Der Kreml zu Uglitsch
| Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig. |

Der KREML zu UGLITSCH
Wohin wir auch wandern und blicken, ob in die nächste Nähe, ob in Fernen, wo nur selten der über den Globus hinschweifende Blick sich fest gehalten fühlt durch irgend ein großes Merkzeichen der Geschichte, überall stoßen wir auf Spuren untergegangenen Lebens. Es bedarf’s nicht der Asche eines brennenden Vesuv, um die Stätten eines einst mächtigen Volksverkehrs der Nachwelt für Jahrhunderte zu verhüllen, auch nicht des Sandes der Wüste, welcher die Tempel der Götter, wie die Grabhallen der Könige und die Wohnungen der Armuth verschüttete, noch der Urwälder der neuen Erde, zwischen deren Baumriesen der Forscher die Trümmer großer Städte entdeckt, die Zeugniß dafür ablegen, daß eine hohe Kultur schon undenkliche Zeiten vor Columbus in Amerika geblüht habe. Es genügt, daß ein Land spät mit uns in Verbindung getreten sei, um uns Gelegenheit zu bieten, mehr als ein Herculanum und Pompeji für unsere Kenntniß neu aufzugraben und den unermeßlichen Schatz der Geschichte fort und fort zu mehren.
Zu den räumlich uns nächsten Ländern – die Nähe ist durch den eisigen Hauch der Politik von dort uns oft genug fühlbar gemacht worden – gehört das europäische Rußland, und doch wird es in vieler Beziehung erst jetzt unserer Kenntniß erschlossen. Dies gilt jedoch weniger von den neueren, Schweden, Polen und Türken abgenommenen Theilen des großen Reichs, sondern gerade von seinem Kern, dem ältesten Rußland der Moskowiter. [140] Jene neueren Reichstheile hatten entweder meist schon früher, namentlich durch die Hansa, unserm Verkehre offen gestanden, oder ihre Geschichte beruht auf älteren (wie z. B. von den Völkern am Pontus Euxinus selbst klassischen) Quellen.
Das alte Rußland ward uns erst durch die Hülfsmittel der neueren Zeit aufgethan, und zu diesen gehören vor Allem die Akademien und der Dampf. Jene, von kaiserlicher Munificenz reichlich unterstützt, sandten zuerst ihre Forscher und Sammler für Begründung einer umfassenden russischen Landes- und Volkskunde aus; ihrem einflußreichen und geschützten Wirken gelang die Entdeckung und Rettung mancher wichtigen Urkunden und die Bewahrung vieler Geschichtsdenkmäler in Stein und Pergament. Näher rückte uns dies Alles aber erst, seitdem die Lokomotive von Petersburg bis nach Moskau vorgedrungen ist und das Dampfschiff den Reisenden die Wolga hinauf bis nach Rybinsk führt. Seitdem taucht Stadt um Stadt vor uns auf, wie aus dem Strome der Vergessenheit, aus Vulkanschutt und Urwaldnacht emporgehoben, und überall erblicken wir zwischen dem lebendigen Treiben der Gegenwart die grauen ernst aufragenden Mahner an verschwundene Herrlichkeiten.
Vor ein solches Denkmal führt den Leser, damit er vergleichsweise auch einmal „russische Ruinen“ schaue, unser Bild, das die Ueberreste des alten Kreml von Uglitsch zeigt. Wir müssen auf der Wolga noch über Rybinsk hinausfahren, wenn wir an die Stelle kommen wollen, wo die Koroschitschna sich in sie ergießt und wo die russische Kreisstadt Uglitsch (57° 32′ nördl. Br., 55° 59′ östl. L.) im Gouvernement Jaroslaw liegt. Diese Stadt scheint eine so tragische Geschichte, wie irgend eine in Deutschland, zu haben. Wie alle Fürstensitze, theilte sie zwar die Ehren ihres Herrn und blühte an der Sonne seiner Huld, hatte aber dafür auch alle Unwetter des Schicksals am schwersten mit zu tragen. So erlag sie schon 1370 der Brandfackel des Fürsten Michaels von Twer. Im Jahre 1456 wurde sie von dem Fürsten von Borowsk an den Großfürsten Wassilij Temenj abgetreten, und sie muß in den nächsten anderthalb hundert Jahren ein Liebling des Glücks gewesen sein, wenn die Kunde wahr ist, daß sie vor der letzten Zerstörung durch die Litthauer, im Jahre 1607, nicht weniger als 30,000 Häuser, 150 Kirchen und 12 Klöster gehabt haben soll. Von jener Größe wären die Ueberbleibsel des alten Kreml nun die einzigen Zeugen. Die jetzige Stadt zählt 1100 Häuser, darunter 25 Kirchen, 2 Klöster und 3 Schulen, und, nach dem letzten Census (von 1855), etwas über 10,000 Einwohner. Sie besteht aus drei Theilen: Semljanoï-Gorod (Erdstadt), Possàd und einer Vorstadt; diese Alle mit einem Wall umgeben, der keine Ansprüche auf fortifikatorische Bedeutung macht. Desto bedeutender ist die Industrie, die im Verein mit dem Handel den Wohlstand der Stadt sichert; für Leder, Seife, Papier, Leinwand, Wolle, Getreide, Fleisch, kupferne und zinnerne Waaren ist Uglitsch der Hauptstapelplatz des Gouvernements und liefert für die Schifffahrt auf der Wolga einen stattlichen Befrachtungsbeitrag.