Die Mammuth-Höhle

DCCXXXXV. Die Fälle und Brücke von Norwich Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXXXXVI. Die Mammuth-Höhle
DCCXXXXVII. Dolmabagdscheh, der neue Palast des Sultans am Bosporus
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DIE MAMMUTH-HÖHLE
(MAMMOTH-CAVE)
IN KENTUCKY.

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DCCXXXXVI. Die Mammuth-Höhle
in Kentucky.




Wir haben im vorletzten Hefte das Höhlenbild von Paros betrachtet. Hier ein anderes nicht minder berühmtes aus der neuen Welt. Der so wenig wissenschaftliche Sinn des Yankee und seine Unempfänglichkeit für Naturschönheit sind Schuld, daß uns von den unterirdischen Herrlichkeiten Nord-Amerika’s vergleichsweise noch gar wenig bekannt ist, obgleich, aus der geologischen Beschaffenheit zu schließen, es an großartigen Höhlen-Gebilden nicht ärmer seyn kann, als Europa. Die ungestörte Ausdehnung jüngerer Gebirgs-Ablagerungen bietet den ungeheueren und wasserreichen Strömen weite Becken von Flötzkalk unter einer festen Decke jüngeren Sandsteins, durch dessen Klüfte die strömenden Fluthen leichten Zutritt zu der löslichen Gestein-Unterlage finden und sich im Lauf der Tausend oder Millionen Jahre ein zweites unterirdisches Bette auswaschen. Man hat fast überall diese Erscheinung gefunden, wo man sich Mühe gegeben hat, sie aufzusuchen. So am Mississippi, am Niagara und am oberen Hudson.

Die bis jetzt bekannten Höhlen Nord-Amerika’s haben ihre Entdeckung dem Zufall zu verdanken. Auch die so berühmt gewordene Mammuth-Höhle wurde aufgefunden, als sich im Jahr 1801 ein Wolfsjäger [137] zufällig hinein verirrte, indem er ein Wild verfolgte. Später, 1812, im Krieg mit England, diente sie Freischaaren zum Versteck und als geheimes Magazin und Fabrik von Salpeter und sonstigem Kriegsmaterial. Erst seit 1840 ist sie in ihrer ganzen Ausdehnung bekannt geworden. Ihr spekulativer Eigenthümer hat sie leicht zugänglich gemacht, sie als ein Wunder der Welt ausposaunt, und jetzt wird sie jährlich von vielen tausend Reisenden besucht. Für den Besitzer ward sie eine Quelle des Reichthums.

Der einzige Eingang zur Höhle liegt 95 Meilen von Louisville auf dem Wege nach Nashville. Einem gewöhnlichen Kellergewölbe ähnlich, läßt er nichts von der Herrlichkeit des unterirdischen Baues ahnen, in welchen er einführt. Unheimlich wird es dem Besucher in den niedrigen Vorhallen, die Tausenden von Fledermäusen als Zufluchtsort dienen und massenhaft an den Felswänden hängen; vom Fackelschein aufgeschreckt, schwirren sie unwirsch dem Eindringling um den Kopf. Die feuchte dumpfe Luft macht überdies das Athemholen schwer. Eine halbe Meile winden sich diese niedrigen Räume fort, bis sie sich zu Stalaktitenhöhlen erweitern, deren größte den Namen Gorins-Dom führt. In der Kuppel desselben, hoch über dem Blick der Eintretenden, öffnet sich eine große Felsspalte, durch die ein zitterndes Tageslicht sich in den ungeheueren Raum ergießt und aus der Tiefe gespenstige Schatten von Säulen-Reihen, Knäufen und Arabesken hervorzaubert. Verbindet sich der fahle Schimmer von außen mit dem gelbrothen Licht der Theerpfannen, welche die Führer anzünden, so entsteht ein Kampf von Lichtreflexen um die tausendgestaltigen und zackigen Ornamente, und die Wirkung wird wahrhaft magisch, wenn mit der erlöschenden Flamme die wunderbare Erscheinung langsam wieder verschwindet. Von diesem Dome, der 600 Fuß lang ist, gelangt man in eine noch größere und umfangreichere Halle, in die Star-Chamber (Sternenkammer), an deren 90 bis 100 Fuß hohen Decke sich einzelne schwarze Felsstücke abgelöst haben und eine blendend weiße Felsschicht durchschimmern lassen, welche bei geschickter Beleuchtung ganz den Effekt des Sternengeflimmers am nächtlichen Himmel hervorbringt. Die Täuschung ist vollkommen und es fällt dem Auge schwer, sich etwas Anderes vorzustellen. Jede neue frappante Partie führt einen bezeichnenden Namen, wie die Bacon-Chamber (Räucher-Kammer), Gothic Chapel (gothische Kapelle) etc., für welche der Beschauer mit ein wenig Phantasie die bildliche Erklärung leicht heraus zu finden vermag. Tief im Grunde der Höhle schleicht ein Fluß, der „Lethe“, muthmaßlich ein unterirdischer Arm des in der Nähe fließenden Green River. Er ist breit und tief genug, um große Ruderboote zu tragen. Die Fahrt auf demselben dauert eine halbe Stunde. Während dem senkt sich die Decke der Höhle an mehreren Stellen so tief herab, daß sie bei steigendem Wasser dessen Niveau berührt, der Fluß dann aus seinen Ufern tritt, und die tiefer gelegenen Stellen der Höhle in kleine Seen verwandelt.

Jenseits des stygischen Stroms thut sich eine lange mit den prachtvollsten Gypskrystallen ausgelegte Gallerie auf, die schönste der ganzen Höhle. Eine fast bis zur Höhlendecke reichende Aufschichtung von Kalkfelsen [138] macht endlich das Weitergehen sehr schwierig; hat man aber den Gipfel dieser Rocky mountains (Felsen-Gebirge), wie sie die hyperbolische Phantasie des Entdeckers getauft hat, erklettert, so öffnet sich dem Hinabblick ein schauerlicher weiter öder Raum, ein Dismal Hall (düstere Halle) über 300 Fuß lang und breit und 150 Fuß hoch, nur von nackten Felswänden umgeben. Am Ende dieser Höhle, dem Serene Harbor (freundlichen Hafen), verwandelt sich wieder der nackte Kalkstein in Stalaktit und führt, gleichsam als Schlußdekoration, dem Auge des Beschauers zahlreiche phantastische Tropfsteinbildungen vor.

Die ganze Höhlen-Tour kostet 6½ bis 7 Stunden Zeit. Die direkte Entfernung vom Eingang bis zum Ende der Höhle mißt 9½ engl. Meilen, mit allen Windungen hat sie aber über 100 Meilen Länge. An Ausdehnung ist also Mammuth-Cave bei Weitem die größte aller bekannten ähnlichen Gebilde der Erde und verdient ihren Superlativ-Namen mit Recht.

Eine interessante Episode unter den verschiedenen Nutzanwendungen, welchen sich die Höhle seit ihrer Entdeckung unterwerfen mußte, ist das Experiment eines amerikanischen Arztes, Dr. Mitshel, der seinen brust- und lungenkranken Patienten Mammuth-Cave wegen ihrer Temperatur und feuchten Atmosphäre als einen heilsamen Winter-Kurort empfahl. Im Jahr 1841 ließ dieser bekannte Arzt mehrere der größten Räume des Innern zu einer unterirdischen Stadt umbauen, in der neben bequemen Wohnungen selbst eine Kirche nicht fehlte. Ein Kurhaus wurde sehr luxuriös ausgestattet und Diener und Krankenwärter in Bereitschaft gehalten. Im September desselben Jahres zog wirklich eine große Schaar Lungenleidender in diesen unterirdischen Räumen ein, welche in der Verzweiflung oder mit der Resignation eines letzten Versuches den heroischen Entschluß faßten, die entsetzliche Kur in der Mammuth-Höhle zu wagen.

Vier Monate lang sollte kein Patient die Höhle verlassen. Nur die Glocke der Uhr im Kurhause zeigte den Unterschied zwischen Tag und Nacht an. Indeß herrschte bald ein regsames, oft sogar lustiges Leben; Musik, Tanz und Sang erschallten in den sonst so schweigsamen Räumen; Besucher kamen und gingen, Ausflüge nach den verschiedenen interessanten Punkten der Höhle wurden veranstaltet, und im Lethe suchte sich Mancher Vergessenheit seines Wehe zu trinken. Nach den ersten zwei Monaten wurden jedoch schon an Mehreren schnelle Abnahme der Kräfte, Augenleiden und Geistesschwäche bemerkbar; dennoch war der Arzt zu einer Veränderung des Aufenthalts nicht zu bewegen. Endlich kehrte der Tod in der Höhle ein; Viele starben, die Uebrigen erfaßte ein panischer Schreck, sie flüchteten aus dem Steinsarge der Riesenhöhle in den hölzernen draußen. Alle starben rasch nach einander, der Doktor mit ihnen – und mit ihm ging auch seine Heilmethode zu Grabe.