Die Tafeln des „großen Geistes“ am Mississippi
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GRAND-SPIRIT-TABLES
(LAKE PEPIN)
Mit Zauberkraft wirkt die große Natur auf das Gemüth der Menschen. Denke dir diese Wassereinsamkeit im fernen Westlande bei mittägigem Sonnenglanz voll tiefer heiliger Stille; denke sie dir wiederum bei Nacht, wenn die Blitze zucken, der Donner in den Bergen grollt, der Sturm an den Felswänden hinfährt und heulend die Wogen peitscht: und wenn dir dann die Mythe geheimnißvoll in das Ohr raunt, daß dort oben hoch über der Fluth auf den Riesenaltären der Schöpfer seinen Thron aufgeschlagen und der Odem des Weltgeistes niederweht, werden dich dann die Schauer der Andacht nicht durchbeben, und wirst du nicht inne werden, daß der Gottesglaube ein allgemeines Gut ist, nur in seinen Formen verschieden, wie die Gewänder, in welche der Allmächtige seine Geschöpfe kleidet? In jeder unverdorbenen Menschenbrust ist ein Fühlen, Hoffen und Ahnen des Unendlichen; nenne ihn wie du willst, oder heiße ihn unnennbar: dein Gebet wird ihn doch finden, wenn du ihn auch im kindlichen Wahn in kindliche Begriffe hüllst. –
Daß der Gang der Kulturgeschichte, der Staatenentwickelung und der Völkerschicksale nach der Absicht Gottes mit der Natur in innigster Wechselbeziehung steht, daß er mit der physischen Erscheinung und den plastischen Formen der Erdrinde im wesentlichen Zusammenhang sich befindet, ist eine jener Wahrheiten, welche mit jedem Fortschritt der vergleichenden Länder- und Völkerkunde bestimmter hervortreten, und bei den Eingeweihten längst zur Ueberzeugung geworden sind. Die physische Erdbeschreibung liefert vielleicht die sichersten Commentare zu der Geschichte der Menschheit. Aber sie erklärt uns nicht bloß, mit Hindeutung auf gewisse klimatische und mitunter physiologische Eigenthümlichkeiten der Länder und ihrer Bewohner, wie Vieles im Laufe der Jahrtausende, wo Staaten aufblühten und untergingen, als eine Naturnothwendigkeit so und nicht anders kommen mußte, sondern sie erhellt auch [152] manche dunkle Seite der Gegenwart, und lüftet an mehr als an einer Stelle den Schleier des Kommenden und Werdenden. Der Sehkraft der Forscher verleiht sie optische Waffen, die ihnen einige Blicke in die Ferne vergönnen, welche über das kurze Erdenwallen einer Generation hinüberreichen. Das Tröstlichste, was sie dem Auge zeigt, ist, daß unsere Erde nicht bloß Raum und Mittel für den allgemeinen Fortschritt auf sehr lange Zeiten hinaus besitzt, sondern daß nach den göttlichen Naturgesetzen die Kultur zum Weiterschreiten gezwungen ist. Alle Perioden des Stillstandes oder Rückganges sind nur scheinbar. Den Blüthenstaub, den eine lokale Sterilität nicht zum Keimen bringen will, führen Luftströmungen empfänglicherem Boden zu, und oft ist die scheinbare Unfruchtbarkeit mancher Nationen nur Winterschlaf, welchem Thauwetter und neues Grün folgen. Die Civilisation aber im Allgemeinen muß, wie es scheint, um zu leben, irgendwo sich ausdehnen. Nicht bloß der innere Drang, sondern auch die äußeren Naturverhältnisse und der Erhaltungstrieb nöthigen sie dazu, sie kann nicht auf ihrer Wanderung stille stehen. Das Vorhandenseyn eines Wandergesetzes, nach welchem Kultur und Bildung sich über die ganze Erde verbreiten müssen, ist eine ebenso anerkannte Wahrheit als der Gang der Gestirne. Denker fast aller gebildeten Völker und Zeiten haben in verschiedenen Zungen das Axiom wiederholt: daß wie im Leben der Natur, so im Leben der Staaten, der Fluch auf den Stillstand gelegt sey.
Eine Wissenschaft, welche zugleich als eine Leuchte dunkler Vergangenheit, als Wegweiser in manchem Labyrinth der Zeitgeschichte und als Sybille der Zukunft dienen kann, verdient das allgemeine Interesse. Nicht die Geschichte, sondern die physischen Verhältnisse China’s erklären uns z. B. das seltsame Faktum, warum das ungeheuere „Reich der Mitte" in seiner alten Kulturentwickelung einen so langsam schleichenden Gang verfolgte, der fast dem Stillstand gleicht. Bei seiner Umgrenzung durch hohe Gebirgsketten, Wüsteneien und gefährliche Meere, wie bei der einseitigen Richtung seiner Ströme, fehlten ihm die Verkehrsmittel und der Ideenaustausch mit andern Völkern, und das Abschließungsprincip des chinesischen Despotismus ward dadurch höchlich begünstigt. Nur von reichgegliederten Küstenländern können ihm neue Kulturideen, die nothwendigen Pfropfreißer zukommen, aus denen der alte Stamm vielleicht einmal wieder junges Laub und neue Blüthen treiben wird.
Die herrschenden Naturverhältnisse erklären uns eben so einfach, warum jenes Morgenroth der Kultur, welches von Westasien und Aegypten ausgegangen und im südöstlichen Europa zum ersten Sonnenschein geworden, nicht in Zonen des kalten Nordens oder des heißen Südens, „da, wo die Natur erstarrt oder wo sie zerfließt“, entstehen konnte, weder in Ländern, wo der Pisang seine nahrhaften Früchte von selber bietet, und das Klima dem Menschen nackt zu gehen und ein Faullenzerleben gestattet, noch in Gegenden, wo die [153] Rauheit der Atmosphäre den Menschen zum ewigen Ringen und Mühen für die tägliche Existenz zwingt, und weder der freie Gedanke, noch die Erkenntniß des Schönen so leicht von selbst aufkommen konnten wie in milderen Zonen des Erdgürtels. Warum unter dem heiteren Himmel von Hellas zuerst das Reich der Wissenschaften und der Künste in so edler Form blühen konnte, das erläutert uns ein Blick in die physischen Eigenthümlichkeiten und Schönheiten des Landes, ebenso wie der seltsame Umstand, daß ein vom Orient ausgegangenes glänzendes und heiteres Licht, nach dem minder beglückten nördlichen Himmel versetzt, so lange Zeit nur den trüben Dämmerschein des halbbarbarischen Mittelalters und seiner folgenden Jahrhunderte zurückwerfen konnte. Aber erklärt wird uns auch durch Einsicht in denselben Naturcharakter, warum die Bildung im Norden, zwar langsamer wachsend und minder schöne Blüthen treibend, doch zu einer mächtigeren und dauerhafteren Pflanze als im Süden werden konnte, dort, wo auch die nordische Eiche älter wird und mehr Material zum Bauen und Brennen liefert als die schöneren Myrten und Lorbeerbäume. Unter Völkern, welche durch Boden und Klima zur rastlosen Arbeit gezwungen waren, mußte die Natur eine mehr praktische als anmuthige Form gewinnen. Niobidengruppen und Iliasverse vermochte die germanische Kultur, selbst in Ländern, wo sie sich am freiesten entwickeln konnte, wie in England, nicht hervorzubringen, wohl aber Dampf- und Spinnmaschinen, Banken und Associationen, deren Wunder heute die Welt regieren und zwei Staatengebäude von einer Ausdehnung, Macht, Freiheit und Reichthum erschufen, wie sie von den blühendsten Staaten der anmuthigen Südvölker nie erreicht worden sind, und von denen das eine zugleich in seinen geographischen Verhältnissen die Gewähr einer Dauer hat, welche nicht bloß über Hellas kurze Blüthenzeit, sondern selbst über die Dauer eines Römerreiches weit hinaus gehen dürfte.
Daß die Gottheit den Völkern des Erdballs ihre verschiedenen historischen Rollen nach der Konfiguration, der Struktur und dem Klima ihrer Wohnplätze angewiesen hat, erscheint uns ebenso gewiß, als daß die Vorsehung den langsam-stätigen Fortschritt und die allmählige Nivellirung gesellschaftlicher Stufen will, und nur das „übereilte Streben“ dem Verderben preisgibt. Länder, welche mit reich entwickelten Meeresküsten oder vielfach gegliederten Binnenseen und schiffbaren Strömen, dazu noch mit Kohlen und Eisen gesegnet sind, richten auf Handel, Industrie und Beherrschung der Meere ihren natürlichen Instinkt, ihre besten geistigen Kräfte. Völker dagegen, welchen die Natur diese Mittel versagt hat, müssen in der Konkurrenz zurückbleiben oder unterliegen. Jene sind die Vertreter der großen friedlichen Zeitinteressen, während in Binnenländern mit unermeßlichen Steppen der rohe, vorherrschend kriegerische und zerstörungslustige Volkscharakter ebenso natürlich ist. Aehnliche Rollen, wie heute England und Nordamerika, spielten vor Zeiten die Küstenstaaten des Mittelmeeres: Tyrus, Karthago, Venedig, Genua. Auf das Element, das ihre Städte bespülte, basirten sie ihre Macht, ihre meisten Großthaten verrichteten [154] ihre Schiffe; Handel und Kultur gingen mit ihren Eroberungen naturgemäß Hand in Hand; die Haupttriebfeder ihrer Politik war kommercieller Egoismus. Einem entgegengesetzten Naturcharakter des Landes getreu, verbreiteten die Steppenvölker Sibiriens, der Mongolei und Tatarei auf ihren Zügen, nach dem Vorbilde der Heuschreckenschwärme ihrer Wildnisse, von jeher nur Verheerung und Zerstörung, und ihre gefeiertsten Herrscher, von Attila bis auf Timur, hinterließen der Nachwelt nichts als Schädelpyramiden und Barbarei.
Zu den vielen räthselhaften Ereignissen der Neuzeit in Ländern, welche noch jetzt die öffentliche Aufmerksamkeit beschäftigen, bietet die physische Erdkunde den richtigen Schlüssel. Der berühmte deutsche Geolog Abich hat uns vor Kurzem den wunderbaren Gebirgsbau Daghestans und Lesghistans geschildert, und aus den plastischen Formen jener Trachyt- und Sandsteinfelsen, welche als ein ausgedehntes System von Naturschanzen und Bollwerken jene Länder umgeben, den zähen und erfolgreichen Widerstand erklärt, welchen die nicht zahlreichen Völker des östlichen Kaukasus den zahllosen Kriegshaufen Tamerlans und Nadir-Schahs, wie den jetzigen Armeen Rußlands entgegensetzten. Mail könnte denselben natürlichen Schlüssel auf die Geschichte und Zustände fast aller europäischen Staaten anwenden, und z. B. beweisen, wie in Deutschland und Italien, bei einer verschiedenartigen Gliederung und mannichfaltigeren plastischen Struktur des Bodens, der die Absonderung und Isolirung der Stämme und Staaten begünstigte, die Versuche, eine staatliche Einheit durchzuführen, auf weit größere natürliche Hindernisse stoßen mußten, als z. B. in Frankreich oder in Rußland. Es darf in letzterem Lande bei einer so großen Monotonie der physischen Erscheinungen nicht Wunder nehmen, wenn daselbst eben so monotone Einrichtungen zur Geltung kamen, wenn dort ein Alles nivellirender Despotismus, eine konservative Gleichförmigkeit in Verwaltung, Sitte und Sprache erfolgreicher durchzuführen ist als in Westeuropa.
Mögen diese kurzen Andeutungen genügen, um die Betrachtung über den Einfluß der Bodengestaltung Nordamerika’s auf seinen Kulturgang einzuleiten.
Der nordamerikanische Kontinent bettet sich zwischen den Ketten der Alleghanies oder Appalachischen Gebirge im Osten und der Rocky Mountains oder Felsengebirge im Westen, deren vorherrschende Richtung, der Konfiguration der beiden Oceanküsten entsprechend, dort im Allgemeinen eine nordöstliche, hier eine nordwestliche ist. Er stellt ein Thalbecken dar, welches sich von der Tropenzone bis zum Eismeer erstreckt.
Die Rocky Mountains, als die westlichen Grenzmarken des großen Thalbeckens, bestehen aus mehreren parallel streichenden, und durch Querjoche verbundenen Ketten von sehr verschiedenartiger Kammhöhe. In den Felsengebirgen variirt dieselbe zwischen 10,000 und 14,000, in den Alleghanies zeigt sich durchschnittlich nur ein Viertheil dieser Höhe und nur einzelne Gipfel steigen bis zu 6000 empor. Die mit den Felsengebirgen parallel streichenden kalifornischen Seealpen erreichen eine Kammhöhe von 15,000 bis 16,000 engl. Fuß. Die durch Alluvionen [155] der von beiden Gebirgssystemen herabströmenden Gewässer gebildeten Küstenstriche des nordamerikanischen Kontinents sind auf der Ostseite fast durchgehends, auf der Westseite theilweise flach oder von sehr geringer Erhebung und zeigen uns an den Mündungen des Hudson und des Sacramento die beiden schönsten und größten Häfen der Welt: New-York und St. Francisco. Unendlich wichtiger als die vergleichsweise schmalen Küsten an beiden Oceanen ist das Binnenland zwischen jenen beiden Gebirgen, dessen tiefste Thalsenkung der Mississippi, der „große Vater der Ströme“, einnimmt. Vor allen Binnenländern der Welt zeichnet sich diese Thalsenkung Nordamerika’s durch die Menge und Mannichfaltigkeit seiner herrlichen Wasserstraßen aus, die in den verschiedensten Richtungen ziehen. Dieser Segen allein schon gibt dem Lande, abgesehen von seinen übrigen unerschöpflichen Hülfsquellen, die Mittel einer schnelleren und großartigeren Kulturentwickelung, als sie in andern ausgedehnten Kontinenten, denen der Schöpfer diese Wohlthat viel sparsamer zugemessen hat, möglich ist. Die Hudsonsbai und der mexikanische Golf schneiden als zwei ausgedehnte Mittelmeere in Nord-Osten und Süden tief in das Land hinein, nehmen eine große Zahl von Flüssen auf, geben dem Binnenlande ausgedehnte Seeküsten und vermitteln den Verkehr des Innern mit dem Ocean. Eine fortlaufende Reihe von Süßwasserseen durchschneidet das große Becken von Nord-West nach Süd-Ost in einer Länge von beinahe 5000 englischen Meilen. Diese Seen zeigen in ihrer langen Reihenfolge vom großen Bärensee, an dessen eisbedeckten Ufern die Eskimos streifen, bis zu den Becken des Ontariosees, der den Niagara aufnimmt, ein bestimmtes Verbindungssystem, während die zahllosen kleineren Seen zwischen Minnesota und der Hudsonsbai regellos zerstreut sind. Vom Obern See bis zum Eriesee erreichen diese Süßwasserbecken eine so ungeheure Ausdehnung, daß man sie Binnenmeere, mit demselben Recht wie den Caspisee, nennen kann. Ihre Süßwassermassen kommen, nach angestellter Berechnung der Masse des gesammten übrigen Süßwassers, allen Seen und Flüssen der Erde gleich. Ihr Flächeninhalt beträgt 43,040,000 Quadrat-Acres. Ihre mittlere Tiefe ist 6–700 Fuß. Ein charakteristisches Merkmal dieser Landseen, das für die Nationalökonomie Nordamerika’s von hoher Wichtigkeit ist, ist die Verbindung der meisten Seen durch natürliche Wasserstraßen. Da, wo die Kommunikation noch auf Hindernisse stößt, sind bei den geringen Niveau-Differenzen des dazwischenliegenden Landes künstliche Kanäle ohne großen Aufwand von Zeit und Kosten herzustellen. Eine zweite Eigenthümlichkeit des nordamerikanischen Kontinents und in seinem nationalökonomischen Einfluß noch bedeutender als jene beiden Mittelmeere und die lange Reihe von Süßwasserbecken, ist die Zahl, die Mannichfaltigkeit, die glückliche Vertheilung und die geringe Meereshöhe der wasserscheidenden Landhöhen, jener „Hydrographischen Axen“, wie sie die nordamerikanischen Geographen, oder Schwellen, wie sie Humboldt nennt. Diese Erhebungsaxen sind die Wiegen einer unendlichen Zahl wasserreicher Ströme, deren Bett in der Regel schon in geringer Entfernung von den Quellen so breit und tief wird und so geringes Gefäll hat, daß Dampfboote aller Größen [156] sie befahren. Die Wasserscheide, von welcher die Quellen des Mississippi, des nördlichen Red-River und des St. Lorenzstromes nach drei verschiedenen Himmelsgegenden strömen, ist nur 1500 englische Fuß über dem Niveau des Oceans, und doch sendet sie zu langem Lauf die größten Ströme aus, von welchen der Mississippi, von seiner Entstehung bis zu seiner Mündung mit Inbegriff seiner Krümmungen, eine Reise von mehr als 3000 englischen Meilen zurücklegt, und von den Fällen bei St. Anthony bis zum mexikanischen Golf zwar viele Untiefen und gefährliche Stellen, aber doch kein die Schifffahrt so erschwerendes oder unterbrechendes Hinderniß hat, wie die Katarakten des Nils oder die sogenannten eisernen Thore der Donau.
Die Umrisse jener „hydrographischen Axen“ haben zudem das Eigenthümliche und für die Nationalökonomie Amerika’s Wichtige, daß sie nicht steile mauerartige Gebirgskämme, sondern Plateaux und Tafelländer bilden, welche mit vielen Teichen und kleinen Seen bedeckt sind, wodurch die Errichtung mannichfaltiger Verbindungswege durch Kanäle zwischen den verschiedenen Flußsystemen auf sehr geringe Schwierigkeiten stößt. Die langsame Strömung der Flüsse bei so wenig gehobenen Wasserscheiden, und die Tiefe des Bettes der meisten kommen der Schifffahrt in diesem Lande unendlich zu statten. Neben den unermeßlichen Vortheilen innerer und äußerer Verkehrsmittel durch Oceanküsten, tiefe Meerbusen, große Binnenseen, mannichfaltig gegliederte Flußsysteme und Quellgebiete von verhältnißmäßig geringer Erhebung, wiegen die Hülfsquellen, welche die geognostischen Verhältnisse darbieten, beinahe ebenso schwer. Die ganze geognostische Struktur des großen amerikanischen Thalbeckens trägt den vorherrschenden Charakter der Gleichförmigkeit und Einfachheit. Ungeheuere Wasserfluthen haben, nach der Darlegung der kenntnisreichsten Geologen Nordamerika’s, diesen Kontinent einst von Norden nach Süden durchzogen, Höhen aus dem innern Thal weggeschwemmt, Tiefen ausgefüllt und die Schichten der verschiedenen geologischen Perioden abgesetzt, ohne in dieser Bildung durch die Durchbrüche plutonischer Massen so oft gestört und unterbrochen worden zu seyn, wie der neptunische Bau der Erdrinde in der alten Welt.
Die ungeschichteten Formationen nehmen in der großen Thalsenkung dieses Kontinents kaum den achtzigsten Theil der Bodenfläche ein. In allen übrigen Theilen ist die feste Erdrinde aus Niederschlägen des Wassers gebildet, welche von den alten Formationen des cambrischen und silurischen Systems bis zu den jüngsten Alluvialgebilden des sogenannten Bottomlandes eine meist regelmäßige und ungestörte Reihenfolge zeigen. Horizontale oder wenig geneigte Schichten von so unermeßlicher Ausdehnung wie in Nordamerika, hat die Geologie noch in keinem andern Theile der Erde nachgewiesen. Diese regelmäßige Struktur des großen Beckens ist aber für die Nationalökonomie des neuen Kontinents von unendlicher Wichtigkeit. Sie erklärt nicht nur die Leichtigkeit und Schnelligkeit, mit welcher hier Eisenbahnen in’s Leben gerufen werden, sondern auch die Großartigkeit der Projekte hinsichtlich der künftigen Ausdehnung dieser Verbindungswege. Wer die geognostischen [157] und hypsometrischen Verhältnisse nicht beachtet, dem wird der gigantische Plan einer Eisenbahn, welche ganz Amerika in der Breite durchschneiden, über die Rocky Mountains und die Seealpen nach Kalifornien und Oregon führen und beide Oceane verbinden soll, chimärisch erscheinen, während derselbe in der That auf geringere Schwierigkeiten stößt, als das Eisenbahnnetz in Süddeutschland. Die Niveauverhältnisse sind dergleichen riesenhaften Kommunikationsprojekten überaus günstig. Ebenso wie die Niveauverhältnisse in dem geognostischen Bau Nordamerika’s den national-ökonomischen Fortschritt mächtig unterstützen, kommt auch die petrographische und orographische Beschaffenheit desselben dem raschen Wachsthum der ungeheuern Republik zu Hülfe. Die älteren Flötze bieten Steinkohlenlager und gute Bausteine, während unendlicher Metallreichthum die Durchbrüche des Trappgesteins begleitet und die Bildungen des Alluviums, welche zum Theil noch unter unsern Augen fortdauern, dem Boden jene erstaunliche Fruchtbarkeit verleihen, jene auf Jahrhunderte nachhaltende Ueppigkeit, die wir im fetten Bottomland des Mississippithales bewundern. Nicht übertrieben nennt ein berühmter Franzose dieses herrliche Thal von 3000 engl. Meilen Länge, dessen üppiger Boden mit allen Produkten des Nordens auch die Baumwolle und das Zuckerrohr hervorbringt: „La plus magnifique demeure que Dien ait jamais préprarée pour l’habitation de l’homme“.
Nach Deake’s Angabe enthält das innere Thal von Nordamerika, ungerechnet das schöne Littorale der Neuenglandsstaaten, Oregon und Kalifornien, eine Bodenfläche von etwa 6 Millionen engl. Quadratmeilen. Das zum Anbau vorzüglich geeignete Land mißt 3 Millionen engl. Quadratmeilen und besteht größtentheils aus den Anschwemmungen der Flüsse, eben jenem fruchtbaren Bottomland. Davon ist jetzt erst ein Dritttheil von den Weißen dünn bevölkert; die übrigen zwei Dritttheile sind noch unbewohnt oder dienen umherschweifenden Indianerhorden als Jagdreviere. Es ergiebt sich, daß dasselbe 25 Mal größer ist als Großbritannien, 14 Mal größer als Frankreich, 11 Mal größer als der Kaiserstaat Oesterreich, und wenn wir für die jetzige Gesammtbevölkerung des Staates Massachusets, deren Dichtigkeit noch lange nicht den dünnbevölkerten Staaten des mittlern Deutschlands gleichkommt, als Maßstab annehmen, so haben auf diesem Land 360 Millionen Menschen Raum, sich gut zu nähren und zu bewegen, ohne die schmalen Küstenländer beider Oceane und die Weidereichen Thäler und Plateaux zwischen den Ketten in den Rocky Mountains und den kalifornischen Seealpen mit in Anschlag zu bringen.
Es lassen sich aus diesen staunenswerthen Naturverhältnissen, die hier in ihren wesentlichen Umrissen dargestellt sind, folgende Hauptschlüsse auf die Staatenentwickelung und den künftigen Gang der Geschichte Nordamerika’s mit einer, wenn nicht mathematischen Gewißheit, doch mit einer Wahrscheinlichkeit ziehen, welche nichts mit den vagen Hypothesen und Spekulationen von Natur- und Geschichtsphilosophen gemein hat, sondern auf [158] materielle Thatsachen und physische Gesetze sich stützt, vor denen auch gewisse Thatsachen des Augenblicks, und vorübergehende Zustände, die unserm Urtheil zu widersprechen scheinen, jede Wichtigkeit verlieren.
- 1) In Nordamerika sind alle natürlichen Bedingungen zu einem Staatengebäude von einer Größe, Macht und Blüthe vorhanden wie die Geschichte der alten Welt nichts Gleiches bietet. Weder in den Reichen des Sesostris und des Alexander, noch im Reich der Römer, noch in irgend einem Staat der Gegenwart hat Nordamerika seines Gleichen. Die Hand des Schöpfers hat über dieses gebenedeite Land nicht allein durch Fruchtbarkeit und Ausdehnung des Bodens, durch glückliche Vertheilung der natürlichen Verkehrsmittel, sondern auch durch die reiche Gliederung jener Flußrinnsale, welche Humboldt „das belebende, menschenverbindende, zukunftschwangere Element“ nennt, und durch die freigebigste Verleihung der zwei nützlichsten Mineralien, der Kohle und des Eisens, reicheren Segen ausgestreut als über irgend einen andern Theil des Erdrundes.
- 2) Nordamerika ist von der Natur zu einem dauernden politischen Zusammenhang bestimmt. Die äußere Konfiguration wie die Struktur des innern Landes deuten die Erfolglosigkeit jedes ernsten Versuchs zur bleibenden Trennung an. Der Süden mag sich, wenn die einseitige Sorge für seine Partikular-Interessen seine Anhänglichkeit an das Ganze überwiegt, periodisch vom Norden, der Westen vom Osten ablösen, ja als getrennter Staat seine eigenen Interessen verfolgen und im gegenseitigen Wetteifer groß und stark werden; aber bei dem Mangel natürlicher innerer Grenzen und Absonderungsmittel in einem Lande, welches zum Wechselverkehr von der Natur gezwungen ist, kann eine solche Trennung nie von langer Dauer seyn. Aus der Konkurrenz und der Rivalität unabhängiger Staaten müssen Kollisionen entstehen, und der stärkere Staat wird allemal den schwächeren zwingen, als Trabant in seiner Planetenbahn zu wandeln. Die ganze physische Gestaltung des großen inneren Thalbeckens bei einer so merkwürdigen Einförmigkeit deutet auch entschieden die naturnothwendige künftige Einheit nicht nur in der Politik, sondern auch in Sprache und Sitte an. Daher die rasche Umwandlung und Verschmelzung oder das Verschwinden fremder Nationalitäten. Durch die Resultate irre geführt, haben manche Schriftsteller die anglo-amerikanische Assimilationskraft überschätzt. Wenn dieser in Amerika der unvermeidliche Sieg und den übrigen Nationalitäten der unvermeidliche Untergang bestimmt ist, so erklärt dies die Natur des Bodens hinreichend. Es war der Wille des Weltschöpfers, was, als er die plastischen Umrisse des neuen Kontinents im Gegensatz zur Struktur der östlichen Erdhälfte formte, nur einer Raçe, der kräftigsten unter den übrigen, den Sieg verhieß, und nur einer Nationalität die Berechtigung zur dauernden Existenz vergönnt hat.
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- 3) Durch seine Natur ist Nordamerika überwiegend zu einem demokratischen Handelsstaat bestimmt, und wird als solcher ausdehnungslustig und ländergierig seyn. Sowohl die Lage zwischen 2 Weltmeeren als die Menge der innern Wasserstraßen weisen den Amerikaner auf Schifffahrt und den Verkehr mit fremden Völkern vorzugsweise hin. Wie groß auch die Fortschritte der Agrikultur und Industrie in diesem Lande waren, so sind doch Handel und Schifffahrt noch weit riesenhafter vorwärts gegangen. Der ächte Yankee wird immer lieber Kaufmann oder Seefahrer als Farmer seyn, und die mühsamere und weniger gewinnbringende Bodenkultur lieber dem europäischen Einwanderer überlassen. Der Handel aber stachelt die Gewinnsucht und begünstigt die Unruhe und den Unternehmungsgeist. Handelsleute und Schiffsrheder, Kapitäne und Maschinisten, selbst die meisten Matrosen sind verheirathet. Ihre Söhne ergreifen in der Regel die Profession der Väter. Jeder strebt mit allen Kräften darnach, Schiffseigenthümer und dabei so schnell als möglich reich zu werden. Bei der ungeheuren Konkurrenz wird es dieser Handelsnation zum Bedürfniß, neue Absatzorte, neue Felder für ihre fieberhafte Thätigkeit zu suchen, immer mehr Länder auszubeuten. Die wachsenden Bedürfnisse wollen ihre Befriedigung. Bei der Richtung, die hier der Nationalgeist genommen, ist an einen Stillstand gar nicht zu denken. Die Vereinigten Staaten werden, gleichviel welche Partei die Regierungsgewalt in Händen hält, gleichviel ob die republikanische Staatsform in ihrer Reinheit fortbestehen oder ein Patrizierregiment entstehen wird, ihre Ländergier bewahren, weil sie ein Erforderniß ihrer Natur geworden. Die kriegslustigen Phrasen von Zeitungsschreibern und Volksrednern, von Spekulanten und Abenteuern würden wenig zu bedeuten haben, wenn nicht die physische Beschaffenheit und die materiellen Interessen des Landes diese künstliche Agitation so mächtig beförderten.
- 4) Den Höhepunkt der Macht und Blüthe wird Nordamerika, wenn seine Bevölkerung in gleichen Verhältnissen wie bisher zunimmt, nicht vor drei bis vier Hundert Jahren erreichen. Bis dahin bietet sein Boden noch überflüssigen Raum für deren massenhafte, europäische Einwanderung. Seine Bevölkerung wird dann, wenn ihre mittlere Dichtigkeit den heutigen Populationsverhältnissen Großbritanniens nahe kommt, etwa 500 Millionen betragen. Als blühendster Handelsstaat der Welt kann Amerika dereinst, wenn der Handlohn billiger geworden und wenn es alle Kräfte seiner Wasserfülle und seines Kohlendampfes benutzen wird, mit den Produkten seiner Industrie und seines Bodens alle zugänglichen Länder der Erde versorgen und die Konkurrenz der übrigen Welt überflügeln.
- 5) Wenn die alte Behauptung richtig ist, daß Europa so viele Jahrhunderte das Zepter über die alte Welt führte, weil es in seiner reichen äußern Gliederung, in seiner Küstenentwickelung und seinen innern Verkehrsmitteln dem großen Welttheil Asien und besonders dem kontinentalen Afrika so weit überlegen war, so liegt der Schluß nahe,
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- welch’ eine Rolle für Nordamerika als Weltstaat und dem Volke als Weltherrn vorbehalten scheint, dessen Reich im Norden durch Meeresküsten, Binnenseen, natürliche und künstliche Wasserstraßen die Verkehrsmittel Europa’s jetzt schon um das Fünf- bis Sechsfache übertrifft, und dessen riesenhafte Hülfsquellen mit jedem Tage wachsen. Als eine Nation von einigen Hundert Millionen wird sie – wer könnte es ihr wehren? – der ganzen Erde Gesetze diktiren.
Die Landschaft am oberen Mississippi zwischen dem Lake Pepin und der Mündung des St. Croix ist, wenn auch weniger imposant und großartig, als die der weiter aufwärts gelegenen Gegenden, doch nicht weniger lieblich und malerisch. Das Ange ruht nicht an den hohen zerklüfteten Felsmauern, welche die Ufer einrahmen, sondern wird durch die reiche Schönheit des Waldlandes und die Anmuth vieler Inseln erfreut. Vom Ausfluß des Lake Pepin an, wo das Fahrzeug sich dieser großen Wasserfläche entwindet, beginnt die Reihe der Eilande. Das erste, lang und schmal, von weinberankten Eichen beschattet, streckt sich viele Meilen weit aus, andere weniger große folgen, manche sind mit Immergrün bezogene Felsen, die meisten aber üppig bewachsene Anschwemmungen, groß genug für eine oder ein Paar stattliche Farmen. Nahe dem obern Ende der „Zwölf-Meilen-Insel“ auf dem westlichen Ufer ist der uralte Wohnplatz einer Sioux-Horde, lange Jahre bekannt als Redwing-Village, herstammend von einem Heros der mythischen Zeit, „Doolat“ oder „Rothflügel“, einem durch seine Kriegsthaten berühmten Häuptling. Auf diesem Flecke haben sich allezeit und bis auf den heutigen Tag die Rothhäute vorzugsweise aufgehalten, und die kegelförmigen Thierfell-Zelte, welche sich zwischen den Blättern und Zweigen erheben und ihre Rauchwolken emporwirbeln, erhöhen durch ihren Kontrast mit den umliegenden Ansiedelungen des weißen Mannes das Malerische dieser schönen Wildniß. Unfern jener Stelle, an welche sich die kümmerlichen Reste der Ureinwohner festklammern wie einst die letzten Kelten an den Altären ihrer Götter, sieht man, dem Gestade entlang, eine Reihe Berge von auffallender, regelmäßiger Tafelform, – die Gruppe, welche unser Bild darstellt. Sie führen den bezeichnenden Namen „Tafeln des großen Geistes“. Aus dichter Waldung, die ihren Fuß bedeckt, erheben sie sich ziemlich steil und zirkelrund einige hundert Fuß hoch, und steigen dann plötzlich als lothrechte Kalksteinwände nackt empor. Diese Felsmauern bilden gleichsam die Ränder von Riesentischen, auf deren kreisrunder Fläche sich eine grüne ebene Matte, da und dort mit Buschwerk bewachsen, ausbreitet. Der Anblick der majestätischen Tafelberge macht einen tiefen Eindruck, und es ist nicht zu verwundern, daß sie die einfachen Naturmenschen als Lieblingsaufenthalt der Gottheit betrachteten. Die Indianer-Legende hat Altäre des allgewaltigen und allschaffenden Gottes daraus gemacht, und sie erzählt, daß der große Geist hier seinen Fuß niedersetze, wenn er, vom Himmel [161] niedersteigend, die Erde zu besuchen und das Land zu besehen komme, was er den rohen Kindern des Urwaldes zugetheilt. Zu gewissen Zeiten des Jahres feiern sie das Fest seiner Ankunft durch nächtliche Tänze. Wenn das Mondlicht auf den Waldkronen schläft, das dazwischen liegende Thal in Dunkel begraben liegt und der majestätische Strom in seinem tiefen Bette ruhig dahinrollt, kann es da für ein kindliches Volk einen freudigern Gedanken geben, als daß der Geist Gottes gegenwärtig ist und von seinem Throne wohlwollend herabschaut?
Die Mythe erblaßt und bald werden die rohen Kinder Amerika’s selbst nur noch der Sage angehören. Was von ihnen noch übrig ist in diesen Gegenden, ist wie einzelne Steine zertrümmerter Gebäude. Der alte Geist ist dennoch in den letzten dieses merkwürdigen Volkes deutlich zu erkennen. Die Genossenschaften der Sioux, so schwach sie sind, halten sich noch fest an die Sitten und Anschauungen ihrer Väter und weisen jeden Kulturversuch standhaft zurück. Von Zeit zu Zeit versuchen sie es sogar, trotz ihrer geringen Zahl und ihrer Ohnmacht, im Kampfe mit dem weißen Manne um die Wiedereroberung ihrer alten Wohnsitze zu ringen, wie der Adler mit gelähmten Flügeln den gewohnten Flug nach der Sonne versucht. Diese Indianer lassen sich weder zähmen noch unterjochen. Aber ihr Leben geht schnell dahin und ihr Daseyn verrinnt im All der Menschheit wie ein Tropfen im weiten Meere.