Die Burg Thorun bei Dresden
| ← Rechnung über eine Reise von Mühlhausen i. Thür. nach Dresden im Jahre 1653 | Die Burg Thorun bei Dresden (1910) von Otto Trautmann Erschienen in: Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912) |
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Im Jahre 1206 wird Dresden zuerst genannt. Die Urkunde, die es nennt, wirft zugleich Licht auf die Geschichte der Siedlungen des Elbtales überhaupt. Eine Reihe von Ortschaften der Gegend von Dresden wird zum erstenmal erwähnt und im Zusammenhang damit die Grenze des Besitzes der Meißner Kirche auf dem linken Elbufer gekennzeichnet. Die Urkunde ist in den Dresdner Geschichtsblättern 1906 besprochen und wiedergegeben worden. Es dürfte aber an der Zeit sein, der Bestimmung der Örtlichkeit, um die es sich in der Urkunde handelt, einige Aufmerksamkeit zu widmen.
Es handelt sich im Jahre 1206 um die Beilegung eines Streites über einen Ort Thorun. In der Nähe der Weißeritz hatte der Burggraf von Dohna widerrechtlich auf bischöflich meißnischem Gebiet eine Burg, ein „castellum“, das Thorun hieß, errichtet. Den Namen der Burg las man früher Chorun. Als Hasche zu Anfang des 19. Jahrhunderts seine „Diplomatische Geschichte Dresdens“ schrieb, war ihm eine Abschrift der Urkunde zur Verfügung gestellt worden, und er war damit in der Lage, die frühere Lesung des Namens zu berichtigen[1].
Man wendete indessen der Form des Namens wenig Aufmerksamkeit zu und versuchte, die Lage von Thorun aus andern Angaben zu erschließen. Man versetzte die Burg auf den Burgberg zu Pesterwitz[2], indem man den Bach Zuchewidre, von welchem die Urkunde spricht, als die Wiederitz, die Zauckerode durchfließt, deutete.
Diese Annahme ist unhaltbar. Sie ist zunächst unmöglich aus Gründen der Siedlungskunde. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts lag um den Pesterwitzer Burgberg eine dichte Schar von Siedlungen. Die Urkunde selbst nennt mehrere Orte der nächsten Umgebung: Döhlen, Potschappel, Wurgwitz, Gompitz, Plauen usw. Die Besitzverhältnisse in diesen Orten waren seit langem geordnet, die Gegend war in kleine Fluren aufgeteilt, ein Streit um dieses Gelände konnte unmöglich durch die Eide einiger Männer beigelegt werden. Daß es nicht die Gegend von Pesterwitz war, wohin 1206 Lehnsleute des Markgrafen mit glaubwürdigen Männern entsandt wurden, um die Grenzen des bischöflichen Besitzes zu erkunden, das erhellt aus dem Umstand, daß 1144 ein Streit über das unmittelbar neben dem Burgberg liegende Dorf Dölzschen durch König Konrad III. geschieden worden war. Markgraf und Kirche hatten sich damals bereits endgültig über diese Gegend geeinigt[3].
Wohl befand sich auf dem Burgberg zu Pesterwitz eine Burgstätte; die Funde, welche man dort gemacht hat, weisen auf eine frühe mittelalterliche Zeit hin – aber es war die Stätte, wo der alte Burgwartsbezirk Pesterwitz seinen befestigten Mittelpunkt hatte. [87] Ist es schon schwer denkbar, daß ein Streit um den Burgberg ohne eine, wenn auch flüchtige, Erwähnung dieser älteren Bedeutung der Örtlichkeit geführt und entschieden worden sein sollte, so verschwindet die Möglichkeit, wenn man berücksichtigt, daß der Berg bis in den Beginn des 19. Jahrhunderts einen eignen Namen geführt hat. Er hieß der Burckhardts- oder Burgwartsberg[4].
Hierzu gesellen sich Zeugnisse andrer Art. Auf dem Rücken der Urkunde befindet sich eine kurze Aufschrift, welche in der Schrift des 15. Jahrhunderts Tharandt als Ort der Burg nennt.
Der Verfasser der „Donins“ hält diese Aufschrift für unbeachtlich. Es findet sich aber im Domarchiv zu Meißen ein altes Regest über die Besitzungen und Rechtsansprüche der Meißner Kirche vom Jahre 1478, das mit dem Wortlaut jener Aufzeichnung übereinstimmt. Die Form, in welcher hier Tharandt als Ort der Burg genannt wird, schließt Flüchtigkeit der Bestimmung ganz aus. Die Stelle des alten Stiftsverzeichnisses (Regestum proprietatum ecclesiae Misnensis v. J. 1478 im Dom-Archiv, A. no. 49) lautet: „Taranth. Super eo castro est littera Tiderici marchionis super arbitrio inter episcopum Misnensem et barones de donyn de erectione castri taranth, quod adjudicatum est episcopo, signata N. b, scatula B.“
Mit dieser Angabe scheidet Pesterwitz als Ort der Burg Thorun aus. Dem Schreiber des Verzeichnisses von 1478 stand die Überlieferung des Meißner Stifts, soweit sie als Grundlage rechtlicher Ansprüche dienen konnte, zur Verfügung. Über die Besitzverhältnisse in diesem Teil der Dresdner Gegend lagen seit alter Zeit verbriefte Ansprüche vor. Unter den Urkunden der Bischöfe zu Meißen, welche 1538 „in dem Gewelbe und Thorme neben der Silberkammer“ aufbewahrt wurden[5], befand sich unter andern eine Urkunde der brandenburgischen Markgrafen Waldemar und Johann über den Kauf von Dresden, Radeberg und Tharandt von dem Bischof Witecho von Meißen[6]. Im 13. Jahrhundert wurde die Lehnshoheit des Meißner Bischofs nicht nur für Dresden, sondern auch für Tharandt anerkannt. Darnach konnte aber nicht der Dorfbach von Zauckerode die Grenze des bischöflich meißnischen Gebiets bilden; das castrum Tharandt, das im 13. Jahrhundert cum foresta et suis pertinentiis[7], also mit dem umfangreichen Waldgebiet der Tharandter Gegend von der Kirche zu Lehen ging, wäre damit ausgeschlossen gewesen. Eine ununterbrochene Überlieferung knüpft das Verzeichnis von 1478 an ältere Grundlagen und sichert damit den Beweis, daß Thorun und Tharandt ein und derselbe Ort sind[8].
Unentschieden bleibt die Frage, was unter dem Bach Zuchewidre zu verstehen ist. Zu berücksichtigen ist indessen, daß einesteils die Lesart Zuchewidre nicht unbestritten ist, daß der Bach auch Zucherridre heißen kann (vgl. die Abbildung der Urkunde in den Dresdner Geschichtsblättern Bd. 4) und daß andernteils Namen mit Zuche und Ziege in der Gegend mehrfach vorkommen. Die Höhen bei Hainsberg heißen heute noch der Ziegenberg, und der Tharandter Wald scheint im 16. Jahrhundert den Namen Ziegenrück geführt zu haben. Nahe dem Serrenbach heißt eine Stelle westlich vom Markgrafenstein in Öders Kartenwerk (16. Jahrhundert) „am Ziegenrück“, und nördlich davon liegen nach Öder bei Herrndorf „die Heuser im Ziegenrück“. Vielleicht ist der Serrenbach der rivulus Zuchewidre oder Zucherridre.
Von Tharandt aus ist auch die Festlegung der Grenze des bischöflichen Gebiets a capite rivuli Zuchewidre usque ad finem descensus ipsius in flumen Bistrice et inde usque ad finem descensus ipsius Bistrice in Albiam verständlich. Die Weißeritz schied um das Jahr 1200 das bischöfliche Gebiet nicht streng ab. Wohl lag der Kern der Präbenden und Obödienzen des Hochstifts links der Weißeritz (Pesterwitz, Roßthal, Löbtau, Altfranken, Briesnitz usw.), wie andrerseits auch fast alle Orte, welche Wachgetreide zinsten (im Gegensatz zu den 1144 von allen Wachleistungen befreiten Orten der Meißner Kirche[9]) rechts der Weißeritz lagen, aber scharf schieden sich Flur und Besitz nur im Oberlauf der Weißeritz ab.
Tharandt, in dessen Nähe später die Dohnische Feste Rabenau erscheint, war zu Anfang des 13. Jahrhunderts der geeignetste Ort für die Burggrafen, um durch Anlage einer Burg Einfluß auf die Neugestaltung der Landschaft zu gewinnen. Als Zeuge unter einer Dohnischen Urkunde von 1235 erscheint ein Hoico de [88] Hoikendorph[10]. Der Ort Hoikendorph besteht heute noch nahe der Mündung des Serrenbachs als Höckendorf (bei Edle Krone), er lehnte sich an eine ganze Reihe Dohnischer Rodungen in der Tharandter Gegend an, Paulsdorf, Seifersdorf, Börnchen, Possendorf und andere. Um dieses Gebiet ging der Kampf zwischen Bischof und Burggraf, nicht um das Gebiet der alten Örtschaften am Unterlauf der Weißeritz. Die Frage, wo der Bach Zuchewidre oder Zucherridre, der Bach aus dem Ziegenrück, gesucht werden muß, kann nur unter Berücksichtigung der Lage von Tharandt entschieden werden.
- ↑ Hasche, Urkundenbuch zur Dresdner Geschichte, S. 3.
- ↑ Die Donins, 1876, S.34; Codex diplomaticus Saxoniae II, 1, S. 71.
- ↑ Cod. II, 1, S. 51. Das in der Urkunde von 1144 mitgenannte Nuendorf ist nicht Kleinnaundorf am Windberg, sondern Naußlitz bei Dölzschen (juxta Deltsan). Der Flur Naußlitz (1311 Nuzadelitz, 1547 Naueschitz) liegen die zwei Königshufen der Ansiedelungsurkunde vom Jahre 1068 (Cod. II, 1, 33) zugrunde. Auf die Entwicklung der Gründe für diese Behauptungen muß hier verzichtet werden.
- ↑ Im 16. Jahrhundert der Porporsberg. Vier Pesterwitzer Einwohner bekunden am 17. Oktober 1588, daß ihre Vorfahren seit über 60 Jahren die Schafhutung „uffn Porporßberge“ gegen den Zins von einem Schock Hühner jährlich gehabt haben (Haupt-Staats-Archiv, Collectio Schmidiana, Amt Dresden, Vol. XXX, Nr. 74, Pesterwitz [923]). Schöttgen (opuscula minora, 1767, S. 60) nimmt an, daß der Name aus Burgberg (richtiger Burgwartsberg) verderbt ist (Rustici hodie vocant den Purpurberg, quod corruptum est ex Burgberg).
- ↑ Haupt-Staats-Archiv, loc. 8983: „Registratur über der Bischöfe zu Meißen briefliche Urkunden“.
- ↑ Siehe hierzu Cod. II, 1, S. 293.
- ↑ Die Donins, S. 288.
- ↑ Aus der älteren Zeit sind für den Namen Tharandt Formen belegt, welche an der Übereinstimmung mit Thorun nicht zweifeln lassen. So zinst nach dem Erbbuch des Amts Dresden von 1547 ein Marx Peschel zu Lübau bei Tharandt von einem Holze und einer Wiese „dem Ambt Dorn“. (Hpt. St. A., Rep. XLVII, Dresden 21a, Bl. 431b.)
- ↑ Die Frage, ob das Wachgetreide eine Ablösung von Wachleistungen gewesen sei, bleibe hiermit unberührt.
- ↑ Die Donins, S. 281. Nicht ausgeschlossen ist es, daß dieser Hoiko 1198 als Hoiko v. Donin genannt wird. Die Donins, S. 33, Anm. 16.