Die Felswände bei St. Paul
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BLUFFS BELOW ST PAUL
(MINNESOTA)
Die Mississippi-Ufer unterhalb St. Paul erheben sich in fast senkrechten Wänden, in deren Spalten und Fugen Adler und Eulen nisten. Zwergartige Cedern und niedriges Buschwerk finden dürftige Nahrung in dem Boden, welcher die Felsspalten ausfüllt, und mancherlei Schlinggewächse klettern an dem Gestein und zwängen ihre Wurzeln in jede Ritze, in welcher sich etwas Feuchtigkeit sammelt. Diese hohen, schroffen, oft senkrechten Mauerufer gehören zur Charakteristik des oberen Mississippi. Ein schönes, wellenförmiges Hügelland streckt sich dahinter aus, das sich vortrefflich zu Ackerbau eignet. Es ist meist Wiesenland, mit dichten Baumgruppen malerisch bestreut und aus Eichen, Hickory, Ahorn und Ulmen bestehend. Ungeheuere Nadelholz-Waldungen krönen die Höhen und steigen
[144] in die tiefen Seitenthäler hinab, welche ihre Gewässer dem Hauptstrome zuführen. Diese Föhrenwälder sind in neuerer Zeit für den Unternehmungsgeist und die Arbeit der weißen Bevölkerung Quellen des Reichthums und Wohlstands geworden und ihre Ausbeutung ist der Magnet, welcher den rüstigsten Theil der östlichen Bevölkerung und der neuen Einwanderung in dichten Schaaren herbeizieht. Es sind das jene mannhaften, unverwüstlichen Hinterwäldner (backwoodmen), welche sich den ganzen Sommer mit dem Fällen der riesigen Stämme und der Zurichtung derselben zu Flößen, oder dem Zerkleinern zu Bretern und Planken beschäftigen, während Frau und Kinder, mit einem braven Wolfshund zum Wächter und Schirmer, in einer Blockhütte mit der Wartung eines Gärtchens und Besorgung der einfachen Wirthschaft die Jahreszeit verbringen. Die Zeichen der Arbeit jener unverwüstlichen Menschen treten Dem, welcher den obern Mississippi auf dem Dampfer bereißt, beständig vor’s Auge. Es sind jene plumpen Flöße, welche den Fluß hinabgehen, und jene Berge von rohem und geschnittenem Bauholz, von Bretern und Schindeln, welche die Schneidemühlen umgeben. An allen Bächen in allen Seitenthälern stehen solche Sägewerke, gebrechliche schlechte Gerüste von Balkenwerk, denen man es nicht ansieht, daß sie ihre Eigenthümer sicherer zu reichen Leuten machen, als die Goldminen Kaliforniens. Bis tief in den Spätherbst hinein dröhnen die Wälder wieder von der Axt des Holzfällers, vom Gekrach der stürzenden Stämme und dem Halloh der Arbeiter. Die Stämme werden von Ochsen nach dem Wasser hinabgeschleift; dort bleiben sie während des Winters liegen und im Frühjahr schwemmt man sie zu den Mühlen hinunter oder in eine Bucht des Mississippi, wo man sie in Flöße zusammen bindet und in dieser Gestalt, von den langen Rudern ihrer Steuerleute regiert, in die jungen aufblühenden, wachsenden und bauenden Städte des Thals zu Markte führt. Auf jedem Floß ist eine kleine Hütte zum Schutz der Mannschaft, welche in zwei Parten getheilt ist, deren eine den Tag-, die andere den Nachtdienst zu versehen hat, weil die Gefahren des Stromes eine stete Wachsamkeit erfordern. St. Louis ist der Mittelpunkt dieses unermeßlichen Flößereigeschäfts. Viele Flöße werden an dieser Stadt aufgebrochen und verkauft.
Der Staat giebt die Ausbeutung der auf unverkauftem Kongreßland stehenden Wälder frei; man bezahlt keine Abgabe und ist keiner lästigen Bevormundung, keiner Kontrole unterworfen. Will sich der Holzhauer einen besonders schönen, oder günstig gelegenen, Holzbestand aneignen, so kann er dies durch Erlegung des geringen Preises von 1¼ Dollar für den Acre in dem nächsten Landverkaufsamt jeder Zeit bewerkstelligen und er wird dadurch zu gleicher Zeit Eigenthümer von Grund und Boden. Wie völlig unbedeutend jener Preis, verglichen zum Holzwerthe, ist, wird man begreifen, wenn man weiß, daß ein Acre gut bestandener Föhrenwald am obern Mississippi gewöhnlich 60,000 Kubikfuß Holzmasse und öfters noch viel mehr liefert. In den letzten Jahren hat die große Einträglichkeit des Holzgeschäfts viele vermögende Einwanderer aus den östlichen Staaten herbeigezogen, welche, obgleich rauh in ihrem äußern Wesen und oft von Reisenden für schlechte Leute gehalten, in der That von keiner andern Bürgerklasse [145] an Intelligenz, guter Sitte und Menschenfreundlichkeit übertroffen werden. Nicht selten ergreifen die Söhne der besten Familien das Holzgeschäft als die einträglichste Beschäftigung, bis sie die Mittel erlangen, größere Landkomplexe zu kaufen, oder Mühlen und Sägewerke anzulegen und sich so eine Carriere zur Erlangung von Reichthümern zu öffnen. Der rüstige, von Unternehmungslust getragene Mann gewöhnt sich leicht an das rauhe unwirthliche Leben des Hinterwäldners; die Idee, welche er verfolgt und ihn erfüllt, läßt ihn alle Schwierigkeiten überwinden, alle Anstrengungen ertragen; nicht so das Weib, welches vielleicht aus dem weichen Schooße des üppigen Lebens der großen Stadt sich losreißt, um ihrem Gatten in die Einsamkeit der Wälder des fernen Westens zu folgen. Gerade auf sie, die Gattin und Mutter, fällt das härtere Loos, die größere Entbehrung; denn nicht einmal die Hoffnung, stets an der Seite ihres Mannes die Sorgen und Strapazen des neuen Lebens zu ertragen, begleitet sie. Der Mann, festeren Bau’s und stärkern Willens, von Kindheit an gewohnt zur Lust an Wagniß und Abenteuer, von der Sucht nach Gelderwerb gespornt und von der gewissen Aussicht auf eine gewinnreiche Thätigkeit erwärmt, zieht, angekommen an dem Ort seiner Wahl, leichten Herzens mit seinen Leuten oder Genossen, Büchse und Axt auf der Schulter, in die Wildniß und beginnt sein rauhes Tagewerk; ein Roß trägt ihm Zelt und wollene Decke nach; er richtet sich ein so gut er kann und findet in Felshöhlen oder Schluchten Schutz vor Sturm und Unwetter und eine Küche und einen Heerd zur Bereitung seines Mahls; die schwache und zarte Frau aber, die vielleicht noch ihre ganze Sorgfalt dem Säugling und dem Häuflein kleiner Kinder widmen muß, – sie, die früher in comfortabler Wohnung, von liebenden Aeltern, Verwandten und Freunden umgeben, gelebt hat, wird nun geprüft, ob sie Muth und Seelenstärke genug besitze, um ihre Pflichten in einem Wirkungskreise zu erfüllen, der ihr in langen Jahren, ja vielleicht niemals wieder, eine der gewohnten Freuden, oder eine Erholung, bietet, ihr aber Gefahr und Noth in Menge verspricht. – Ihr Haus ist eine aus rohen, unbehauenen Baumstämmen eilig aufgeführte Hütte, und meistens nur nothdürftig gegen Wind und Regen verwahrt. Hier verlebt sie nicht Tage und Wochen, sondern jedes Jahr oft Monate, ohne ihren Mann zu sehen; die kalte Erde, mit einer Schilfdecke überdeckt, ist ihr Fußboden; der Strom oder der Urwald ihre Aussicht. Kein Nachbar besucht sie; denn der nächste lebt vielleicht eine Viertel-Tagreise entfernt; kein Arzt kann ihr und ihren Kindern beistehen; ein kleiner Arzneikasten ist ihre Apotheke, und sie muß sich selbst verordnen. Ihre Vorrathskammer ist ein Kasten mit Mehl, Grütze, Kaffee, Zucker, Thee, Schmalz und Rauchfleisch; oft kaum ausreichend für die lange Zeit der Trennung von ihrem Gatten. Der finstere Wald ist ihr Spaziergang, im nahen Bach oder Quell schöpft die Verlassene ihren Trank. Des Abends ist sie öfters genöthigt, ein Feuer anzuzünden, um den Bären oder den Prairiewolf vom ungastlichen Besuche abzuhalten, und ganz einsam und schutzlos wäre die Arme, wenn nicht der treue Hund des Nachts die Hütte umschlich und die wilden Thiere durch seinen Muth in Respekt hielt. Tausende von Frauen sind in solcher Lage in diesen einsamen Gegenden [146] des Westens; aber unter den Tausenden findet sich kaum ein Beispiel, daß es ihnen an der Tugend des Heroismus gebräche, welche eine solche Lage erträglich macht und solche Pflichten zu überwinden versteht. Furchtlos sorgen die Mütter für die ängstlich sich anklammernden Kinder, trösten die Zagenden, treffen mit mehr als männlicher Seelenstärke und Klugheit ihre Anstalten und richten ihr Hauswesen ein. An diesen Frauen wird das Wort: „Gebrechlichkeit dein Name ist Weib“, recht eigentlich zur Lüge. Ist’s doch, als habe die Natur nur die Gelegenheit erwartet, in dem schwachen Wesen die schlummernden Geisteskräfte und ihre Seelenstärke zu wecken und brauchte es nur das Gebot der Nothwendigkeit, um das Weib in einer Weise ihre Pflichten erfüllen und thätig und selbsthandelnd auftreten zu lassen, welche der Bewunderung werth ist.
Hinter der auf unserem Bilde dargestellten Steinwand liegt das indianische Dorf „Le petit Corbeau“ (der kleine Rabe). Im Jahre 1849 bestand dieser Ort aus 40 Hütten und ungefähr 300 Capasia-Indianern, einer Horde des Dacotah-Stamms. Auf einer Berg-Terrasse hinter dem Dorfe sah man eine Reihe Gerüste aufgerichtet, auf denen die Leichname der verstorbenen Krieger, in Decken von Bisonfellen gehüllt, ausgesetzt wurden. Eine Stange mit weißer Flagge bezeichnete schon von weitem die Stelle der luftigen Indianergräber. Die Dacotahs und einige ihnen verwandte Stämme haben vorzugsweise diese sonderbare Weise, ihre Todten zu bestatten. Sie glauben, der Verstorbene wünsche noch eine Zeit lang den Vorgängen unter seinem Volke zuzuschauen, an denen er während seines Lebens Theil genommen hat. Kindlicher Glaube, der von einer tiefen Kenntniß des menschlichen Herzens zeugt! Wir lachen über ihn und doch hat er in Gefühlen seinen Grund, die der ganzen Menschheit und allen Jahrtausenden angehören und, freilich oft ganz unbewußt, aus den nationalen Gebräuchen und Sitten der verschiedensten Völker zu uns reden.