Der Hradschin (Meyer’s Universum)

Baltimore (Meyer’s Universum) Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Der Hradschin (Meyer’s Universum)
Der Oberring in Olmütz
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DER HRADSCHIN IN PRAG

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Der Hradschin.




Wir müßten eine Geschichte Böhmens hier folgen lassen, wollten wir dem Ansehen dieser uralten Königsburg gerecht werden und unsern Lesern neben dem Blick auf ihre Mauern und Thürme eine Rundschau in den gefüllten Schatz ihrer Erinnerungen und Erlebnisse gönnen, denn wie um ein leuchtendes Gestirn sammeln sich um die Zinne des Hradschin die Strahlen, welche hinab in das Dunkel der Vergangenheit Böhmens fallen; bis zu der Gründung Prags, bis zur Seherin Libusa reicht seine Geschichte. Mit allen Ereignissen des Böhmenreichs ist er in enger Berührung; der Herrschersitz seiner edelsten Geschlechter, der Preis aller Kämpfe, der Zeuge aller Größe und alles Unglücks, was über das Czechenland noch gekommen, steht der Hradschin als die eigentliche Landesmetropole und als das unvergängliche Symbol der Macht, von welcher die Geschicke des großen Böhmenvolkes ausgegangen sind.

Wir müssen uns auf eine Aufzählung der Hauptphasen beschränken, welche die alte Königsburg betroffen, und entnehmen diese einem größern Artikel der prager Zeitschrift Bohemia, welcher nach dem Schloßbrand im Jahr 1855 erschien:

Die erste Gründung der Burg auf dem Hradschin fällt mit der Gründung Prags zusammen, jedenfalls vor das Jahr 750, während der nachbarliche Wysehrad sich eines noch höheren Alters rühmen darf. Die Gründerin des Hradschin war die fürstliche Seherin Libusa, welche in Prag im Geiste eine Stadt erstehen sah, deren Ruhm zu den Sternen reichen sollte, und über dieser neuen Ansiedlung eine Burg erbauen ließ.

Die ersten christlichen Regenten des Landes hielten sich nur zeitweilig auf dem Hradschin auf, ihre eigentliche Residenz blieb der Wysehrad. Unter Herzog Wratislaw, dem Vater des heiligen Wenzel, belebte sich das Innere der Hradschiner Burg durch die Erbauung der Kollegiatkirche St. Georg, und unter Wenzel dem Heiligen durch die dem heiligen Veit geweihte Rotunda, aus welcher später der jetzige großartige St. Veitsdom entstand. Derselbe Herrscher erbaute eine neue herzogliche Residenz und verbesserte die bisherige Befestigung [85] derselben durch neue, feste, viereckige Thürme, weshalb das Volk die Hradschiner Burg Jahrhunderte lang „die St. Wenzelsburg“ zu benennen pflegte. Unter dem heiligen Wenzel erschien der erste Feind vor seinen Mauern, Kaiser Heinrich der Finkler (928), und bald darauf, im Jahre 950, ein zweites deutsches Heer unter König Otto I. Erobert aber wurde die Hradschiner Burg erst im Jahr 1003 von polnischen Truppen Boleslaw’s, welcher Böhmen okkupirte und den Piasten Wladiwoj zum Herrscher einsetzte, allein den festen Wysehrad nicht zu nehmen vermochte. Im nächsten Jahre zog Böhmens rechtmäßiger Herr, Herzog Jaromir, durch einen kühnen Handstreich seines Bruders Udalrich und des tapfern Ritters Wyhon Dub wieder in der den Polen entrissenen Burg ein.

Das Kriegsjahr 1041, in welchem Heinrich III. mit zwei Heeren Prag bedrohte, aber nicht einnahm, bewog den böhmischen Achilles, Herzog Bretislaw I., neue Festungswerke nach wälscher Art ringsum das Prager Schloß zu errichten. Prinz Spitihnew, des Herzogs Sohn, leitete in eigener Person die Befestigungsarbeiten. Er legte auch den Grund zu einer bedeutenden Erweiterung des dazumal noch romanischen Veitsdoms. Im Thronstreite des Herzogs Wladislaw II. mit dem mährischen Premysliden drang Herzog Konrad III. von Znaim mit mährischen Truppen bis in das Herz von Böhmen vor und belagerte den Hradschin. Die Feuerpfeile der Belagerer fielen in die Fürstenburg und legten die Kirchen St. Veit und St. Georg in Asche. Die Burg litt zwar beträchtlichen Schaden, aber die Mährer mußten doch unverrichteter Sache abziehen.

König Wenzel I. ließ im Jahr 1252 eine neue Mauer mit Vertheidigungsthürmen und Schießscharten um die Hradschiner Burg ziehen. Sein, Sohn, der große Premysl Otakar II., ließ neue Mauern und mehre Thürme errichten, bessere und tiefere Gräben ziehen und die Thürme durch geschützte Gänge mit Zinnenwänden verbinden. Zugleich erhielt die Kleinseite Ringmauern, Wälle und Gräben, und bildete so ein deckendes Vorwerk des Hradschins. Die königlichen Wohnungen wurden mit jener Prachtliebe, welche Otakar von seinem Vater Wenzel geerbt hatte, prunkvoll ausgestattet und auf Kosten des Oberstlandrichters Tschitsch im Jahre 1263 die Allerheiligenkirche erbaut, die sofort zur königlichen Hauskapelle erkoren ward. Zehn Kastellane aus den edelsten Geschlechtern des Landes hatten die Burg zu bewachen und jedem derselben waren dreißig bewaffnete Schloßwächter beigegeben. Von dem Otakar’schen Bau haben sich noch mehre Reste über dem Hirschgraben, gegen das Belvedere zu, erhalten; die festen Thürme Daliborka, Mihulka und der sogenannte weiße Thurm, rühren in ihrer Grundform aus Otakar’s Periode her. Von der Mächtigkeit der Otakar’schen Befestigungen gibt uns ein gleichzeitiger Chronist einen Begriff, indem er die Breite der neuen Hauptmauern auf 40 Ellen, die Höhe auf 50 Ellen schätzte.

[86] Regengüsse, Wolkenbrüche und heftige Orkane machten im Jahr 1281 einen alten, gegen das St. Georgsstift zugekehrten Theil der Burg einstürzen, und später legte eine heftige Feuersbrunst einen Theil der königlichen Wohnungen in der Hradschiner Burg in Ruinen. Unter der leichtsinnigen Verwaltung Johann’s von Luxemburg geschah nichts für die nöthige Herstellung, und die Prager Burg blieb in einem so verfallenen und kläglichen Zustande, daß Karl IV., von seinem Vater zum Reichsverweser in Böhmen eingesetzt, bei seiner Ankunft in Prag im Jahre 1333 ein Bürgerhaus beziehen mußte. Es wurden rasch Anstalten zu einem Neubau gemacht und mit königlichem Aufwand ausgeführt, besonders als Karl selbstständiger Regent geworden war. Großgezogen am französischen Hofe, wählte der prachtliebende und kunstverständige Fürst das Schloß der französischen Könige, das Louvre, zum Vorbild der Prager Königsburg. Der Neubau ward so bewunderungswürdig, daß man im ganzen Lande niemals etwas Aehnliches gesehen. Die Bleidächer der beiden höchsten Burgthürme ließ Karl mit reinem Golde überziehen, daß deren blendender Glanz bei hellem Sonnenschein weit im Lande zu sehen war. Der herrliche gothische Neubau des Doms St. Veit erhob sich inmitten der Burgmauern und selbst die Burghöfe bekamen manchen werthvollen Schmuck, davon sich die Reiterstatue des heiligen Georg bis auf den heutigen Tag erhielt. Karl IV. bestimmte den Dom von St. Veit zur Krönungs- und Grabesstätte der böhmischen Könige und hinterließ ein selbst verfaßtes Rituel darüber.

Als nach Wenzels IV. Tode die hussitischen Unruhen unaufhaltsam vorschritten, warf sich die Königin-Wittwe Sophie mit ihren treuen Baronen und Rittern in die Hradschiner Burg und lieferte den Pragern von da herab manchen blutigen Strauß, bis sich die Hussiten an die Belagerung des Hradschins machten und die Königin zur Abschließung eines Vertrages nöthigten (1419). Eine Besatzung Sigmund’s hielt sich längere Zeit in der Burg, bis Zizka und die Prager ernste Anstalten zu einem Sturme auf dieselbe trafen. Die Schloßbesatzung bat um einen Waffenstillstand von vierzehn Tagen, und versprach sich zu ergeben, wenn sie bis dahin von König Sigmund keine Hülfe erhalten sollte. Nach Ablauf dieser Frist wurde die Burg wirklich übergeben und eine Besatzung von 200 Prager Bürgern hineingelegt.

König Wladislaw II., baulustig und prunkliebend, wollte den Königshof prachtvoll umbauen, die fortwährenden Unruhen der Bürger Prags verleideten ihm aber den Aufenthalt. Als ein Neustädter Bürger sich so weit vergaß, daß er gegen den aus einem Fenster schauenden König die Armbrust spannte und den Umstehenden zurief: „Laßt uns diesen verdrießlichen Polen niedermachen!“ setzte Wladislaw noch in derselben Nacht mit einigen Treuen über die Moldau und begab sich auf den Hradschin. Er wandelte einen großen Theil der Residenz großartig im gothischen Style um, und ließ einige herrlich gewölbte Säle darin erbauen, deren einer, der sogenannte Wladislaw’sche, noch jetzt eine der schönsten Zierden des Landes und einer der interessantesten gothischen [87] Säle überhaupt ist. Der Werkmeister des Wladislaw’schen Burgbaues, von dem sich noch ein stattlicher Flügel und zwei Säle erhalten haben, war der geniale Benes von Laun. Wladislaw’s Sohn und Thronerbe, König Ludwig, der letzte Jagellonide und dessen Schwager und Nachfolger Ferdinand I. residirten auf dem Hradschin, und der Königshof in der Altstadt verfiel zusehends.

Am 2. Juni 1541 brach in der Kleinseite jener fürchterliche Brand aus, welcher diesen Stadttheil großentheils einäscherte und zum Unglück auch die königliche Burg ergriff und verheerte. Die königlichen Wohnzimmer mit allen Schätzen und Seltenheiten, die Regierungslokalitäten mit allen Akten und Archiven, und zum unberechenbaren Schaden des Landes auch die Landtafel wurden ein Raub der Flammen; der St. Veitsdom, die Kirche und das Kloster St. Georg, die Allerheiligenkirche erlitten furchtbare Verheerungen; eine große Anzahl von Privatgebäuden und Häusern der Herren und Ritter, welche in und an der Burg standen, verbrannten bis auf den Grund, sehr viele Menschenleben gingen durch die bei der großen Dürre noch durch einen starken Wind genährten Flammen und den erstickenden Qualm zu Grunde. Ferdinand I. ließ den Schaden durch geschickte Baumeister nach Möglichkeit wieder ersetzen. Ihm verdanken der Schloßgarten, die Staubbrücke und das herrliche Lustschloß am Volksgarten die Entstehung, das er seiner Gemahlin Anna, der Schwester des letzten böhmischen Jagelloniden Ludwig, zu Ehren erbaute. Die glänzenden Turniere, die schon Wladislaw, so lange er Geld hatte, kultivirte, fanden unter Ferdinand nicht selten in dem großartigen Wladislaw’schen Saale Statt.

Größern Aufschwung noch nahm das Prager Schloß unter Rudolf II.; es ward zum Schatzkasten der mannichfaltigsten Kunstwerke, Antiquitäten und Seltenheiten: nicht mit Uebertreibung nannte man es damals das „achte Wunder der Welt“ und den Kaisergarten einen „unvergleichlichen Lustort der Feen“. Die stattlichen, zum Theil jetzt noch erhaltenen Lustgebäude jenseits der Staubbrücke, die Reitschule, die Ballhäuser, die Löwen- und Thierzwinger entstanden durch Rudolf II. und die Sehenswürdigkeiten seines Gartens überragen jegliche Beschreibung.

Die rudolfinische Epoche ist für Prag unvergeßlich. Die Burg war damals der Mittelpunkt eines großartigen, wahrhaft kaiserlichen Hofstaats und zahlreicher fremder Gesandten und Agenten, auf dem Hradschin hatte die Reichshofrathskanzlei ihren Sitz und glänzende Feste versammelten den einheimischen und fremden Adel im Wladislaw’schen Saal, in den Burghöfen, im Turnierhause und in den beiden Ballhäusern des Königsschlosses, bis Rudolf in jene ängstlich brütende Melancholie versank, welche seine Studien und Versuche in der Alchymie, aber auch zugleich seinen Sturz beförderte. Unter den Gelehrten, welche theils mit dem Kaiser in dieser Burg verkehrten, theils ihm die Produkte ihres Geistes widmeten, waren ein Tycho Brahe, ein Keppler, Thaddäus von Hajek, Adam Huber von Riesenbach, Ritter Adam Zaluzansky [88] von Zaluzan (der erste Aussteller des Sexualsystems in der Botanik), Anselm von Boodt, Christoph Harant von Polzic (der böhmische Ulysses), Bartholomäus Paprocki von Gogol, Jakob Typotius, Georg Handschius von Limusa, Rabbi Löw, unter den Dichtern: Thomas Mitis von Limusa, Paul von Jisbice, Georg Karolides von Karlsberg, Kaspar Kropác, Georg Pontanus von Breitenberg, Simon Lomnicky von Budec, die „englische Muse“ Elisabeth Weston, unter den Malern, Bildhauern und Kupferstechern: Hans von Achen (des Kaisers erklärter Liebling), Bartholomäus Spranger, Roland Savery, Georg Hufnagel, Joseph Heinz, die beiden Sadeler, Peter von Mecheln, Alexander Kolin, Adrian von Vries, Johann du Mont, Alexander Abondio, unter den kunstreichen Gemmenschneidern, mit welchen Rudolf nicht selten selbst arbeitete: Jobst von Brüssel, drei Miseroni von Lisson, Kratsch, Costrazzi, Schweiger und Lehmann. Dazu kam noch das Völklein abenteuernder Alchymisten, Magier, Geisterseher und Zeichendeuter, zuvörderst der Pole Michael Wojski Sendiwoj, die Engländer John Dee und Edward Kelley, der Grieche Mamugna (der falsche Graf Marco Bragadino), der Italiener Scotto, der Niederländer Kornel van Drebbel, die Deutschen Müller von Müllenfels (der ehemalige Barbier), Philipp Güstenhöfer (der Goldschmied aus Straßburg), Sebald Schwerzer und Michel Mayer. Nachdem bei dem Einfall der Passauer, wenn auch vorübergehend und durch offenbaren Verrath, fremdes Kriegsvolk den Hradschin betreten hatte, schwankte die böhmische Krone auf Rudolf’s Haupte und sein Bruder Mathias wurde 1611 König von Böhmen. Der Schmerz über die Entthronung nagte an Rudolf’s Leben, er starb 1612 in Prag’s Königsburg, nachdem er bei seines Bruders Krönung seinen Fluch über das „undankbare Prag“ herabgerufen, der sich nur zu bald erfüllte.

Mathias erhielt von den Ständen 20,000 Schock meißnischer Groschen zum zierlichen Umbau der Burgfronte, welche dieser Fürst im Jahre 1614 durch den bekannten Architekten Scamozzi in Ausführung bringen ließ. Das Scamozzische Portal sammt der gleichzeitigen Inschrift hat sich erhalten. Nachdem der weltbekannte Fenstersturz, dessen Schauplatz, die alte Landstube, ganz in ihrer alten Einrichtung erhalten ist, am 23. Mai 1618 eben auf dem Prager Schlosse das Signal zum Ausbruche des 30jährigen Krieges gegeben hatte, behielt Mathias seine Residenz fortan zu Wien. Dessen Beispiele folgten die späteren Regenten. Die Landtage und der Sitz der Dikasterien bewahrten jedoch dem Prager Schlosse auch fernerhin eine politische Wichtigkeit. Nur für eine kurze Zeit schmeichelte sich der Hradschin mit der Hoffnung, eine Residenz zu bleiben, als Friedrich von der Pfalz mit der schönen Königstochter aus England, Elisabeth Stuart, als erwählter König einzog. Während am 8. November 1620 ganz in der Nähe die Kanonen [89] der Schlacht auf dem weißen Berge donnerten, saß König Friedrich in einem der Säle dieser Burg bei einem glänzenden Mahle, als ein Bote mit der Nachricht, die Entscheidungsschlacht sei verloren, hereinstürzte und den sofortigen Aufbruch des Königs und des ganzen Hofstaats verursachte. Nicht lange darauf besetzten, statt der ständischen und königlichen Söldner, Bouquoy’s Wallonen und Tilly’s Bayern die Wachen in der Königsburg.

Der 30jährige Krieg brachte dem Prager Schloß ungeheure Verluste. Die Bayern und Sachsen, jene 1620 als Freunde, diese 1631 als Feinde auf dieser Burg anwesend, entführten zahlreiche Ladungen voll Kunstschätze und Kostbarkeiten. Was diese übrig ließen, nahmen zum größern Theil die Schweden unter Königsmark aus den Kunstkammern und Zeughäusern des Prager Schlosses, dessen sie sich 1648 zugleich mit der Kleinseite bemächtigt hatten.

Unter Ferdinand II. wurden viele im Innern der Königsburg eingebaute Privatgebäude angekauft und demolirt und der Anfang zur neuartigen Befestigung des Prager Schlosses gemacht. Kaiser Ferdinand III., welcher gern und oft in Böhmens Metropole weilte, ließ im Jahre 1641 unter der Leitung des Hofbaumeisters und Mathematikers Miseron einen größeren Umbau der Vorderfronte der Burg vornehmen und Vorbereitungen zu einem großartigen Ausbau treffen; allein die kriegerischen Zeiten hinderten die Ausführung. Die neue Befestigung der Burg wurde dafür energisch in Angriff genommen. Vom Jahre 1645 ab wurde auf lange Zeit eine Tranksteuer im ganzen Lande bewilligt, „daß daraus die angefangene Fortifikation continuirt und vollführt werden solle“. Um dem Königreiche Böhmen einigen Ersatz für die geraubten Kunstwerke zu bieten, vermehrte Ferdinand III. die in der Prager Burg gebliebenen Bilder durch den Ankauf der großen und werthvollen Gemäldegallerie des Lord Buckingham, welche herrliche Sammlung noch durch Leopold I. vermehrt wurde. Heute ist leider wenig mehr davon übrig als der Katalog. Derselbe Herrscher ließ 1686 den noch jetzt vorhandenen großen Röhr- und Springbrunnen durch den geschickten Heidelberger anfertigen und im zweiten Burghofe aufstellen, ferner im Jahre 1698 den spanischen Saal von David Hagenmüller mit Stuckmarmor bekleiden. Karl VI. nahm eine neue Ausschmückung des deutschen und spanischen Saales durch den bekannten böhmischen Baumeister Dienzenhofer vor und erbaute, da das unter Ferdinand III. und Leopold I. in der Burg bestandene Theater seinen Anforderungen zu klein erschien, ein großes Hoftheater jenseits der Staubbrücke.

Die französische und bayerische Invasion (1741 und 1742) brachte dem Prager Schlosse, welches der General Rutowski mit sächsischen Truppen genommen hatte, keinen erheblichen Schaden: nicht das Mindeste wurde entwendet und nur der Schloßgarten durch die in demselben kampirenden französischen Regimenter arg zugerichtet. [90] Schlimmer ging es bei der fürchterlichen, aber vergeblichen Belagerung Prags durch Friedrich den Großen (1757). Auf den Hradschin war das mörderische Feuer der meisten preußischen Batterien gerichtet, und der ehrwürdige Domthurm das Hauptziel derselben. Man kann den Schaden ermessen, welcher der Prager Burg damals zugefügt wurde, wenn man weiß, daß 22,000 Kugeln auf die St. Veitskirche geschleudert worden waren; 770 davon lagen in der Kirche, und das Kirchendach war an 215 Stellen durchlöchert. Die königliche Residenz, der spanische Saal und die meisten übrigen Gebäude, namentlich das Damenstift, waren übel zugerichtet. Das Hofopernhaus jenseits der Staubbrücke hatten am 8. Juni 1757 preußische Bomben, deren an diesem Tage 2059 geworfen wurden, in Schutt und Asche gelegt.

Eine gründliche Restauration der Prager Burg ergab sich als eine dringende Nothwendigkeit und wurde in ausgreifenderer Weise ausgeführt, indem man die von Ferdinand I., Mathias und Ferdinand III. restaurirten Flügel in architektonischen Einklang brachte, die alten, erhaltenen Theile, die Landtagsräume, den spanischen und deutschen Saal und den interessanten Wladislaw’schen Bau aber in ihrer alten Gestalt beließ. Dieser Bau wurde 1774 beendet. Der spanische und deutsche Saal wurden 1783 restaurirt, mit Fresken und zahlreichen Lustern geziert, und noch in demselben Jahre mit einem Hofball eröffnet, welcher 16,000 Gulden kostete. Unter Karl VI. und der Kaiserin Maria Theresia wurde leider eine Menge kostbarer Bilder aus der Prager Burg nach Wien und anderwärts fortgeführt, aber dennoch sind die Kunstwerke der Burg noch heute nicht ohne Belang, obwohl sogar noch unter Joseph II. im Jahre 1782 bei einer vorschnellen Versteigerung alter Ueberreste der rudolfinischen Kunstkammer viele werthvolle Stücke, z. B. der unvergleichliche Torso des Ilioneus, jetzt eine Hauptzierde der Münchener Glyptothek, für ein Spottgeld verschleudert worden.

Seit dem denkwürdigen 2. December 1848 bewohnt Ferdinand I. die königliche Burg des Hradschins; am 20. Februar 1855 brach Feuer in den Dachräumen aus und ein beträchtlicher Theil der Dachung des der Stadt zugekehrten Flügels brannte ab.

Unter den neuesten Ausschmückungen der Burg verdient die Restaurirung der Hofkapelle Erwähnung; sie wurde dem böhmischen Historienmaler Wilhelm Kandler übergeben und ward im Laufe der Jahre 1856 bis 1858 beendet.