Der Thorstein im Felsthale (Thüringen)

DLXXXI. Miletus Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DLXXXII. Der Thorstein im Felsthale (Thüringen)
DLXXXIII. Die Befreiungshalle bei Kellheim
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DER THORSTEIN
(Thüringen)

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DLXXXII. Der Thorstein im Felsthale (Thüringen).




Willkommen! Tausendmal willkommen, du schönste Maid unsers Waldes, du, unter den Thälern des thüringer Gebirgs das allerherrlichste! So vielmal habe ich dich durchwandert, und auch noch im kleinen Bilde erkenne ich allerwärts traute, wohlbekannte Plätzchen: – das lichte Kreuz dort oben auf dem Scheitel des Aschenbergs, die Felsmauer des Bärensprungs, die Porphyrkolosse, zu denen ich mit Lebensgefahr hinankletterte um einiger Himbeeren willen; die Schauenburg, die Wiege des thüringer Landgrafengeschlechts; die Wand, auf der die Burg Lichtenstein gestanden; und oben an der Spitze des Felsthales die einsame Mühle, wo mich ein Stück Brod und Käse und ein Trunk süße Milch so oft gelabt haben; – doch vor allem das Gottesaug selber, das Feldgewölbe mit der Nische, wo das Standbild des thüringer Zeus einst gestanden: Thor, der dem Land und Volk den Namen lieh, und wo ich als Knabe geschlummert und geträumt habe, und gejodelt und gejauchzt, und den Geschichten und Sagen gelauscht eines alten Köhlers oder Bergmannes. Auch der schönste Tag meiner reiferen Jahre steht eingemeißelt über der Steinbank, da ich an der Seite des besten Weibes und eines lieben Kindes saß, des Erdenglücks so voll, daß ich’s nicht mehr fassen konnte. Wie leicht hing damals die auch schon große Sorge an dem vollen Becher! Es war Duft an der Traube; und jetzt? Still, gepreßtes Herz, dein Stöhnen macht’s ja jetzt nicht anders.


Vier Stunden von Gotha und eine Stunde von Reinhardsbrunn, bei dem Dorfe Tabarz, öffnet sich inmitten des dunkeln Tannenwalds ein tiefer Grund, aus dem ein wasserreicher Forellenbach silberklar über Feldgerölle [53] rauscht. Es ist dies die Laucha, und durch ihren Grund windet sich der schönste Pfad zu dem Könige des Waldes, dem Inselsberg, hinan. Außer dem Mühlchen ist nirgends eine menschliche Wohnung; aber ganz furchtlos beschreitet der Wanderer die herrliche Einöde, denn nie hört man in jener, von einem biedern Menschenschlage bewohnten Gegend von Raub oder Mord.

Das ganze Thal ist eine Idylle der schaffenden Natur. Gigantische, gelbliche, mit falbem Moos bekleidete Porphyrblöcke, seltsam und abenteuerlich gestaltet, gucken überall aus dem Grün des Waldes, oder ragen über die finstern Tannen und riesigen Buchen. Kein Mensch kann sich des mächtigen Eindrucks dieser Scenerie erwehren. Ein Stück Urwelt liegt vor ihm und über ihm, stolz und majestätisch, in kecker Starrheit aus der Nacht zum Licht strebend; er selbst aber voll hehrer Empfindung schreitet demüthig den Pfad, der sich um die alten Steinbilder wendet, die ihm erzählen zu wollen scheinen von vergangenen Zeiten. Plötzlich, bei einer Wendung des Wegs, steht er verwundert und staunend: – denn ein ungeheures Thor ist vor ihm aufgethan, in dessen Hintergrunde seltsame Felsgestalten aus dem Tannengebüsch schauen. Das ist der Thorstein, die von der Natur durch eine Felsenwand gesprengte Riesenpforte des herrlichsten Naturtempels, in welchem die Urväter der Thüringer den Geist verehrten, der alle Welten schuf. Und wie der Wanderer unter dem Bogen steht, und wie die Sonne den stillen Grund beschaut und der duftige Rahmen des blauen Himmels das Bild umspannt, wird ihm das Felsenthor, durch welches er schaut, zu einem wahren Auge Gottes. Den Grund hinan dringt sein Blick in die ferne Bergwelt; gegenüber aber steigt der Felskoloß des Aschenbergs auf, und von seiner Spitze blickt frei und froh das Christenkreuz herab auf die verlassene Stätte des Heidengottes. Grüne Bergwände senken sich in den mannichfaltigsten Formen zum Thalgrund hinab, und der Blick erheitert sich in dieser erhabenen Ruhe, die vielleicht nur ein Reh unterbricht, das über die Felszacken springt, oder ein Paar Waldtauben, die einsam gurren.

Das Lauchathal veranschaulicht recht eigentlich den Charakter der thüringischen Waldgründe; ja es ist unstreitig eines der schönsten Stückchen Erde für eine schwärmerische Seele und ein weiches Gemüth. Nicht weit vom Thorstein zeigt die Sage Gräber von Priestern und Barden. Ungestört schlummern sie unter den Felsen. Nur der Wind rauscht melodisch durch die hohen Tannen, oder wühlt in den Blättern der Buchen und spielt mit den rothen Fruchtbüscheln der Vogelkirsche auf dem Gestein, oder braust hinab zum Waldstrom in die Tiefe, das das saufende Wild aufscheucht, oder erschreckt die Raben aufflattern von der hohen Fichte und krächzend die Berge suchen. Die Stille des Thals ist sprichwörtlich; doch im Sommer trifft man nicht selten auf den einsamsten Plätzchen fröhliche Gesellschaftsgruppen, und namentlich ist der Thorstein der herkömmliche Rast- und Ruheplatz für Alle, welche den Inselberg besuchen.