Falkenstein am Harz

DCCLI. Die Tafeln des „großen Geistes“ am Mississippi Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCLII. Falkenstein am Harz
DCCLIII. Naumburg und sein Dom
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FALKENSTEIN am HARZ

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DCCLII. Falkenstein am Harz.




Eine Stunde von Ballenstädt, am äußersten Saume des östlichen Unterharzes, auf einem hohen Berggipfel an der rechten Seite des Selkethals, steht die Burg Falkenstein, eine der schönsten und berühmtesten Zierden des Gebirgs. Eine herrliche Natur, Gartenanlagen, Obstpflanzungen und prächtiger Hochwald umgeben den alten Rittersitz, wo eine gastfreie, biedere, von den steifen, lästigen gesellschaftlichen Formen freie Adelsfamilie ihren Wohnsitz aufschlug. Die Burg ist mit den nächsten Forsten und Gütern ein Bestandtheil des Majorats der Freiherren von der Asseburg, die viele Männer zu den ihrigen zählen, welche über ihr Zeitalter durch Geist, Verdienst und Tugend hervorragten. –

Als Bauwerk ist der Falkenstein auch für Den noch imposant, der die herrlichen Burgen und Ritterschlösser am Rhein, im Moselthal, am Neckar und an der Donau gesehen hat. Man erstaunt über die Kühnheit, mit welcher hier Steinmassen auf Felsenmassen gethürmt sind. Von der höchsten Zinne des Hauptthurms fällt der Blick in den romantischen Selkegrund mit seinen Felsen und Kaskaden. Freilich darf man bei der Betrachtung der schäumenden Selke nicht an einen Staubbach der Schweiz oder den Rheinfall denken. Größe ist überall ein relativer Begriff. Auch der Rheinfall und die Staubbäche der Alpen würden, wollte man sie mit dem Niagara, oder mit dem Parana vergleichen, der 8000 Fuß hoch dem selbstgegrabenen Abgrund zustürzt, dessen Donner man 8 geographische Meilen in der Runde hört, und von dessen Wogenprall die Erde noch in 4stündiger Entfernung in ihren Grundvesten erzittert, nur wie plätschernde Quellen erscheinen. Es kommt bei dem Gefühl und Urtheil eben auf den Maßstab an, den man in sich findet.

Die Burg führt ihre Entstehung auf die Sagenzeit zurück. Urkundlich wird sie im eilften Jahrhundert zuerst erwähnt, und, als Sitz mächtiger Dynasten, die sich nach ihr nannten, und deren Gewalt als Schirmvögte des reichen Stifts Quedlinburg bis in die Elbgegend sich erstreckte, wird sie in dem folgenden Jahrhundert öfters genannt. Ein Graf Hoyer von Falkenstein war es, der die germanischen Gesetze sammelte, die unter dem Kollektivtitel Sachsenspiegel in spätern Jahrhunderten öfters in Druck erschienen sind. Der letzte des Stammes, ein Graf Busso von Falkenstein, vermachte die Burg 1386 dem Domstift Halberstadt, und 1449 kam sie an das uralte Geschlecht [163] von Asseburg, in deren Besitz sie seitdem verblieben ist. Der jetzige Majoratsherr hat sie, die zu verfallen anfing, im vorigen Jahrzehnt gründlich restauriren lassen und in bewohnbaren Stand gesetzt. Wie geräumig sie ist, geht schon daraus hervor, daß der jetzige Besitzer im Jahre 1843 drei Könige (von Preußen, Sachsen, Hannover) mit ihren zahlreichen Jagdgefolgen zu gleicher Zeit als Gäste aufnehmen konnte. Besonders sehenswerth ist der alterthümlich geschmückte Haupteingang der Burg mit sieben Thoren und der Söller, von dem man über 40 Dörfer und Städte hinweg bis in die Elbgegend schaut. Bei klarem Himmel erkennt man noch deutlich die Thürme von Magdeburg.

Am Fuße des Burgbergs kauert ein stilles, kleines Dörfchen, Pansfelde geheißen – und Viele gibt es, denen es lieber ist, als die Burg selbst mit all’ ihrer Herrlichkeit. Wer kennt nicht Bürger, und wer wüßte nicht seines Pfarrers Tochter zu Taubenheim auswendig? Der Ballade liegt bekanntlich eine wahre Begebenheit zu Grunde, und in jenem Dörfchen ist sie in Scene gegangen. Bürger hat es verstanden vor den Wagen seiner Unsterblichkeit den Pegasus zu spannen wie Keiner. Traurig ist’s, das arme Thier jetzt bei so vielen Dichtern zu sehen, wie es im Stall vor dem leeren Reff steht. Was die heutigen Poeten so ungenießbar macht, ist ihr übermäßiger Verstand, der sich von dem Natürlichen und Unbefangenen lossagt und sich abmüht, die Menschen erkennen zu lassen und ihnen darzuthun, was faßlich zu machen ihnen nun einmal versagt ist. Wasser ist ihr Wein, und die geehrten Herren und Frauen werden nicht müde, es in den Sieb zu tragen.

Ich rede von den Vielen, nicht von den Wenigen; denn auch die Gegenwart prangt, wie die klassische Zeit, mit unsterblichen Namen. –