Die Karthause bei Pavia

DL. Die Schlackenburg bei Teplitz Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DLI. Die Karthause bei Pavia
DLII. Perava-Malva in Central-Indien
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PAVIA:
die Carthäuser-Kirche.

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DLI. Die Karthause bei Pavia.




Eine Meile nördlich von Pavia, der alten Hauptstadt der lombardischen Könige, erhebt sich eines der größten Prachtgebäude Italiens: Kirche und Kloster der weltberühmten Karthause des Herzogs von Mailand, Johann Galeazzo Visconti.

Die Entstehungsgeschichte dieses Klosters gleicht der der meisten ähnlichen fürstlichen Stiftungen: es galt, für ein schweres Verbrechen die habgierige Kirche durch ein reiches Geschenk zu versöhnen. Das Verbrechen war schwerer Mord, die fromme“ Stiftung geschah, der Verbrecher ruht in geweihter Erde und die Geistlichkeit betet über seinem pomphaften Grabmonument. Das ist tausend Male da gewesen. Die Geistlichkeit preist solche Werke und ihre Gründer, die Kunst verherrlicht, die Poesie verewigt sie, bis die Geschichte den Griffel der Gerechtigkeit in die strenger prüfende Hand nimmt, Prunk und Wortgepräng der Schmeichelei ausstreicht und ihren Urtheilsspruch in einfacher Schrift darunter setzt: „Ein Werk der Lüge, der Heuchelei und der Eitelkeit.“

[125] Johann Galeazzo, der schlechte Sohn seines unwürdigen Vaters, Galeazzo’s II., – eines der vielen Visconti’s, welche vom eilften bis fünfzehnten Jahrhundert über das Mailändische herrschten und durch Raub- und Faktionskriege wie durch häusliche Schandthaten die Ehre Italiens befleckten und Glück, Würde und Freiheit des Volks mit Füßen traten, – Johann Galeazzo hatte einen Oheim, Barnabo, vor dessen Nachstellungen schon sein Vater sich von Mailand nach Pavia zurückgezogen hatte und dessen Macht auch er fürchtete. Diesen, einen, nach Art der Visconti’s, finsteren, ungestümen und grausamen Mann (– er bestrafte, wie die von gekrönten deutschen Waidmännern im 19. Jahrhundert erlassenen Gesetze, Wilddiebe nicht nur, sondern auch jede „Beleidigung“ seiner Jagdhunde standrechtlich mit dem Tode!) – galt es, aus der Welt zu schaffen. Johann war mit diesem Entschluß, seitdem er 1378 zur Regierung gekommen war, vertraut; dennoch vermählte er sich 1380, nach dem Tode seiner ersten Gattin, mit der Tochter seines Opfers. Zuerst versuchte er es mit Vergiftung. Die Versuche mißlangen. Da steckte Galeazzo die Larve der Freundschaft auf und lud seinen Oheim und Schwiegervater ein zu einer Lustfahrt auf dem Lago Maggiore. Der alte Sünder ging in die Falle des jungen. Er wurde mit zweien seiner Söhne festgenommen, auf Befehl des Neffen und Schwiegersohnes in’s Gefängniß geworfen und hier 1388, und diesmal wirksam, vergiftet. Der fürstlichen Greuelthat setzte das Mittel, die Wuth des Volks vom Mörder abzulenken und die Masse für sich zu gewinnen, die Krone auf. Johann hetzte das Volk zur Ermordung der Beamten seines Onkels und gab die Schätze und Schlösser desselben der Plünderung Preis.

Auf diesem blutbeschmutzten Grund erstand der Plan des Kirchenbaus, den die Nachwelt als ein Wunderwerk der Frömmigkeit verehrt hat. „Zur Sühne seiner Schuld und Erlösung seiner Seele“ – so berichten die italienischen Chronisten – legte Johann Galeazzo 1396 den ersten Stein. Dieß geschah mit dem höchsten Gepränge im Beiseyn der Bischöfe von Pavia, Novara, Feltre und Vicenza, sowie der ganzen übrigen Geistlichkeit seiner Herrschaften, und Millionen wurden nun aus dem Volke gepreßt, um den Bau zu fördern. – Die Pfaffen aber lohnten den Fürsten mit dem Nimbus der Heiligkeit, und um derselben sich noch würdiger zu beweisen, veranstaltete Johann jährlich große Wallfahrten zu dem Schreine der heil. Jungfrau. Der Opferstock füllte sich bei solchen Zügen bis oben an. Kein Wunder, daß die Geistlichkeit in ihm den treuesten Sohn der Kirche erkannte und ihn dem dummen, betrogenen Volke als einen Gegenstand der Verehrung anpries. „Willst Du ein Heiliger werden, so morde Deinen Bruder und gib Dein Vermögen der Kirche“ – sagt Hutten. Es ist immer so gewesen.

Das Gebäude selbst, nach Bauart, Größe, Einrichtung und Ausschmückung, verdient die Bewunderung, die ihm stets zu Theil wurde. In drei Jahren war der Bau so weit vollendet, daß ein Prior mit vier und zwanzig Mönchen seinen Einzug halten konnte. Ungeheuere Privat- und Staatsgüter, die der Gründer für Klostergut erklärte, erhoben die Karthause sogleich zu einer der reichsten Abteien Italiens. In seinem letzten Willen verordnete der [126] Stifter, daß von dem Klostereinkommen jährlich ein bestimmter Theil zur Verschönerung und Erweiterung der Gebäude verwendet werden müsse. Dieß und die Schenkungen, welche dieser großen Mastanstalt der Faulheit fortwährend zu Theil wurden, boten hinreichende Mittel, um die Karthause zu einem Sammelplatz der Kunsttalente zu machen, die mit Begeisterung an der Ausschmückung des Wunderbaus arbeiteten. Luino, Giacomo della Porta, Procaccino, Sacchi, Guercino und andere Meister waren vier Jahrhunderte hindurch, vom fünfzehnten bis zum achtzehnten, zu diesem Zwecke in Thätigkeit, und doch glauben wir beim Beschauen aller dieser Werke kaum, daß es in diesem Zeitraum möglich war, so Vieles zu vollenden. Die ganze Karthause ist ein Kunstmuseum und der Werth desselben wahrhaft unschätzbar. Skulpturen, Schnitzereien, Bildwerke, Arbeiten in Gold, Erz, Elfenbein, Ebenholz und in kostbaren Steinen, Mosaiken, Oel- und Freskogemälde, welche alle Räume füllen und den Kapellen und Chören, Sakristeien und Altären, Monumenten und Mausoleen die höchste Pracht geben, sind nicht zu zählen. Kein Reich hätte jetzt die Mittel, eine solche Sammlung zu erwerben. Sogar die Räume für niedrige Zwecke sind mit Basreliefs, Malereien und Statuen von den größten Meistern ausgeschmückt. Den höchsten Glanz entfaltet jedoch, inmitten dieser stummen und überwältigenden Herrlichkeit, des Stifters Grabmal. Die Mönche begannen den Bau desselben hundert Jahre nach Johanns Tod und zugleich nicht ohne die Absicht, den Sforza’s, den Nachfolgern des verherrlichten Johann Galeazzo, damit einen Wink zu geben, daß sie in dessen Fußtapfen treten möchten. Das Prachtwerk, von Pellegrini begonnen, ward von Giacomo della Porta im Jahre 1562 vollendet. Die Arabesken und kostbaren Ornamente sind von Christofero Romano. Das Ganze besteht aus dem schönsten parischen Marmor.

Das Kloster wimmelte von Insassen, als Kaiser Joseph II. den Thron bestieg. Mit so vielen andern üppigen Schlemm- und Betpalästen traf auch die Karthause das Schicksal, ihrer bisherigen Bestimmung entzogen zu werden. Der große Kaiser trieb die Mönche hinaus und in die Thätigkeit des Lebens zurück und stellte vier Priester zur Besorgung des Gottesdienstes an Sonn- und Festtagen, so wie einen Sakristan zur Beaufsichtigung und Erhaltung der Gebäude und Kunstschätze des Klosters an. Einige der Gemälde wanderten aus den überfüllten Räumen später nach Wien und Paris; alle andern sind da geblieben, und noch heute bewahren die Gebäude die Kunst, die Pracht und den Reichthum vergangener Tage.