Der Oberring in Olmütz
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DER OBERRING IN OLMÜTZ
Zwei Ereignisse des letzten Jahrzehnts haben uns den fast vergessenen Namen der ehemaligen glänzenden und mächtigen Hauptstadt Mährens wieder in Erinnerung gebracht, der Vaterlandsfreund gedenkt ihrer mit Schmerz. Oesterreichs erste Nationalversammlung und mit ihr die schwärmerische Hoffnung der Millionen von vielerlei Zungen und mancherlei Herkunft, wie sie in dem großen Kaiserstaat beisammen wohnen, träumten ihr kurzes Traumleben in dem Lustschlosse des Olmützer Kirchenfürsten; die jüngsten Ereignisse haben gelehrt, daß die Zeit der Verkörperung jener schönen Traumgestalten, wie sie in den Köpfen der nach Kremsier gesandten Boten des Reichs spukten, noch lange auf sich warten lassen wird. Das zweite Ereigniß, die folgenschwere Diplomaten- und Regenten-Konferenz nach der „Schlacht von Bronzell“ und die für Deutschlands Schicksal so verhängnißvollen Lorbeeren des kühnen Staatsmannes Schwarzenberg, scheint zu einer dornigen Frucht gereift zu sein und ist in unsern Tagen vielfach als die Quelle des unheilvollen Zerwürfnisses der beiden Eckpfeiler unseres Vaterlandes angeklagt worden. – „Kein Oesterreich und kein Preußen mehr, ein einiges freies Deutschland!“ Du guter Erzherzog Johann! die Zeit wird kommen, da weder ein Oesterreich noch ein Preußen sein wird, aber das „freie einige Deutschland“ wird dein unsterblicher Geist noch in der fernsten Zukunft vergebens suchen, und unter den Namen, die dich einen schlechten Propheten schelten und höhnend Lügen strafen werden, steht Olmütz in erster Reihe. –
Einem weiten Fruchtgarten mit natürlichen Parkanlagen gleicht das anmuthige Gefilde, welches die March in hell schimmernden Windungen durchzieht und in dem das kriegsgewaltige, von drei Wasserarmen umschlungene Olmütz sich erhebt. Mit seltener Freigebigkeit hat die Fruchtgöttin ihr Füllhorn dort ausgegossen; der Blick weidet sich an üppig wogenden Saatfeldern, von schattirten Gemüseanlagen unterbrochen und von brennend rothen Mohnbeeten durchstreift, und zahllose umhergesäete Ortschaften geben von der blühenden Landeskultur und der Wohlhabenheit der Einwohner Zeugniß.
[92] Schon aus der Ferne verräth sich der militärische wie der kirchliche Charakter der Stadt. Zahlreiche Glockenthürme mit schimmernden Kreuzspitzen schmücken die Kirchen und Klöster. In den Werken auf den Höhen und in der Ebene spiegeln sich die blanken Waffen der Wachtposten, Uebungen und Züge von Truppen, rauschende Märsche der militärischen Musikchöre, Trommelschlag und Hornsignale beleben ununterbrochen das Weichbild.
Die detaschirten Forts bilden eine weite kreisförmige Kette um die Stadt und Festung. Einige derselben gewähren den Anblick schmucker Burgen. Zwischen ihnen erhebt sich noch der wüste Wartthurm, den Jaroslaw von Sternberg zum Gedenken des heldenmüthigen Sieges errichten ließ, welchen er 1241 an der Spitze der Slavenritter über die Mongolen erfocht, und der das westliche Europa vor den schweren Schicksalen bewahrte, die Ungarn, Polen und die Länder der Wolga damals heimgesucht haben. Olmütz ward zum Bollwerk der Civilisation und des Christenthums gegen die Sturmfluth der asiatischen Weltverwüster. Dieser sein Ruhm erlosch in den folgenden Jahrhunderten der Religions- und der Bürgerkriege, die es vielfach zur Beute fremder Eroberer machten. Dagegen hielt es sich tapfer gegen Friedrichs II. Heeresmacht, die nach 14tägiger erfolgloser Beschießung und Berennung der Wälle unverrichteter Sache nach Böhmen wieder abzog.
Olmütz, ursprünglich die Hauptstadt des Landes und die Residenz der mährischen Herzöge und Markgrafen, ist gegenwärtig die Hauptreichsfestung des nördlichen Oesterreich, namentlich in der Vertheidigungslinie gegen Rußland, der Sitz des Fürsterzbischofs, des Metropolitan-Domkapitels, des Festungskommando’s, der militärischen Stellen, der politischen und gerichtlichen Behörden des Olmützer Kreises, der Handels- und Gewerbekammer Mährens, der Landesbibliotheken, einer medicinisch-chirurgischen Lehranstalt, der theologischen Fakultät und des katholischen Seminars, eines Obergymnasiums, einer Oberrealschule, der Artillerieakademie und einer Infanterieschule, sowie mehrer niederen Schulen und Humanitätsanstalten. Die Stadt zählt mit der gewöhnlichen Besatzung 15,000 Einwohner.
Der Oberring, mit dem Kauf- und Stadthaus, von dessen wunderbar künstlicher Thurmuhr die Sage geht, daß ihr Meister (1422) sie mit Hülfe des Teufels vollendet habe und für solchen Frevel des Augenlichts beraubt worden sei, ist der belebteste Platz der Stadt.