Der Palast Lazienki in Warschau
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DER PALAST LAZIENKI
IN WARSCHAU
Ein helles Schloß auf klarem See, beide noch nicht hundert Jahre alt, aber das dunkle Auge der Geschichte blickt auch da hervor, aus dem spielenden Wasser, aus den Spiegelfenstern der Prachtsäle und aus dem Schatten der Bäume des Parks, wo Venus Amathusia und Jupiter tonans im Winter mit Schnee bedeckt sind, so daß sie noch im Sommer kalt darein schauen.
Da, wo die Kinder spielen mit den Schwänen im See und wo die modernen Herren auf den Granitplatten einherstolziren, wandelten einst zwei Könige ohne Land, und mancher trübe Strahl aus ihren Augen mag in den kleinen Wellen zergangen seyn. Auch sie waren klein, alle Beide, nur ihr Geschick ging auf hohen Wogen.
[187] Das Reich des Einen war seinem Geschlecht verloren gegangen, seit nur Bürger dort herrschten und der Adel Stammbaum und Wappen weggeworfen oder die Heimath aufgegeben hatte.
Das Reich des Anderen war zu Grunde gegangen, weil nur der Adel dort geherrscht und in den weiten Grenzen des Landes trotz der vielen Hunderte von Städten kein freier Bürger einen Herd hatte.
Das Reich des Ersten schoß, während er ihm ein Fremdling und Feind geworden war, zum mächtigsten Staat der Welt auf durch einen Mann, der die Bürgerregierung mit dem Soldatenfuß niedertrat, Schwert und Scepter zugleich in den Händen hielt und seinen Gegner im fernen Winkel nicht des Blickes würdigte. Durch einen Völkerbundeskrieg mußte der Gewaltige von seiner Höhe gestürzt werden und sein Kaiserreich zum alten Königthum zusammenschrumpfen, damit der Kleine nach stammgewohnter Weise sich häuslich niederlassen konnte auf dem Thron seiner Väter.
Das Reich des Anderen ging zu Grunde vor seinen Augen und während er mit der Krone auf dem Haupte noch darinnen saß. Vergeblich erhob die größte Heldengestalt der Nation das Banner des Befreiungskampfes, entflammte das Volk zu den herrlichsten Thaten Alles opfernder Vaterlandsliebe und entzündete selbst im König ein Strohfeuer der Begeisterung; umsonst, – des alten Feldherrn Schmerzensruf „Finis Poloniae!“ war ein Prophetenwort. Die Polenkrone fiel vom schwachen Haupt, und gedrittheilt ward zum letzten Mal die bereits tausendfach durch eigene Schuld zerrissene Nation.
Der Leser kennt die beiden Könige ohne Land. Der Eine war Ludwig XVIII., Napoleons Nachfolger in den Tuilerien; der Andere Stanislaus August Poniatowski, unter welchem selbst ein Kosciuszko Polen nicht mehr retten konnte.
Hätte der letzte Polenkönig ein Herz gehabt, groß genug, um den ungeheuren Jammer über das Zusammenbrechen seines ganzen Reichs zu fassen, und hätte ihn die Last dieses Jammers in den See gezogen, an welchem er so oft auf und ab wandelte, – wahrlich, die Nation würde die Stätte heilig halten, die Polen wallfahrteten zu dem Wasser, wie die Inder zur Gangesquelle: der in der Geschichte fortlebende Schmerz über den Selbstmord des Polenstaats wäre durch den des Königs gemildert, wie durch einen Balsam auf der Wunde der Ehre. – Und wäre Ludwig XVIII. zufällig in denselben Fluthen ertrunken, – welche Gestalt würde die Geschichte Frankreichs, Europa’s gewonnen haben?
Dummes Zeuch! – Es ist keines von beiden geschehen. Der letzte Polenkönig zog es vor, seine russische Pension in Petersburg zu verzehren und daselbst zu sterben; – und Ludwig XVIII. wartete bis in’s sechzigste Jahr, so lange hatte Napoleon ihn aufgehalten, ehe er Paris wiedersehen konnte; dort starb er als ein herzensguter, freundlicher, dicker Herr, kinderlos, und nach aber dreißig Jahren steht seines bösen Vorgängers Neffe in der Reihe seiner Nachfolger, wunderlicher Weise als ein ebensolcher III. ohne II., wie er selbst ein XVIII. ohne XVII. war. –
[188] Das Polenreich ist nicht wieder erstanden, das Reich der Franzosen aber wieder geworden, was es damals war, als Ludwig ohne Land im Parke von Lazienki hoffnungslos spazieren ging: ein Kaiserthum. Und dennoch gibt es zwischen beiden Ländern wunderliche Leute genug, welche noch in Zweifel darüber sind, wer in der Theilnahme der Welt an seinem Geschick höher zu stehen verdiene – wenn nämlich dieses Verdienst mit dem Maße ihrer Selbstachtung, mit dem Maße der eigenen moralischen Kraft, mit dem Maße der nationalen Ehrenhaftigkeit gemessen wird – ob der schweigende heimathlose Pole, oder der siegeslaute gloireselige Franzose der Gegenwart?
Der Palast Lazienki ist eine Schöpfung des letzten Polenkönigs. Stanislaus August Poniatowski erbaute ihn mitten in einem kleinen künstlichen See, über welchen mehrere Brücken zu Schloß und Park führen. Der Bau ist nicht von großem Umfang, aber er zeugt in allen seinen Theilen von dem feinen Geschmack des Erbauers, der unter dem nordischen Himmel zur schönen Jahreszeit sich in eine italienische Villa versetzt fühlen wollte. Die innere Einrichtung entspricht dem schönen Aeußeren. Werthvolle Gemälde und Bildhauerarbeiten, unter Anderem die Statuen sämmtlicher polnischer Könige, schmücken die Räume; auch die kleine Kapelle ist mit ausgesuchter Pracht ausgeschmückt. Seit Polens Fall haben die russischen Herrscher, wenn sie zur Sommerszeit nach dem Lande kamen, bisweilen ihren Wohnsitz da aufgeschlagen. Die Gegend, in welcher Schloß und Park (die auch kurzweg das Bad genannt werden) angelegt sind, heißt – die neue Welt. Diese polnische neue Welt ist eine Vorstadt von Warschau, – dem ehemaligen Petersburg des Polenreichs, dessen Moskau jetzt in Oesterreich liegt.