Der Kopidlansky-Pokal im Stadtmuseum
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Eins der wertvollsten Stücke unseres Stadtmuseums ist der hier abgebildete venezianische Glaspokal aus dem Jahre 1511. Er ist 37,7 cm hoch und reich mit Emailmalerei geziert. Die Cuppa zeigt in Rundmedaillons auf beiden Seiten ein mit geschwellten Segeln fahrendes Schiff, umgeben von kleinen Booten, und zwischen den Medaillons zweimal ein Wappen mit schräggeteiltem, schwarz und silbernem Schild und als Helmzier einen wachsenden Ziegenbock, ebenfalls schwarz und silbern; neben dem Wappen die Namensbuchstaben GY ZK, darunter die Jahreszahl 1511. Der Pokal, der sich seit alter Zeit im Ratsschatze befunden hat, gehört nach Form und Farbenschmuck zu den schönsten Erzeugnissen der venezianischen Glashütten aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts. Eine große Seltenheit ist es, daß auch der Deckel unversehrt erhalten ist. Bei den hervorragendsten ähnlichen Stücken, dem Pokal des Königs Matthias Corvinus von Ungarn und Böhmen im Schlesischen Museum für Kunstgewerbe und Altertümer in Breslau und einem andern in der Sammlung des Barons Moritz von Rothschild in Paris, beide von etwas höherem Alter, aber nicht von so eleganter Form, fehlt der Deckel. Auch die Angabe des Herstellungsjahres ist eine besondere Merkwürdigkeit.
Seit langen Jahren bin ich bemüht gewesen, die Herkunft des kostbaren Glases und namentlich die Bedeutung des Wappens und der Buchstaben zu ermitteln, aber vergeblich. Selbst die namhaftesten Heraldiker vermochten mit dem Wappen nichts anzufangen. Erst vor kurzem ist es dem Direktorialassistenten am Königl. Kunstgewerbemuseum in Berlin Dr. Robert Schmidt, dem Verfasser eines ausgezeichneten Handbuchs über die Geschichte des Glases, durch die Feststellung eines ungarischen Sachverständigen, Paul Ghyczy in Pta. Csendes, ermöglicht worden, den einstigen Inhaber des Wappens und damit den Besteller des Pokals anzugeben[1]: es ist der böhmische Ritter Georg Kopidlansky [222] von Kopidlno. Die Buchstaben bedeuten: GY [ržy = Georg] z [= von] K [opidlna].
Wer war Georg Kopidlansky? Bei uns weiß man nichts von ihm, um so besser kennt man ihn in Böhmen, denn er hat seinen Namen mit blutiger Hand in die Geschichte des Landes eingezeichnet. Die Chronisten und Geschichtschreiber Böhmens wissen von der Raubsucht und Mordgier dieses Ritters böse Dinge zu erzählen.[2]
Der Famile Kopidlansky gehörte im 15. Jahrhundert Burg und Ort Kopidlno, zwischen Gitschin und Prag gelegen. Der Besitzer der Herrschaft im Anfange des 16. Jahrhunderts, Sigmund Kopidlansky, hatte zwei Brüder, Johann und Georg, beide gewalttätige Naturen, wie sie in jener Zeit, in der die Wildheit des alten Husitentums noch ungeschwächt fortlebte, unter dem tschechischen Adel nicht selten waren. Adel und Städte lagen damals in heftigem Streite um ihre beiderseitigen Rechte, insbesondere um die Brau- und Schankgerechtigkeit auf dem Lande. Die zwischen den beiden Parteien herrschende Feindschaft äußerte sich in strengen Maßregeln der Städte gegen Übertretungen der Adligen. Die Prager namentlich ordneten ein schnelles Vorgehen gegen die Verüber von Exzessen und Gewalttaten an. Wer während des Marktes das Friedegebot übertrat, sollte am Leben gestraft werden. Einer solchen Übertretung machte sich am 3. Oktober 1506 der junge Ritter Johann Kopidlansky schuldig, indem er im Streit einen andern Edelmann erschlug. Er wurde gefangen gesetzt, zum Tode verurteilt und noch an demselben Abend unter dem Pranger enthauptet, ohne daß man ihm auch nur den erbetenen geistlichen Beistand gewährte. Mit der gleichen Härte gingen die Pilsner gegen einen ihrer Befehder, den sie überwältigt hatten, vor. Die Erbitterung des Adels gegen die Städter wurde dadurch aufs höchste gesteigert.
Als Georg Kopidlansky, der damals im Dienste des Königs Wladislaw II. von Ungarn gestanden haben soll, von der Hinrichtung seines Bruders erfuhr, schwur er den Pragern blutige Rache. Er verschrieb sein Erbe der Mutter und dem Bruder, nahm durch schriftliche Erklärung vom 18. Juli 1507 seine Entlassung aus dem Landesverbande, wurde ein offener Feind des Landes und tat insbesondere den Pragern unsäglichen Schaden. Diese schlugen nun vor, die Sache auf dem Rechtswege entscheiden zu lassen. „Er kam darauf,“ so erzählt Palacky, „unter Zusicherung freien Geleits nach Prag auf den Hradschin und erklärte sich unter der Bedingung zur Versöhnung mit den Pragern bereit, wenn diese zum Frommen der Seele seines enthaupteten Bruders in Prosik, wo derselbe begraben worden, eine Kaplanei stiften würden. Da jedoch keiner dieser Wege zu Frieden und Einigkeit führte, so dauerten jene schmählichen Vorgänge, deren detaillierte Erzählung das menschliche Gefühl anwidert, noch an zwei Jahre lang. Der fast verthierte Mann gesellte sich einige waghalsige Abenteurer bei und übertraf durch beispiellose Kühnheit und Grausamkeit alles, was man bisher von Räubern und Reiterschaaren gehört hatte; wie ein Überallundnirgends überfiel er die Prager, ihre Freunde und Unterthanen, wo sie sich außerhalb der Stadtmauern blicken ließen, hieb ihnen ohne Barmherzigkeit und Ausnahme Hände, Füße und Nasen ab, brannte und plünderte Städte und Dörfer und verschwand immer wieder, so oft die öffentliche Macht sich zu seiner Verfolgung anschickte. Es hieß, daß er im Notfalle bei einigen Adeligen heimlichen Schutz und Unterkommen fand . . . Was Wunder, wenn in dem Munde des gemeinen Volkes ein solcher Mann bald eine halbmythische Figur, eine Art Dämon wurde. Diese Ereignisse vermehrten die endlosen gleichzeitigen Wirrnisse unseres Vaterlandes.“
Endlich wurde im Jahre 1509 der entsetzliche Raubkrieg, während dessen die Prager durch ihren Dienstmann Wenzel Kawan den Familiensitz Kopidlno geplündert und niedergebrannt hatten, durch das Eingreifen des Königs Wladislaw beigelegt. „Die Hauptartikel seiner Entscheidung waren folgende: 1) Johann Kopidlansky ward nicht um einer Sache willen enthauptet, die seiner Ehre hätte Eintrag thun können. 2) Georg Kopidlansky hat durch seine den Pragern angesagte Fehde seine Ehre nicht geschädigt und der Krieg, den er führte, soll ihm und seinen Genossen nicht weiter im Bösen verhoben werden; die beiderseits erfolgten Schmähungen sollen dem guten Rufe beiderseits nicht zum Schaden gereichen, alle Gefangenen sollen frei entlassen werden. Für die Plünderung Kopidlnos erstanden Elisabeth von Nemyčewes und ihr Sohn Sigmund von Kopidlno bei dem Landrecht 20 000 Gulden, zahlbar vom Prager Stadtrath und Bürgermeister . . . Der König bewog die Prager auf das Urtheil hin, sich zur Zahlung von 5500 Gulden in bestimmten Terminen zu verpflichten, und dabei sollte es sein Bewenden haben. Also alle begangenen Schandthaten und Grausamkeiten, alles Vergießen unschuldigen Blutes und aller unberechenbare Schaden wurden der Vergessenheit übergeben, es handelte sich nur um die [223] Ehre der Parteien, die allerdings Georg Kopidlansky, nicht aber Kawan, vor Beginn des Krieges auf ritterliche Weise sich gewahrt hatte.“ (Palacky.)
Aber noch war die Ruhe im Lande nicht gesichert. Im Jahre 1510 sammelte der Ritter Zdeněk Dobrohost von Ronsperg im Pilsner Kreise eine Räuberschar und trieb mit ihr, gestützt auf die Burgen Herstein und Ronsperg, Straßenraub und blutige Befehdung der Städte. Der Oberstburggraf Lew und die Mannschaft des Pilsner Kreises zogen gegen ihn und eroberten beide Burgen. Unter den Genossen des Dobrohost soll sich auch Georg Kopidlansky befunden haben, der sich wohl zu sehr an das Räuberleben gewöhnt hatte, um sich wieder in die staatliche Ordnung fügen zu können. Über sein Ende erfahren wir nichts Sicheres. Die „Illustrierte Chronik von Böhmen“, die Geschichte und Sage ineinander verwebt, berichtet, er habe die von ihm verteidigte Burg Herstein zuletzt in Brand gesteckt, die Tore geöffnet und sich mit seinen Getreuen wütend und mordend unter die eindringenden Feinde gestürzt, bis er von zahllosen Wunden bedeckt sterbend zu Boden gesunken sei.
Dies scheint aber doch nur eine Sage zu sein, die das unbekannte Ende des gefürchteten Raubritters mit dem Schimmer des Heldentums umkleiden wollte. Kopidlansky kann nicht 1510 umgekommen sein, denn eben unser Pokal beweist, daß er 1511 noch lebte. Es ist doch nicht anzunehmen, daß nach seinem Tode jemand in Venedig einen Pokal mit seinem Namen und Wappen zu seinem Andenken habe anfertigen lassen. Ein derartig geschmücktes Prunkgefäß kann nur zu einer persönlichen Widmung gedient haben. Vielleicht geht die Vermutung nicht fehl, daß er bei der Einnahme von Herstein entkommen und ins Ausland geflüchtet ist. Die Republik Venedig hatte damals für solche Raufbolde in ihren Kriegen mit Frankreich gute Verwendung. Wenn er selbst in Venedig war, konnte er wohl auf den Gedanken kommen, den Seinigen in Kopidlno ein Werk der Kunst seiner neuen Heimat als Lebenszeichen zu senden. Auf eine solche Bedeutung des Pokals weist auch die ungewöhnliche Anbringung der Jahreszahl hin.
Es erhebt sich die Frage, wie der Pokal nach Dresden gelangt sein mag. Wenn man als wahrscheinlich annimmt, daß er nicht direkt von Venedig, sondern aus Böhmen hierher gekommen sei, wird man die Beziehungen Dresdens zu Böhmen, insbesondere zum böhmischen Adel ins Auge fassen müssen. Diese Beziehungen waren am lebhaftesten in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, wo zahlreiche protestantische Adlige, die aus Böhmen vertrieben waren, sich in Dresden vorübergehend oder dauernd niederließen. Unter ihnen kann sich recht wohl ein Glied oder ein Verwandter jener Familie Kopidlansky befunden haben, die damals in Böhmen noch zahlreich vertreten war. Die Herrschaft Kopidlno freilich war bereits vor Mitte des 16. Jahrhunderts in andere Hände übergegangen. Im Jahre 1616 erwarb sie Johann Rudolf von Trczka und von diesem ging sie 1624 durch Tausch an Wallenstein, den Herzog von Friedland, über.[3] Trczkas Tochter Elisabeth war mit dem Grafen Wilhelm von Kinsky verheiratet, der als Getreuer Wallensteins mit diesem und seinem Schwager Adam Erdmann von Trczka 1634 in Eger ermordet wurde.[4] Graf Kinsky hatte 1628 hier in der Moritzstraße ein Haus (jetzt Palais de Saxe) gekauft, das seine Witwe dann noch lange Jahre bewohnte.[5] Es ist nicht unmöglich, daß sie den Pokal aus Kopidlno von ihren Eltern mitbekommen und ihn dem Rate, dem sie für die Aufnahme in Dresden zu Danke verpflichtet war, verehrt hat. Es wäre dann erklärlich, daß er in dem umfangreichen Verzeichnisse ihres Nachlasses, das im Königl. Hauptstaatsarchiv aufbewahrt wird, nicht mit aufgeführt ist.[6]
Vielleicht wird einmal durch einen zufälligen archivalischen Fund auch diese Frage aufgeklärt. Erfreulich ist es jedenfalls, daß jetzt der hohe Wert des Kunstwerks durch die Ermittlung seiner Beziehung zu einer merkwürdigen Persönlichkeit noch eine Steigerung erfahren hat.
- ↑ R. Schmidt, Die venezianischen Emailgläser des 15. und 16. Jahrhunderts, im Jahrbuch der K. Preuß. Kunstsammlungen Bd. 32, Berlin 1911, S. 276 ff.
- ↑ Wenzel Hagek, Böhmische Chronica, deutsch von Joh. Sandel, Prag 1596, Bl. 206 ff. – Franz Pubitschka, Chronologische Geschichte Böhmens, Teil VI Bd. 2, Prag 1798, S. 477 ff. – F. A Wacek, Die Ritter Kopidlansky von Kopidlno, Strzewacz und Radslaw, in J. Hormayrs Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst Jahrg. 7, Wien 1816, S. 515 ff., 541 ff. – Legis Glückselig, Die Blutrache des Kopidlansky, in der Illustrierten Chronik von Böhmen, Bd. 2, Prag 1854, S. 179 ff. – Franz Palacky, Geschichte von Böhmen. Bd. 5, Prag 1867, S. 131, 141 ff., 182 ff., 204.
- ↑ Wacek a. a. O. S. 545.
- ↑ Hallwich in der Allg. deutschen Biographie Bd. 38, S. 537 ff.
- ↑ Fr. Aster, Die Aufnahme der böhmischen Exulanten in Dresden, in den Dresdner Geschichtsblättern Bd. 1, S. 207.
- ↑ Mitteilung des Herrn Lehrer Bergmann.