Der Schreckenstein

Der Kreml zu Uglitsch Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band (1860) von Friedrich Hofmann
Der Schreckenstein
Davenport
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DER SCHRECKENSTEIN
AN DER ELBE.

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Der Schreckenstein.




In imposanter Pracht erheben sich die Felswände der Elbe, da, wo sie aus Böhmen nach Sachsen eilt. Auf einer dieser Klippen, einem 600 Fuß hohen Klingsteinfels, welcher sich aus dem Gebirgszuge bis zur Elbe hervordrängt und beinahe senkrecht über den silbernen Wellen steht, lagern die Trümmer der böhmischen Burg Schreckenstein, ein herrliches romantisches Bild, noch immer stolz und hehr auf felsiger Höhe, wenn auch seit lange nicht mehr „den Feinden zum Schrecken“.

Zwischen dem rechts aufgethürmten Burgfelsen, auf welchem die Reste des Hauptgebäudes stehen, und dem am linken Felsenrande sich hinziehenden Vorwerke hindurch, gelangt der Besucher zu einigen steinernen Stufen, welche zu dem höher gelegenen, gothisch gewölbten Burgthore führen; ehedem vertrat die Stelle dieser Stufen eine gesenkte Zugbrücke.

Die Ruinen lassen die Weitläufigkeit und die stattliche gothische Bauart der Burg noch wohl erkennen, der ehemalige Rittersaal vorzüglich zeigt noch Spuren seiner ehemaligen Einrichtung und bietet durch seine Fenster eine prachtvolle Aussicht in das tief unten liegende Flußthal. Zwar ist das Tafelwerk der Wände längst vermodert, die kühne Spitzbogenwölbung gebrochen, der blaue Himmel sieht ruhig hinein und die Sonne durchscheint ganz ungehindert das Innerste der Ritterhalle und der zerstörten Gemächer, aus deren lockerem Gestein Gras und Waldblumen sprießen. Eine Schenkwirthschaft hat sich hier eingenistet, wie ein Sperling im Adlerhorst. Schlichte Tische stehen da gereiht, rohe Holzbänke vertreten jetzt die Stelle kunstreich geschnitzter gothischer Sessel, statt zierlich mit Wappen und Sinnsprüchen ausgestatteter, gewaltiger Humpen, statt der reich ciselirten Silberpokale, klappern thönerne Krüge, klingen einfache Biergläser. Nicht die alten Schreckensteiner sind es, nicht stolze Wartenberger, nicht tapfere Kinsky’s, nicht würdige Sprossen des Hauses Popel, die hier tafeln, Pfahlbürger sind es aus dem nächsten Städtchen, Badegäste aus Teplitz, neugierige Touristen und fahrende Landschaftsmaler. Sonnenschirme und Spazierstöcke aus gebrechlichem Rohr lehnen sich zutraulich in den tiefen Wandnischen, von welchen einst Schwerter, Lanzen und Schilde blinkten.

[142] Das dachlose Gemäuer verlassend, schreiten wir über ausgebrochene Stufen zum Felsgipfel hinan, auf welchem uns das innerste Gebäude mit seinem noch immer hochragenden runden Wartthurme, mit der zerfallenden gothischen Kapelle und eingestürzten Kemnaten fesselt. Ueber Schutt und Steine, welche Moos und Gras bedeckt und Epheu umrankt, durchklettert man die öden Räume, aus denen hie und da der Blick durch einen Mauerriß oder ein gothisches Fenster in die lachende Gegenwart fällt, auf die amphitheatralisch aufsteigenden, pittoresken Bergketten, die braunen Felsen, die sonnigen Rebenhügel (auf denen der Schreckensteiner, einer der lieblichsten böhmischen Weine gedeiht), auf die hier und dort aus dem saftigen Grün hervorlugenden Dörfer und Weiler, auf die Thürme des freundlichen Aussig, auf die denkwürdige Wahlstatt des „Gotteskampfes von Predlic“, wie die Hussiten ihren blutigen Sieg über die Ritter der blonden Katharine von Meißen nannten, auf den silbernen Fluß, der geräuschloß und scheu an des Schreckensteins bemooster Sohle vorüber eilt. Schwanke Nachen gleiten über die Wellen, bewimpelte Fruchtschiffe und mächtige Holzflöße, lang und beweglich wie Seeschlangen. Dort eilt ihnen vorbei, schwarzen Qualm aus seinem Schlot speiend, das Dampfboot Bohemia, ein greller Kontrast zu dem verfallenden Reckensitz, von welchem wir herab blicken; kurz darauf aber sehen wir einen noch schnelleren Mahnboten der Neuzeit heranschnauben: der prag-dresdner Bahnzug brauset vorüber, eine beflügelte Wagenburg der Industrie.

Böhmens Chronik läßt im Jahr 840 die Burg als Grenz-Veste errichten. Von den Geschlechtern, welche seitdem da oben gehaust haben, ist wenig mehr bekannt, als daß sie, die Thorwarte des Landes, mit den geharnischten Buschkleppern, welche die Elbe auf und ab ihr Wesen trieben, in beständiger Fehde lagen und dafür von der Elbschifffahrt einen einträglichen Zoll erhoben.

Im Frühjahre 1426 erfüllte Waffenlärm die Gegend. Um diese Zeit finden wir Wlasek von Kladno als Herrn auf Schreckenstein, einen eifrigen Katholiken und einen der vornehmsten Parteigänger K. Sigismunds. Letzterer hatte Aussig nebst andern böhmischen Städten an Friedrich den Streitbaren von Meißen verpfändet und dieser meißnische Truppen in dieselben gesetzt. Die Taboriten und Waisen zogen im Frühling 1426 in Nordböhmen umher, die meißnischen Besatzungen zu vertreiben. Katharina von Meißen, Friedrichs entschlossenes Weib, rief in ihres Gemahls Abwesenheit ein bedeutendes Heer zusammen, das schwerbedrängte Aussig zu entsetzen und weiter in Böhmen vorzudringen. Ein Heer, welches auf 70,000 Mann geschätzt ward, darunter die Blüthe der meißnischen und thüringschen Ritterschaft, zog in drei mächtigen Haufen gegen Aussig, aber die in den umliegenden Bezirken zerstreuten Böhmen, schleunige Waffenhülfe aus Prag entbietend, sammelten sich zeitig genug, den Schaaren des Ritters Wresowec beizustehen. Die Böhmen besetzten, 25,000 Mann stark, eilig die Höhen bei den Dörfern Predlic und Herbic. Am Morgen des 14. Juni kam es zur Schlacht; sie war eine der blutigsten und für die Böhmen rühmlichsten im ganzen Verlaufe der Hussitenkriege. [143] Der erste Angriff der an Zahl überlegenen Meißner war fürchterlich. Im ersten Anprall rissen sie die vorderste Reihe der hussitischen Wagenburg nieder, von der zweiten jedoch empfing sie ein mörderisches Feuer aus Haubitzen und Feldschlangen, welche die Böhmen meisterlich zu bedienen wußten. Mit wildem Geschrei stürzten die Taboriten in die Gassen, welche ihr Geschütz in den feindlichen Massen gelichtet hatte. Ein Verzweiflungskampf entbrannte. Die Dreschflegelgarde Prokops that Wunder der Tapferkeit und „wo die Waisen dreinschlugen“, heißt es in einem alten Liede, „dort floß das Blut in Strömen.“ Endlich wendeten sich die Meißner nach verzweifeltem Kampfe zur Flucht; müde vom Schlagen und verschmachtend vor Hitze und brennendem Durst, wurden sie schaarenweise die Schlachtopfer der Verfolger. Die Dörfer Predlic und Herbic wurden angezündet, und viele Meißner verbrannten in deren Häusern, in welche sie sich geflüchtet hatten. Beide Parteien hatten sich vor der Schlacht zugeschworen, keinen Pardon zu geben. Bei Predlic waren vierzehn Grafen und Hauptleute der Meißner von ihren Streitrossen gestiegen, steckten die Schwerter vor sich in die Erde und knieten um die große Meißner Heerfahne, um ritterliche Haft zu bitten, aber vergebens; sie fielen allesammt unter den Streichen der erbitterten Taboriten und Waisen; nur den Edelknaben, welche seitwärts bei den Pferden standen und die Stechhelme ihrer Herren hielten, schenkten die Sieger das junge Leben. Das Heer der Böhmen hatte einen verhältnißmäßig unbedeutenden Verlust erlitten. Die Meißner aber ließen 15,000 Gefallene auf dem Schlachtfelde, darunter 23 Bannerherren und sieben Grafen. Die Elbe war an diesem Tage vom Blute der Erschlagenen geröthet.

Die Herren von Schreckenstein mußten, um sich die Burg zu retten, nach jener unter ihren Fenstern geschlagenen Entscheidungsschlacht den Hussiten Bundesfreundschaft geloben.

Im dreißigjährigen Kriege besetzten im Jahre 1631 die Sachsen unter Arnheim den Schreckenstein, im Jahre 1634 die Schweden unter Banner, im Jahre 1639 ein Streifkorps vom Heere Torstensons und im Jahre 1648 des Obristen Coppy schwedisches Raubgesindel von der königsmarkschen Armada. Vom dreißigjährigen Kriege ab, wurde der Schreckenstein nur selten bewohnt und verfiel allmählig. Im siebenjährigen Kriege waren nur noch einzelne Gebäude unter Dach und ein Theil der Burg bewohnbar.

Während die Preußen im Jahre 1756 Aussig besetzt hielten, hatte sich eine Abtheilung Kroaten auf dem Schreckensteine eingenistet. Die kühnen Rothmäntler neckten den Feind durch häufige Ausfälle und Streifzüge und erschossen bei einem solchen den preußischen General Zastrow. Die Preußen griffen endlich die halbverfallene Burg energisch an, vertrieben die kroatische Besatzung, und ließen ein Kommando unter Major Eminger oben zurück. Nach der siegreichen Schlacht bei Kollin zogen die Kroaten wieder vor Schreckenstein, eroberten die Burg, und nahmen den Major Eminger mit 200 Mann Preußen gefangen.

[144] Diese kriegerischen Scenen verscheuchten die letzten Bewohner des halbverfallenen Schreckensteins, und Zeit und Wetter vollführten fortan unaufgehalten ihr Zerstörungswerk. Wie das verwitternde Skelett eines mächtigen Giganten, starren nun Schreckensteins Ruinen von ihrer Klippe herab in den silbernen Strom, den diese Burg einst beherrscht, nicht etwa als ein Schlupfwinkel und Schlagbaum kühner Raubgenossen, sondern als ein stolzer Sitz der Tapferkeit und eine Brustwehr des Böhmenlandes, treu wachend an dessen wogender Pulsader, der herrlichen Elbe.