Die Befreiungshalle bei Kellheim

DLXXXII. Der Thorstein im Felsthale (Thüringen) Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DLXXXIII. Die Befreiungshalle bei Kellheim
DLXXXIV. Der Eisenbahnviadukt bei Gotha
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DIE BEFREIUNGSHALLE
und die MÜNDUNG des DONAU-MAIN-CANALS

bei Kellheim.

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DLXXXIII. Die Befreiungshalle bei Kellheim.




Nur im Haupte eines deutschen Fürsten konnte der Gedanke erwachen, dem Andenken an die Kriege von 1812 bis 1815 einen Ehrenbau zu errichten unter dem Namen: Befreiungshalle. Das deutsche Volk ehrt seine Todten; es ließ ihnen von jeher mehr Gerechtigkeit, als den Lebenden, widerfahren; es kennt seine Geschichte seit jenen Schlacht- und Siegestagen; es weiß, daß die Heldenthaten jener Männer und Jünglinge des letzten Franzosenkriegs jeder Verherrlichung werth sind. Es wird ihre Namen mit Ehrfurcht lesen in einem Heldenbuche; es steht entblößten Hauptes vor den vielen Schlachtsäulen, die auf Deutschlands Boden sich erheben; es errichtet den Einzelnen, den Hervorragendsten, Denkmäler, wozu die Scherflein ungezählt aus allen Gauen herbeifließen: – aber spotten will es die glücklichen Todten nicht, die für die Freiheit gefochten haben und für die Knechtschaft gestorben sind. An Befreiungshallen im Sinne der Fürsten ist in Deutschland kein Mangel. Sie erhoben sich unter den verschiedensten Namen und Formen. Aber vergebens hat man sich bemüht, sie mit der Würde und dem Reiz des Volksthümlichen und Patriotischen zu umhüllen; das Volk kennt ihre Geburt und es geht kalt vorüber an den Monumenten fürstlicher Selbstverherrlichung.

Dieser Vorwurf soll jedoch den Gründer des Bauwerks nicht treffen, welches der nebige Stahlstich in seiner Vollendung zeigt. Jetzt, nachdem König Ludwig von dem Throne heruntergestiegen ist, auf dem er sich keine Lorbeern der Politik erworben hat, ist es an der Zeit, den Mann zu betrachten, an dessen Hand die deutsche Kunst zu ihrer Höhe emporstieg. Derselbe König Ludwig, unter dessen Zepter das Staatsleben der Bayern in kleinliche und ängstliche Schranken eingezwängt wurde; unter dem man das Volk allerdings auf dem Wege materiellen Wohlbehagens, aber zwischen Polizeizwang und Religionszwang dahin schob; unter dem es kein öffentliches Leben gab, als daß des Kultus, oder des Genusses; unter dem man jedes geistige Aufstreben und Durchbrechen der Alltäglichkeit mit unerbittlicher Strenge bekämpfte, die gefeiertsten Volksmänner verfolgte und durch Strafen, welche entehren sollten, moralisch vernichten wollte; unter dem man in den Kirchen ewige Lampen ansteckte und das Licht in den Köpfen auszublasen suchte: – derselbe Ludwig schlug die wahre und einzig würdige Richtung ein zum höchsten Ziele der Kunst: er stellte wieder her, was in den traurigen Zeiten des Verfalls alles Volks- und Kunstlebens untergegangen war, – die innige Verbindung der schönen Künste unter einander [55] und mit dem öffentlichen Leben, mit der Religion, mit der Geschichte und Poesie, mit den Lieblingsneigungen und Wünschen, mit den Erinnerungen und Bedürfnissen des Volks. Er baute neue Kirchen und ließ alten ihre ursprüngliche Schönheit wieder geben; er errichtete Thaten und Männern der Vorzeit Denkmäler und zeigte dem Volke seine Geschichte in prächtigen Bildern; die Gestalten, mit welchen Griechenlands und Deutschlands größte Dichter ihre Werke belebten, zaubern seine Maler und Bildhauer in die Gegenwart herein. „Aber (so lassen wir einen als Künstler und Gelehrter gleich tüchtigen Mann [Ernst Förster] uns berichten) nicht nur für Ausbreitung, sondern auch für Entwickelung war der König bedacht. Die Architektur mußte alle klassischen Baustyle der Vergangenheit vom altdorischen Tempel an bis zur Renaissance und bis zu Palladio durcharbeiten und gewissermaßen neu schaffen; die Skulptur hatte Aufgaben im Sinne der Antike zu lösen und mußte für die romantische und für die gegenwärtige Zeit entsprechende Weisen finden und sich üben in jedem Stoff, in Stein und Erz, und ihre Werkstätten erlangten einen Ruf über die ganze bewohnte Erde. Die Malerei endlich schuf auf des Königs Anregung die bewundernswerthesten Werke in allen Gattungen, in der Historie wie im Genre und der Landschaft, und in allen technischen Weisen, in Fresko und Oel, in Wachs und Enkaustik, auf Porzellan und auf Glas, und übertraf in letztgenannten Werken die glänzende Vorzeit. Dazu gründete und vermehrte König Ludwig eine große Zahl herrlicher Sammlungen von Skulpturen und Gemälden, Vasen und Terrakotten, Bronzen, Zeichnungen, Kupferstichen, Holzschnitten und andern Werken jeder Art. Für seine Schöpfungen aber berief er die geistvollsten, begabtesten Künstler aus ganz Deutschland, um sie und um ihn schaarten sich wieder jüngere Talente, und so wurde München der organische Mittelpunkt des deutschen Kunstlebens.“

Wir setzen diese Lobsprüche eines begeisterten Verehrers des deutschen Kunstprotektors in dieses Buch, von dem man weiß, daß noch keines seiner Blätter vom Lobe der Gekrönten überfloß; wir thun dies, weil wir Wahrheit darin finden und weil in unsern Tagen des blinden und unfruchtbaren Parteikampfs nur zu oft die Wahrheit mit der Lüge in den Staub getreten und auch dem Verdienste seine Krone entrissen wird. Ludwig von Bayern hat es aufrichtig mit der Kunst gemeint, er ist ein Mäcen im rechten Sinne; ihrer Blüthenpflege, ihrer Verherrlichung weihete er sein Leben, er benutzte sie nicht, er beutete sie nicht aus zur Verherrlichung seines Ichs, wie dies von den meisten Gekrönten geschehen ist und täglich geschieht und wodurch die Kunst zur Magd der Lüge und Eitelkeit herabsinkt. Die Wahl der Gegenstände, mit deren Ausführung er seine Künstler beschäftigte, wurde stets von einem allgemeinen, oft wahrhaft großen Gedanken, nie von einem Privatgelüste geleitet; seine Sammlungen, seine Bauten sind Prachtwerke der deutschen Nationalehre und erheben ihn und sein Schaffen während eines Vierteljahrhunderts selbst über die Zeit der Mediceer und ihrer vielbewunderten florentinischen Kunstpflege.

[56] Auch der bis jetzt noch unvollendete Bau, den unser Bild so zeigt, wie er nach Gärtner’s Plan den Michaelsberg bei Kellheim schmücken sollte, war bestimmt, sich als Denk- und Ehrenstein für einen Abschnitt des deutschen Lebens zu erheben. Aber wie bei der Walhalla die Form, war hier Zweck und Name dem Volksherzen fremd, und man wird es kaum beklagen, wenn mit dem Throne der König auch der Vollendung des Bauplans entsagt haben sollte, obgleich Ort und Art desselben eine neue Triumphfeier für die vereinigte Schönheit von Natur und Kunst herbeigeführt hätten.

Der Michaelsberg, auf dessen Gipfel schon im Oktober 1844 die Grundbauten zur Befreiungshalle vollendet waren, liegt in dem spitzen Winkel, welchen Donau und Altmühl (nunmehr als Mündung des Ludwigkanals) bei dem Städtchen Kellheim bilden. Der südliche Abhang desselben senkt sich jäh und unersteiglich in das Durchbruchsthal von Weltenburg herab. Dadurch wird der Berg der Nachbar einer der imposantesten Naturscenen, jener Stromklause nämlich, deren mächtige Felsenpartien die so oft besungene Lurlei des Rheins an Großartigkeit bei Weitem übertreffen. Die Platte des Bergs, auf welcher die Halle sich erheben soll, gewährt in ihrer Höhe von 375 Fuß über dem Stromspiegel reizende Fernsichten über den malerischen Altmühlgrund und in das weite Donauthal gegen Abbach hin. Die Stelle zu einem Nationalprachtbau konnte kaum besser gewählt werden. – Kommt Gärtners Entwurf noch zur Ausführung, so wird das Gebäude eine Rotunde in alt-italienischem Styl, mit einer Kuppel überwölbt und von einem offenen Bogengange umgeben, welcher ein Polygon von 18 Ecken bildet. Das Ganze ruht auf einem Unterbau von drei mächtigen Stufen, die zusammen 24 Fuß hoch sind. Ein Fenster von 25 Fuß Durchmesser erhellt durch die Kuppel das Innere des Tempels, welches einen runden Saal bildet mit einem Säulengange von achtzehn Säulen, deren jede 4 Fuß Durchmesser und 24 Fuß Höhe hat. Am Fuße jeder Säule hält eine Siegesgöttin aus weißem Karrara-Marmor eine eherne Tafel, je mit dem Namen einer gewonnenen Schlacht und des siegreichen Feldherrn. Die Gewölbefelder des innern Säulengangs werden mit Trophäen und allegorischen Bildern geschmückt; die mit dunkelem Marmor überzogenen Wände, ein mosaikartiges Marmorpflaster und die reichvergoldete Kuppelwölbung vollenden dann die Pracht der innern Ausstattung. Der Gesammtdurchschnitt des Gebäudes würde 236 Fuß, die Sprengweite der Kuppel 100 und die Höhe des Ganzen 178 Fuß messen. Die technische Leitung des Baus besorgte der Architekt A. Mühr. Als nach Gärtner’s Tod (21. April 1847) Klenze die Oberleitung übernahm, war der Sockelbau bereits vollendet und sollten die 18 Säulen des Innern aufgerichtet werden. Zum Transport dieser riesigen Granit-Monolithen (jeder wog 7-800 Zentner!) vom Bruche bei Hauzenberg in der Nähe von Passau, mußte eine eigene Straße erbaut werden.

Trotz der ungeheuern Schwierigkeiten, welche Transport, Material und Platz boten, schritt der Bau rüstig vorwärts, bis vor dem Sturm des Frühlings Bauherr und Bauleute flüchteten. Seitdem steht der Berg verödet und die Zukunft des Baus bis jetzt noch auf einem dunkeln Blatte.

[57] Das deutsche Volk freilich, das träumte von anderen Bauten! Im März war es selbst für einen Augenblick Bauherr geworden und gedachte, sich nach eigenem Plan seine „Befreiungshalle“ zu gründen. Zum Bauplatz wählte es Frankfurt am Main. Aber Meister und Gesellen haben schlecht gearbeitet, und der Bauherr steht traurig und getäuscht vor dem unfertigen Werke, daß nun gleiches Schicksal theilt mit dem König Ludwigs. Auch in dem Frankfurter Bau erkennt die Nation eine „fürstliche Befreiungshalle“ und preßt die Faust auf das verspottete Herz. Abermals sah sie ihre Jünglinge und Männer für die Freiheit fechten und Fesseln zum Lohn erhalten, und knirschend sieht sie, wie aus ihren Bausteinen, anstatt des Tempels der Freiheit, ein Monument zur „fürstlichen Selbstverherrlichung“ ersteht.

Aber Geduld! Die Steine, die man ihrem rechten Zweck veruntreut, sind nicht verloren. Die Herrschaft, welche die Arglist von Neuem über das Volk gewonnen, sie dauert nicht, und die Schlange, die es zu verführen trachtet mit dem Reichsapfel, sie wird im Staube kriechen, ehe der Kaiserstuhl gezimmert ist. Die bösen Geister der Lüge und des Betrugs, die jetzt im Volke umgehen, seine Begriffe verwirren und es mit jesuitischer Treulosigkeit zum Schmieden antreiben an seinen eigenen Ketten: sie werden noch zu rechter Zeit erkannt werden und von der Entrüstung des Betrogenen ihren Lohn empfangen. Ihr so schlau begonnenes Werk des Hochverraths an der Nation, welches unter dem gleisnerischen Vorwand, die deutsche Einheit aufzurichten, ausgeht auf die unheilschwere Scheidung von Nord und Süd, auf Entzweiung der Brüder und auf eine Theilung Deutschlands unter zwei Kaiser (um so leichter und sicherer würde dann die Unterjochung!) wird zu Schanden werden. Wenn die Zaubersprüche, mit denen man den Märzsturm beschworen hat, entkräftigt sind, dann wird er als Orkan wiederkommen, den Bau des Baals brechen, die Baumeister zerschmettern und die Werkleute mit Entsetzen von dannen jagen.

Gott läßt sich nicht spotten. Als er im März zu Gericht gesessen war über Verbrechen in drei und dreißig Jahren an der Nation begangen, – damals, als es nur eines Winks bedurft hätte, die wehrlosen Monarchen in den Abgrund hinabzuschleudern und zu überantworten den Mächten des Unterreichs: – damals machte er das Erbarmen stark in der Völker Herzen, damit Gnade für Recht ergehe über die Schuldigen. Wenn diese mit ihren Dienern und Anhängern das Geschehene schon vergessen haben, wenn sie in ihrer Vermessenheit wähnen, die in das Fleisch und Blut der Nation getretene Bewegung sey wieder bis an die Pforte des Ausgangs zurückzulenken und mit Lug und List, Krieg und Haß die unsterbliche Volksidee der freien Einheit auszutilgen, die Nation zu zerstücken und dadurch zu bewirken, daß sie in häuslichem Hader sich entkräfte und ihre edelsten Lebenstheile im innerlichen Krampfe aufreibe und zerrütte: – so werden sie sich täuschen. – Was sie sich vorgaukeln, das vergeht auch wie Gaukelspiel, und wenn der kurze Tag neuer Volks-Täuschung vorüber [58] ist, – dann wird die Revolution nicht mehr richtend, sondern rächend wieder losbrechen wie die Lohe des Glutwindes der Wüste, um die Schuldigen zu strafen: und nicht mehr mit Adressen und Petitionen – nein, mit dem blutigen Schwerte wird dann das enttäuschte und ergrimmte Volk das verheißene Land seiner Sehnsucht und seines Strebens in Besitz nehmen. Wer, dem ein menschlich Herz in der Brust schlägt, möchte diese Katastrophe nicht abwenden? aber alles Warnen ist umsonst, die Brücken der Verständigung sind morsch, eine nach der andern stürzt ein. Das höchste, die Freiheit, diese Gottes-Saat, aufgegangen in der Seele der Nation, wird zwar gerettet werden: aber auf der Richtstätte ihrer Widersacher und Verfolger wird ein anderer Drache sein rothes Panier aufpflanzen und der Kampf mit diesem, der wird noch härter seyn, als mit jenem. Ströme Bluts sehe ich fließen und meinen Schmerz mildert nur die Hoffnung, daß es ein Läuterungskampf werde und daß der Michel, was er so tappig begonnen hat, als ein Sankt Michael endigt. Wenn dann der germanische Freistaatenbund der neuen Welt dem Freistaatenbund deutscher Nation in der alten die Bruderhand reicht, dann wird wahre Freiheit und Gesittung allmählig Eigenthum der ganzen Erde werden, das Germanenthum seine göttliche Sendung erfüllen, eintreten die Sonnenwende des großen Weltjahrs und die Zeit kommen, wo verwirklicht wird der fromme Wunsch des Dichters:

Eine Halle der Freiheit erstehe für’s Eine, die Menschheit;
Grundbau: die Erde; Säulen: die Völker; die Decke: der Himmel!“