rauchwirbeln, hohe Schlöte und rauschende Wehre, springende Minen und Fäustelschlag tief im Schooß der Erde und hoch am schwindelnden Felshang, Eisen und Gewehre, Messer und Scheeren, Glas, Porzellan und Steingut, Papier und Schwamm, Pech und Olitäten, Schiefertafeln und Spielwaaren gehen aus Thüringen hinaus in die Welt. Der thüringer Balsamsträger war einst eine oft [35] ersehnte Erscheinung in jedem Haus und eine sehr beliebte Figur auf den nürnberger Bilderbögen. Und wie arbeiten die Schneidemühlen für die Schiffswerften der Nordsee! Ueber 400 Sägen rasseln zwischen den Wäldern. Der Glashütten sind über 20; ebenso der Porzellanfabriken, für welche wieder mehr als 1000 Porzellanmaler beschäftigt sind, von dem einfachen Mann an, der die blauen Schnörkel auf die wohlfeilsten Tassen malt, bis zu jenen Künstlern, welche mit den Porträts von Luther und Napoleon, dem alten Fritz und Paganini, Hecker und Haynau die Pfeifenköpfe hundertweise zieren. Die nährende Brust von Land und Volk des Gebirgs ist aber und bleibt der Wald. Da rauchen die Weiler allerwärts, Holzflöße schwimmen auf den Flüssen, die Axe seufzt unter der Last der Nutzhölzer, die in die Manufakturen, und des Brennholzes, das in die Fabriken wandert. Ein Stück des Waldes ist selbst der Vogelhandel, in dessen Hauptort, Breitenbach, durchschnittlich 4000 Singvögel, besonders Finken, schlagen und zwitschern, während Waltershausen als hohe Schule der Gimpel (Dompfaffen) in ganz Thüringen berühmt ist.

Sogar die vielen schönen Straßen und Wege, welche Thüringen und sein Gebirg nach allen Richtungen dem Verkehre öffnen, verdanken theilweise Entstehung und Erhaltung der Vielstaatenschaft des Landes. Wie über die Alpen Heerwege, so waren es hier nicht selten Lustwege, sogenannte Alleen, welche einen Verkehrsstraßenbau einleiteten. Die Nothwendigkeit, entlegene Jagdschlösser durch bessere Straßen sich näher zu bringen, ist früh eingesehen worden und hat viel Gutes gestiftet. Daß der Handel gute Wege braucht, dieser Lehrsatz hat zwar viel später Anerkennung gefunden, ist dafür aber weltherrschend geworden. Die vortrefflichsten Straßen besitzt das preußische Thüringen, das rings um den Kyffhäuser, wo Kaiser Friedrich Barbarossa ebenfalls auf bessere Zeiten wartet, den reichen Aehrenschmuck der goldnen Au entfaltet. Die 60,000 bis 100,000 Eimer thüringischen Weins aber, welche den Bergen um Jena, Naumburg und Freiburg entquellen, vermehren den Ruhm der Saale und der Unstrut fast in gleicher Weise, wie die 10,000 Centner wasunger Tabaks den der Werra.

Wir haben das Anerkennungswerthe anerkannt, uns des Guten im und am Lande gefreut; verschweigen wir nun auch nicht das, was auf ein anderes Blatt gehört. Was in Thüringen Großes geschah, aus Thüringen Großes hervorging, war nie thüringisch, sondern es war entweder deutsch, wie die große Literaturepoche in Weimar, oder gehörte der ganzen Welt an, wie Luther’s Reformation. Was aber bloß und allein thüringisch war, trug den Charakter der Verhältnisse des Landes, es blieb kleinlich. Thüringen, das deutsche Land der Mitte, ist das Heimathland der Kirchthurmspolitik und der wohlgepflegten Mittelmäßigkeit. Die beschränkten Verhältnisse und Beziehungen der Staaten wirken in einzelnen Richtungen auf die Begriffsgestaltung und Willensrichtung der Köpfe ein. Die Grenzpfähle stehen so eng, daß sich die Leute nicht frei bewegen, sondern immer wie mit der Befürchtung, man könne bei einem kräftigen Schritt einem difficilen Nachbar in’s Gebiet stolpern. Wer Großes, [36] mehr als Thüringisches, in Thüringen anstrebt, hat einen schweren Stand, es wäre denn, er hätte einen Beschützer von Oben, oder die Begabung, sich von Unten den gegebenen Verhältnissen scheinbar anzuschmiegen. Wer mit offenem Schritt sein fernes unverhülltes großes Ziel verfolgt und dazu das Unglück hat, auch mit seiner Lebens- und Staatsanschauung die deutlich angestrichenen Grenzpfähle zu überspringen, für den steht das Procrustesbett bereit. – Die Angst, es könne „aus einer industriellen Maus ein politischer Elephant“ werden, hat schon viel Unheil angerichtet und manchen braven Mann mit gebrochenem Herzen unter den Rasenhügel gebracht. – Wir haben ein theueres Grab hier, darunter ruht Einer, der an den ächtthüringischen Verhältnissen gestorben ist, ein Geist, wie seit Luther kein Zweiter in Thüringen mit der Leuchte der Wahrheit und dem Schwert des Wortes aufgetreten! Unsere Leser kennen ihn, den Gründer dieses Universums, den Genius, welchen die hämischen und launigen Kobolde und Zwerge unter und über der Erde so lange mit Steinen, Knüppeln und Koth bewarfen, bis er seinen Stab nahm und für immer von dannen ging.[1]

Thüringen, und besonders der Thüringerwald, ist dadurch, daß das Dampfroß bis zu dessen Nordfuße vordringt, während der schönen Jahreszeiten reich an nordischem Besuch. Da flötet die weiche Sprache des Ostseebewohners, da singt der süße Sachse, da klappert die berliner Zunge, bauschige Reifröcke rauschen den Wasserfällen des Gebirgs zum Trotz, der Zwicker sitzt im verzerrten Auge, und das milde Urtheil der großen Welt findet Alles so passable, so nett! Die Natur bleibt aber ewig gesund und jung und schön, da lacht die grüne Erde den blauen Himmel so offenherzig an, wie die Augen der schmucken, starken Kinder des Gebirgs Dich anlachen, die Berge tragen ihre Buchen-, Eichen- und Tannenkronen stolz auf den Felsenstirnen, und die Wiesen der Thäler schmücken mit der buntesten Pracht sich und die Quellen und Betten ihrer köstlichen Gewässer. Diese Natur macht sich gar nichts daraus, ob die zweibeinige bezwickerte, verputzte und verzerrte Unnatur noch so wohlwollend und herablassend auf ihr herumsteigt. Ich höre eine Stimme vom Südabhang des Gebirgs her, die singt, was wahr ist:

DerThüringerwald
Ist im Winter gar kalt,
Und die Bäume ganz weiß
Und die Wege voll Eis!

Ihr Leutle, packt auf
Und geht emal ’rauf,
Wenn’s Frühjahr zur Nacht
Die Thürle aufmacht!

Die Blümle! Die Gründle!
Die Wälder! Die Berg’!
Was ist da der Mensch
Für ein lausiger Zwerg!

Die besuchtesten Punkte des Gebirgs sind im östlichen Theile die kaiserliche Schwarzburg und das Felsenspalier des Schwarzathals, die prachtvolle Klosterruine von Paulinzelle, Blankenburg mit den Trümmern des [37] Greifensteins, die Saalestädte Saalfeld, Rudolstadt und Jena mit ihren reizenden Umgebungen; nach Westen hin lockt Ilmenau mit Elgersburg, da hebt das Gebirg seinen Rücken immer höher, läßt das erzdröhnende Suhl tief im Thal erblicken, zeigt den Oberhof auf der Schulter und setzt die hohe Sturmhaube des Inselsbergs auf, dessen steinerne Helmspitze jetzt einen weiten Blick über das Berg- und Hügelmeer in die ebenen Lande hinaus gewährt. Herabwärts geht’s durch das Felsen- und das Drusethal, da winkt schon wieder Reinhardsbrunn mit der frischen schönen Schminke auf der uralten Haut, und dort die berühmte frische und frohe Salzmannschaft in Schnepfenthal, und weiter Eisenach mit seinen Kunst- und Naturmerkzeichen der Sage und der Geschichte: Hörselberg und Wartburg, Venusreich und Sängerkrieg, Tannhäuser und Luther! Und wandeln wir von da schnurgerade nach Süden, so tritt uns in Wilhelmsthal der Geist Karl Augusts und seines Göthe entgegen, noch weiter ragen die Trümmer der Burg Altenstein über den Bergwaldsaum empor, und endlich empfangen und umfangen uns heitere Anlagen, zeigen sich bald leise, bald kräftige Nachhülfen kunstreicher Menschenhand bei den Bildungen und Gestaltungen der Natur, und wir sind, wohin unser Stahlstich uns ruft, im Bade Liebenstein und am Fuße der Anhöhe, welche die Burgreste gleichen Namens trägt.

An einer schönen Stätte auf heimischem Boden soll man den Leser nicht schriftlich herum-, nicht jede Einzelheit ihm beschreibend vorführen. Man soll ihm nicht mehr sagen, als nothwendig ist, um ihn von der Scholle weg, vom Kanapee empor, aus der Arbeitsstube heraus zu reißen, ihn in den Wagen oder in die Reiseschuhe zu bringen, ihm die Familie oder den Reisestock allein mitzugeben. Nun komm’ und sieh Dich selber um! – Aber beleben muß man ihm vorher die Gegend mit den Gestalten der Sage und der Geschichte: dann wird sie ihm leichter selbst heimisch, und manchen Baum, manchen Quell, manches alte oder neue Gemäuer oder Gebäude begrüßt er wie einen alten Bekannten, wenn in seinem Gedächtniß ein Bild der Sage oder der Geschichte mit dem Namen desselben verbunden ist. Folgen wir heute dieser weisen Lehre, die wir uns selbst gegeben haben.

Du bist so gefällig, lieber Leser, auf der Straße von Obergrumbach herzukommen. Von da wandelst Du in einer schattenkühlen Allee zwischen freundlichen Häusern und Parkanlagen zu den Hauptgebäuden des Badeorts Liebenstein. Drehe Dich auf einem Absatz herum, so fliegen liebliche Wiesenflächen, der bewaldete Berggipfel, herrliche Baum- und Felsenpartien und der Bergformenreichthum des Thüringerwalds als Hintergrund wie ein rasch abgerolltes Panorama an Deinen Augen vorüber, und Du weißt, daß, wie mir ein Fremdenführer sagte, Du eine Figur bist in einem reizenden Idyll, welches eines göttlichen Dichters Laune in ein erhabenes Epos verwebte. Jene Allee führt Dich vor das Fürstenpalais, das sich durch Glaskuppel, Säulen, Balkon und geschmackvolle Blumenumkleidung auszeichnet. Dem Palais gegenüber, im sogenannten Langen Bau, kannst Du ein Zimmer finden; ist’s da nicht mehr möglich, so kommst Du im Kurgasthause oder in einem der anmuthigen [38] Häuser des Dorfs unter. Jetzt weiter! Neben dem Fürstenpalais siehst Du das Theatergebäude; da erblickt man das Brunnenhaus und einen Theil des Dorfs. Vor dem Kurhaus ist ein prächtiger Platz, da geht’s allen fünf Sinnen so gut, daß der ganze Mensch froh wird. Das Auge erfreut sich am Blick in das heitere Werrathal, die vortreffliche Musik der herzoglichen Kapelle von Meiningen entzückt Dein Ohr, dieselben Lüfte, welche, über die klaren Gewässer hin und zwischen den rauschenden Blättern der Bäume hindurch wehend, so erfrischend auf Dein Gefühl wirken, tragen die Wohlgerüche des Blumenflors Dir zu, und wenn gar an Sonn- und Feiertagen die bildschönen Töchter des Gebirgs kommen und in ihrer malerischen Tracht vor Dir dahinschreiten, und die kräftigen und sonoren Stimmen des steinbacher Singvereins unter den Baumhallen aufsteigen, da muß auch Dein Geschmack eine stille Freude empfinden über die perlende Gottesgabe! Wenn dies nicht, so bist Du ein krankes Menschenkind, das in die Wanne gehört, und dahin wollen wir sogleich gehen. – Da sind wir wieder am Theatergebäude, und mit diesem ist das Badehaus verbunden. Hier findest Du Wannen von inländischem Marmor, eine Douche, ein Gasbad; auch Sool- und Seesalzbäder sind da zu haben. Zum Trinken des Heilquells gehen wir in das Brunnenhaus, ein heiteres Rund, von einer Kolonnade umgeben, welche die Glaskuppel trägt. Die Quelle, zu welcher eine Steintreppe mit Geländer führt, strömt binnen 4½ Minuten ¼ Eimer Wasser aus, und keineswegs von dem Wasser, welches „es freilich nicht thut!“ Der Surborn (Sauerbrunnen), wie er im Volksmund heißt, ist ein klares, farbloses, starkperlendes, erdig-salinisches Eisenwasser von salzig-prickelndem, tintenartig-zusammenziehendem Geschmack. In einem Pfunde desselben haben berühmte Sachverständige 26 Kubikzoll Kohlensäure, 2 Gran kohlensaures Eisen, 2½ Gran Kalkerde und 2 Gran schwefelsaures Natron gefunden. Es nimmt somit unter den Eisenwassern Deutschlands eine vorzügliche Stelle ein, ist in Ansehung des Geschmacks dem von Pyrmont und Driburg fast gleich, verändert seine Eigenschaften nicht, wirkt (getrunken oder zugleich zu Bädern gebraucht) reizend, stärkend und zusammenziehend auf das Gefäßsystem, die Muskeln, Fasern und Nerven, die Schleimhäute, die äußere Haut, und schafft bei hypochondrischen, hysterischen und vielen anderen Uebeln Heilung. Wem dies Alles nicht genügt, wer sein Heil auf kaltes Wasser setzt, der findet rechts vom Kurhaus die Gebäude der mit allem Nothwendigen, mit Apparaten zu Regenbädern, aufsteigenden Douchen, Quellbädern, Theil- und Sturzbädern, ausgestatteten Kaltwasser-Heilanstalt. Nur Eines findet er in Bad Liebenstein nicht: Spielhöllen! Wer die sucht, muß anderswohin gehen, und „Niemand gibt ihm das Geleit.“

Weil nun, ob dieses Spielhöllen-Mangels, die Kurgäste nicht nur volle Zeit zum Gesundwerden, sondern auch zum Naturgenuß haben, so wollen wir rasch an Allem vorbeifliegen, was dem liebensteiner Gast jene „Salons de jeu“, zu deutsch „Bänke der Schande“ ersetzt. Da gehen wir vom Kurhaus gleich zum Erdfall, einer [39] amphitheatralischen Riesenlaube mit Springquell, Grotte und Bierkeller, einem Feenpalast, wenn er bis hoch zu den Wipfeln der Bäume mit tausend Lampen geschmückt ist. Von da zum Burgberg schreitend gelangen wir zum Bernhardsplatz mit der Fernsicht auf weite blaue Gebirgszüge, und von diesem aus am Tannenwäldchen hin zur Burg, deren Trümmer stolz auf einem Dolomitfelsen thronen. Die Landschaftsbilder durch die Fensterhöhlen sind so in keiner Gemäldegalerie wieder zu finden. Zwischen der Burgruine und dem Bernhardsplatz führt ein Waldpfad zum Felsentheater, das vom edlen Mosengeil (dem ersten deutschen Stenographen) in Abendglockenwehmuthschauern zur „stillen Kirche“ erhoben wurde. Durch den Hain des Burgbergs herabsteigend werden uns die etwaigen mathisson’schen Burgtrümmerreime vom Au- und vom Zigeunerbrunnen weggeschwemmt. Wir stehen an der Kaltwasser-Trinkpromenade und verfolgen sie bis zum Werner’s-Platz. Noch weiter, als da, reicht der Blick bei der Mooshütte am Aschberge: dort liegen über 37 Orte Dir zu Füßen. Von Liebenstein eine gute Viertelstunde ostwärts wandernd, stehen wir vor dem Eingang in das Thüringer Thal mit dem Eselssprung, einer hufähnlich eingepreßten Vertiefung in einen Fels, von welchem D. Luther, nach andern Sagen Christus selbst, auf einem Esel reitend hinab gesprungen ist. Wer von Liebenstein aus Glücksbrunn (Schloß und Ort mit einer großen Maschinen- und Kammwollspinnerei, nebst Musterwirthschaft) und Schweina (einen ansehnlichen Marktflecken) besucht, dem erscheint zwischen den mächtigen Granit- und Dolomitfelsen im Westen das Bild eines steinernen Riesen, der in seinen Mantel gehüllt dasitzt und einen hohen Pokal vor sich hält. Diese Bedeutung jenes Felskolosses erkannte zuerst ein Dichter, der’s verstand, und erzählt, der greise Zecher habe auf dieser Stelle mit goldenem Wein das schön blühende Land leben lassen und sei, den Becher in der Hand, gleich da geblieben. Denn:

„Er stieg nicht mehr herunter
Vom Felsenthron in’s Thal.
Er saß, ein steinern Wunder,
Hoch droben im Morgenstrahl. –

Der Wand’rer, freudeglühend,
Schaut noch den Zecher so,
Die Auen liegen blühend,
Noch seines Segens froh!“

In der Nähe des glücksbrunner Schlosses ist abermals ein schattenkühler Erdfall, uns aber nur des starken Baches wegen interessant, der aus einer Grotte dort hervorbricht. Könnten wir diesem Bache von da in seinem unterirdischen Felsenbette aufwärts folgen, so gelangten wir in die prächtigste Halle der großen Höhlen, die am 28. Juni 1798 hier entdeckt worden sind und über deren, bei voller Beleuchtung, bezauberndes Innere ich gar nichts verrathe. Hier gilt’s, unvorbereitet genießen! – Zu den Herrlichkeiten des Bades Liebenstein gehört aber auch noch das Sommerschloß Altenstein mit seinem großartigen Naturparke und dazwischen den nirgends störenden Gebilden der Menschenhand. Haben wir auf dem Gipfelpunkte des Thurms der alten Burg das Rundbild [40] mit ruhigem Auge umgangen, so verlassen wir die Terrasse und besteigen den Felskegel der Ritterkapelle, schlendern an der großen Linde vorüber zum Wasserfall und zur Sennhütte, lassen uns von da auf die Teufelsbrücke verführen. Von da ist nicht weit zur Stätte der Nauenburg, wohin die Sage jene „lebendige Mauer“ verlegt. Heller leuchtet durch die Geschichte der Bonifaciusfels und die Bonifaciuskapelle. Ein Denkmal der Kindesliebe ist der Blumenkorb auf 60 Fuß hohem Felsobelisk; von da führt ein Schattenweg und ein Grottengang zur Rotunde mit ihrer Ueberraschung. Aber der imposanteste der altensteiner Felskolosse steht am Abhang des nach Glücksbrunn hinab abgedachten Bergvorsprungs: der Hohlenstein, so genannt wegen einer thorartigen Höhlung am Fuße, in welcher eine doppelte Aeolsharfe ihre elegische Zauberei treibt. Wenige Schritte von hier erblicken wir das Morgenthor zwischen den ungeheueren Felsmassen, und wer den Abend auf herzerhebender Höhe will scheiden sehen, der steigt da hinauf.

Dies Alles schmiegt sich dem liebensteiner Bade als Zubehör an. Für den rüstigeren Wanderer bieten sich Berg- und Thalfahrten vom größten Interesse. Nur Tagereisen sind es, die ihn führen nach Marienthal, Salzungen und Krainberg, nach Wilhelmsthal und zu der Wartburg, auf den Inselsberg und in das Drusenthal, nach Wallenburg, Stahlberg und Schmalkalden, nach Meiningen und zum Landsberg. Und wenn der in Liebenstein Genesene aus Dankbarkeit gegen den Thüringerwald den ganzen Rennsteig entlang läuft, so wird auch dieser Lauf ihn nur zu neuem Danke gegen das schöne Thüringen und sein gemüthbeseligendes Bad verpflichten.

Da hat der Leser eine lange Reihe von Namen, aber hinter jedem steckt ein Lockvogel, dem man getrost folgen darf. Belebt sind die meisten dieser Punkte durch zahlreiche Sagen, von denen manche Hand in Hand mit der Geschichte gehen, andere zu ihr hinführen. Die Erzählung derselben würde ein Buch füllen, und wir haben nur Blätter zu bieten. Es müssen ein Paar Andeutungen genügen. Den thüringischen Sagenmann, L. Bechstein, kann der Badegast ohnedies immer hier an der Quelle begrüßen.

Der Gast hat vor Allem die Aussicht, sehr reich zu werden, wenn er die weiße Frau erlöst, die auf der Burg einen großen Schatz hütet. Auch die liebensteiner Teufelsmahten sind berühmt. Der Teufel hat in Einer Nacht die ganze Flur mähen müssen und ist darüber in Verzweiflung gerathen, nach Salzungen entflohen und dort in einen tiefen Tümpfel – die Teufelskutte – gefahren. Da steckt er noch. Tief im Wald bei Altenstein ist die Stätte, wo die Burg Altringelstein stand. Da sprang eine geraubte Braut glücklich hinab; ihr zu Ehren heißt der Bach, der dort fließt, der Brautborn. Aber auf der Stätte selbst geht eine schöne Jungfrau mit einem Schlüsselbund um; von den Flachsknotten, die sie Dir etwa anbietet, nimm ja, das wird lauter Gold! – In den verschütteten Kellern dieser Burg liegen ungeheuere Fässer voll des besten Weins; das Holz der Fässer ist verfault, [41] der Weinstein umzog das edle Naß fest mit einer krystallenen Haut. Bei Glücksbrunn geht gar ein goldener Hirsch um: der zeigt den Reichthum an, der in den verlassenen Schachten der Berge der Erlösung harrt; und wie geht’s gar in den Gruben um! Da gibt es Gnomen und Gnomiden, winzig klein und riesengroß, und schöne und schreckliche Geschichten in Menge. Ueber’m Luthersbrunnen unter dem Gerberstein haben Nonnen, deren Kloster einst dort stand, auch einen großen Schatz vergraben. Eine der Nonnen hat sich dorthin verwünscht und läßt sich als schöne weiße Jungfer sehen. Sie ist besonders Kindern gut und gibt ihnen Beeren und Kirschen und Blumen. Erlöst ist sie noch nicht, ebenso wenig wie ein häßliches Kleeblatt im Flußberg, hoch im Gebirg über Liebenstein: ein Mezger und Wirth, ein Müller und ein Grenzsteinverrücker; die sind von einem Jesuiter und Pöpelsträger dort in ein tiefes Loch gebannt und spielen Karte und raufen sich bis in Ewigkeit. Und was in und bei den großen und kleinen Seen Alles vorgeht! Wie herrlich schauerlich ist das! Gar neckische Streiche üben auch die Wichtelmännlein aus, die in den Grotten und Höhlen hausen. Aber der Bonifaciusthurm, der an dem Bonifaciusfels sich anlehnt, zeigt Dir die wahrhaftigen Fußstapfen eines großen Mannes, und der Luthersfuß, der in einem Stein beim Glasbach sich abgeprägt hat, gibt Dir einen Wink, daß Möhra in der Nähe ist und die Luthersbuche und die Luthersquelle, und wie hoch der Mann im Volke steht, daß er nicht nur ein Held der Weltgeschichte, sondern auch der Sage geworden ist.

Dagegen liegt die Geschichte von Burg und Bad Liebenstein etwas abseits vom breiten Strom der Weltgeschichte, von dem nur hie und da eine Welle verheerend in das Thal schlug. Wer die ersten Steine zum Bau der Burg hat anfahren lassen, weiß Niemand. Vielleicht war es der Rheinpfalzgraf Siegfried, der es mit den thüringischen Grafen gegen Kaiser Heinrich IV. hielt. Einen solchen Erbauer kann sich jede Burg gefallen lassen, denn er wird von den Chronisten als der „allerfreudigste und beherzteste Fürst“ gepriesen. Eine andere noch glänzendere Möglichkeit ist die, daß von den henneberger Grafen, denen das nahe Laudenbach gehörte, des berühmten Minnesängers Otto von Bodenlaube Saitenspiel auch in diesen Hallen erklang. Aus der Blüthezeit des Ritterthums besitzt man nichts Schriftliches über Liebenstein; erst gegen das Ende des 14. Jahrhunderts beginnen die Urkunden mit den üblichen Erb-, Schenk-, Pfand- und Lehenbriefen. Recht hell wird der Burg Geschichte erst durch die Flammen des Bauernkriegs. Ringsum brannten viele Klöster und Schlösser, auch widerspenstige Dörfer, nach dem kräftigen Spruch der Bauern: „Mit gethan oder todt geschla’n!“ Einer der Junker vom Stein zu Liebenstein hörte damals die Pfaffen in Barchfeld nach Anleitung seines Textes Joh. 21, wo Petrus sagt: „Ich will fischen gehen“ den Bauern predigen, daß die Fürsten und Herren gleich den Hechten seien, welche die andern Fische auffressen. In der gerechtfertigten Angst seines Herzens gab der Junker sofort, noch an der Kirchthür, seinen Bauern vollkommene Fischereifreiheit in allen Gewässern seines Gebiets. Und das ganze Dorf zog zum [42] Fischen aus, und der Junker unterschrieb die 12 Artikel des Aufruhr-Manifestes. Als aber die böse Schlacht von Frankenhausen geschlagen war, kam das strenge Gericht auch über die Bauern dieser Thäler, und es blieben ihnen – so spottete der Junker – von den edelmännischen Fischen viele Gräten im Halse stecken. Im schmalkaldischen Krieg rettete sich die Burg durch ihre stärkere Befestigung. Damals saß droben Junker Asmus von Stein, ein Lehensmann des Herzogs Johann Friedrich des Mittleren von Sachsen, der durch die grumbachschen Händel Land und Freiheit verlor und nach achtundzwanzigjähriger Gefangenschaft in Oesterreich gestorben ist. Nachdem sein Vetter August, der Kurfürst von Sachsen, mit dem Reichsheer Gotha, des Herzogs Residenz, genommen hatte, ward auch Liebenstein belagert. Erst nach drei Monaten gelang die Erstürmung der tapfer vertheidigten Burg. Asmus fiel im Kampf, die Burg wurde zum größten Theil zerstört und der Glanz des Hauses war erloschen. Nur einen Theil der Güter konnte Asmus’ Wittwe erhalten, und stellte den Liebenstein nothdürftig wieder her. Ihre Nachkommen hetzte der dreißigjährige Krieg mit über die Schlachtfelder, die Familie schwand zusammen, so daß im Jahr 1676 nur noch eine alte Majorin mit zwei Dienerinnen in den öden Räumen saß. Da fiel die Burg an Herzog Ernst den Frommen, der sie Eulen und Sperbern, Schatzgräbern und Teufelsbannern zum Nachtquartier überließ. Stürme und Wetter fraßen am Dach, bis die Wolken in’s Gemäuer hineinschauen konnten, und so entstand die schöne Ruine, wie sie der Leser auf unserem Bilde über den Bergwald emporragen sieht.

Aber ein schöner Zug der Geschichte ist es, daß die Söhne der beiden Unglücklichen, durch deren Mißgeschick der Glanz Liebensteins auf dem Berge erloschen war, sich die Hand reichten, um ihn im Thale zu erneuen. Ein Sohn jenes Asmus, Hermann, wurde der Liebling des Herzogs Johann Kasimir von Koburg und Eisenach, eines Sohns jenes Johann Friedrichs des Mittlern. Herman bewog den Herzog, den Sauerbrunn unter Liebenstein zu gebrauchen. Derselbe sprudelte damals aus einem Morast bei einem kleinen Teiche unter einem hohlen, überhängenden Weidenbaum hervor und war von jeher von den Landleuten als ein gesundes Wasser getrunken worden gegen alle Krankheiten. Die Heilkraft des Quells schrieben diese natürlich dem alten Weidenstock zu, der mit Gewalt entfernt werden mußte. Man legte die Quelle frei, die 13 Fuß unter dem Morast aus reinem Kies hervorquoll, gab ihr eine schöne Umfassung mit Geländer und Treppe, und schon 1610 erschien die erste gelehrte Schrift des Magister Libavius über den „Kasimirianischen Gesundbrunnen zu Liebenstein“, der Herzog mit zahlreichem Hofstaat, großem Marstall und fünf Hofnarren belebten das bis dahin so stille Thal und zogen vornehme Gäste allerwärts herbei, und Liebenstein war für jene Zeit ein berühmter glänzender Badeort. Da kam der dreißigjährige Krieg, der etwas mehr auf dem Gewissen hat als Liebensteins Verfall. Erst zu Anfang des folgenden Jahrhunderts suchte ein Herr von Fischern das Bad wieder zu heben, erbaute daselbst ein Schloß, das jetzige Kurhaus, pflanzte die wohlthätigen Baumgruppen vor demselben und zog glücklich die fürstlichen Nachbarn [43] wieder als Gäste zur alten Quelle. In seinen jetzigen Stand wurde der Badeort erst gesetzt, nachdem er durch Kauf in den Besitz des herzoglichen Hauses von Sachsen-Meiningen gekommen, und das geschah am 1. März 1800. Herzog Georg, ein Fürst, von welchem sich das Volk noch heute so viel Edles, Originelles und Handfestes erzählt, daß auch er einst ein Mann der Volkssage werden wird, ist der Restaurator des Bades. Er zauberte in die frische Waldnatur ringsum den blühenden Garten. Sein Nachfolger pflegte des Vaters Werk mit Liebe, die Umgebung gewann an Schmuck, das Bad an Reichhaltigkeit und zeitgemäßer Verbesserung der Anstalten; noch im Jahr 1846 wurde sogar 105 Fuß tief eine im Freien springende Mineralquelle erbohrt. Natur und Kunst haben ihre Pflicht gethan, sie spenden Segen für Leib und Seele, und keine Hölle vergiftet Heilung und Heil.




  1. Ueber das Leben und Wirken Joseph Meyer’s erscheint demnächst eine besondere Schrift im Bibliographischen Institut, auf welche wir im Voraus dieses deutschen Mannes zahlreiche Verehrer und Freunde aufmerksam machen.