Maiden-Rock am Mississippi

DCCXCIX. Die Ruinen von Niniveh Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCC. Maiden-Rock am Mississippi
DCCCI. Der Palast Lazienki in Warschau
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MAIDEN-ROCK
(VALLEY OF THE MISSISSIPPI)

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DCCC. Maiden-Rock
am Mississippi.




An den Ufern des Mississippi geht eine uralte Indianersage: In dem Dorfe der Dakotahs, Wa-ba-scha, lebte ein schönes Mädchen, genannt Wee-no-nah, d. i. die „Erstgeborne“. Sie war von frühester Jugend auf der Liebling ihrer Familie und der Abgott des Dorfes. Die tapferen Söhne ihres Stammes suchten durch kühne Thaten ihre Theilnahme zu gewinnen; schmucke Jäger brachten die ausgesuchteste Beute in die Hütte ihres Vaters. Ein junger Indianer, von anmuthiger Gestalt und ein geschickter Jäger, erregte ihre Aufmerksamkeit. Er gab ihr Zeichen einer glühenden Liebe, fand Erwiederung und nach mehrmaligen Zusammenkünften wechselten sie die Pfänder eines Bundes, in dem sich alle ihre Hoffnungen vereinigten.

Allein Indianer-Heirathen sind weniger das Resultat persönlicher Zuneigung und der Wahl der Betheiligten, als Sache der kalten berechnenden Politik und der elterlichen Autorität. So schwach in mancher Rücksicht das Ansehen eines Häuptlings unter einem Indianerstamme seyn mag, so groß ist die väterliche Gewalt in der Familie; sie wird mit so unnachsichtlicher Strenge geübt, daß ihrer Macht zu entrinnen, nur selten versucht wird, noch seltener gelingt. Te-os-ca-te, „der lauernde Panther“, ihr Geliebter, fand einen [183] gefährlichen Nebenbuhler in Muck-wah, dem „Bären“. Dies war ein Häuptling, dreimal so alt als das Mädchen, von rauhen Sitten, blutdürstig, grausam und rachsüchtig von Charakter, und bereits Gatte von zwei Weibern. Der alte Bär war aber ein angesehener und tapferer Krieger. Er verdankte sein Ansehen den Heldenthaten, die er im Kampfe seines Volkes gegen die Chippeways vollbracht hatte und konnte mehr Chippeway-Skalpe aufweisen, als irgend ein Indianer seines Stammes. Dieser warb um Wee-no-nah, als um sein drittes Weib. Er beabsichtigte dadurch, daß er ihre Eltern, Brüder und ihre weitverzweigte Familie an sein Interesse knüpfte, seine eigene Stellung zu sichern und einflußreicher zu machen. Der Vater und die Brüder Wee-no-nahs begünstigten seinen Antrag, der, abgesehen von der Verbindung des Mädchens mit dem jungen Jäger Te-os-ca-te, der Indianerin Gefühl tief verletzte und alle ihre Hoffnungen auf Glück zertrümmerte. In geziemenden Worten machte sie Einwendungen gegen diese rücksichtslose Verfügung über ihre Person, setzte allen Anträgen des Kriegers entschiedene Weigerung entgegen und bestand auf ihrem Entschluß, Te-os-ca-te zu heirathen. „Thorheit!“ erklärte der Vater, „soll man der Laune einer albernen Dirne nachgeben, die einen jungen Jäger einem großen Krieger vorzieht?“ Die Häuptlinge hielten Rath und Te-os-ca-te wurde gezwungen, das Dorf zu verlassen. Er schied mit der Hoffnung, daß seine Abwesenheit der Geliebten, auf deren Treue sein ganzes Vertrauen stand, einige Ruhe verschaffen werde.

Um die nämliche Zeit und während der Abwesenheit Te-os-ca-te’s fuhr ein Trupp Indianer vom Wa-ba-scha-Dorfe den Fluß hinauf nach dem Pepin-See, um von dem blauen Thon zu holen, der an seinen Ufern gefunden wird und mit welchem die Indianer bei festlichen Gelegenheiten ihren Körper malen. Auch Wee-no-nah und ihre Sippschaft waren unter der Gesellschaft. Auf einem ebenen Platze zur Rechten des großen Felsens lagerte man. Dies geschah nach Verabredung mit Muck-wah, der an diesem Orte zu ihnen stoßen wollte, um bei der Gelegenheit die Hochzeitsgaben seiner Schönen darzubieten. Des Abends, nachdem sie sich zurückgezogen, trat Muck-wah in ihre Hütte, in der Hand die brennende Fackel, die, wenn der Kommende angenehm, das Mädchen auszulöschen pflegt. Allein fest in ihrem Vorsatze, und entschlossen, eher den Tod zu leiden, als die Treue gegen Te-os-ca-te zu brechen, hüllt sie das Gesicht in ihr Gewand und schreit laut Abscheu und Entrüstung. Das war zu erniedrigend für den stolzen Krieger, und von Zorn erfüllt schwur er, sie mit Gewalt sein eigen zu machen.

Von Neuem machte ihr der Vater ernste und eindringliche Vorstellungen und sprach schwere Drohungen aus, um sie zum Gehorsam zu bringen. Mutter, Brüder, die ganze Familie verbanden sich mit ihm. Da gab Wee-no-nah endlich ihre letzte Erklärung. „Ist es denn euer grausamer Wille,“ sprach sie, „gut, so mag es seyn! Bald aber werdet ihr keine Tochter mehr haben, die euch liebe oder fürchte, und keine Schwester, die ihr quälen könnt mit heuchlerischen Versicherungen eurer Liebe.“ Die Hochzeit mit Muck-wah, dem Krieger, wurde noch auf den nämlichen Tag festgesetzt.

[184] Während ihre Familie mit den Zurüstungen für die Hochzeit beschäftigt ist, stiehlt sich Wee-no-nah aus dem Lager und ersteigt auf schmalem Fußsteig den großen Felsen am See. Plötzlich erscheint sie auf der Spitze. Mit der Stimme der Verzweiflung redet sie zu Vater, Mutter und Brüdern auf der Ebene drunten. Sie macht ihnen Vorwürfe über ihr grausames Verfahren gegen sie und ihren Geliebten, beschuldigt sie des Trugs und der Falschheit und erklärt, sie werde nun alle ihre schmachvollen Absichten zu Schanden machen. Erschreckt stürzen Brüder und Verwandte aus dem Lager, klimmen an dem steilen Abhang empor, über dem sie steht; die Mutter sinkt in die brechenden Kniee und der Vater gelobt feierlich, ihr keinen Zwang mehr anzuthun. Der harte Krieger, Muck-wah der Bär, bleibt allein ungerührt. Sein kalter Blick ist auf das Mädchen gerichtet; er erwartet mit grausamer Gleichgültigkeit den entsetzlichen Sprung. Jetzt stimmt Wee-no-nah das Todtenlied an. Der Hauch der Luft trägt die Worte hinab zu ihren Verwandten, die sich abmühen, die jähe Felsenmauer zu ersteigen. Man ruft, man bittet, man weint und jammert zu ihr – umsonst. Ihr Entschluß steht fest; wie die letzten Worte des Gesanges verklungen sind und eben die Männer den Gipfel des Felsens erreicht haben und die Arme nach ihr ausstrecken – da vollbringt sie den entsetzlichen Sprung und liegt, ein verstümmelter Leichnam, zu des Vaters Füßen.

Jahre gingen hin, Jahre voller Mühen und Abenteuer für Te-os-ca-te, und die schöne Gestalt des Jünglings hatte sich verwandelt in die rauhe, verwetterte eines kräftigen Mannes. Der Verbannte kehrt heim in sein heimathliches Dorf, er erfährt das wehevolle Geschick seiner Geliebten, und nur noch ein Gedanke, die Rache, lebt fortan in der starken Seele des Indianers.

Eines Abends um jene Zeit war Wee-no-nah’s Vater auf die Jagd gegangen und nicht heimgekehrt. Nach wenigen Tagen fand man seinen Körper, durchbohrt von einem Pfeil und das Bild eines lauernden Panthers auf seine nackte Brust gezeichnet. Er lag mit aufgerichtetem Haupte, der Körper wider einen Baum gelehnt; der Schädel unberührt. Daran ward’s klar: der lauernde Panther hatte einen Feind gefällt.

Wenige Wochen später traf ein schwirrender Pfeil das Herz eines Bruders von Wee-no-nah, als er durch ein Gebüsch, ganz in der Nähe des Dorfes, ging, und zur Bestürzung der Einwohner sah man einen fremden schwarz bemalten Krieger, in der Tracht der Chippeways, aus dem Dickicht entspringen und über die Prärie davon jagen. Verfolgung war unmöglich; er war den schnellsten Läufern zu schnell. Das entsetzliche Geheimniß kam damals an den Tag. Te-os-ca-te, der Dakotah-Indianer, so erfuhr man, befand sich unter den Chippeways, er war ihr Todfeind geworden.

Nicht 4 Jahre verstrichen, als auf gleiche Weise alle Verwandte Wee-no-nahs, die ehedem gegen sie gehandelt hatten, hinweggetilgt waren. Eine unsichtbare Hand streckte sie zu Boden. Keinen fand man skalpirt – aber das Bild des lauernden Panthers kennzeichnete unausgesetzt die Leichen der Erschlagenen.

[185] Muck-wah, nach Rache lechzend, war dem Mörder unablässig auf der Spur. Oefters waren seine „Zeichen“ zu sehen, aber ihn selbst vermochte er mit aller List und Kühnheit nicht zu entdecken. Einstmals ging er mit dem letzten noch übrigen Bruder Wee-no-nah’s durch ein dichtes Gehölz in der Nähe ihres Hauses. Muck-wah’s stets wachsames Auge spähte lauernd umher, als der Jüngling an seiner Seite plötzlich aufschreit und zu Boden sinkt. Ein Pfeil hatte sein Herz durchbohrt, er starb augenblicklich.

Voll grenzenloser Wuth durchstreifte Muck-wah jetzt mit einigen seiner Genossen die Jagdgründe der Chippeways, seinem Feinde zu begegnen, aber ohne Erfolg. Er war lange abwesend, verfolgte die Spuren Te-os-ca-te’s bis an die Gewässer des oberen Sees und von da weiter bis an den Crow-wing-River, und kehrte endlich, des erfolglosen Jagens müde, auf einem Canoe, den Mississippi hinab, in die Heimath zurück. Auf diesem Wege war er eines Abends am Pepin-See angelangt, an dessen westlicher Küste er eine Schlucht zum Nachtlager erkor. Der Ort lag just der Stelle gegenüber, wo Wee-no-nah den Tod gefunden. Die Sonne war hinabgesunken, und Muck-wah erklomm eine Felsenwand, um die Gegend auszukundschaften. Wenige Augenblicke stand er und spähete über die weite wogende Prärie: da plötzlich fühlt er sich von einem Paar nervigen Fäusten gepackt. Das Zeichen des lauernden Panthers starrt ihm in’s Antlitz. „Muck-wah, kennst du die verhängnißvolle Klippe dort über dem See? Wee-no-nah’s Grab? Jetzt will ich sie rächen!“ – Es war Te-os-ca-te.

Sie rangen Beide – sie rangen auf Tod und Leben; aber bald war der furchtbare Zweikampf entschieden. Te-os-ca-te, der Stärkere, zog seinen Feind, der ihn fest umschlungen hielt, bis an den Rand des Felsens, mit verzweiflungsvoller Anstrengung preßte er ihn den jähen Abhang hinab. Ein vorstehender Felsblock hemmte für einen Augenblick ihren Sturz – dann folgte ein dumpfer Fall und Beide verschwanden in den Wellen des Pepin-Sees.

Kein Dakotah zieht an dieser Stelle in seinem Canoe vorüber, ohne seine Blicke zu der schwindlichen Höhe des Maiden-Rock zu werfen und dem Geiste des Felsens seine Huldigung darzubringen. Zuweilen, wenn die Schatten der Dämmerung sich um den Gipfel lagern, sieht man die schöne Gestalt Wee-no-nah’s einsam droben stehen, und ihr Todtenlied trägt der Abendhauch heran zu des Indianers Ohr. –

Der Sang dieser Sage ist der einzige, der aus den verklungenen Zeiten herüber tönt, da noch der rothe Mann sein Schlachtroß aus den gelben Fluthen des Mississippi tränkte. Die Civilisation unserer Tage mit ihrem Materialismus, ihren Dampfbooten und Eisenbahnen, ihren Zollhäusern und Börsen, ihren Zeitungen und Druckerpressen, mit ihren spekulirenden und intriguirenden, hab- und geldsüchtigen Menschen verrichtet auch da, wie überall, das Todtengräber-Amt an Poesie und Romantik. Vor ihr sind die Erb-Insassen des Landes von ihrer heimathlichen Stätte geflohen, der Indianergesang ist verstummt vor dem Klappern der Mühlen und dem Rasseln der Maschinen, die Pfade, die das Elk und der Jäger gemeinsam gingen, haben sich verwandelt in Schienenwege und Heerstraßen des Handels, die Furchen der schwanken Canoes auf dem Spiegel des Pepin werden umgewühlt von [186] den Schaufeln der Dampfboote, Telegraphendrähte durchweben die Luft und wo der rothe Krieger sich an dem Feuer seines Whigwams wärmte und die Squaw an den Mocassins ihres Buhlen gerbte, wachsen jetzt die rothen Ziegel-Städte, rechnen die Männer an ihren Dollars und studiren die Frauen über pariser Modebildern. Der Dichter trauert über den Wechsel, über den Untergang eines kräftigen Geschlechts, über das Erschlaffen einer wilden Natur, über den Verfall eines Heldenthums: der Menschenfreund aber wünscht der Civilisation Glück, daß sie die Rohheit von jener Stätte verdrängt, daß sie dem Streben nach Wohlfahrt, Freiheit und Genuß neue Bahnen bricht und mit ihren milderen Formen, ihren mannichfaltigen Interessen, verfeinerten Bedürfnissen und vielseitigen Zwecken auch die höhere Gesittung und Entwickelung des Menschenthums nach entfernteren Zonen trägt. Ist doch jeder Dampfbootheizer und Maschinenarbeiter, jeder Blockhäusler und Holzschläger des Westens, jeder Waarenballen und jede rauchende Esse ein Bote und Träger neuer Ideen, die den Fortschritt der Welt bedingen und mit denen sie die Wildniß besiedeln, obwohl gerade das Menschenglück nicht immer desselben Weges zieht – und Elend, Verderbtheit, Korruption und Lüge ihnen im Gefolge gehen. Sind die Motive auch oft niedere Gewinnsucht und barer Eigennutz und die Mittel grausam und unredlich, das endliche Ziel ist gut und edel und der Opfer werth, denn es ist die Propaganda der Humanität.

Das Wasserbassin des Pepin, dem fälschlich die Bezeichnung eines Sees beigegeben worden, ist eine weite Ausbuchtung des Mississippi, beim Einfluß des St. Croix. Seine Ufer bilden ein Amphitheater von Felsen und Klippen der groteskesten Formen; am bekanntesten darunter und hervorragendsten durch seine schöne Lage ist der Maiden-Rock, dieses Riesendenkmal auf dem Grabfeld der amerikanischen Romantik.