Bregenz (Meyer’s Universum)
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BREGENZ
Im östlichsten Winkel des Bodensee’s, auf der westlichsten Spitze der österreichischen Lande, liegt es vor uns, und hinter ihm das Hochgebirg von Vorarlberg und der Schweiz, und vor ihm der Spiegel unseres herrlichen Schwabenmeers – dieses reizendste Fleckchen der deutschen Erde, wohl werth, daß man Beides von ihm kennen lerne, das Land und die Leute.
Vorarlberg ist der letzte Rest schwäbischen Besitzthums des Kaiserhauses, und so fest blieben in diesen Bergen die alten Familienzüge der Völkerschaften erhalten, daß noch heute der alemannische Vorarlberger neben dem nächsten landsmännischen Nachbar, dem Tiroler, als ein Anderer dasteht mit besonderen Eigenthümlichkeiten und bewußter Selbstständigkeit. Dreihundert Jahre Unterthanengemeinschaft haben beide österreichischen Völkerstämme einander nicht näher gebracht; noch heute fühlt der Tiroler sich abgestoßen von dem weltklügern Vorarlberger, der ihm der Freisinnigkeit und Ketzerei verdächtig erscheint und dem er Mangel an Aufrichtigkeit vorwirft, während der rührige Vorarlberger die trübselige Kopfhängerei und Demuth seines östlichen Gebirgsnachbarn belächelt und sich dem Schweizer verwandter fühlt, als überhaupt dem Oesterreicher und dem Bayern.
Wer aber kann von irgend einer Richtung heute die Grenze Oesterreichs betreten, ohne allenthalben derselben Erscheinung zu begegnen, und wer kann dieses große Reich betrachten, ohne erschüttert zu sein von den unerbittlichen Folgen der Vergangenheit! Ja, je begeisternder an dieser Stätte die Natur zu uns redet, je berauschendere Bilder die Silberspiegel ihrer Seen und Gletscher im frischen Rahmen der Auen und des Himmels uns vorzaubern, desto näher überkommt unser Herz der Zorn, der zu Gericht sitzen möchte über eine Starrköpfigkeit im Irrthum und Zähigkeit in der Selbstsucht, die so entsetzliche Thatsache möglich machen konnten, – die Thatsache, daß eines Reichs Hauptstadt wie ein feindlicher Dämon gerade gegen die Völker sich dräuend erhebt, welche die unerschütterliche Schutzwehr seiner Grenzen sein sollten! Und diese Völkermauer, anstatt sein Schutz zu sein, ist sie gerade des Reiches größte Gefahr, denn nicht gen Wien ist das Auge des Volks gerichtet, wo es die Burg seiner Zuversicht und seines Vertrauens erblicken sollte, sondern mit centrifugaler Gewalt strebt sein Herz dem Nachbar jenseits der Grenze zu, als ob ein böser Geist im Innern rase. Nicht nur Venedig, auch Südtirol streckt die [134] Arme sehnsüchtig nach Italien aus, in dem undankbaren Triest herrscht der fremde Geist, und die Freiheit von Montenegro strahlt dem Dalmatiner heller, als der Glanz der Hofburg in Wien. Die Kroaten träumen vom Panslavismus und hängen, gleich den Slavoniern, des russischen Kaisers Bildniß neben das Konterfei ihres Schutzheiligen. Der Grenzer steht nicht mehr feindselig am Donauufer, seitdem sein Erbfeind, der Türke, nur noch ein galvanisirter Leichnam ist, und er begrüßt im verfolgten Rajah einen armen, verwandten Bruder und beneidet den Serben um sein stolzes Selbstgefühl. Gegen Norden aber wird die Kluft noch tiefer zwischen Wien und dem Grenzlande jenseits der Karpathen, da sind für Liebe und Treue die Wege verschneit, so lange noch in polnischer Zunge auf Erden gesprochen wird, oder so lange das Glück der Völker nicht Eins ist mit dem der Throne.
Es wäre ein schweres Unrecht, zu behaupten, es sei je in Oesterreich nicht die Absicht des Throns gewesen, das Glück der Völker zu begründen, oder gar die Absicht, es nicht zu begründen. Die Geschichte zeigt uns eine unendliche Reihe von Gesetzen, Verordnungen, Maßregeln und Thaten, deren ausgesprochener Zweck kein anderer war, als „das Wohl der Unterthanen.“ Aber wie? Jedermanns Thun und Lassen in einen möglichst engen Kreis, in einen möglichst schmalen Kanal der Pflichten, der Bildung und Umsicht festzubannen, das war §. 1. der Staatsweisheit. Aus der Beschränkung aber erwuchs eine Beschränktheit, die dem Verlangen nach stets wachsender Steuerkraft schlecht entsprach. Wiederum sollten unzählige behördliche Anweisungen abhelfen; aber dicht neben dem Unterrichtenwollen erhoben sich geweihete Finger gegen jede geistig freiere Regung: bis hieher und nicht weiter! So stak dort fortwährend der Geist der Völker in der Zwickmühle ängstlich zugemessener Belehrung und rücksichtsloser Censur. Je verbotener aber die Frucht, desto emsiger ward sie vom wißbegierigen Volk gesucht. Von „draußen“, aus dem Reiche drang allerlei Kenntniß und Erkenntniß neben den Schlagbäumen in das Land. Weil jedoch diese Bildung gesetzwidrig, weil sie eingeschlichene Kontrebande war, so mußte man von oben herab thun, als wisse man nicht, daß man unten so Vieles weiß. Dadurch entstand eine Sprachverwirrung, die endlich so weit führte, daß Regierung und Völker in fortlaufendem gegenseitigem Mißverständniß befangen waren. Das Volk stand der Regierung mundtodt gegenüber, es durfte kein Urtheil über ihre Handlungen wagen, obwohl es ihm weder an Einsicht, noch an Gelegenheit dazu gebrach. Der blinde Glaube sollte von der Kirche in das politische Leben des Volks hinübergeführt werden. Da aber die irdischen Dinge dem Blicke der Menschen nicht so weit entrückt sind, wie die himmlischen, so konnte der Glaube nicht bestehen, wo die Augen hell das Gegentheil sahen, zumal die Aepfel vom Baume der Erkenntniß dem Volke von allen Grenzen hereingeworfen wurden.
Wenn eine solche theatralische Behandlung der Politik vielleicht für den Charakter und Civilisationsgrad der Franzosen geeignet ist oder in fester Hand wenigstens eine Zeit lang gut thut, so erblicken wir in ihr ein großes Unrecht den Völkern Oesterreichs gegenüber, die theils, wie die Deutschen und Ungarn, zu ehrlich, theils, [135] wie die Mehrzahl der Slaven, zu ungebildet für solch ein Spiel sind. In dieser Beziehung besonders befand sich die Regierung Oesterreichs bisher auf einem schlimmen Irrwege.
Wo aber die Irrwege erkannt sind, da sollte der rechte Weg zum Heil von Staat und Volk nicht so schwer zu finden sein. Und man findet ihn ohne Mühe, wenn man nicht die Leuchte selbst verlöscht. Dem Volke nur das Schloß vom Munde, und den Regierungen wird die Binde rasch von den Augen fallen! –
Zwei Dinge sind es, für welche Völker zu begeistern und für welche sie zu jedem Opfer bereit sind: Vaterland und Freiheit. – Jedoch der Staat, weil ihn eine Krone beherrscht, macht noch nicht das Vaterland aus. Der Mann auf den ionischen Inseln und in Gibraltar läßt nicht Großbritannien, der in Schleswig nicht Dänemark, der in Nizza und Korsika nicht Frankreich, der in Posen nicht Preußen, der in Polen nicht Rußland als sein Vaterland leben. Sein Vaterland umfaßt dasjenige Stück Erde, auf welchem er geboren ist, soweit es von dem Volke seiner Sprache bewohnt wird. Man sträube sich, wie man will, gegen die Nationalitätspolitik: die Nationen sind von Gott geschaffen, die Staaten von Menschenhand gegründet, und Gottes Werk allein hat ewige Dauer. Wenn darum weder der Pole noch der Italiener, weder der Ungar noch der Slovene den Becher für Oesterreich als sein Vaterland erhebt und selbst die beamtliche Begeisterung in offizieller Pflichtschuldigkeit nicht bis zum ganzen Reich, sondern nur bis zur höchsten Person des Reichs emporsteigt, so beweist das am deutlichsten den Mangel am wesentlichsten Erforderniß eines festen Staatsbaues. Polen, Italiener und Slaven suchen ihr Vaterland außerhalb Oesterreichs, und selbst der deutsche Oesterreicher blickte schon einmal nach der Paulskirche in Frankfurt am Main erwartungsvoller, als nach der Hofburg in Wien. – Kann aber ein Staat diesen Mangel ersetzen? – Man entschädige die Völker, denen man kein Vaterland reichen kann, mit Freiheit. Oesterreich gebe den Ungarn, was es ihnen Höchstes geben kann: ihr Vaterland; und es gebe Deutschen, Polen, Italienern und Südslaven das Höchste, was es diesen bieten kann: verfassungsstaatliche Freiheit; dann und nur dann wird über den bunten Fahnen all der verschiedenen nationalen Landtagshäuser die Reichsfahne prangen Allen zur Ehre und zum Schutz. – Kein Volk ist unempfindlich für das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit einer großen Gemeinschaft, nur müssen ihm aus derselben nicht ausschließlich größere Lasten erwachsen; ein jedes Volk freut sich seiner Einheit mit einem an Gebiet, Macht und Ehre großen Staate, nur muß ihm dieser Staat auch größere Mittel und Wege zu seiner Wohlfahrt und größere Sicherheit der nationalen Selbstständigkeit und der persönlichen Freiheit bieten. – Wenn der Pole in Galizien und Krakau, der weder von Rußland noch von Preußen den Geist seines Volksthums geachtet und gepflegt sieht, diese Achtung und Pflege unter dem Kaiserscepter Oesterreichs gefunden, und zwar im Verein mit bürgerlichen und politischen Einrichtungen, und einer geistigen Erziehung, wie sie dem alten Polen geradezu unmöglich waren, so würden für den Kaiser keine treuere Kämpfer gegen einen nordischen Feind erstehen, als diese Polen. Wenn [136] die Slaven im Süden des Reichs, Dalmatiner, Kroaten, Slavonier u. s. w., die noch in den glücklichen Kinderschuhen des Volkslebens wandeln, unter weiser und liebevoller Anleitung der Krone ihr Volksthum ausbilden und zum Bürgerthum sich erheben könnten, geschützt in ihren Rechten und in ihrem Erwerb gegen jede Verletzung im Innern und durch die Macht des Staats ihres gesicherten Eigenthums und Lebens froh, – wo wäre der Boden, den die panslavistische Verführung finden könnte? Wenn in den italienischen Landen zu rechter Zeit nicht bloß für die möglichste Steuerkraft, für treffliche Straßen, Kanäle und Eisenbahnen allein gesorgt worden wäre, wenn die Krone den außerordentlichen Vortheil, den ihr das klägliche Beispiel des benachbarten Kirchenstaats und die politische Ohnmacht der anderen Klein- und Mittelstaaten geboten, in der rechten Weise ausgebeutet: wenn sie durch freie Institutionen den Stolz des Volks geweckt und genährt hätte, so würden die klugen italienischen Rechner auch den Vortheil eines so mächtigen Schutzes ihres Wohlstands gewürdigt haben: hätte sie den Italienern der Lombardei die Freiheit gewährt, so würde diese nicht durch die Freiheit ihr entrissen worden sein. – Wenn das Kaiserthum nicht abermals in Ungarn die Vaterlandsliebe polizeilich unterdrückt und als Majestätsverbrechen bestraft, sondern wenn es dieses köstliche Kleinod ehrt, wenn es den Nationalstolz des Ungarvolkes selbst zu ehren versteht, so darf heute noch der Kaiser, der dort König ist, mit gleicher Zuversicht, wie weiland seine große Ahne Maria Theresia, an das Schwert seiner Ungarn schlagen, wenn ein Feind die Grenzen des Reichs bedroht. –
Was von den genannten fremden Völkern Oesterreichs gilt, gilt auch von den deutschen: sie werden nicht mehr Preußen, Sachsen, Bayern um ihre Verfassungen beneiden, wenn ihnen eine österreichische für die deutschen Länder des Kaiserstaats gewährt wird, und auch Vorarlberg wird, selbst dem freien Schweizer gegenüber, mit dem Stolze der Genossenschaft eines großen, freien Völkerbundes unter dem Schutze einer mächtigen Krone, seinen Kaiser freudig leben lassen.
Wie strahlen vor solchem Bilde die Berge und der See! Nur wenn das Herz froh ist, spiegelt das Auge die Herrlichkeiten der Erde wider; wem aber kann in einem Reiche, in welchem – – –
So weit war geschrieben, und der begonnene Satz sollte mit den Worten enden: – in welchem schon das Besprechen freien Verfassungswesens für gefährlich erkannt und den Zeitungen verboten wird! – Da kommt die Kunde von dem Manifeste des Kaisers zu uns.
Sie kommt, obwohl längst ersehnt, dennoch unerwartet, diese Kunde von dem doppelten Ereigniß, daß Absolutismus und Centralisation in Oesterreich mit einem Federzuge vernichtet seien. – Warum jubelte nicht jede freie Seele laut auf bei solcher Kunde? Was drückte die Freude nieder? Welcher Schatten stellte sich zwischen den Kaiser und die Völker? – Es gibt in der Gegenwart Namen, deren Zug unter jeder Urkunde, und wäre sie vom edelsten Willen diktirt, immer den Verdacht der Unlauterkeit erregt. So auch hier. Dieselbe Hand, welche die [137] Verfassung des braven Hessenvolks zu Boden warf, hat hier ein verfassungs-ähnliches Schriftstück unterzeichnet, das einen völkerreichen Staat beglücken, ein sinkendes Reich erheben soll: kann eine Gabe rein sein, die von solcher Hand kommt? – Es ist nicht möglich, daß Trauben wachsen am Dornstrauch. – So grollten wir im Stillen, auf die verheißenen Landesstatute harrend, aber immer mit der fast ängstlich begütigenden Hoffnung, daß das Gegebene besser sei, als des unwillkommenen Namens Klang.
Da kam zum Manifeste und den Beischriften, welche den Triumph der Ungarn bezeugten, als Erstes das Statut für Steiermark und der Vorhang fiel für unsere Hoffnung und unsere Freude. Das aschgraue Mittelalter stieg, stolzierend in der ständischen Uniform, an das Tageslicht der Gegenwart, vorauf die Geistlichkeit, dann der Adel, dann einige wohl filtrirte städtische Vertretung und ganz hinten einiges mehrmals durch den Wahl- und Reinigungstrichter durchgelaufenes Volk. Und für jedes Ländchen solch ein Ständchen! – Und wie sie sind, diese Stände, so ist auch ihr Dürfen und ihr Sollen: Keine freie, ehrliche, offene Vertretung der deutschen Völker Oesterreichs vor ihrem Oberhaupte und vor der Welt, sondern eine Anzahl gesetzlich streng von einander geschiedener regierungsbevormundeter Volksbeamtenversammlungen für allerinnerste Angelegenheiten! – Und, damit in der Jesuiten-Farçe auch der Hanswurst nicht fehle, dazu die befohlenen Illuminationen, welche der Hofburg zu Wien die Begeisterung der Völker im ganzen Reiche vorlügen sollen!
Leider war unser Artikel demnach nicht vergeblich geschrieben; wir beharren bei ihm Wort für Wort und rufen es nur um so lauter dir zu, du armes schönes verblendetes Oesterreich: so sicher du nicht ablässest, Wind zu säen, so sicher wirst du Sturm ernten!
Schade um das schöne Land und Volk, daß wir’s nun nicht mit frohen Augen beschauen können. Das bittere Gefühl abermaliger Täuschung verhängt alle lachende Herrlichkeit mit dem Flor der Volkstrauer, und ständen wir nicht vor ihr, wir suchten sie diesmal nicht auf, die freundliche Stadt unseres Bildes.
Ich besuchte Bregenz von Lindau aus. Von dieser hellen und heitern Stätte trägt uns der Dampfer der waldigen Gebirgsbucht zu, nachdem wir an der schönen Villa Leuchtenberg vorüber gefahren sind. Je näher dem Seehafen von Bregenz, desto großartiger entfaltet sich das Amphitheater der Hügel und Berge, und endlich begrüßen wir die Stadt am Fuße des Gebhardsberges, an dem sich ihre gesunden alten Glieder wohlhäbig emporstrecken.
Bregenz ist ein Städtchen von etwa 3300 Einwohnern und zerfällt in die untere und obere Stadt. Die untere Stadt war ursprünglich eine Fischeransiedelung, klein und ärmlich, bis der Wohlstand sich hier niederließ und die eigentliche Stadt mit den zahlreichen Behörden, Aemtern und öffentlichen Anstalten hierher verlegte. Als [138] eine neuere Anlage hat sie weder Mauern noch Thore, und so gehören auch ihre Sehenswürdigkeiten mehr der Gegenwart als der Geschichte an. Hier finden wir, außer den öffentlichen Gebäuden des Staats und der Bildungs- und Wohlthätigkeitsanstalten, einige Fabriken von Bedeutung, das Schützenhaus als besuchswürdigen Vergnügungsplatz und die Kornhallen, beide am See und letztere seit dem Jahre 1548 jeden Freitag eine belebte Stätte für den Getreide- und Wochenmarktverkehr. Eine Kapelle am See erinnert an einen großen Sieg der Bregenzer über die Appenzeller im Jahre 1408, durch welchen die belagerte Stadt mit Hülfe der Ritter des schwäbischen St.-Jörgen-Schildes von schwerer Bedrängniß gerettet wurde. Diese Belagerung widerfuhr jedoch der obern oder alten Stadt, zu welcher wir jetzt hinaufsteigen.
Die obere Stadt, auf einem freien von zwei Bächen bespülten Hügel stehend, zeigt der Gegenwart noch stolz ihre Umfassungsmauern in alter Originalität. Nur die Außenwände sind gefallen und von den innern Bauwerken der Vorzeit das Rathhaus und die Burg der Grafen von Montfort, die hier residirten. Die Alterthumsforscher vermuthen aus einigen Ueberresten die Stätte eines römischen Kastells, denn man findet hier, wie auf der Stelle, auf welcher man die Ueberbleibsel vom alten Brigantium zu suchen hat (am Wege nach Lautrech, auf dem sogenannten Oelrain bis zur Riedenburg hin), noch viele und zum Thell sehr werthvolle römische Alterthümer. Zwischen der oberen Stadt und dem Kloster der Dominikanerinnen zu Thalbach erhebt sich auf einem reizenden Hügel die Pfarrkirche zu St. Gallus, in welcher der Reisende gern bei einzelnen Grabinschriften verweilt; so beginnt vom alten tapfern Oberst Schoch, der in der bregenzer Geschichte des dreißigjährigen Kriegs eine Rolle spielte, eine Grabschrift:
Allhier in diesem Loch
Liegt Oberst Kaspar Schoch etc. etc.
Prachtvoll ist von diesem Friedhofe der Blick über den See und in das Rheinthal und rückwärts in die waldreiche Schlucht des Pfändergebirgs; noch umfassender aber finden wir ihn, wenn wir an dem Monumente des Feldmarschalllieutenants von Hotze (fiel im Jahr 1799 bei Schännis) vorüber den nächsten Weg auf den Gebhardsberg einschlagen. In einer halben Stunde erreichen wir die Felsenkuppe, auf welcher einst das Schloß Hohenbregenz prangte. Jetzt erinnern nur noch wenige Trümmer an dasselbe, und ein weithin berühmtes Wallfahrtskirchlein leuchtet mit seinen schlanken Thürmchen über dem grauen Gemäuer. Neben dem Kirchlein steht ein Wirthshaus mit einem Altane über jäher Höhe. Hier ist die Fernsicht nach drei Seiten frei und überraschend großartig, wenn sie auch die auf dem 3360 Fuß hohen Pfänderberge, dem letzten westlichen, fast ganz isolirten Ausläufer der vorarlbergischen Alpen, bei Weitem nicht erreicht. Wir sehen vor uns den See in seiner ganzen Länge bis nach Konstanz und bis an den Untersee, rechts das lachende Schwabenufer, links von der Rheinmündung bis Rheineck, wo die St. Galler Vorberge die Fortsetzung des Seeufers verbergen. Ein tiefer Grund, aus [139] welchem die Bregenzerach hervor- und dem See zustürzt, scheidet den Bregenzerwald von den Vorarlbergen. Drüben öffnet sich das Rheinthal mit seinem Kranze von Hochgebirgen, und dorthin soll man beim Sonnenaufgang blicken, um die werdenden und vergehenden Farben, Formen und Lichter, im Thal und auf Höhen, eine täglich neue Schöpfung, zu bewundern.
Der Bodensee und sein Uferland gehören, wir wiederholen es, zu den schönsten Stellen der Erde. Hier ist Alles vereinigt, was Auge und Herz am höchsten entzückt: des Hochgebirgs Majestät, die Thäler und Ebenen, wo „wie ein Garten das Land zu schauen ist“, die Pracht eines großen Wasserspiegels, und dies Alles in edelster Harmonie. Wir scheiden darum ungern von unserem Schwabenmeere, aber mit der Hoffnung, recht bald durch ein anderes Bild dahin zurückgeführt zu werden.