Die Trenton-Fälle
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TRENTON FALLS

TRENTON HIGH FALLS
Die Welt ist eine Welt von Kräften. Wie in der physischen, so in der geistigen. Der Starke herrscht überall; er fürchtet nur den Stärkern. Was der gewaltige Geist in der ehernen Brust beschließt, ist für die Menge Gesetz. Was hilft es dir, bist du in den Händen der Mörder und Räuber, die Heiligen zu rufen? Schleudert darum Gott seine Blitze auf sie herab, wenn du ihn anflehst? Stehst du aber fest auf deiner innern Welt, so vermag die äußere nichts über dich. Droht dir unverdiente Schande, Armuth, Elend; will die boshafte Arglist oder ein feindselig Verhängniß dich in Ketten schlagen, verfolgt dich die gereizte Tyrannei in Staat und Kirche: so zeige die ruhige Entschlossenheit deines Willens, und tröste dich, daß im äußersten Fall der Tod seinen Freibrief bietet. Gedenke Arago’s! Als der Tyrann, der unbeschränkt über 40 Millionen gebietet, ihm den Eid der Treue abforderte, sagte der Seher und Held: ich kann sterben und schwöre Dir nicht. Und der Uebermüthige, obschon berauscht von seinem Glück, getraute sich nicht ihm ein Haar zu krümmen. Auch der Stärkste ist doch nur ein Mensch, und dem Naturgesetz unterthan. Wer war mächtiger als Nikolaus, der Czar über hundert Völker, und was ward aus ihm, als ihn der Hauch des Allmächtigen berührte? Eine Handvoll Staub, – Staub wie der des geringsten seiner Sklaven. –
In der physischen Welt wird durch das Zusammenwirken verschiedener Kräfte das Größte geleistet. Wenn das ruhige Gewässer eines Flusses sich mit der Schwerkraft bewaffnet und über Felsen stürzt, wird es zur Macht, die Berge fortreist und Felber wegspült. Wer zäumte die Wogen des Meeres, die der Sturm aufbläst? Wer hat je den Golfstrom in’s Joch gespannt? Die Bändiger der Fälle des Nils, des Rheins, des Mississippi, des Missouri, des Niagara, sie sollen noch geboren werden. Doch werden sie nicht ausbleiben. Das junge Amerika erschrickt vor dem herkulischen Gedanken nicht zurück, die unermeßliche Kraft seiner riesigen Katarakte dienstbar zu machen, und es wird vielleicht nicht das größte Wunder einer wundervollen Zeit seyn, wenn in einem halben Jahrhundert selbst [148] der Niagara Fesseln trüge. Für die Trenton-Fälle werden sie schon jetzt geschmiedet. Diese herrlichen Wasserstürze gewähren zwar nicht den überwältigenden Anblick des Niagarafalls, dessen Donner der Seele ein Grauen einflößt; anmuthig und lieblich, einschmeichelnd, wie eine sanfte Musik, die man bei Mondschein vernimmt, oder eine freundliche Stimme aus liebem Mund, macht der Trentonfall, verglichen mit dem wild grollenden, endlos tosenden Niagara, einen elegischen Eindruck, der mehr beruhigt als aufregt. Seine Stimme ist wie das verhallende Rollen eines Wagenzugs über eine ferne Brücke, oder das verschwindende Echo eines Sturmes, während die liebliche Iris, welche sich über dem reinen, aufsteigenden Wassergischt spannt, aufzuheitern und zu versöhnen sucht. Der Niagara ist allerdings viel erhabener; ja, man darf ihm sogar eine gewisse Grazie neben seiner Majestät zugestehen, aber sein vorherrschender Charakter ist doch der einer unwiderstehlichen, Alles unterjochenden Kraft. Er hinterläßt bei den Meisten einen peinlichen Eindruck – den Eindruck des Kampfes ohne Ruhe.
In Europa würden die Trenton-Fälle längst Welt-Berühmtheit empfangen haben, sie würden den Dichtern ihre Albums, den Künstlern ihre Portefeuilles füllen, sie würden der romantische Schauplatz manches Abenteuers in Sue’s, Dumas’, Bulwers Romanen seyn und vielleicht den Seckel irgend eines Spekulanten, oder eines Zwergfürsten füllen, welcher der fashionablen Welt gnädig erlaubte, sie zu betrachten, für so und so viel Kreuzer den Kopf. Aber Amerika ist so reich an Naturschönheiten und wiederum so arm an müßigen Talenten, um dieselben durch den Buchstaben oder Griffel zu verewigen, daß sie nur zu oft die Pracht ihrer Umgebung ungesehen und ungenossen vergeuden. Da sind die Fälle des Passaic, von Montmorency und die Chaudieren, die Glens-Fälle, die des Genesse, und ein Dutzend andere, um nicht so weit als St. Anthony zu gehen, alle vollkommene Perlen der Schönheit, die manches Königreichs Stolz ausmachen könnten. In Amerika besucht man sie gähnend, bespricht sie kalt, wenn nicht etwa ein fahrender Musensohn seinen Enthusiasmus in Versen über sie ausgießt, oder ein sentimentaler Romantiker sie in überschwenglicher Prosa beschreibt. Weiter reicht ihr Ruhm nicht. Nach ein Paar Jahrzehnten vielleicht sind sie selbst nicht mehr zu erkennen; gerodet sind dann ihre Wälder, die Felsen zum Häuser- und Straßenbau geebnet, und die gefesselten Wasser treiben vielleicht knechtisch die Räder der Sägemühlen, Spinnereien und Fabriken. Wehe der Romantik, wehe der Herrlichkeit der Natur, wenn der Spekulationsgeist der Industrie draußen sich ergeht und mit kaltem berechnenden Auge nach seinem besten Gehülfen sucht, einer guten Wasserkraft! –
Unsere Aufgabe aber beschäftigt sich mit den Trenton-Fällen, wie sie jetzt sind und wir sie bewundern dürfen in ihrem malerischen Zufluchtsort am West-Kanada-Creek, dem Flusse, der, ungefähr 10 Meilen nordöstlich von Utica, diese Scenerie geschaffen hat. Es sind der Fälle sechs an der Zahl, theils größer, theils kleiner. Sie fangen bei der High Bridge an, an der Black River Road, und endigen bei Conrad’s Mills, zwei Meilen [149] unterhalb, in welchem Zwischenraum sie über 360 Fuß niedersteigen. Der Leser, welcher sie nicht gesehen hat, mag sie sich vorstellen als eine Reihe ungleich hoher Cascaden, bald sanft über ein ebnes Felsenbette rollend, bald sich einen jähen Abhang hinabstürzend, bald in Dunst wieder aufwirbelnd, bald sich ganz in den geheimnißvollen Kammern einer Felsengrotte verlierend, welche dichtes Gehölz dem Auge entzieht. Der beste, zugleich fast der einzige Zugang zu den Fällen ist, wenn man vom Hotel ausgeht, (wo den Reisenden das leckerste Forellengericht labt,) der Pfad, welcher zu der Wendeltreppe hinab nach dem Ufer des Bergstroms führt. Er leitet in einen wilden Abgrund von erschreckender Tiefe. Dort hat man den ersten Blick auf das tosende Gewässer, das seiner peinlichen Lage zu enteilen trachtet, um die schöne Partie weiter unten zu suchen. Der Leser findet auf dem einen unserer Bilder eine vortreffliche Ansicht des großen Falles, welcher breit und massig sich herabgießt und dann, gleichsam erschreckt von seinem eigenen verwegenen Sprung, sich rasch und geräuschlos in dem schönen Bassin zur Linken versteckt. Der Künstler hat die Anmuth dieses Naturschauspiels trefflich herausgefühlt und mit vollkommener Treue und Wahrheit wieder gegeben. Wenn man auf einem schmalen Steig längs der Felsenwand fortgeht, gelangt man an den Fuß eines hoch sich wölbenden Felsenbalkons, von dem, zur Rechten, sich der Fall in seiner ganzen Pracht zeigt. Seine senkrechte Höhe ist 109 Fuß! Von hervorstehenden Felsspitzen unterbrochen, theilt er sich in drei Arme. Der eine, der breiteste und schönste, glänzt wie Silber, der zweite kürzere, gleitet auf dunkler Wand hinab, und der dritte, nicht so brillant als der erste, aber noch gewaltiger, braust schäumend den Abgrund hinunter. Die Natur umher ist erhaben; doch nicht von der furchterregenden Wildheit, welche gewöhnlich die Umgebung solcher Naturbildungen charakterisirt; den terrassenähnlichen Bau des Felsens und die zarten sich darum schlingenden Pflanzen umschleiert der durchsichtige Wasserdunst, und er glättet zugleich die rauheren Partien. Man fühlt, als könnte man da ruhen, wie im Schooß der Geliebten und sein Leben ohne Sorge verträumen. Eine heitere, selige Empfindung überkommt den Geist, er fühlt sich heimisch in dieser Einsamkeit und nur lichte, liebliche Visionen, Visionen schönerer Bildungen und süßerer Töne, durchziehen die weiten Räume des Gedankens.
Der ungeduldige Führer rüttelt uns auf mit einer Schauer-Erzählung, daß vor einiger Zeit auf jener vorstehenden Felsplatte zwei junge Mädchen ihren Halt verloren, hinabstürzten, und ertranken. Wir mochten in einer so bezaubernden Natur nur angenehmen Erinnerungen begegnen und diese häßliche Unglücksgeschichte erschien uns wie die Schlange im Paradies. Stimmt doch die ganze Umgebung nur zur Harmonie und zu einem seligen Frieden! Am Niagara ist das anders. Da erheben die Unermeßlichkeit und das Ungestüm der reißenden Wasser die Seele zu einer übernatürlichen Aufregung, und, wenn wir sie betrachten, däucht es uns, als sähen wir zahllose Kriegerschaaren mit fliegenden Fahnen den Abgrund hinabwirbeln. Ja, wir möchten uns des Schrecklichen fast freuen, in überschwenglicher Sympathie mit der Macht und Allgewalt der Fluch. Aber hier, wo Alles so heimlich [150] und lieblich ist, wo man hingehen möchte, um am Busen der Einsamkeit zu ruhen, fern vom Gewühl und der Hast des Weltlebens, – wie sich der erschöpfte Tänzer in der Laube des Gartens verbirgt müde des funkelnden Lichts und des geräuschvollen Ballsaales – hier die Vorstellung, daß Jugend, Schönheit und Unschuld in einem arglosen Augenblicke in den nassen Abgrund hinabgeschleudert wurden: – wie beklemmt sie das Herz, wie wehe that sie uns! Gegen unsern Willen wurden wir gezwungen, uns die Umstände eines so betrübenden Vorfalles erzählen zu lassen. Wir sahen die lieblichen Gestalten in mädchenhaftem Uebermuth von Fels zu Fels hüpfen; wir hörten ihre Ausbrüche des Entzückens über die fortwährend dem Auge begegnenden neuen Reize; wir sahen sie mit dem Ausdruck von Furcht und Bewunderung über dem Rande des Falles hängen, – als plötzlich ein entsetzlicher Schrei uns die Seele zerschnitt, und verschwunden in der Fluth waren sie für immer!
Außer den beschriebenen Füllen sind deren noch vier, jeder von eigenthümlichen Reizen. Die Mannigfaltigkeit der Trenton-Katarakte ist wirklich so groß als ihre Schönheit; jede Wendung des schwierigen Pfades eröffnet eine neue unerwartete Scene. Licht und Schatten verändern sie zu verschiedenen Stunden des Tages und verschiedenen Jahreszeiten. Der Naturforscher Sherman, welcher einen größern Theil seines Lebens an den Fällen verbrachte, schildert sie als besonders schön im Winter. Dann hängen von den überragenden Felswänden eisige Schleier herab, durch welche die schäumenden Wasser in allen Farben glitzern; die herabrieselnden Bäche bilden krystallene Tunnels; das umgebende Buschwerk ist vom gefrornen Wasserdunst beschlagen und brillirt in den Strahlen der Sonne. Ganz verschieden, aber noch erhabener und großartiger ist der Anblick bei Mondschein. Wenn die hellglänzende Sichel durch die dunklen Gebüsche und das Immergrün der Ufer ihr unterbrochenes Licht über die Pfade ergießt, glaubt man in eine unterirdische Welt sich verstiegen zu haben; dort liegen die Todtenkammern, dort schlüpfen die Geister durch die verschwindenden Schatten, dort verüben die Kobolte und Gnomen Unheil im Schooß der Erde. Aber bald steigt der Mond herauf und ergießt sein volles Licht über das Wasser. Der Wechsel ist magisch. Silberne Pforten thun sich auf, man glaubt sich in prächtigen Feenpalästen zu befinden. Doch – es ist kein Ende dieser Pracht zu finden und wir brechen ab.