Triest (Meyer’s Universum, 1859)
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TRIEST
Es gibt Zeiten, in denen der Forscher in den Räumen des Himmels uns als der beneidenswertheste Mann erscheint. Sein Blick, seine Gedanken, sein ganzes Streben sind nach den gestirnten Höhen gerichtet und die Erde dient nur als Schemel seinen Füßen. Was kümmern ihn der ewige Kampf und Hader um dieser Erde Güter, was das Glück und Wehe ihrer Geschöpfe? Sein Beruf versetzt ihn nach jenen unendlichen Gebieten, in denen eine Welt nur einem Atom gleich gilt und ein Weltenleben nur einem Pendelschlag an der Uhr der Ewigkeit.
Eine solche Zeit ist die unsere. Auf ihrem wichtigsten Gebiete, dem des Staats- und des Völkerlebens, begegnen uns die betrübendsten Erscheinungen. Wir sehen den besten Theil der Thatkraft der Gegenwart von den Kämpfen des Widerspruchs aufgezehrt, welcher zwischen der natürlichenBestimmung und der künstlichen Behandlung der Nationen besteht. Die regierende Weisheit vieler Staaten will noch immer nicht in den Völkern organische Gebilde der Schöpfung erkennen, die in ihrem Geiste den Keim ihres Schicksals empfangen haben, sondern nimmt sie für größere und kleinere Zahlengruppen und behandelt sie wie ein Rechenexempel. Man addirt und subtrahirt Menschen und Güter, dividirt die unbeholfenen Massen und decimirt sie, wenn sie sich zu „üppig“ bezeigen. Nicht in der Pflege der beglückenden Kultur wetteifern die Gewaltigen, sondern der möglichst große Besitz von Mordwaffen und Vernichtungsmitteln ist die erste Sorge ihrer Macht. Seitdem das Unheil der stehenden Heere auf Europa lastet und die Konskription jedem Ehrgeize das Recht gibt, das Blut von Tausenden und das Glück von Millionen seinen Zwecken zu opfern, hat der Fleiß keine Bürgschaft mehr für die Sicherheit seiner Früchte, hat das Menschenleben dem Staate gegenüber seinen Werth verloren, hat die alte Faustrechtslehre „Si vis pacem, parabellum“ sich in die Zauberformel verwandelt, für die der Lehrling das Lösewort nicht wieder findet. Unter der Wucht der Harnische stockt das Blut der Staatskörper, die meisten sind schon lange krank und die mitsiechenden Völker harren vergeblich des Arztes. Und kommt dieser endlich, so ist’s abermals jener harte, unerbittliche Mann, der mit Feuer und Eisen heilt.
[94] Wo der Himmel einem Volke das seltene Glück bescheerte, daß die Lenker seiner staatlichen Ordnung frühzeitig den wahren Charakter und Beruf desselben erkannten und beiden das richtige Ziel steckten oder vielmehr auf das ihnen von der Natur gesteckte Ziel rüstig mit lossteuerten, da war einem solchen Staate die Zeit hoher Blüthe gewiß. Die meisten Völker rühmen sich einer solchen Zeit, manche fühlen sich von ihrer Gegenwart getragen, andere malen sie erst in die Luft oder leben geduldig der Hoffnung, sie noch zu erleben. Wir erinnern nur an Griechen und Römer, an Spanier und Portugiesen für die Vergangenheit, an Engländer und – (?) Franzosen für die Gegenwart, an Deutsche und Italiener für die Zukunft.
Zu diesen Zukunftsvölkern und ihren wichtigsten Interessen führt uns unser Bild. Die deutsche Nation verfolgte das schwere Verhängniß, daß ihr Charakter und Beruf von ihren Staatenlenkern zu spät, böse Zungen behaupten sogar, noch immer nicht erkannt worden ist: sie ist vorzugsweise eine für Kraft und Muth erfordernde Geschäfte und Unternehmungen leicht zu begeisternde. Hierzu gehört immerhin ein vorstechender Zug von kühner Landsknechtsnatur, und dieser Zug war es, den man zuerst wahrnahm und für dessen Ausbildung aus vielen Gründen die meiste Sorge getragen wurde, soweit eben regierende Herren allein verfügten. Wo freie Städte und Gemeinden hemmschuhlos dem Drange ihres innern Berufs folgen konnten, da sehen wir die Deutschen als Männer tüchtiger Gewerke, die frühzeitig an dem Kampfe mit Feuer, Wasser und Eisen ihre Lust übten, und überall, wo sich ihnen ein Fahrwasser bot, sehen wir sie unter Segel und Mast des Wagens froh.
Dieser letztere Zug ist es aber hauptsächlich, der uns mit der Hoffnung erfüllt, daß eine Blüthezeit der deutschen Nation noch kommen werde. Es ist eine Lehre der Geschichte, daß jedes große Volk, welches sich von seiner mittel- oder unmittelbaren Verbindung mit der See und dadurch mit dem Weltverkehre verdrängen läßt, dadurch die ersten Merkmale seines Verblühens, seines inneren Absterbens kund gibt; jedes verlorene Stückchen Küste ist ein verdorrter Zweig voll gelber Blätter an seinem Lebensbaum. Polen ist dafür das niederschlagendste Beispiel; es hat keine unmittelbare Verbindung mehr mit der See, kein frischer Hauch freier Nationen kann es meerwärts stärken, es muß den dicken Dunst der russischen Staatsatmosphäre einzig und allein athmen, und darum ist es verloren. – Diese Lehre bestätigt sich auch an Deutschland. Je mehr die Nation, nach den Ehrentagen der Hansa und der freien Reichsstädte, wo dem Bürgerthum die Bahn des Strebens unbeschränkt gewesen und der Deutsche seinem innern Drange frisch und fröhlich gefolgt war, in die Fesseln dynastischer Interessen fiel, je tiefer sank der Deutschen Seemacht und verschwand endlich ganz; auch die Handelsschifffahrt ward matt; sie schlug sich mühsam durch, weil ihr der Schutz eigener Seerüstung gebrach und der Staat sie gleichgültig verkommen ließ; so wenig achtete man die Küsten, daß man bei passenden Friedens-, Erb- oder Tauschgelegenheiten ihrer sogar gern sich entledigte. Das „Reich“ schüttelte die Ostseeprovinzen ab, wie eine störende Last, ließ Holland abtrünnig [95] und Schleswig unfrei werden; Oesterreich gab sein Stück Niederlande hin, der westphälische Friede opferte Pommern dem Ausland, Hannover mußte englisch werden, und Preußen ließ seine Nordseeküste von Ostfriesland mit dem Hafen von Emden fahren und sein ganzes Seeleben hinter den Gefängnißriegel des Sundes einsperren, um ein halbes Jahrhundert später im Jahdebusen ein schwaches Zeichen heller gewordener Einsicht sehen zu lassen; ebenso hatte Oesterreich zur Zeit seiner tiefsten Erniedrigung unter Napoleon I. all sein adriatisches Küstenland abtreten müssen, während Rußland auf das Freundschaftlichste bemüht war, ihm die Donau zu verstopfen und es vom schwarzen Meere zurückzuscheuchen. Es war weit mit Deutschland gekommen durch die Schuld seiner Fürsten; und wenn der Anblick so kläglicher Seezustände die trübe Ahnung aufsteigen ließ, als seien nicht die deutschen Küstenvölker, sondern ihre Dynastien an innerer Kraft wie an äußerem Ansehen im Sinken begriffen, so war das nicht die Schuld der Nation. – Daß diese selbst noch mit guter Kraft zu streben vermag, hat sie in dem Frieden bewiesen, der als beste Errungenschaft aus dem Kampf gegen Napoleon I. den „Befreiungskriegen“ folgte: sie brachte in wenigen Decennien und vermittelst der wenigen deutsch gebliebenen Häfen für Deutschlands Verkehr und Geltung zur See viel wieder bei, was das „Reich“ sammt seinen zahllosen großen und kleinen Regierungen in Jahrhunderten hatten verderben lassen.
So lange die Ostsee eine Sparbüchse Dänemarks war, konnte der deutsche Seehandel jener Küstenstädte zu keiner Kraft gelangen und selbst jetzt kämpft er noch mit der Ungunst der Lage seines Meers. Dagegen erhoben sich rasch die Nordseehanseaten von Hamburg und Bremen, ersteres trotz der vielen landesväterlichen Hemmketten der Elbzölle und der britischen und dänischen Nebenbuhlerschaft. Beiden im Rang gleich, aber beide durch die Handelsbedeutung seiner Dampferlinien übertreffend, glänzte unter Oesterreichs Schutz und Pflege die südlichste Seestadt der Länder des deutschen Bundes als die frischeste und üppigste Perle am ganzen adriatischen Meere.
Da liegt es vor uns, das schöne Triest! Der Künstler hat den günstigsten Standpunkt gewählt, um uns die Stadt vom Lande aus zu zeigen. Wir stehen auf dem Wege, welcher nach Prosecco hinauf führt, wo der beste Wein der ganzen Umgegend wächst. Vor uns breitet sich Bahnhof und Stadt, Gebirg und Meer aus. Die nächsten Gebäude unseres Bildes gehören zur Quarantaine, welche von der Eisenbahn durchschnitten wird.
Jenseits des Bahnhofs sehen wir zur Rechten die Neustadt von Triest. Sie ist auf ebenem, größtentheils dem Meere abgerungenen Boden in quadratischer Straßenregelmäßigkeit gebaut und wird von dem Canale grande, welcher die größten Schiffe aufnehmen kann, in zwei Hälften zerschnitten; ebenso regelmäßig ist der ganze neuere Theil der Stadt, welcher sich den hohen Steindämmen der Rhede entlang hinzieht bis in die Nähe des Leuchtthurms. Die Neustadt grenzt nach drei Seiten hin an Stadttheile, deren Häuser- und Palastreihen [96] an den Triest rings umschließenden Höhen hinansteigen und die besonders vom Meere aus das schöne amphitheatralische Bild der Stadt gewähren. Zur Linken laufen die freundlichen Straßen theils nach Opschina, theils zum Volksgarten und zur Villa Ferdinandea, die wir später besuchen. Gerade aus führen die Straßen auf die Höhe des Bergrückens, an dessen nordwestlicher Seite Triest sich ausdehnt; zu Füßen der südlichen Seite sehen wir die Bucht von Muggia tief in das Land hineindringen, jenseits begrenzt von einer istrischen Landzunge, hinter welcher Capodistria in einem schönen Busen liegt. Von dem Lande jenseits des Bergrückens von Triest zeigt unser Stahlstich die entfernten Züge der julischen Alpen und emporragend links die Burgtrümmer von Servolo, rechts die Kirche von Andignano. Wenden wir uns von der Neustadt rechts die Höhen hinan, so gerathen wir in das enge, winkelige, düstere, steil aufsteigende Gäßchengewirre des alten Triest, das vom Kastelle gekrönt wird, einem Festungsbau der Venetianer auf römischer Grundlage. An diese Altstadt schließt sich nach der Richtung des Leuchtthurms hin wieder die neuere Stadterweiterung an.
Die Mehrzahl der Reisenden fliegt jetzt auf der Karstbahn über Staub und Fels des traurig öden Gebirgs hinweg, aber sie fliegt auch an der bezaubernden „Meerfeier von Opschina“ vorbei, das früher die erste Sehnsucht aller von Norden kommenden Reisenden war. Dagegen führt sie die Bahn selbst zu einer ähnlichen Ueberraschung. Wenn der donnernde Zug das größte Bauwerk der ganzen Bahn, die 42 Bogen des über 2000 Fuß langen und 60 Fuß hohen Viadukts von Nabresina (mit einer bewunderungswürdigen neuen Wasserleitung für Triest) hinter sich hat, scheint eine schroffe Felswand seinem Laufe Halt zu gebieten. Aber die Felsen treten freundlich auseinander und wie durch einen Zauberschlag liegt das großartigste Seebild vor den staunenden Augen: 420 Fuß hoch über dem Meeresspiegel an der Felswand des Karst hin fahrend, sehen wir vor uns Triest, wie es unser Bild uns zeigt, und die Landzungen, Höhen und Buchten Istriens bis nach Pirano, das unsere Leser links von dem Dampfer auf hoher See angedeutet finden. Hier drängt der Eindruck des Meers den der Stadt nicht so sehr zurück wie auf der Höhe von Opschina, und je näher, je imponirender wirkt ihre Erscheinung. Sobald wir oben Mira-Mar, des Admirals Ferdinand Max schimmerndes Seeschloß auf der langen schmalen Landzunge bei Contovello, gebührend bewundert, den 60 Fuß hohen Viadukt von Barcola überflogenund endlich auch die Glaswände des Quarantaineviadukts durcheilt haben, umfluthen uns die Menschenwogen und verwischen alle die Landschaftsbilder, die uns einen Augenblick alles Menschenwerk hatten vergessen lassen: das Leben der Stadt überwältigt auch hier alle anderen Eindrücke.
Wir mögen von Triest’s landschaftlicher und architektonischer Erscheinung einen ersten Eindruck empfangen, welcher Art er sei, so geht er unter, sobald wir die Stadt selbst betreten. Das Leben eines Verkehrs, welcher den Orient mit dem Occident verbindet, verleiht der Stadt ihre einzige Bedeutung und gibt ihr ihre Charaktereinheit. [97] Sie ist ein Platz rastloser Arbeit, unermüdlicher Spekulation, unersättlichen Erwerbsdurstes: sie ist mehr eine nordamerikanische, als eine europäische Stadt. „Verdienst, Geld, Reichthum!“ – das ist derRuf ihres innersten Dranges. Die Stadt wächst, wie keine zweite des Festlandes, nach allen Seiten hin; Berge werden abgetragen, Meerestiefen ausgefüllt, Gärten in Palastreihen verwandelt, und über den Rücken des Berges greifen bereits die Straßenarme nach der andern Seite, nach St. Andreä und Servola, hinüber, wo bei dem neuen Arsenale des Lloyd ein neuer Hafen Triest’s entsteht und Fabriken und Arbeiterhäuser wie aus dem Boden wachsen.
Nordamerikanisch erschien Triest bis in die neueste Zeit auch in seinem Verhältniß zur Kunst. Wie üppig der Reichthum auch das Leben seiner Stände einzurichten erlaubte, wie sehr man in diesen Kreisen von Gold strotzte und jeder verschwenderischen Pracht huldigte, so war doch die Kunst hier nur Magd geblieben, ja, sie wird noch lange nicht allgemein als Herrin walten dürfen. Am anschaulichsten zeigt dies die Baukunst. Aus älterer Zeit besitzt die Stadt nichts der Schönheit wegen Anschauenswerthes. Von den Kirchen hat keine einzige architektonischen Werth. Von weltlichen Gebäuden zeichnen sich nur die Bauten vom Anfang dieses Jahrhunderts an theilweise durch das Bestreben aus, den Kasernenstyl zu verlassen und dem Geschmack eine Freude zu gönnen. Aber selbst die Mehrzahl dieser Bauten ist nur mehr oder weniger gelungene Uebertragung aus dem Venetianischen in das Triestinische. Wenn wir in Venedig in einem solchen altergebräunten Marmorpalast zwischen der grünen Fluth und dem blauen Himmel ein rein ursprüngliches Gedicht erkennen, ein ewigfrisches Volkslied, das erfreut, erwärmt, erhebt und fesselt, stehen wir in Triest am häufigsten vor regelrechter Kunstpoesie; es ist Alles richtig, Nichts unschön, aber der schöpferische Gehalt fehlt, und wenn diese Paläste und Privatgebäude sich nicht bloß durch kalte symmetrische Verhältnisse auszeichnen, wenn sie auch Geist in der Anordnung verrathen, so vermissen wir doch an den meisten dieser anspruchsvollen Werke die innere Weihe, welche nur das poetisch schaffende Gemüth verleiht.
Als Ausnahmen mögen unter den neuesten Bauten gelten: der Palast Revoltella, nach Hitzig’s Plan vom Triestiner Ingenieur Sforzi ausgeführt, von Bosa (aus Venedig) und Magni (aus Mailand) mit Prachtwerken der Skulptur geschmückt und auch wegen trefflicher Wand- und Deckenmalereien und Gemälden guter Meister sehenswerth; Magni’s Gruppe der Wasserquellen von Santa Croce verdient allein einen Besuch dieses Hauses. Ferner das großartige Tergesteum, 1840 mit einem Aufwand von mehr als zwei Millionen Zwanzigern gebaut und hauptsächlich für die Anstalten und Bureaux des Lloyd benutzt. Der mit Glastafeln gedeckte Kreuzgang theilt das mächtige Gebäude im Innern in vier Paläste und ist der Platz, welchen Aktionäre und Börsenmänner für ihre Geschäfte den Räumen der Börse längst vorgezogen haben. Eine neue Sehenswürdigkeit ist auch das Theater Armonia, 1857 von A. Scala gebaut, mit einer Façade in lombardischem Style und besonders beachtenswerthen Karyatiden von [98] Angelo Cameroni. Durch Größe, Anordnung und Einrichtung zeichnen sich das städtische Spital (1841 gebaut) und die Allgemeine Armenanstalt (seit 1858 in Bau begriffen und auf eine halbe Million Gulden veranschlagt) aus; beide sind zugleich die umfangreichsten Gebäude der Stadt. Von älteren Bauwerken imponiren dem Auge durch ihre Massenhaftigkeit das große Theater (1798–1801 vollendet), die Börse (1802 von Mollari im dorischen Style aufgeführt ), der Palast Carciotti, am Hafen und dem großen Kanal, durch seine zwei mit kannelirten Säulen und allegorischen Statuen des Handels und der Schifffahrt geschmückten Façaden, seine schöne Kuppel und seine Ausdehnung auffallend. Diesem zur Linken kehrt das weltbekannte Hotel de la Ville der See seine mächtige Fronte zu.
Von den religiösen Bauten heben wir zwei hervor: den alten Dom des St. Justus (auf unserm Bilde neben dem Kastell sichtbar), weil er, auf den Fundamenten des Tempels der kapitolinischen Götter errichtet, eigentlich aus dreien unter einem Dache vereinten Kirchen besteht und in seinem stumpfen Glockenthurme gleichsam ein Schutzgemäuer für die schönsten Reste des alten Heidentempels besitzt, als: fünf kannelirte Säulen und herrliche korinthische Säulenschäfte, Architraven, Fries, Gesimse, die seit Jahrtausenden bis heute ihre Stelle behauptet haben. Der andere Bau ist die neue St. Antonskirche, am Ende des großen Kanals. Bei diesem Werke sind die Bauformen des Alterthums auf den christlichen Kultus so getreu angewendet, daß man vor einem heitern Theater zu stehen glaubt, wenn man die kaum sichtbaren Glockenthürmchen wirklich einmal übersieht. Nordamerikanisch ist übrigens Triest auch hinsichtlich der dort unantastbaren religiösen Toleranz. Außer dem katholischen sind dort auch dem protestantischen, helvetischen, anglikanischen, griechischen (unirten und nicht unirten), israelitischen und mohammedanischen Kultus öffentliche Gotteshäuser gewidmet, und alle diese Religionsgenossenschaften haben, wie noch das Militär insbesondere, eigene Friedhöfe, wodurch aller Hader der Lebenden um die Todten unmöglich gemacht ist.
Zu den Luxusbauten, in deren Dienst die Kunst zugezogen worden ist, gehören auch die prunkvollen Landhäuser, und von diesen sind durch Bauart, Ausschmückung und Lage die interessantesten: die Villa Bottacin, 1854 nach dem Muster von Walter Scotts Landsitz zu Abbotsford errichtet und von prachtvollen Gartenanlagen und reichen Gewächshäusern umgeben. Ferner die Villa Ferdinandea auf dem Rücken des 700 Fuß hohen Waldhügels Farnedo an der Stelle erbaut, wo ehedem das einfache Gasthaus „der Jäger“ gestanden, eine vorzugsweise für Badegäste bestimmte Wohn- und Luststätte, deren Rundblick auf Land und Stadt, Gebirg und Meer, die italienischen und istrischen Gestade und die zackigen, weißen Alpenhäupter der Ferne in Europa nur von wenigen übertroffen wird. Dieser in fast gleicher Höhe gegenüber auf dem Gipfel des Bosco Ferdinando erhebt sich die Villa Rivoltella, ein Werk der neuesten Zauberkraft des Menschen, denn es bedeckt jetzt mit seinem prachtvollen, nach [99] Hitzig’s Plan aus Stein und Eisen erbauten und dadurch allen Stürmen der Bora trotzenden Schweizerhause, seinem Garten voll edelster Blumen und Statuengruppen und seinen köstlichen Wasserkünsten ein Fleckchen Erde, auf welchem früher nur wildes Gestrüpp zwischen dem wasserlosen Gestein wucherte. Alle diese Pracht übertrifft jedoch des Erzherzogs Ferdinand Max neues „Schloß am Meer“, sein Mira-Mar auf der Felsenzunge der Punta di Grignano. Diese Schöpfung gewährt durch Lage, Bauart und Ausstattung so viel Interesse, daß wir derselben wohl später ein besonderes Blatt widmen werden.
All diese architektonischen Herrlichkeiten sind jedoch für Triest nur die bunten Kornblumen auf einem Acker üppiger Aehrenwogen. Triest ist eine Stadt der Arbeit, und darum überragen seine Paläste der Industrie alles übrige Bauwerk. Nur in ihnen zeigt die Stadt, und zwar zu Land und Meer, den wahren äußeren Ausdruck ihrer Seele.
Die beiden größten dieser Bauten sind der Bahnhof und das neue Lloydarsenal. Jener, dessen Lage unser Bild uns zeigt, nimmt eine Grundfläche von 250,000 Quadratfuß ein, hat demnach die bedeutendste Ausdehnung aller Bahnhöfe Europa’s. Und dieser Raum mußte zur größern Hälfte dem Meere abgerungen, es mußte mit unglaublichen Mühen ein Theil des nächsten Berges in dasselbe versenkt werden, um an dieser einzig möglichen Stelle für einen Bahnhof den Grund zu gründen. Die Gebäude der Station, die Waarenlager, Maschinenhäuser, Zollamtslokale, Wasserdepots, Werkstätten und Beamtenwohnungen entsprechen dem Imponirenden des Orts und des Zwecks. Zugleich erhielt der Bahnhof seinen besondern, durch mächtige Steindämme gegen die Launen der See geschützten Hafen, in welchem die Schiffe unmittelbar vor den Magazinen anlegen und mittelst kolossaler Krahne und Hebel das Aus- und Einladen der Lasten eben so leicht als schnell vollbringen.
Das neue Lloydarsenal liegt bei St. Andreä, einem Dorfe am Fuße der Rückwand des Berges, dessen Vorderseite wir vom Kastell und Dom gekrönt sehen, an der Bucht von Muggia. Der Lloyd hat sich durch dasselbe hinsichtlich der Ausbesserung seiner Schiffe von fremden und namentlichen ausländischen Etablissements unabhängig gemacht. Es zerfällt in zwei Abtheilungen, die des Maschinenbau’s und die des Schiffbau’s; beide sind durch die Administrativ- und Kanzleigebäude verbunden. Für die Arbeiter des Arsenals wird soeben oberhalb desselben eine Gruppe von Wohnungen gebaut, die, wenn nicht selbst schon eine kleine Stadt, doch den Kern zu einer solchen bilden. Eine nur einigermaßen ausführliche Beschreibung dieser sehenswerthen Anstalt würde uns hier zu weit über den uns zugemessenen Raum hinausführen.
Das Eigenthum einer andern Gesellschaft ist das Stabilimento tecnico triestino (triester technische Anstalt), welches Maschinengießereien an der Promenade von St. Andreä und in Muggia und eine Werfte für große Kriegsschiffe und Kauffahrer in St. Rocco besitzt und 500 Arbeiter beschäftigt.
[100] Von den großen Privatunternehmungen der Triester Industrie verdienen als die hervorragendsten genannt zu werden: die großen Dampfmühlen zu San Giovanni und Triest, in welchen zusammen 250 Arbeiter jährlich 250,000 Star Korn vermahlen und ungefähr 280,000 Ctr. Mehl und Kleie liefern; – die Seifensiederei Chiozza (nach ihrem Gründer so benannt), mit 20 Kesseln zum Sieden, 34 Laugeküfen, 14 Betten zum Trocknen der Seife und den entsprechenden Bottichen und Kübeln, welche zusammen über 20,000 Ornen Oel stoßen; – Jacob’s Weinsteinrahm-Fabrik, die in Jahren, wo der Rohstoff beschafft werden kann, bis 3500 Ctr. Weinsteinrahm (meist zur Ausfuhr nach England und Amerika) erzeugt; – die „Mechanische Monturen-Anstalt“ von Angelo Valerio, in welcher immer 2–300 Arbeiter (¾ weibliche) beschäftigt sind, und von deren zahlreichen Maschinen, bei der höchst sinnigen Anordnung des Ganzen und dem Ineinandergreifen des Einzelnen, jede täglich 20 Paar Beinkleider, 60 Paar Unterziehhosen, 18 Röcke etc. fertig herstellt; – die Chokoladefabrik desselben Valerio, in welcher mit Hülfe einer Dampfmaschine von 6 Pferdekraft, zwei Arbeiter im Stande sind, täglich 600 Pfund Chokolade zu erzeugen; – die Stearinkerzenfabrik von Slocovich-Machlig-Legat, mit 80 Arbeitern; endlich die Fabriken von Franz Goßleth Ritters von Werkstätten, dessen Fabrik chemischer Produkte jährlich 10–20,000 Ctr. Salpeter, 1500–2000 Ctr. zweifach-chromsaures Kali und vortreffliches zweifach-chromsaures Natron liefert, und in dessen Steinröhrenfabrik 12 Arbeiter jährlich 25,000 Linearfuß Röhren von 2–12 Zoll Durchmesser vollenden, von denen beträchtliche Ladungen nach Aegypten gehen.
Diesem Arbeitscharakter der Bevölkerung entspricht das Leben auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, zu welchen jedoch noch drei wichtige Beiträge geliefert werden durch den südlichen Himmel, den Seeverkehr und den Fremdenzug der Stadt.
Wie in allen deutschen Städten ist auch in Triest der Marktplatz das Herz der Stadt, von und nach welchem alles Leben aus- und einströmt. Dort hat es sogar naturgemäß seine zwei Kammern, den Börsenplatz und den sogenannten großen Platz (Piazza grande). Das erste Leben des Tags strömt ihm aber von Außen zu. Mit dem ersten Morgenstrahl regt es sich auf den Bergen. Da steigen die Landleute des Gebiets, die Mandrianen in ihrer bunten, reinlichen, malerischen Tracht, und die armen Tschitschen in ihren dunkelen, traurigen Gewändern die Heerstraßen und die steilen Pfade zwischen den grünen Campagnen herab, jene Milch und Gemüse, Obst und Blumen meist in zierlichen Körben und Gefäßen auf dem Kopf tragend, diese mit schwer belasteten Eseln Brod oder Kohlen zum Verkaufe bringend. Dann öffnen sich Thüren und Fensterläden in der Stadt, Schaaren von Arbeitern aller Art sammeln sich an den Straßenecken oder nehmen vor den Kaffeehäusern ihr Frühstück ein. Da kommt der alte Kohlenmann, dessen „carbuni!“ im hohen Ton beginnend in die Tiefe sinkt und in einem wahrhaften [101] Wehegeheul verhallt. Nun rennt es durch die Straßen nach den Werkstätten und Fabriken, Kaufläden und Comptoirs. Darauf wird es wieder stiller und in den Seitenstraßen sogar einsam. Desto mächtiger schwillt von Minute zu Minute der Strom der Hauptader, des Corso, an und der Straßen nach Bahnhof und Hafen. Die Läden legen ihre lockendste Pracht aus, das Rasseln der Fiaker mehrt sich, der tägliche Jahrmarkt beginnt und je näher dem Mittag, um so bunter ist auf dem Corso die Maskerade der Kostüme des Abend- und des Morgenlandes. Da watschelt der dicke Türke aus der Börse; du kannst im schlauen Gesicht seinen Lieblingsgedanken lesen: Glaubt ihr meinetwegen, ich sei ein Schelm, das genirt mich nicht, ich hab’s doch im Sack! Französische Matrosen jagen an ihm vorüber der schlanken Griechin nach, deren Schönheit alle bezaubert, und die alte Negerin im grellen Putz lacht dazu, daß die weißen Zähne blinken. Was kümmert das den langen Engländer, der nach dem Orangenhausen rennt und den Strauß verschmäht, den ihm das niedliche Blumenmädchen reicht! Er durchbricht eine Gruppe von Juden und Persern und verschwindet hinter den Reihen ungarischer Weißröcke, die zur Parade marschiren. Deutsche Handwerksbursche gaffen umher, und vor den Schaufenstern der Münster’schen Buchhandlung im Tergesteum lachen dänische Matrosen über die ausgehängten „Preußischen Marinebilder“, zu denen die Flotte fehlt. Das Menschenwogen auf und ab bietet besonders an Kreuzstraßen und Durchgängen ein Schauspiel, dem man sich Stunden lang überlassen kann, und immer neu ist die Abwechselung der Gestalten und Trachten und der in den Gesichtszügen signalisirten Lebenszwecke der einzelnen Erdenwaller. Dort schreiten stattliche Albanesen durch die Menge, hier stramme Frauen des Gebirgs, dort zerbrechliche Puppen der Stadt, Griechen in ihren häßlichen Sackhosen, das unvermeidliche Pfeifenrohr in der Hand, noch närrischer anzuschauen, wenn ein fränkischer Frack die klaffenden Flügel über die Pumphosen breitet, oder statt des Feß ein Cylinder den bunten Mann bedeckt. – Gar eng ist die Straßenpforte, welche Börsenplatz und Corso mit der Piazza grande verbindet, aber werth ist’s, sich hindurchzudrängen. Dort erquickt uns der Anblick der langen Reihen blühender Blumenmädchen, welche Kränze windend und Sträuße bindend hinter ihren duftenden Vorräthen sitzen; man braucht viel solchen Schmucks zu den Familienfesten der großen Stadt. Die Mitte dieses großen Markts nehmen die Gemüsehändlerinnen ein, hier hohe Haufen leuchtender Südfrüchte, dort lange Reihen von Vogelbauern mit dem zwitschernden Inhalt und noch weiter stehen Papageien und Affen, die verwandten Humoristen des Thierreichs, zum Verkauf aus. „Ride, papagallo!“, und er lacht und findet an dem Seemann einen Herrn, der sich gern auf einsamer Meerfahrt mit dem bunten Schwätzer die Zeit vertreibt. Im Vorbeigehen blicken wir in das Spiegelkaffeehaus (agli specchi) mit seiner glitzernden Pracht und in den kleinen Hafen Mandracchio, in welchem die Nußschalen der Trabacoli sich bergen, wenn draußen auf der Rhede eine Maretta oder gar ein Sturm die Mastspitzen der großen Schiffe an einander schlägt. Das Durcheinander des Waarengewühls rings [102] um diesen Marktplatz (auf dem auch Rathhaus und Hauptwache stehen) ist unglaublich. Von da führen wenige Schritte zum Fischmarkt, der mit den ausgelegten Geheimnissen des Meeres die Neugierde des Binnenländers fesselt. Da liegen die todten, reinlichen Geschöpfe vom rauhen Hai bis zur Sardine, und daneben krabbeln Schildkröten in Haufen über einander, und Krebse und Seespinnen gehen ihren letzten verkehrten Gang. Weniger belebt ist der Leipziger Platz (Piazza Lipsia), hauptsächlich von Brod- und Obstverkäufern eingenommen, aber von grünen Bäumen und schäkernden Wassermädchen erheitert. Ebenso heiter lacht uns auf dem Holzplatz (Piazza delle Legne) die lange Reihe der Strickerinnen an, die, hinter niedrigen Arbeitstischen sitzend, den anspruchslosen Wanderer um ein Billiges mit landüblichen Strümpfen und Söckchen versehen. Dagegen bewundern wir auf den Plätzen der Dogana, der rothen Brücke (am großen Kanal) und der Kaserne auch stattliches hochgehörntes Rindvieh vor den plumpen Lastwägen und die kräftigen, mitunter gar wunderlich aufgeputzten Gestalten ihrer Führer, und wer an der großen Kaserne langsam vorüber geht, kann wohl in allen Sprachen der Monarchie schwatzen, singen und fluchen hören. – Am Nachmittag und gegen Abend strömt das Landvolk, welches in der Stadt seinem Erwerb nachging, zu allen Straßen und Gassen, die Frauen und Mädchen meist auf Eseln oder Maulthieren reitend, wieder hinaus, am Meer hin, die Buchten entlang oder die Höhen empor, dem heimischen Herde zu.
Wir eilen indeß zum Hafen, der von allen Seiten einen prächtigen Anblick bietet, ob er uns als Hintergrund die Stadt, das Gebirg oder die verschwimmende Ferne des Meers zeigt. Triest besitzt keinen geschützten Hafen, sondern eine offene Rhede, die zwar den Vortheil eines freien, durchaus ungefährdeten Zugangs hat, aber dagegen den Stürmen aus Westen ausgesetzt ist. Begonnen sind die eigentlichen Hafenbauten, und zwar schon von der Kaiserin Maria Theresia. Ihr Werk ist der Theresienmolo, ein weit in’s Meer sich hinauskrümmender Steindamm, auf dessen äußerster Spitze der Leuchtthurm steht, umgeben von einem kleinen Fort, das ehedem für ein Meisterstück militärischer Baukunst galt. Er schützt einen großen Theil der Rhede vor den Süd- und Südoststürmen. Der Plan der großen Kaiserin soll gewesen sein, von der jetzigen Quarantaine aus einen zweiten, ähnlichen, aber weit längern Arm in das Meer zu bauen, der den Hafen auch gegen Westen gesichert hätte. Eine Zuflucht in Gefahr eröffnen für kleine Schiffe der oben genannte Stadthafen (Mandracchio) am großen Platze und für größere Kauffahrer der große Kanal; indeß geht immer noch von Zeit zu Zeit eine arme Nußschale von Küstenfahrern bei heftigen Stürmen auf der Rhede unter. – Statt jenes andern Arms zum Hafen sind vom Ufer (Riva) aus vier große und mehre kleinere Steindämme (Moli) schnurgerade, breit und stattlich in die Rhede hinaus gelegt, an welchen die großen Schiffe und namentlich die Rad- und Schraubendampfer des Lloyd anlegen; sie sind, vom Leuchtthurm her, der Molo Sartorio, der Molo Ferdinando, der Molo San Carlo, und der Molo Klutsch, der jedoch jetzt mit als eine Schutzmauer für die Riva und den Hafen des Bahnhofs verwendet [103] worden ist. Zwischen diesen Steindämmen ankern die meisten Kauffahrer und bilden die schaukelnde Wasserstadt, deren Straßen dir, Mann vom Binnenlande, so lockend winken, daß du nicht widerstehen kannst; du springst in ein Boot und fährst in diese wahrhafte Weltstadt hinein. Thu’ es aber wo möglich an einem Sonn- oder Festtage, denn da ziehen alle Schiffe ihre Flaggen auf und du weißt, die Flaggenkarte in der Hand, vor welcher Nationen schwimmenden Häusern du weilst. Es gibt Zeiten, wo von allen seefahrenden Staaten, die am großen Oceane wohnenden ausgenommen, nur sehr wenige nicht durch ein oder mehre Schiffe vertreten sind; am häufigsten sehen wir allerdings die österreichische Flagge, nach ihr erscheinen am zahlreichsten die neapolitanische, die römische (Kirchenstaat) und die griechische; dann kommt die englische; nach ihr absteigend die türkische, norwegische und schwedische, ionische, sardinische, holländische, französische, nordamerikanische, russische, brasilianische, dänische, maroccanische, portugiesische, spanische, mexikanische, chilesische, toskanische und belgische; die deutsche (Zollverein, Mecklenburg und Hanseaten) muß man aus den verschiedenen Flaggen erst mühsam zusammensetzen, obwohl sie sich jährlich auf 40–50 Schiffen in diesem Hafen zeigt.
Von der Großartigkeit des triester Seeverkehrs mögen einige Zahlen Zeugniß ablegen. In dem einen Jahre 1846 waren 8611 Schiffe von 511,002 Tonnengehalt angekommen und 8648 beladene Schiffe von 518,338 Lonnen ausgegangen. Im Jahre 1850 fuhren im Ganzen 10,098 Schiffe von 643,285 Tonnen, und es betrug der Totalwerth der Einfuhr 67,231,322 Thaler pr. Kur. (darunter 6,480,000 für Baumwolle, über 4 Millionen für Kaffee, 9,370,000 für Zucker, 4,756,000 für Getreide und Oelsaat, 12,908,000 für Manufakturen, über 5 Millionen für Oel etc.), der der Ausfuhr 56,623,333 Thaler pr. Kur. Im Jahre 1854 liefen 13,262 Schiffe mit 862,000 Tonnen ein; die Einfuhr stieg auf 111 Millionen, die Ausfuhr auf 80 Millionen Gulden, und gegenwärtig, nachdem auch der Krieg von 1859 überstanden ist, aus welchem Triest als Stadt des deutschen Bundes unversehrt hervorging, mag der Jahresverkehr sich wohl auf 15,000 einlaufende Schiffe von 1 Million Tonnen und einen Werthtausch von 200 Millionen Gulden belaufen.
Diese Angaben werden hinreichen, um die Wichtigkeit dieses Seeplatzes für den deutschen Handel wenigstens ahnen zu lassen; und doch könnte dies Alles nur ein Anfang heißen, wenn die Politik der Gegenwart nicht darauf hinausginge, die Amputirung gerade solcher Gliedmaßen für die Kräftigung des deutschen Staatskörpers zu empfehlen. Die alte Handelsstraße nach Indien, welcher die großen freien deutschen Städte zwischen Amsterdam, Brügge und Venedig ihre höchste Blüthe verdankten, wird durch den Suezkanal abermals die herrschende werden, und die aufstrebende deutsche Industrie wird ihrer so nothwendig bedürfen, wie die Uebervölkerung des germanischen Kolonisationsbodens in den Donauländern bis zum Meere: aber Deutschland will ja, aus [104] Lauter Politik, im Süden weder Meer noch Land haben, weil ihm dieser Süden zu ultramontan und konkordatisch ist. Man wird, wenn die alte Welt die Hauptrichtung ihres Verkehrs abermals geändert hat, sich das Thor zur neuen Straße selbst vermauert haben, und man wird dann abermals auf die Gefälligkeit eines Nachbars rechnen, der es von außen wieder öffnen soll. Es ist Alles schon dagewesen, aber die Geschichte bleibt der Prediger in der Wüste.
Triest’s Geschichte ist eine kurze; erst neuerdings ist die Stadt in die große Bewegung der Nationen eingetreten. Ihre frühere Geschichte bewegt sich nicht weit aus dem Kreise ihrer Mauern und ihrer nächsten Umgebung. Aus der Zeit der Fabel tritt sie in die der Römerherrschaft, gehörte unter Konstantin dem Großen zum abendländischen Reiche, war nach den Stürmen der Völkerwanderung abwechselnd den Karolingern, dann den Venetianern, den Patriarchen von Aquileja, den Grafen von Görz und denen von Istrien unterworfen, bis sie 1374 durch das habsburgische Heirathsglück als Familienerbstück an Oesterreich kam. Auch unter Oesterreichs Schutz hatte sie dem mächtigen Venedig gegenüber noch lange sehr harte Zeiten, ihr Gebiet schwand auf 1⅛ Geviertmeile, ihre Einwohnerzahl auf 5600 zusammen. Ihr Aufblühen ward begründet im Jahre 1717, wo Kaiser Karl VI. ihr das Freihafenrecht ertheilte, und gefördert durch Maria Theresia, welche zur Freiheit des Hafens ihr auch die des Lebens und Handels gab. Im Jahr 1789 zählte Triest schon 22,000 Einwohner. Auch die französischen Kriege trugen nur zu seinem Aufschwunge bei; seine Bevölkerung war 1809 bis auf 30,000 gestiegen. Aber noch in demselben Jahre traf Triest und seinen Handel der härteste Schlag: die Einverleibung in das napoleonische Kaiserreich und damit in die Kontinentalsperre. Während dieser französischen Herrschaft sank die Zahl der Schiffe Triest’s von 900 auf 200, der damalige jährliche Umsatz von 14 Millionen auf 2 Millionen, die Volkszahl wieder auf 24,000 herab, und zu alle dem mußte es noch 50 Millionen Francs Kontribution zahlen. Mit der Rückkehr der österreichischen Herrschaft, 1813, beginnt der „getreuesten Stadt“ zweite Blüthenperiode, aus welcher bis jetzt drei wichtige Merkzeichen hervorragen: im Jahre 1833 wurde der „österreichische Lloyd“ gegründet (für dessen Besprechung sich vielleicht später eine Gelegenheit eignet); im Jahre 1850 wurde Triest zur reichsunmittelbaren Stadt erhoben, mit Bestätigung des Freihafenprivilegiums; und im Jahre 1856 wurde durch die Eröffnung der Karstbahn die Verbindung dieses einzigen deutschen Seehafens an der Adria mit dem Herzen und den Nordmarken des Reichs vollendet. –
Gegenwärtig zählt die Stadt allein und ohne die schwankende Bevölkerung, welche Handel und Schifffahrt, Beamten- und Militärstand ihr zuführen, 70,000 Einwohner.