Der Obelisk von Luxor in Paris
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DER OBELISK VON LUXOR
auf dem Eintrachtsplatz in Paris.
Was thust du hier, du starrer Zeuge des Uranfangs der Geschichte? Was willst du, Bote des ägyptischen Schattenreichs, hier unter den Lebendigen? Was hat dich herauf beschworen aus der Zeiten Abgrund, was dich aus deinem stillen Palmenhaine in die lärmende Gegenwart geführt? Geheimnißvolle Zeichen, Schlangenstab und Hermesschlüssel, sehe ich eingegraben auf deinen Seiten: – tratst du vielleicht als Priester des Verhängnisses unter uns, oder willst du, als Wahrsager und Zauberer, den Völkern ihre Geschicke verkündigen?
Wenn du das könntest! Wenn du die Zeichen und Linien deuten könntest, welche den Nationen in die Hände geschrieben sind! Wenn du lesen könntest ihre Schicksale in den Sternen und im Stande wärst, uns die Früchte bei Namen zu nennen, welche aus diesem Keimen und Wachsen, Sprossen und Schossen, Knospen und Blühen des Völkerfrühlings hervorgehen werden! Wenn du, klüger als ein Champollion, die Hieroglyphen zu entziffern wüßtest, welche an den Pforten unserer Zukunft stehen, und im Stande wärst, die Nebelgestalten deutlich zu machen, welche auf- und niedersteigen am Gesichtskreise und bald mit Schrecken, bald mit Hoffnung erfüllen!
Aber du kannst keins von dem Allen! Du bist hergekommen als der elende Sklave der Tyrannei und der Arglist, welche die Völker betrügen und die Geschichte fälschen; du bist nichts, als ein verächtliches Werkzeug der prahlerischen Eitelkeit der Herrscher, wie die meisten Monumente deines Gleichen. Der vor Jahrtausenden im fernen Nillande dich aufgestellt hat, damit du die Lüge seines Ruhmes fernen Zeiten erzählen sollst, war vielleicht kein Besserer, als der herzlose Satrap, der dich niederwarf, und der fremde König, der dich in seiner Hauptstadt wieder aufrichtete, um der eitlen Ruhmsucht des nämlichen Volkes zu schmeicheln, das zu berücken die Aufgabe seiner ganzen Regierung war. Der Obelisk von Luxor hat in seiner Erscheinung aus dem Pariser Konkordienplatz Nichts, was den Menschen erfreuen, Nichts, was den Patrioten erheben, Nichts, was für die Motive Achtung erwecken, Nichts, das mit dem Zwecke aussöhnen könnte. Es ist eben nur ein Altar für den Götzen „Gloire,“ dem das französische Volk so oft schon die Heiligthümer seines Besitzes: – das Blut seiner Söhne, die Freiheit, das Recht und die Gerechtigkeit zum Opfer brachte.
[44] Mehemed Ali, Vicekönig von Aegypten, schenkte Karl X. die beiden Obelisken, welche den Eingang des großen Tempels von Luxor auf der Stätte des alten Theben zierten. König Karl entsendete eine Expedition, um den einen dieser 72 Fuß hohen Monolithen abzuholen. Glücklich gelangte er nach Havre, wo er auf ein flaches Fahrzeug übergeladen wurde, das ihn nach Paris führen mußte. Hier, als er in Gegenwart der über den Fremdling erstaunten Bevölkerung auf den Kay gehoben werden sollte, platzte die Maschine und der Koloß fiel in den Strom. –
Da lag der Sohn der Sonne im Schlamm den ganzen Winter hindurch und erst im nächsten Jahre wurde er seinem schmutzigen Bette enthoben und an den Platz geschafft, wo er sich jetzt befindet. – Wird der Obelisk, der vier Jahrtausende auf seinem alten Fußgestell in Theben gestanden hat, auch so lange auf seinem neuen bleiben? oder wird nicht ein Tag kommen, wo Aegypten ihn wieder wegholt, wie einst die Preußen ihre Viktoria wiederholten und Venedig seinen Löwen von St. Markus? Wer will das Ende vorhersagen des Streits mit den afrikanischen Atlantiden, in den Frankreich sich einließ? wer will die Entwickelung jenes thatenreichen, großartigen, gewaltigen Drama’s vorhersagen, welches in Algerien den ersten Akt spielt? Sind nicht in diesem Kampfe die beiden Elemente, welche Völker zum Aeußersten begeistern, Religion und Vaterland, auf dem Spiele? gilt es für den Araber nicht auch der Penaten auf dem Hausaltar und der kostbarsten Güter im Nationalheiligthum? Es ist meines Bedünkens nirgends abzusehen, wo der Streit endigen, wohin und wie weit er Frankreichs Trikolore führen werde; denn er ist in die unergründliche Tiefe der menschlichen Natur hinabgedrungen, er hat die brennenden Gemüther der Söhne der Wüste im Innersten ergriffen. Kein Friede, nur Waffenstillstand ist da möglich. Es ist der Kampf mit einem Volke, das noch den Urcharakter bewahrt hat; treu im Glauben, fest in Selbstgefühl, Vaterlandsliebe und Aufopferungsmuth: und ein solches Naturell, urplötzlich, wie es geschehen ist, aus seiner Einsamkeit in die Weltgeschichte hinausgestoßen, kann im fortdauernden Kampfe an Kraft nur gewinnen. Daß es so ist, beweist die Geschichte, beweist der Kaukasus. Es gehört wenig Prophetengabe dazu, voraus zu sagen: Frankreichs Kampf in Afrika wird werden ein Kampf um Seyn und Nichtseyn, wie Othins Kampf mit dem kapitolinischen Jupiter; und trotz aller Triumphe und Trophäen und gewonnenen und noch zu gewinnenden Siegeskronen ist es möglich, daß in diesem Kampfe Frankreich wie Rom noch endige. –